(K)eine Satire: Auf in den Preis- und Mengenkampf, eidgenössische Winzer!

Etwas Weinpolitik zum Jahresende – oder eher Realsatire? Schweizer Winzer haben teilweise Mühe, ihre Produkte abzusetzen. Aber wie löst man das Problem? Mit Qualität oder mit belangloser Mengenproduktion? Eine Polemik einer Winzertochter bringt mich zu diesem Beitrag.

Kürzlich schrieb die Tochter eines ziemlich bekannten Winzers einen Artikel, der grob zusammengefasst, folgende Aussagen enthält:
„Die Schweizer Weine erreichen auf dem Markt nur noch 35 % Anteil, was eine irrwitzige Konsequenz unserer Weinbaupolitik ist. 35 % Marktanteil – und nun soll eine vom Bund unterstützte Werbekampagne Besserung bringen. Wie paradox, kämpft doch der Staat seit Jahren genau dafür, dass es weniger, dafür teureren Schweizer Wein gibt. Das Werkzeug, dessen sich der Staat bedient, sind Mengenbeschränkungen von 1,4 kg/m2 für weisse, und 1,2 kg/m2 für rote Sorten. Eine Mengenbeschränkung, die ein Stück weit funktioniert, aber ab einem gewissen Punkt nichts mehr bringt, es sei denn, man will Holz produzieren. Und trotz der eigentlich erlaubten Menge ernten die Winzer nur rund 0,8 Kg, was den Preis nochmals in die Höhe treibt. Der Staat will also weniger Schweizer Wein auf dem Markt, der dafür um so teurer ist, lässt gute Trauben an den Stöcken verfaulen und importiert ausländischen Wein. 2018 zwang man die Winzer, ihre Trauben verfaulen zu lassen – und nicht einmal Traubensaft durfte man damit herstellen. Heutzutage wirft der Staat das edle Gut Trauben weg wie Abfall“.

Trauben hängen lassen, was die Pflanze nur hergibt? Der richtige Weg für den Schweizer Weinbau?

Die Schlussfolgerung: Der Staat soll gefälligst statt eine Werbekampagne für Schweizer Wein (profitieren würden nur die Welschen) zu finanzieren die Mengenbeschränkung aufheben, dann könnten die Schweizer Winzer billigen Wein produzieren und der Marktanteil würde sich von selbst regeln.

Liberales Wein-Experiment?

Wenn man einmal davon absieht, dass hier offenbar jemand seinen, warum auch immer vorhandenen Frust über „den Staat“ abzulassen scheint (teils auch etwas Fakten vermischend – es ist ja z.B. nicht der Staat, sondern es sind die Traubenabnehmer, die nur 0,8 Kg Trauben wollen, und der Staat importiert auch keinen Wein, sondern lässt solches lediglich zu!) hat der Gedanke aus liberaler Sicht ja etwas für sich: Warum überlassen wir den Weinbau nicht einfach völlig dem freien Markt? Mögen die Durchschnittswinzer doch 3 oder noch mehr Kg Trauben pro m2 hängen lassen, um dann einen billigeren Wein anbieten zu können! Das Experiment wäre vielleicht spannend – und die wirklichen Spitzenwinzer der Schweiz hätten auch nichts zu befürchten.

Bloss: Das hatten wir leider schon einmal! Etwas ältere Semester erinnern sich an die schlechte, alte Weinzeit in der Schweiz vor dem Rebbaubeschluss von 1993, mit dem Mengenbeschränkungen eingeführt wurden. Zuvor waren teilweise Erträge von drei bis vier Kilo Trauben pro m2 keine Seltenheit, angemessen wäre beim ertragreichen Chasselas rund ein Kilo. Bei der unglaublich grossen Ernte von 1982 mussten gar Schwimmbäder mit Wein gefüllt werden, weil im Keller kein Platz mehr war. (Quelle: Philipp Schwander, MW, Link siehe am Schluss).

Als Weintrinker hatte man beim Weisswein die Wahl zwischen wässrigem Chasselas aus der Westschweiz oder erdig-muffig-dünnem Riesling x Sylvaner (heute Müller Thurgau) aus der Deutschschweiz. Und beim Roten zwischen nichtssagendem Gamay oder Dole und saurem, hellem und dünnem Blauburgunder. Und das Image der Schweizer Weine war unterirdisch!
Gut, beim Rotwein gab es schon damals Importe, aber Weisswein zu importieren war aufgrund des „Heimatschutzes für Schweizer Weisswein“ schwierig – und wer ein entsprechendes Kontingent hatte, verdiente sich eine goldene Nase daran. Als Weinfreund war man schon fast froh, wenn wie 1983 oder 1985 ein Grossteil der Ernte dem Frost zum Opfer fiel und – endlich – (einigermassen) trinkbarer österreichischer Grüner Veltliner als Ersatz importiert wurde – welche Wohltat! Auch deshalb bin ich heute nicht so unglücklich, auch aus 65 % ausländischem Wein aussuchen zu können …

Nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Schweizer Wein nur dann eine Chance haben würde, wenn er auf die Karte Qualität setzt – und dass dabei die Menge Trauben pro Quadratmeter eine entscheidende Rolle spielt.

Die Schweiz als Mengenproduzentin?

Die Fachwelt war und ist sich seither ziemlich einig: Erst eine – gar nicht so rigorose – Mengenbeschränkung hat dazu geführt, dass Schweizer Weine wieder einigermassen konkurrenzfähig sind. Und erst enorme Qualitätsanstrengungen haben ermöglicht, dass die Schweiz, vielleicht erstmals überhaupt, auch Weine produziert, die Weltspitze sind und die damit endlich das Image des Schweizer Weins langsam aber sicher in die richtige Richtung entwickeln. Ob es da hilfreich wäre, wenn der Markt erneut mit Massenwein von jämmerlicher Qualität überschwemmt würde? Dies um so mehr, als schon die heutigen Mengenbeschränkungen ziemlich hoch liegen. 1,4 bzw. 1,2 kg/m2 Ertrag liegen massiv über der Limite, die beispielsweise für den einfachsten Wein aus den sonnenverwöhnten Côtes du Rhône gilt (0.9 kg/m2). Offenbar ist der französische Staat noch viel böser …

Betriebswirtschaftlich unhaltbar
Kann angesichts der Produktionspreise hierzulade überhaupt ein Schweizer Produkt über den Preis mithalten? Es ist ja speziell: Die Winzertochter möchte offenbar so viel Ertrag hängen lassen, dass eine Flasche Schweizer Wein zum Discounter-Kampfpreis von Fr. 3.00 verkauft werden könnte. Ich erspare Ihnen hier eine komplizierte Rechnung, nur soviel: Gemäss einer Untersuchung der Agridea (Link siehe unten) liegen die Selbstkosten eines Winzers in der Schweiz für eine Flasche Wein bei Fr. 9.00 bis 10.50; dies bei einem Traubenpreis von Fr. 4.00 pro Kg. Selbst dann, wenn dieser Preis mit einem Ertrag von angenommenen 4 Kg/m2 auf Fr. 1.00 gesenkt werden könnte, lägen die Selbstkosten also noch bei rund Fr. 6.00 bis 7.00!

Die ganze Schweizer Industrie und auch der Dienstleistungssektor mussten feststellen, dass sie via Menge und Preis auf dem Weltmarkt keine Chance haben. Das hat, nebst einer einschneidenden und für Firmen und Arbeitnehmende schweren Veränderung, eine Vielzahl von agilen, cleveren Unternehmen hervorgebracht, die mit hoher Qualität und mit Nischenprodukten Erfolg haben. Warum sollte das beim Wein anders sein? Ausgerechnet bei einem Produkt, das nach wie vor sehr viele Arbeitsstunden erfordert, angesichts deren Kosten wir ohnehin nie mit dem Ausland mithalten können!

Swiss Made – Qualität auch beim Wein
„In der Schweiz gelten unsere Weine als teuer, aber international sind sie günstig; unser Spitzenwein ist innerhalb von 2 Stunden ausverkauft.“ Diese Aussage stammt von Martin Donatsch, einem – absolut nicht überheblichen – Winzer aus der Bündner Herrschaft. Und Stephan Reinhardt, Weinkoryphäe und Parker-Mitarbeiter aus Deutschland, schreibt gerade heute in der FAZ: „Keine Angst vor Schweizer Weinen, so teuer sind sie gar nicht“!
Das deckt sich auch mit vielen Beiträgen in diesem Blog, in denen ich beschrieb, dass hervorragende Schweizer Weine zur absoluten Weltspitze gehören und gefragt sind. Ich bin absolut überzeugt, dass Qualität die einzige Chance für Schweizer Winzer ist, um auch in Zukunft zu bestehen. Wer sein Heil darin sieht, mit Massenware auf den Markt zu drängen, der – man verzeihe mit diesen betriebswirtschaftlichen Tipp – reisst seine Reben besser jetzt schon aus, bevor er noch (weiter) Geld mit dem Weinbau verliert.

Und zum Schluss: warum nicht eine gute Werbekampagne?

Eine vom Bund unterstützte Werbekampagne, wie sie so sehr kritisiert wurde – warum auch nicht? Die Branchenverbände haben es jedenfalls in drei Jahrzehnten nicht geschafft, etwas kommunikativ Vernünftiges zu schaffen. Da haben private Weinfreude wie Andreas Keller und Susi Scholl mit ihrer Swiss Wine Connection innert einem Jahrzehnt weit mehr erreicht!

Das Problem liegt meines Erachtens nicht darin, dass wir zu teuren Wein haben, vielmehr ist leider weiterhin beim Durschnittskonsumenten auch heute noch nicht angekommen, dass Schweizer Wein inzwischen in fast allen Preisklassen richtig gut ist – der Mengenbeschränkung sei Dank 🙂


Wie man erfolgreich Schweizer Wein promoten kann:
http://www.swiss-wine-connection.ch/

Erwähnte Quellen:
https://www.selection-schwander.ch/images/weinwissen/20090827_schweizer-weinbau-eine-erfolgsgeschichte.pdf
https://www.bielertagblatt.ch/sites/bielertagblatt.ch/files/null/18/23/18233190e575cff8ac9601604811e8aa.pdf

Und noch ein passender Artikel:
https://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardbei-den-lavauxwinzern-herrscht-katerstimmung/story/15438549

Le vin suisse existe – même après dix ans!

Vielleicht wäre der Titel ja treffender mit „le vin suisse n’existe pas“ – zumindest in den Köpfen immer noch vieler Schweizer „Weinfreunde“. Und ganz sicher mit einem Blick von ausserhalb der Schweiz. Aber das ist falsch! Der Schweizer Wein existiert – auf sehr hohem Niveau. Und er kann altern – und wie!

Das grosse Swiss Wine Tasting der besten Schweizer Weine von anfangs Dezember war mehr als einen Besuch wert (und auch mehr als nur einen Artikel hier – Fortsetzung folgt). Angesichts der unglaublichen Vielfalt an Spitzenweinen war der Eintritt von Fr. 20.00 schon fast läppisch tief. Dies vor allem auch, weil zusätzlich zur „normalen“ Ausstellung auch Weine des „Swiss Wine Vintage Award“ aus dem Jahrgang 2009 degustiert werden konnten.

Wer möchte sich da nicht einschenken lassen? Schweizer Spitzenweine aus dem Jahrgang 2009 in Reih und Glied!

In einer Sonderschau waren 57 Schweizer Weine aus dem Jahr 2009 vertreten, davon 19 weisse (inkl. 2 Süssweine) und 38 rote. Das Resultat mit einem Wort vorweg: beeindruckend! Nicht einer der präsentierten Weine war schon zu alt, kaum einer war unangenehm gereift und einige waren gar erst so richtig in Hochform!

Am meisten überraschten die Weissweine. Selbst die Chasselas machten noch alle Spass, einzelne wie der Dézaley Médinette von Bovard, der Clos de Mangold der Domaine Cornulus oder der Le Brez der Domaine de Colombe präsentierten sich sogar noch richtig jugendlich. Am meisten beeindruckt haben mich bei den Weissen aber der Completer von Donatsch (trotz leichter Restsüsse), der Petit Arvive Château Lichten von Rouvinez und – ganz besonders – die beiden senstationellen Räuschlinge vom Zürichsee von Lüthi (dicht und jugendlich) und noch mehr von Schwarzenbach (unglaubliche Frische).

Umwerfend war der mit Restsüsse gekelterte Petit Arvine Grain Noble Domaine des Claives von Marie-Thérèse Chappaz – diese Frische, diese Ausgewogenheit, diese Finesse, nichts Klebriges – das ist ganz einfach ein Wein zum Träumen!

Bei den Roten gefielen fast alle Tessiner Merlots, für mich persönlich allen voran der sanfte, würdevoll gereifte Orizzonte von Zündel und der Balin von Kopp von der Crone Visini sowie der mit Cabernet Franc gemischte Insieme von Weingartner.

Spannend bei den Spezialitäten, wenn auch schon spürbar gealtert, der Lemberger (=Blaufränkisch) von Schwarzenbach, der trotz Alterstönen noch sehr saftige Syrah L’Odalisque von Thierry Constantin, der enorm frische Cornalin der Domaine Cornulus und der noble, saftige Grand’Cour Cabernet Franc + Sauvignon von Pellegrin.

Und die Pinots, von denen gleich 15 Weine gezeigt wurden? Wenn es gesamthaft gesehen eine leise Enttäuschung – wenn auch auf hohem Niveau – gab, dann hier. Es scheint, dass die Vorschusslorbeeren dieses „Jahrhundertjahrgangs“ nicht immer gerechtfertigt waren. Die Pinot noir-Traube ist wenig überraschend wohl einfach nicht für so heisse Jahre gemacht und es brauchte viel Fingerspitzengefühl des Winzers (und kühle Lagen), um auch in solchen Jahren typische Pinots herzustellen. Weine wie der Aagne von Gysel, der mir schon in der Jugend mit seiner üppig-„süsslich“ Art nicht gefiel, wirken heute uninteressant, wenn auch durchaus noch trinkbar. Auch untypisch, aber interessant zeigte sich der „Hommage“ der Cave du Rhodan, der zweifellos mit mehr Säure heute noch spannender wäre, der aber dank einer ausgeprägten, jetzt ausgewogenen Tanninstruktur Freude macht. Trotz dieser Ausnahme, Pinots, bei denen Eleganz und Frische vorherrscht, können heute am meisten überzeugen, allen voran aus dem Kanton Baselland (!) der für mich beste Pinot der Serie, Clos Martha von Möhr-Niggli, aber auch Kloster Sion vom Weingut Sternen, Stadtberg von Pircher, Pinot noir Nr. 3 vom Schlossgut Bachtobel und der Churer Gian-Battista des Weingutes von Tscharner.

Alles in allem: Eine hervorragende Leistungschau der Schweizer Spitzenwinzer, die mit ihrer Arbeit schon vor 10 Jahren bewiesen haben, welch hervorragendes Potential die Schweizer Weine aufweisen! Le vin suisse existe – und sollte endlich auch auf der Weltbühne seinen berechtigten Platz finden!

https://www.swiss-wine-tasting.ch/?L=0
http://www.mdvs.ch/de/home.html

Swiss Wine Connection: Schon Mitglied?
Und übrigens: Wenn Sie für Fr. 50.00 pro Jahr Mitglied bei der „Swiss Wine Connection“ meiner Freunde Susi Scholl und Andreas Keller werden, geniessen Sie beim nächsten Event Gratiseintritt:
http://www.swiss-wine-connection.ch/friends/

Und hier die Links auf die erwähnten Weingüter:
http://www.domainebovard.com/de/home.php
https://cornulus.ch/de/
https://www.lacolombe.ch/de/
https://www.donatsch.info/
https://famillerouvinez.com/de/
https://www.luethiweinbau.ch/
https://www.schwarzenbach-weinbau.ch/
https://www.chappaz.ch/
http://www.zuendel.ch/ (nur Titelbild, offenbar sonst noch „off“)
http://www.cantinabarbengo.ch/ (Kopp von der Crone Visini)
https://www.weingartner.ch/
http://www.thierryconstantin.ch/2011/?page_id=14&lang=de
https://www.geneveterroir.ch/de/domaine-grandcour/4457 (Pellegrin, offenbar noch ohne eigene Homepage – hat er gar nicht nötig!)
https://aagne.ch/
https://rhodan.ch/
http://www.moehr-niggli.ch/
https://www.weingut-sternen.ch/
http://www.weingut-pircher.ch/data/index.php/de/
https://www.bachtobel.ch/de
https://www.reichenau.ch/weinbau/