Reinsortige Weine aus der Carignan-Traube sind eher selten. Wohl gar ein Unikat stellt der „Camp de l’Aigle“ dar, produziert aus uralten Reben und teilweise ausgebaut in Tongefässen. Grossartig!
Die Familie Lignères produziert auf Château La Baronne im Languedoc seit fünf Generationen Wein. Heute ist das Ehepaar Jean und Anne Lignères auf dem Gut federführend, wobei Jean – wie schon sein Vater – „nebenbei“ auch noch als Dorfarzt in Moux amtet, dem Sitz des Gutes etwa auf halbem Weg zwischen Narbonne und Carcassonne. Der Betrieb von rund 90 Hektar wird biodynamisch und auch nach den ergänzenden und vorbildlichen Richtlinien des Bio-Weinhändlers Delinat bewirtschaftet.
Ich habe im Jahr 2018 schon einmal über einen Wein des Gutes geschrieben, den „Roches d’Aric“ 2011. Danach habe ich einige der weiteren Jahrgänge probiert; der Wein war immer gut bis sehr gut, aber so fasziniert wie der 2011er hat mich keiner mehr, oft waren etwas oxydative Töne vorhanden, weit weg von fehlerhaft, aber einfach nicht meinem Geschmack entsprechend (wohl wissend, dass gerade das vielen Weinfreunden sehr gefällt).

Reben aus dem Jahr 1892
Nun habe ich aber das Flaggschiff der Familie Lignères probiert, den „Camp de l’Aigle“, der allerdings „nur“ bei Delinat so heisst und unter dem Label von Château La Baronne „Pièce de Roche“ genannt wird (ob es allenfalls Differenzen zwischen den Abfüllungen gibt, muss ich offen lassen). Jedenfalls stammen für beide Weine die Trauben aus der Parzelle Pièce de Roche, welche nahe beim Schloss selbst liegt. Das Spezielle daran: Die Carignan-Reben auf dieser Parzelle wurden von einem Monsieur Roche im Jahr 1892 gepflanzt, und ein grosser Teil dieser Reben liefert heute noch Ertrag. Der Name der Parzelle und des Weines hat damit durchaus einen Doppelsinn: Das Stück ist nicht nur steinig, sondern wurde auch von Herrn Roche bepflanzt. Weil Herr Roche damals noch nichts von Traktoren wissen konnte, stehen die Reben so nahe zusammen, dass fast alles in Handarbeit erledigt werden muss.
Die Umwelt ist wichtig: Rund 60 Brutvögel leben hier!
Auch des Etikett mit dem Adler und dem Titel „Camp de l’Aigle“ ist durchaus sinnbildlich. Im angrenzenden Massiv der Montage d’Alaric fliegen tatsächlich Adler, und auf der Domaine selbst wurden kürzlich in einem Monitoring 59 Brutvogelarten gezählt, darunter etwa der Wiedehopf und die Zwergohreule. Damit zahlt sich aus, dass auf dem Gut nicht nur biologisch gewirtschaftet, sondern auch der natürlichen Umwelt Sorge getragen wird (und die Vogelwelt durch das Aufhängen vieler Brutkästen gefördert).
Tongefässe – aber liegend
Speziell ist auch der Ausbau des Weines, der weder geschönt noch filtriert wurde: Während 2/3 im Holzfass gelagert sind, wird 1/3 in liegenden Tongefässen ausgebaut, was die mineralische Seite des Weines ausgeprägter zum Ausdruck bringen soll (siehe dazu ein Interview mit Anne und Jean Lignères, Link unten). Wenn man die ausgeprägte Frische des Weines spürt, mag man daran glauben.

Camp de l’Aigle, Vin de France, 2019 (100 % Carignan)
Mittleres Rubin; vielschichtige Nase mit dunklen Beeren, Garrigue-Duft, Pfeffer, Tabak; im Mund extrem frisch, gute Säure, vollgepackt mit schönen, sanften Tanninen, sehr langer Abgang. Kraftvoller, aber nobler, vielschichtiger und berührender Wein. 17,5 Punkte.
– La Baronne (chateaulabaronne.com)
Das im Text erwähnte Interview:
Anne & Jean Lignères | AOC Corbières (vins-corbieres.com)
Und noch der Link auf meinen Beitrag aus 2018:
Roches d’Aric: reinste biologische Medizin! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)
Interessennachweis:
Der Wein wurde bei Delinat käuflich erworben.
Lieber Viktor, einer meiner Lieblings-Carignan 🙂
Gruss Kurt
https://www.chateau-les-eydins.com/vins-rouge-biologiques/eydins-carignan-vin-de-table.php
Lieber Kurt. Danke, schaue ich mir gerne mal an! (Du bist ja da unten quasi an der Quelle! 🙂 lg Victor