Barbaresco „Il Bricco“ von Pio Cesare: kraftvoll, elegant, langlebig – und grossartig.

Seit 1990 gibt es den Lagen-Barbaresco „Il Bricco“, einer der Vorzeigeweine des Gutes Pio Cesare. Mit dem aktuellen Jahrgang 2020 wird also bereits ein 30-Jahr-Jubiläum gefeiert. Eine kleine Vertikale zeigte, wie grossartig dieser Cru ist und wie hervorragend er altern kann.

My name is Pio – Cesare Pio! Etwa so – Vorname, Name – könnte sich der Gründer der Weinkellerei im Jahr 1881 vorgestellt haben, wenn es denn das Filmgeschäft schon gegeben hätte. Weil es aber damals, wie heute noch in einigen Gebieten der Schweiz, üblich war, sich mit dem Namen vor dem Vornamen zu nennen, heisst das alteingessene Unternehmen eben heute noch „Pio Cesare“. Die Kellerei befindet sich noch wie damals im gleichen historischen Gebäude im Zentrum von Alba und in Besitz der gleichen Familie, wobei der Name inzwischen aufgrund einer Heirat einer Pio-Tocher in Boffa geändert hat.

Jung – aber oho! Federica Boffa, die dynamische Chefin von Pio Cesare, sprüht vor Energie und scheint jedes Detail des Unternehmens und dessen Reben zu kennen.

Auch ein recht grosses Unternehmen kann familiär geführt werden.

Seit dem viel zu frühen Tod ihres Vaters Pio Boffa leitet die erst 27-jährige Federica Boffa den Betrieb, in den sie nach einem Wirtschaftsstudium immerhin schon zwei Jahre zuvor eingetreten war. Unterstützt wird sie von Verwandten (Cousin Cesare und Cousin ihres Vaters, Augusto) und einem langjährigen Team in den Reben und im Keller (der Oenologe Paulo Fenocchio hat seit 1981 kein Ernte verpasst). Die totale Kontrolle über die Produktion zu haben, ist Federica Boffa sehr wichtig, es werden deshalb für die Rebarbeit auch keine Gelegenheitsarbeitende angestellt. Und selbst die Vermarktung bleibt in Familienhand, trotz rund 500’000 jährlich produzierten Flaschen gibt es bei Pio Cesare keinen Exportmanager (bzw. die Exportmanagerin heisst hauptsächlich Federica Boffa – nach ihrem Besuch in Zürich nach der Ernte 2024 reiste sie gleich weiter nach Asien).

Blick in den Keller inmitten von Alba (Bild zvg)

Il Bricco – das Herz von Pio Cesare

Tradition hat also einen grossen Stellenwert bei Pio Cesare. Einen noch höheren hat aber zumindest in den letzten Dekaden die Innovation. Während anfangs die Trauben zugekauft wurden, erwarb die Familie nach und nach eigene Rebflächen in erstklassigen Lagen, so dass heute rund 80 Hektar Reben in eigenem Besitz bewirtschaftet werden. Der erste eigene Rebberg war der „Bricco“ , der 1974 erworben wurde. Pio Boffa (der Vorname als Hommage an den ursprünglichen Familiennamen) wurde damals für den Kauf dieser sieben Hektar Reben beim Ort Treiso auch ein wenig belächelt, denn wer wollte in jener Zeit schon einen Weinberg in den höchsten Lagen der Appellation? Boffa erkannte aber schon das Potential des steilen Rebberges, zumal dort auch noch alte Reben standen und stehen.

Nur der Wandel erhält die Traditionen.

Seit 1990 wird aus den allerbesten Rebstöcken der Lage der Cru „Il Bricco“ produziert. Ausserdem wachsen am gleichen Hang weisse Reben, aus denen schon seit 1985 einer der ersten im Holz ausgebauten Chardonnay aus dem Piemont gekeltert wird (etwas früher war wohl nur Gaja mit dem Gaia & Rey auf dem Markt; die Trauben dafür stammen ebenfalls aus Treiso).

Inzwischen gibt es von Pio Cesare auch verschiedene Baroli aus Einzellagen, und seit 1995 selbst einen Barbera – man erkannte das Potential dieser Rebsorte also schon sehr früh (wieder). Und von wegen Potential: In den Colli Tortonesi wurden kürzlich Reblagen für die Timorasso gekauft, eine weisse Sorte, die grossartige Weine hervorbringen kann. Ebenso wurden Parzellen in der Alta Langa erworben, um Nebbiolo in noch höheren Lagen anzubauen. Damit reagiert man zweifellos auch auf den Klimawandel, der ohnehin bei Pio Cesare schon zu einem Umdenken sowohl im Rebberg als auch im Keller geführt hat. So werden schon seit 2011 die Traubenzonen nicht mehr (oder nur teilweise) entblättert, um die Frische zu bewahren, und die Mazerationszeit im Keller wird tendenziell kürzer, damit die Fruchtigkeit bewahrt bleibt.

Die Lage „Il Bricco“ – einzigartig und angesichts des Klimawandels immer mehr bevorzugt. (Bild zvg)

30 Jahre „Il Bricco“

Federica Boffa stellte die Weine für die Degustation äusserst klug und fair zusammen. So liess sie eben gerade nicht „everybodys Darling“ 2016 degustieren, sondern 2015, und mit dem ältesten gezeigten Jahrgang, 1997, konnte sie beweisen, dass Pio Cesare schon damals mit einem – für damalige Verhältnisse – rekordheissen Jahrgang perfekt umgehen konnte. Sehr spannend war auch die Gegenüberstellung des Il Bricco mit dem „normalen“ Barbaresco Pio aus den Jahren 2009 und 2015. Der Pio enthält ebenfalls Traubengut aus der Lage Il Bricco, dazu aber auch aus zwei weiteren Rebbergen. In beiden Jahrgängen zeigte sich der Il Bricco zwar klar als der grössere, kräftigere Wein. Allerdings tut man damit dem Barbaresco Pio unrecht, denn das ist ebenfalls ein grossartiger Nebbiolo, der etwas zugänglicher ist und deshalb vor allem als junger Wein von vielen wohl gar bevorzugt würde.

Degustationsnotizen (Kurzfassungen):

Barbaresco Il Bricco 1997
Immer noch erstaunlich fruchtig, etwas altes Holz, Anflug von Waldpilzen; sehr viel feines Tannin, sehr frisch, alles noch sehr präsent, wird kaum mehr besser, hält aber noch lange. Faszinierend! 18 Punkte.

Barbaresco Il Bricco 2004
In der Nase verhalten, Reifetöne, etwas Holz; hohe, aber schöne Säure, sehr feiner, filigraner Wein, viele, aber „mürbe“ Tannine. Langer Abgang. Sehr schöner, perfekt gereifter Wein. Macht mehr als nur Spass. 17,5 Punkte.

Barbaresco Il Bricco 2009
Eher verhaltene, aber enorm vielfältige, feine Frucht; sehr frisch, schöne Säure, viel fein geschliffenes Tannin, äusserst langer Abgang. Grandioser Wein, offen, aber m.E. noch nicht mal ganz auf seinem Höhepunkt! 19 Punkte.

Barbaresco Il Bricco 2011
Verhaltene, dunkle Frucht; sehr rund, schöne Frucht“süsse“, langer Abgang. Die eher voluminöse Variante des Bricco, aber auf seine Art äusserst schön, ein toller Essensbegleiter. 17,5 Punkte.

Barbaresco Il Bricco 2015
Zurückhaltende, feine Fruchtigkeit, dazu Würze; im Mund sehr „saftig“ und fruchtbetont, viel feines Tannin, sehr langer Abgang. Schöner Wein, der trinkreif ist, aber wohl noch zulegt. 18 Punkte.

Barbaresco Il Bricco 2020
Enorm fruchtig, erinnert fast ein wenig an einen Pinot; im Mund mineralisch, sehr rund, viel, aber äusserst feines Tannin, mittlere Säure, sehr elegant. Scheint mir eine etwas neue, aber gelungene Interpretation des „Bricco“, es wird spannend zu verfolgen, wie sich dieser Wein entwickelt. 18 Punkte.

Und als Vergleich die beiden Barbaresco Pio – ebenfalls hervorragende Weine:
2009: Tolle Fruchtigkeit; auch im Mund noch erstaunlich fruchtbetont, schöne Tannine, mittlere Säure, rund, reifer, aber noch voll präsenter Wein. 17,5 Punkte.
2015: Sehr zurückhaltend in der Nase; im Mund mehr Frucht und sehr rund und füllig, Alkohol ein wenig, aber nicht störend, spürbar, schöne, reife Tannine. Wirkt reif – trinken. 17 Punkte

Grosse Baroli und ein „französischer“ Chardonnay

Im Anschluss an die Barbaresco-Degustation wurden noch weitere Weine von Pio Cesare gereicht. Allesamt waren sie überzeugend, hier nur zwei Hinweise:

Chardonnay Piodilei, 2017
Ein Chardonnay im französichen Stil, irgendwo zwischen Côte d’Or und Chablis, elegant, frisch, filigran und trotzdem kraftvoll, m.E. noch nicht mal auf dem Höhepunkt. In Preis-/Leistung fast nicht zu überbieten und eine echte Alternative zu den unbezahlbaren Burgundern. 17,5 Punkte.

Barolo Mosconi, 2016
Und ja, everybodys Darling 2016 wurde dann auch gereicht, aber in Form des Barolo Mosconi. Fruchtig, offen, im Mund elegant und gleichzeitig druckvoll, einfach grandios! 19 Punkte.

Pio Cesare, Vigne di proprietà – Barolo and Barbaresco wines – Alba

Bezugsquellen:
CH: Pio Cesare | TERRAVIGNA Wein Onlineshop | terravigna.ch
D: Diverse, Google + Co. wissen Bescheid


Interessennachweis:
Die Weine wurden auf Einladung von Pio Cesare im Oktober 2024 in Zürich degustiert.

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