Die Petite Arvine ist eine grossartige und qualitativ hochstehende Rebsorte, die fast nur im Wallis vorkommt. Sie kann zudem sehr vielfältige Weine hervorbringen und ist deshalb wohl der beste Trumpf der Walliser Weinszene, den die Winzerinnen und Winzer aber eigentlich noch gar nicht ausgespielt haben. Wobei: 100 Parker-Punkte wurden für sie schon vergeben!
Ich weiss, beim Jassen kann man einen Trumpf nur einmal ausspielen. Und das haben die Walliser in den letzten Jahren durchaus getan. Die Anbaufläche der Petite Arvine lag noch 1991 bei nur 39 Hektar, heute sind es 269 (Quelle: Rebbauamt Kanton Wallis). Allerdings sind somit nur rund 5 % der Rebfläche des Kantons mit Petite Arvine bepflanzt, und somit haben die Weinbaubetriebe den grossen Trumpf nach wie vor auch in der Hand.

Zumindest wenn es nach dem „Rebsortenprofessor“ José Vouillamoz geht, sollte der Trumpf aber weiter benutzt werden. Er vertrat an der von ihm geleiteten Veranstaltung „Petite Arvine ganz gross“ im Rahmen des Swiss Wine Tasting von Ende August in Zürich dezidiert die Meinung, die Anbaufläche der Sorte sollte deutlich erhöht werden, da die Petite Arvine ein ganz grosses Potential aufweise – und damit eben die ganz grosse Chance des Wallis sei.
Ohne die wirtschaftlichen Verhältnisse wirklich zu kennen, kann ich mich dieser Meinung gerne anschliessen. Es sind einfach wunderbare Weine, und weiss dazu, wie es gerade im Trend ist. Zudem liegen die erzielbaren Preise und damit die Wertschöfpung vergleichsweise hoch.
Forschung zur massalen Klonvielfalt.
Auch die Wissenschaft hat sich der Petite Arvine angenommen. Dabei wurde in der Forschung insbesondere darauf Wert gelegt, die klonale Vielfalt der Sorte zu erhalten bzw. zu fördern. Agroscope lancierte schon 1992 Untersuchungen. Dabei wurde anhand von fast 100 verschiedenen Klonen eine sehr grosse klonale Vielfalt innerhalb der Sorte festgestellt. Seit 2023 läuft nun ein Versuch im Anbau von Klonmischungen mit definierten Schwerpunkten (Ertragspotenzial sowie Zusammensetzung des Mostes bezüglich Säure, Stickstoff und aromatische Vorstufen). Diese Selektionen werden agronomisch und önologisch bewertet. Das qualitative, biodiverse und ökonomische Potential der Petite Arvine wird damit hoffentlich noch erhöht! (Link siehe unten).
Lange Geschichte im Wallis mit unbekannten Eltern.
Es handelt sich bei der Petite Arvine um eine seit Jahrhunderten im Wallis heimische bzw. dokumentierte Sorte. Das „Petite“ wurde später angefügt, um sie von der „Grosse Arvine“ zu unterscheiden, die indessen heute praktisch keine Rolle mehr spielt. Ihre Herkunft und vor allem ihre Eltern sind unbekannt, da halfen auch DNA-Tests nicht weiter. Diese brachten aber immerhin hervor, dass die Petite Arvine weit entfernt mit Rebsorten aus dem Aostatal, Savoyen und Nordostfrankreich verwandt ist. Zudem dürfte sie die Grossmutter oder Tante der bereits erwähnten Grosse Arvine sein (Quelle: José Vouillamoz, Schweizer Rebsorten, Link unten).
Ich habe über Weine aus dieser Sorte in meinem Blog schon mehrmals geschrieben, da ich sie ausserordentlich mag. Im Rahmen der Veranstaltung mit José Vouillamoz bestätigte sich wunderbar, wie grossartig die Weine ausfallen können. Und ebenso mein schon früher gezogenes Fazit, dass man diese Weine fast blind kaufen kann, mir ist praktisch noch keine schlechte Petite Arvine untergekommen!

Entgegen aller Annahmen: Petite Arvine kann auch altern! Charles Bonvin tritt den Beweis mit einem 2006er an.
Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Weine ganz jung zwar schon Spass machen, aber ihr volles Potential noch nicht ganz ausspielen. Drei bis fünf Jahre Reife lassen fast alle Petite Arvine besonders schön erblühen. Aber sie können auch im höheren Alter noch Spass machen, wie etwa der 2015er der Cave du Rhodan bewies – diesem Superwein hatte ich im vergangenen Jahr einen eigenen Beitrag gewidmet (auch hier: Link unten). José Vouillamoz vertrat freilich die Meinung, allzu alt sollte man eine Petite Arvine nicht werden lassen. So geniale Weine sie hervorbringe, für eine ganz lange Lagerung sei sie weniger geeignet.
Allerdings trat er dann mit einem der präsentierten Weine gleich den Gegenbeweis an. Die Petite Arvine Noble Cépage von Charles Bonvin aus dem Jahr 2006 zeigte sich noch absolut in Form und machte ungemein Freude. Einzig die etwas gereifte Farbe und ein minimaler Kampferton wiesen auf das hohe Alter hin! Die Sorte kann also auch in dieser Hinsicht auftrumpfen!

Universal einsetzbare und wandelbare Traubensorte – wie Riesling oder Chenin Blanc. Und 100 Parker-Punkte wert!
Zur Wandelbarkeit der Sorte gehört auch, dass sie vom Schaumwein bis zum süssen bzw. edelsüssen Wein in jeder Spielart überzeugen kann. Legendär sind die 100 Parker-Punkte, die Marie-Thérèse Chappaz mit ihrem Grain par Grain Petite Arvine Domaine des Claives 2020 verbuchen konnte.
Perfekt in Szene gesetzt wurde an der Veranstaltung auch die Tatsache, dass die Sorte ihren jeweiligen Standort klar zum Ausdruck bringen kann. Im begeisternden Wein „Pure Gypse“ (reiner Gips) der Domaine Curnulus steht die Frucht etwas im Hintergrund, wogegen die Mineralität hervortritt. „Terroir schlägt Sorte“, meinte Vouillamoz dazu.
Und noch ein Beweis für die Langlebigkeit: erneut der 2015er der Cave du Rhodan.

Die Veranstaltung war ausserordentlich spannend und erhellend. Danach, im Rahmen des Swiss Wine Tasting, durfte ich noch einen erneuten Beweis für die Alterungsfähigkeit der Petite Arvine erleben. Beim Besuch des Standes der Cave du Rhodan goss mir Olivier Mounir noch etwas vom oben schon erwähnten 2015er ein (dieser wurde in einer anderen Staffel von „Petite Arvine ganz gross“ präsentiert und es blieb noch ein kleiner Rest). Auch ein Jahr später ist dieser Wein weiterhin grandios und frisch – der schönste Beweis dafür, dass die Petite Arvine wirklich der ganz grosse Trumpf der Walliser ist!
Ausnahmsweise ganz unwissenschaftlich: Die Petite Arvine reist nicht gerne, Angelo Gaja kann ein Lied davon singen.
Nur eine Frage an José Vouillamoz blieb nicht bzw. nicht wissenschaftlich beantwortet: Auch er hatte erwähnt, dass die Sorte ausserhalb des Wallis, vom Aostatal einmal abgesehen, kaum angepflanzt wird und auch nicht gut gedeiht. Die Geschichte des gescheiterten Versuches des grossen Angelo Gaja ist natürlich immer wieder gut (vgl. Link auf meinen früheren Beitrag zum Thema unten). Wieso dem so war bzw. ist, darauf meinte Vouillamoz bloss: „Die Petite Arvine als Rebstock reist halt nicht gerne“. Vermutlich weiss er es als Wissenschaftler ja besser, aber die Walliser behalten halt das Geheimnis ihres Trumpfes für sich …
Ausgewählte Degustationsnotizen aus der Veranstaltung:
Petite Arvine Calcaire Domaine du Tourbillon 2022, Cave Valentina Andrei
Schöne Zitrusdüfte, ergänzt durch neckische Noten exotischer Frucht und etwas floralem Touch, leichter Kampferton; im Mund mit sehr schöner, dichter Struktur, sehr frisch, schöne, saftige Säure. 17,5 Punkte.
Petite Arvine 2019, Cave Caloz
Verhaltene Nase mit Anflügen von weissem Pfirsich; im Mund mit toller Frische, dichter Körper, sehr rund fliessend, schön stützende Säure, überaus langer Abgang. 18 Punkte.
Petite Arvine Pure Gypse 2024, Domaine Cornulus (aus dem Clos de Mangold, im Kermiktank auf der Hefe ohne Bâtonnage ausgebaut)
Zitrusnoten, schon in der Nase mineralisch, leichter Feuersteinton; im Mund enorm elegant und rund, mineralisch, trotzdem auch eine gewisse Fruchtigkeit, saftige, sehr gut eingebundene Säure, langer Abgang. Untypische Nase, aber enorm schöner Wein. 18 Punkte.
Petite Arvine Noble Cépage 2006, Charles Bonvin
„Süsslich“ wirkende Frucht (insbes. Aprikose) in der Nase, Honignote, auch florale Anflüge, leichter Alterstouch durch etwas Kampfer; im Mund recht üppig und rund, tolle Säure, noch voll in Form. Bemerkenswert! 17,5 Punkte
Links:
Auf Weingüter:
Home – Vins Valentina Andrei Valais
Cave Caloz | Vigneron-encaveur, artisan du vin
Accueil – Cornulus
Home – Charles Bonvin 1858
Walliser Weine aus Salgesch direkt beim Winzer kaufen | Cave du Rhodan
Auf das Forschungsprojekt von Agroscope:
https://www.agrarforschungschweiz.ch/2024/01/bewahrung-der-genetischen-vielfalt-der-rebsorte-arvine/
Auf José Vouillamoz:
https://josevouillamoz.com/
und zu seinem erwähnten Buch:
https://josevouillamoz.com/product/schweizer-rebsorten-ihre-geschichte-und-ursprunge/
Auf meinen früheren Beitrag zur Petite Arvine 2015 der Cave du Rhodan:
Die schöne Geschichte zum Schweizer Nationalfeiertag: eine 10-jährige Petite Arvine, grossartig in Form, fast wie eben abgefüllt! – Victor’s Weinblog
Und auf einen Beitrag mit der Geschichte zu Angelo Gaja’s Versuch:
Italien kann auch Petite Arvine – Angelo Gaja zum Trotz! Schöne Weine aus dem Aostatal. – Victor’s Weinblog
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Interessennachweis:
Die Weine wurden auf Einladung der Swiss Wine Connection (deren Gönner ich bin) in Rahmen einer Sonderveranstaltung zum Swiss Wine Tasting 2026 degustiert.