Petite Arvine, diese wunderbare Weissweinsorte, ist schon fast so etwas wie ein Qualitäts-Aushängeschild des Wallis. Auch der grosse Angelo Gaja war von ihren Weinen begeistert und wollte die Petite Arvine im Piemont anpflanzen, was aber nicht gelang. Allerdings gedeiht sie sehr wohl auch in Italien, nämlich im Aostatal, wo sie ebenfalls sehr gute Tropfen hergibt.

Die Petite Arvine gilt auch im Zeitalter der DNA-Analysen als Waisenkind. Beide Eltern sind unbekannt. Urkundlich erwiesen ist hingegen, dass sie seit dem Jahr 1602 im Wallis heimisch ist. Und nach mehr als 400 Jahren darf man ja sicher von einer waschechten Einheimischen reden! Sie wurde übrigens früher nur Arvine genannt, der Zusatz «Petite» wird erst seit etwa 100 Jahren verwendet, um sie von der Grosse Arvine zu unterscheiden. Lustigerweise ist die «Grosse» in Tat und Wahrheit aber die Kleine, denn mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die Petite Arvine ihre Grossmutter. Da aber bei Traubensorten «klein» eigentlich immer besser als «gross» ist, spielt die Grosse Arvine heute kaum mehr eine Rolle. Man könnte – und darf auch – wieder auf Arvine zurückwechseln.
Angelo Gaja scheiterte mit Petite Arvine.
Den vorstehenden Abschnitt hatte ich in meinem Blog schon einmal veröffentlicht, und auch die Geschichte mit Angelo Gaja ist zu gut, um nicht nochmals erzählt zu werden. Denn die Petite Arvine kann offensichtlich auch eine ziemlich trotzige Walliserin sein. Weit weg von zuhause scheint sie an Heimweh zu leiden. Selbst der grosse Angelo Gaja, der von der Petite Arvine so begeistert war, dass er sie im Piemont pflanzte, musste wieder aufgeben, da sie sich trotzig gegen die Verpflanzung zur Wehr setzte. Die Petite Arvine ist halt so etwas wie eine Königin: Die Traubenkönigin des Wallis.
Auch im Aostatal in grosser Form.

Ob Angelo Gaja nur den Versuch zu früh abgebrochen hat, etwa, indem er noch eine andere Unterlage hätte ausprobieren können, bleibe dahingestellt. Zumindest aber ist sicher, dass die Petite Arvine nichts gegen Italien einzuwenden hat. Denn sie gedeiht auch im Aostatal bestens. Das ist freilich nicht so verwunderlich, handelt es sich doch dabei um ein Paralleltal zum Wallis in den italienischen Alpen, nur rund 70 Kilometer südlicher und mit vielen 4000er-Bergen dazwischen. Zudem entwässert das Aostatal nach Osten, während die Rhone im Wallis westwärts strebt. Aber die Höhenlage (Aosta ca. 580 m.ü.M, Sion ca. 520), das Klima und die Besonnung sind durchaus vergleichbar. Und dann gibt es noch eine Gemeinsamkeit, die sich, wer weiss, aus kulturellen Gründen vielleicht auch auf den Wein auswirkt: Beide Alpentäler sind zweisprachig – im Aostatal, man merkt es auch an den Namen der Weingüter, spricht man nebst italienisch vor allem im Westteil auch französisch.
Vier Aosta-Arvine auf dem Prüfstand

Ich hatte mir mal vier Einzelflaschen aus dem Aostatal besorgt. Höchste Zeit, diese nun auch zu degustieren. Allerdings füge ich gerne an, dass ich die Petite Arvine-Weine in der Regel nicht ganz jung trinke. Dann sind sie häufig noch etwas unnahbar, während sie nach 2-4 Jahren ein schönes Gleichgewicht bekommen. Die besten Weine sind zudem auch noch deutlich länger haltbar. Ich habe den Aosta-Weinen als Masstab den Maître de chais von Provins gegenübergestellt und blind degustiert. Die Aostataler konnten mithalten, ich habe den Provins mit 17 Punkten bewertet.
Degustationsnotizen
Elio Ottin, Petite Arvine Valle d’Aosta DOP, 2020
Blasses Gelb; mineralischer Auftakt, dahinter zurückhaltende, aber breitschichtige Frucht; im Mund sehr viel Frische, schöne Säure, elegant und eher auf der filigranen Seite, sehr fruchtbetont, im Abgang auch mineralisch und „feurig“. 17 Punkte.
Château Feuillet, Petite Arvine Valle d’Aosta DOP, 2021
Sehr helles Gelb; zurückhaltende Nase, etwas Birne und Zitrus; im Mund filigran, sehr frisch, relativ hohe Säure, saftig, sehr langer, etwas alkoholbetonter Abgang. Schöner Wein, dürfte vielleicht etwas dichter sein. 16,5 Punkte.
Les Crêtes. Petite Arvine „Fleur“, Valle d’Aosta DOP, 2019
Helles Gelb; verhaltene Frucht (Zitrus, auch exotische Noten), etwas Marzipan; im Mund mit hoher Säure, viel Frucht“süsse“, leichter, aber schöner Bittertouch, im langen Abgang etwas alkoholbetont. Eigentständiger Wein, der wahrscheinlich jünger noch spannender war. 16,5 Punkte.
Lo Triolet, Marco Martin, Petite Arvine Valle d’Aosta DOP, 2020
Helles Gelb; etwas krautige Nase, sehr floral, fast etwas parfümiert wirkend; eher tiefe Säure, sehr rund und fast üppig, leichte Bitternote. Dürfte etwas frischer daherkommen. 16 Punkte.

Und eine bemerkenswerte Zugabe vor Ort: Anselmet Petite Arvine 2019
Vor zwei Jahren waren wir dann auch noch vor Ort in Aosta. Wir genossen das Abendessen im sehr empfehlenswerten Restaurant Aldente, welches sich auch durch eine ganz tolle Weinkarte auszeichnet. Auf Empfehlung des Chefs bestellten wir eine Flasche Petite Arvine des Hauses Anselmet mit Jahrgang 2019. Dieser Wein wurde während acht Monaten in grossen Holfässern und auf der Feinhefe ausgebaut. Das Resultat: Grossartig!
Mittleres Goldgelb; äusserst feine Düfte nach weissem Pfirsich, Aprikose, Reineclaude, dazu florale Anflüge sowie dezente Vanillenote; im Mund mit grosser Finesse und Eleganz, wirkt trotz dichtem Körper auch tänzerisch, schöne Frische, Holz im Mund leicht spürbar, aber sehr gut eingebunden, überaus langer, fruchtbetonter Abgang. Toll! 17,5 Punkte.
Links:
OTTIN VINI – Viticulteur encaveur – Valle d’Aosta
Château Feuillet – Azienda agricola di Fiorano Maurizio – Vini tipici valdostani rossi e bianchi
Les Crêtes | Winegrowers since 1750 | Passion and Mountain | Aosta Valley – Italy
Azienda vitivinicola Lo Triolet – Ricerca di qualità nei vini valdostani
Maison Anselmet | Home
https://www.aldenteresturant.com (hat übrigens auch einen tollen Weinshop)
Interessennachweis:
Die Weine wurden im Weinhandel bzw. in einem Restaurant vor Ort käuflich erworben.