Griechischer Wein – das rockt!

Mit Divo und Gerstl haben jüngst gleich zwei Weinhandlungen griechischen Wein ins Sortiment aufgenommen. Verkostungen zeigen, dass aus diesem Land mit uralter Weinbautradition tolle, teils sogar grossartige Weine importiert werden die „rocken“ – weit ab vom billigen Schlager-Gesöff, wie es der älteren Generation wohl noch in Erinnerung oder zumindest in den Ohren ist.

Santorini – allein der Name lässt in den Sommerferien träumen, auch wenn die pittoreske Insel umständehalber gerade weit weg zu liegen scheint. Auf der mit rund 80 km2 vergleichsweise kleinen Ferieninsel stehen immerhin rund 1’200 Hektar Reben, das entspricht ziemlich genau der Rebfläche des Tessins.

Gerstl hat mit Weinen der Estate Argyros aus Santorini erstmals Gewächse aus Griechenland angeboten. Dieses biologisch arbeitende, mehr als 100-jährige Familiengut verfügt über rund 10 % der Rebfläche der Insel, mit Schwergewicht auf Weissweinen (und Süssweinen) – rote Gewächse spielen eine untergeordnete Rolle. Die Weine überzeugen bzw. begeistern teilweise sogar, und man fragt sich eher, warum Schweizer Weinhändler nicht schon länger auf Griechenland setzten:

Estate Argyris, Cuvée Monsignori 2018 (weiss)
100 % Assyrtiko, Biowein
Dieser Weisswein soll von über 200 Jahre alten und damit logischerweise wurzelechten Reben stammen. Wenn man ihn trinkt, kann man das glauben: Zurückhaltende Nase mit Zitrusaromen und Anflügen von Hefe; im Mund enorme Mineralität und Frische, herrliche Extrakt“süsse“, die einen schönen Schmelz ergibt, wirkt enorm dicht und filigran gleichzeitig, fast nicht endender Abgang. Ein grossartiger, begeisternder Wein mit Alterungspotential. Blind hätte ich wohl auf einen der besten Grand Crus aus Chablis getippt. (CHF 36.00).

Estate Argyris, Assyrtiko Santorini, 2019 (weiss)
100 % Assyrtiko, Biowein, laut Etikette aus über 100-jährigen, wurzelechten Reben
Helles Gelb, verhaltene, leicht salzig wirkende Nase, Anflug von Mandarine und Nelken; im Mund ebenfalls mineralisch und enorm frisch, leichte Bitternote, Alkohol trotz 14 % kaum spürbar, toller Wein.
Dieser Wein so etwas wie die kleinere, schlankere und weniger intensive Ausgabe der Cuvée Monsignori, aber damit tut man ihm eigentlich Unrecht.  (CHF 26.00).

Estate Argyris, Atlantis white 2019 (weiss)
90 % Assyrtiko, 10 % Athiri und Aidani, Biowein
Helles Gelb, fruchtig, nach Bergamotte, Zitrone und Apfel duftend; im Mund überaus erfrischend, mineralisch, ausgewogen, erstaunlich langer Abgang. Ein gehobener Ferienwein, ohne hohe Ansprüche, aber frisch, süffig und erfreulich. (CHF 16.00)

 

gerstl-griechenland
Drei der von Gerstl angebotenen Weine aus Santorini. In der Mitte die geniale Cuvée Monsignori.

Bei Divo ist seit dem Eintritt den Rebforschers und Buchautors José Vouillamoz
(vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/09/04/schweizer-weinbuch-des-jahres-schweizer-rebsorten-von-jose-vouillamoz/
ins Unternehmen in Bezug auf unbekannte Weine frischer Wind eingezogen. Freilich war ich in der Vergangenheit nicht immer überzeugt von seinen Selektionen. Als er noch als freier Berater für Coop arbeitete habe ich beispielsweise von ihm vorgeschlagene Naturweine aus dem Kaukausus gekauft – und ausser dem Umstand, mit einem georgischen Wein so etwas wie den „Urwein“ im Glas gehabt zu haben, blieb nur Frust, denn ich haben den teuren Wein als interessant aber untrinkbar weggekippt. Nun arbeitet Vouillamoz also für Divo und bot ein Probierpaket aus Griechenland an. Begonnen hat meine Probe schlecht, dem ersten Wein erging es nicht anders als jenem aus Georgien. Dann allerdings stellte sich die Vouillamoz-Selektion auch als äusserst spannend und qualitativ überzeugend heraus:

Divo-Griechenland
Und zwei der Divo-Weine. Auf dem Bild fehlt der Chiririotiko 2016 – da war ich leider zu schnell beim Altglasentsorgen.

Monemvasia Vinery, Peleponnes, Laconia IGP, 2009 (rot)
50 % Mavroudi, 50 % Agiorgitiko
Mittleres Rot ohne Alterstöne; fruchtig-würzig, fast ein wenig an Pinot erinnernd, Himbeeren, Johannisbeeren, Waldpilze, Anflug von  Gewürznelken, dezenter Holzton; im Mund erstaunlich jugendlich, feine, prägnante Tannine, elegant und ausgewogen, feiner Wein! (CHF 20.00).

Methymnaeos Wines, Lesbos, Chidiriotiko 2016 (rot)
100 % Chidiriotiko, Biowein
Helles, ins Ocker tendierendes Rot; verhalten, Duft von Veilchen und Himbeeren; spürbare, leicht trocknende Tannine, schöne Säure, entwickelt sich im langen Abgang sehr intensiv. Spannender Wein, weit ab der Norm; eine Entdeckung wert. (CHF 21.00).

divo-best-of-balcansMonemvasia Vinery, Peleponnes, Tsimbido 2018 (weiss)
100 % Kydonitsa
Sehr helles, glänzendes Strohgelb; Flieder, Orange, Quitte; wirkt im Mund erstaunlich tanninhaltig, schöne, stützende Säure, erstaunlich dicht und langer Abgang. Vor allem auch angesichts des Preises (rund CHF 16.00) toller Wein!
Griechenland hat eine uralte Weinbautradition, der weltweit zweitälteste bekannte Fund, der auf die Verarbeitung von Trauben zu Wein schliessen lässt, soll in der Nähe von Philippi liegen. Lange Zeit stagnierte aber der Weinbau, und erst mit dem Ende der Militärdiktatur 1974 begann ein qualitativer Aufschwung (Quelle Wikipedia). Zumindest wer die hier erwähnten Weine probiert hat, wird sich in Zukunft sicher mehr mit griechischen Wein beschäftigen wollen, das rockt. Und gute Weine könnten ja auch zu einem Schlager werden!

https://www.gerstl.ch/de/sortiment/italien-griechenland/griechenland-rubric-5616.html
(Vor allem die absoluten Spitzenweine sind schon ausverkauft, u.a. der beschriebene „Monsignori“)
https://estateargyros.com/

http://divo.ch/de/weinauswahl?f%5B0%5D=provenance%3A26199
http://www.malvasiawines.gr/default.aspx
https://www.methymnaeos.com/

 

 

 

 

Diolle: Die Auferstehung…

… einer Rebsorte!
Diolle? Nie gehört? Kein Wunder, denn sie galt seit 1903 als verschwunden. Hier die wunderbare Geschichte einer Auferstehung!

Auferstanden (hier aus weisser Gruft): die Rebsorte Diolle!

Diolle, das war eine Traubensorte aus dem Wallis, die 1654 erstmals unter dem Dialektnamen „Jiolaz“ in der Region Sion erwähnt wurde. Sie galt als sehr säurebetont, mit eher neutralem Charakter und fäulnisanfällig. Wohl deshalb verschwand diese Sorte – 1903 gilt als ihr Sterbedatum. Eigentlich.

Bloss: 2005 meldete sich der inzwischen verstorbene Winzer Germain Héritier aus Granois beim „Weinsortenprofessor“ José Vouillamoz: Er hatte zwei unbekannte Rebstöcke in seinem Rebberg entdeckt und wollte wissen, um welche Sorte es sich handeln könnte. Das DNA-Profil passte zu keiner bekannten Rebsorte. Ein „Vaterschaftstest“ hat dann ergeben, dass es sich um ein Kind der „Rèze“ handelt. Weitere Forschungen von José Vouillamoz haben dann zweifelsfrei ergeben, dass diese beiden Reben die ausgestorben geglaubte Sorte „Diolle“ darstellen. Mehr dazu siehe im Standardwerk von José Vouillamoz über Schweizer Rebsorten, vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/09/04/schweizer-weinbuch-des-jahres-schweizer-rebsorten-von-jose-vouillamoz/

So richtig spannend wird die Geschichte aber erst jetzt. José Vouillamoz war vom Potential der wiederentdeckten Sorte überzeugt und konnte mit Didier Joris eine Referenz im Walliser Weinbau für eine Zusammenarbeit gewinnen. 2013 wurde in Chamoson auf 3 Aren eine Anlage mit Diolle neu angelegt. Allein – die erste Auferstehung der Diolle misslang: Die Wahl der Unterlage erwies sich als schlecht, und alle Pflanzen verendeten.


(Zur Unterlage: Seit dem Einschleppen der Reblaus in Europa im vorletzten Jahrhundert können europäische Reben nur noch gedeihen, indem sie auf amerikanische Unterlagen (Wurzelstock) aufgepfropft werden, weil diese gegen die Reblaus resistent sind. Die Wahl der richtigen Unterlage ist eine inzwischen ziemlich bekannte Wissenschaft; es geht darum, die für eine bestimmte Rebsorte ideale Unterlage in Verbindung mit dem jeweiligen Boden zu finden. Bei der Diolle fehlte aber natürlich diese Erfahrung.)


Im zweiten Anlauf, einer Neupflanzung 2015, wurde die Auferstehung aber Tatsache. 2017 konnten 8 Kg Trauben geerntet werden, welche 6 Flaschen Wein ergaben. Und 2018 folgte die erste richtige Ernte – 144 Flaschen der auferstandenen Rebsorte wurden produziert.

Ich hatte das Glück, eine dieser Flaschen erwerben zu können. Und rechtzeitig zu Pfingsten habe ich diesen „Auferstehungswein“ nun degustiert:

Helles Gelb mit leichten Orangereflexen; in der Nase verhalten, leichte Aromen von Stachelbeeren, Lychees und Südfrüchten; im Mund mit prägnanter Säure, feingliedrig bei gleichzeitig erstaunlicher Dichte, mineralisch, mit einem überaus langen Abgang. Ein erfrischender, noch zu junger Wein mit – vermutlich – sehr viel Alterungspotential.

Vom Glück, eine von 144 Flaschen des ersten Jahrgangs probieren zu dürfen!

Dieser Wein hat mich begeistert. Und es war auch richtig berührend. Wer hat schon die Chance, den ersten „richtigen“ Jahrgang eines eigentlich verschollenen Weines probieren zu können! Wir haben ihn anschliessend fast ehrfürchtig zu Fisch und Spargel genossen. Ein grossartiges Erlebnis! Ich weiss nicht, ob ich blind wirklich darauf gekommen wäre. Aber im Wissen darum, was ich im Glas habe, erinnerte mich die Diolle an andere Walliser Spezialitäten, Rèze (logisch!), Himbertscha, Gwäss, Petite Arvine.

Wie soll man diese Diolle denn nun einordnen? Persönlich glaube ich, dass diese auferstandene Rebsorte von sich reden machen wird. Gerade ihre Säure wird sie in Zeiten der Klimaerwärmung spannend machen, und ihre zurückhaltende, aber doch klare Aromatik lässt sie ein Terroir genial ausdrücken. Meine Prognose: Diolle wird mit den Jahren zu einer Walliser Spezialität, die geschätzt und gesucht sein wird!

Den drei hauptsächlich an dieser Auferstehung beteiligten Personen, Germain Héritier (der die Sorte entdeckt hat), José Vouillamoz (der sie analysiert und bestimmt hat) und Didier Joris ( der sie an- und ausgebaut hat) gilt jedenfalls meine Hochachtung.

Zwei der drei Protagnonisten der Diolle im Comic: Didier Joris, Winzer (links) und José Vouillamoz, „Rebsortenprofessor“ (rechts)

Die Lancierung des „neuen“ Weins wurde auch marketingmässig begleitet. Die Diolle wurde in einer weiss gestrichenen Holzbox geliefert (den Duft nach Farbe habe ich nicht so geschätzt, und zudem wäre schwarz, als Symbol für die Gruft, aus der die Diolle entstiegen ist, wohl naheliegender gewesen), und es wurden gar zwei gut gemachte Comics mitgeliefert, welche die Entstehung dieses Weins illustrieren. Man mag von diesen Marketinggags und vom Preis des Weines in dreistelliger Höhe halten was man will – die neue Diolle ist jedenfalls grossartig gelungen und ein Versprechen für die Zukunft!

http://www.didierjoris.ch/website/nos-vins/diolle/
http://www.josevouillamoz.com/

Sollten wir uns merken: die auferstandene Diolle!

Schweizer Weinbuch des Jahres?! Schweizer Rebsorten von José Vouillamoz

Einführungsangebot mit 20 % Rabatt

Ich bin ja alles andere als ein Schnäppchenjäger. Aber hier muss man einfach zugreifen, wenn man sich für die extrem vielfältigen Rebsorten der Schweiz interessiert. José Vouillamoz, einer der weltweit führenden Ampelographen, legt sein Buch über Schweizer Rebsorten nun bald auch in deutscher Sprache auf. Es kann vor dem offiziellen Erscheinen mit 20 % Rabatt bestellt werden (was ich soeben getan habe).

vouillamoz

https://www.haupt.ch/Verlag/Buecher/Natur/Pflanzen/Schweizer-Rebsorten.html

Auf die eigene Homepage von José Vouillamoz hatte ich schon einmal hingewiesen:

https://victorswein.blog/2018/08/05/amigne-walliser-raritaet-mit-enormem-potential/

sie lohnt einen Besuch allein schon aufgrund der wundervollen Bilder/Videos von Walliser Reblandschaften auf der Eingangsseite!