Auch wenn das Wallis in letzter Zeit eher mit charaktervollen autochthonen Sorten oder mit tollen Syrah von sich reden macht: Die gute alte Gamay-Traube kann grossartige Weine hervorbringen, wie etwa jener der Domaine Saint-Théodule, Gamay Vieilles Vignes, 2024 von Gérald Besse aus Martigny. Und das, gemessen an der Qualität, zu einem Freundschaftspreis!.
Nach den vielen Beiträgen über das unsinnige geplante Weinimport-Regime tut es gut, einfach darüber zu berichten, wie hervorragend Schweizer Wein sein kann. Und damit auch, dass entsprechende Winzer, die frühzeitig auf Qualität und Nachhaltigkeit gesetzt haben, sehr wohl eine Zukunft haben werden.
Dass auch die Sorte Gamay in Zukunft eine Rolle spielen wird, zeigt aktuell gerade das Beaujolais, welches, zumindest an der qualitativen Spitze, eine eigentliche Renaissance feiert, und das zeigt, zu welchen Höchstleistungen die Gamay fähig ist. Das war übrigens schon früher so: Im Jahr 1990 bestellte der ehemalige Besitzer und Leiter von Divo, Pierre Balthasar de Muralt, zu einem Essen einmal einen Beaujolais aus dem Jahr 1978. Ich war entsetzt und auf das Schlimmste gefasst – doch der Wein war grandios. Seither betrachte ich die Sorte mit anderen Augen!
Dass auch in der (West-)Schweiz hervorragende Gamays wachsen, ist Insidern zwar schon länger bekannt, trotzdem leidet die Sorte noch immer unter einem mässigen Image. Zu Unrecht!

Die Steillagen überhalb von Martigny mit Blick nach Süden. Links geht es zum Grossen St. Bernhard, rechts zum Col de la Forclaz und weiter nach Chamonix.
Das perfekte Beispiel der Domaine Besse.
Das heute zu den angesehensten Betrieben im Wallis zählende Weingut entstand erst 1979, und die Anfänge verlangten wohl enormen Einsatz und eine unglaubliche Passion. Gérald Besse kaufte die ersten Parzellen, rund ein Hektar, an den Steilhängen überhalb von Martigny. Die Reben auf den Parzellen waren aufgegeben worden, und es musste alles in Ordnung gebracht werden, was Verbesserung der Steinmauern und natürlich Neupflanzungen bedeutete. Bereits ein Jahr nach diesem Kauf begann auch die Ehefrau Patricia nebst ihrem angestammten Beruf in den Reben mitzuarbeiten.
1984 war dann der erste Jahrgang, welchen die Familie Besse auf dem Markt brachte. Dazu musste zuerst eine alte Scheune gekauft werden, in welcher ein Weinkeller eingerichtet wurde. Im Verlauf der Jahre konnte die Domaine kontinuierlich durch Zukäufe auf heute rund 20 Hektar vergrössert und der Sortenspiegel erweitert werden. Seit 1993 gibt es deshalb beispielsweise auch Syrah und seit 1997 Ermitage (Walliser Bezeichnung für Marsanne Blanche und/oder Roussanne). Heute umfasst das Sortiment rund 30 verschiedene Weine!

Seit 10 Jahren Bio.
Zwei weitere entscheidende Schritte waren für die Domaine, dass im Jahr 2013 die Tochter Sarah, Oenolgin und Weinbauingenieurin, in den Betrieb einstieg und heute für den Weinbau und die Vinifikation verantwortlich zeichnet, und dass der ganze Betrieb im Jahr 2017 auf biologische Bewirtschaftung umgestellt wurde (seit 2022 zertifiziert).
Die Reben überhalb von Martigny befinden sich, obwohl sie freie Sicht ins Unterwallis bieten, genau genommen nicht im Walliser Haupttal der Rhône, sondern in einem Nebental, welches zum Grossen St. Bernhard führt. Die meist sehr steilen, oft von Trockensteinmauern gestützten Terrassen liegen auf Böden, die durch Gletscher geformt wurden. Kalkadern aus dem Mont-Blanc-Massiv, granitisches Muttergestein und unterschiedliche Höhenlagen zwischen rund 490 und 740 Metern schaffen ideale Bedingungen für zahlreiche Rebsorten. (Quellen: Homepage Domaine Besse und swisswinevalais.ch).
Ein fröhlicher, aber tiefgründiger Gamay. Jeder Schluck verlangt nach dem nächsten!
Nun aber zum Gamay aus dem Titel des Beitrags: Ich beobachte das Gut und seine Weine schon seit Jahren und war immer sehr angetan von der Qualität des ganzen Sortimentes. Deshalb habe ich kürzlich – was ich sonst fast nie mache – blind die Petite Arvine bestellt. Und weil ich das aktuelle Sortiment etwas breiter geniessen wollte, eben auch noch sechs Einzelflaschen dazu. Darunter diesen Gamay, der mich absolut begeistert hat. Der Wein hat alles, was man von einem guten Gamay erwartet: Fruchtigkeit, Fröhlichkeit, Trinkfreudigkeit. Aber er hat eben noch viel mehr: Das ist ein dichter, anspruchsvoller Wein. Tiefgründige Fröhlichkeit könnte man vielleicht sagen. Und vor allem ist es einer jener Weine, die so „lebendig“ sind, dass sie nie langweilig werden und man nach jedem Schluck sofort nach dem nächsten verlangt. Für mich Prädikat: grosser Wein! Und das für CHF 17.50!

Degustationsnotiz:
Domaine Saint-Théodule, Gamay Vieilles Vignes, 2024, Domaine Gérald Besse
Mittleres Purpur; fruchtbetonte Nase mit Anflügen von roten Johannisbeeren, Heidelbeeren, Weichselkrischen, aber auch dunkleren Tönen wie Brombeeren und Pflaume, auch würzige Töne und etwas Rauch; im Mund mit feinen, weichen Tanninen, knackige, aber sehr saftige und gut eingebundene Säure, sehr viel Frische, fruchtbetont im sehr langen Abgang. Grossartiger Gamay! 17,5 Punkte
Links:
Homepage:
https://www.besse.ch/
Direktlink auf den Wein:
https://www.besse.ch/shop/gamay-domaine-st-theodule-r-2024-750-ml-1044?category=4#attribute_values=1
Wer noch etwas mehr zum Thema Gamay lesen will, hier zwei Links auf frühere Beiträge:
Cuvée Zaccharie von Château Thivin: Gamay auf höchstem Niveau! – Victor’s Weinblog
Plant Robez von Blaise Duboux. Ein grandioser Wein – fast der Autobahn zum Opfer gefallen! – Victor’s Weinblog
Interessennachweis:
Der Wein wurde käuflich erworben.