Armenien steht aktuell nicht auf der Hitliste der besten Weinländer dieser Welt, obwohl man bis vor Kurzem den Ursprung des Rebbaus in dieser Gegend annahm. Die Weinproduktion des Landes hatte Hochs und Tiefs, gerade auch am Ende des letzten Jahrhunderts. Nun aber gewinnt der Weinbau wieder massiv an Bedeutung – und eine Degustation zeigte, welches Potential in diesen Weinen steckt, vor allem auch dank spannender autochthoner Sorten!
Eigentlich ist der Fall ja klar: Noah landete mit seiner Arche auf dem Berge Ararat und pflanzte hier die ersten Reben. Zwar liegt der Berg heute auf dem Staatsgebiet der Türkei, aber es erscheint plausilbel, dass Noah nicht auf dem Berg sondern am Berg gelandet ist – und somit im Ararat-Tal in Armenien.
Uralte Weinbautradition – egal, ob die Wiege des Weinbaus vielleicht andernorts stand.
Für weniger religiöse Leser geht die Geschichte so: Archäologen waren aus wissenschaftlicher Sicht überzeugt, dass die ersten nachgewiesenen Traubenkerne von kultivierten Weinreben aus dem Kaukasus stammen und sich von hier aus verbreiteten. Mit der Radiocarbonmethode wurden die Kerne auf einen Zeitraum zwischen 7000 und 5000 v. Ch. datiert (Quelle: Hugh Johnsons Weingeschichte). Demnach wären Armenien und Georgien wirklich die ältesten Weinländer der Welt. Allerdings gibt es neuere Erkenntnisse die belegen sollen, dass der wirkliche Ursprung des Weinbaus in Westasien (Naher Osten) liegt. Ich habe darüber berichtet:
Die Weingeschichte wird neu geschrieben: Die Arche Noah ist wohl andernorts gelandet! – Victor’s Weinblog
Wie auch immer, eine sehr lange Weinbaugeschichte hat Armenien auf jeden Fall. Aber eben auch eine ganz junge:
Von der Sowjetunion für Branntwein missbraucht.
Das Land an der Schnittstelle von Ost und West und von Religionen litt immer wieder an dieser Lage – bis heute. Im Rebbau bedeutete dies mehrfache Blütenzeiten mit dem Christentum, dann aber wieder Stillstände, wenn die Muslime im Land waren. Und im letzten Jahrhundert wurde die Region als Bestandteil der damaligen Sowjetunion als Produzentin von Branntwein missbraucht, rund ein Viertel des gesamten (nicht zu kleinen) Kosums vom „Kognac“ in der UdSSR stammte aus Armenien. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion brach dieser Absatz ein, so dass der Rebbau einmal mehr am Boden lag.

Die Renaissance des Qualitätsweinbaus.
In den letzten drei Jahrzehnten hat sich der Weinbau aber erholt, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Staat diesen Wirtschaftszweig als wichtig einstuft und fördert. Dies durchaus erfolgreich, wurden doch im letzten Jahr 14’125’000 lt Wein im Land produziert, was mehr als doppelt so hoch liegt wie noch vor 10 Jahren (alle statistischen Angaben: Vine and Wine Foundation of Armenia). Und auch die Anzahl an Weinproduzenten stieg von zeitweise nur noch 25 auf heute rund 150. Die Aussage zum „jüngsten Weinland“ hat also durchaus einen Kern Wahrheit. Dies zeigt sich auch im Weinkonsum im eigenen Land; dieser verdoppelte sich innert 10 Jahren von 2 auf 4 lt pro Person, was freilich immer noch extrem bescheiden ist (Vergleich: Portugal 67 lt, Deutschland 27 lt). Problematisch für das Land ist indessen die weiterhin starke Abhängigkeit von Russland, 83 % der exportierten Menge an Wein geht dorthin. Kein Wunder, sucht das Land nach neuen Abnehmern, was ebenfalls zunehmend gelingt, heute wird in 36 Länder exportiert, die USA mit 5 % und Frankreich mit 2 % sind dabei die wichtigsten westlichen Märkte.
Ideale Bedingungen – und enorme Höhenlagen.
Das kontinentale, mehrheitlich trockene Klima – die Niederschläge betragen nur etwa die Hälfte jener in Mitteleuropa – eignet sich ideal für den Weinbau, wobei teilweise bewässert werden muss. Allerdings sind die Bedingungen im mit rund 30’000 Km2 kleinen Land (etwa wie Belgien) je nach Region sehr unterschiedlich. Die heute rund 13’000 Hektar Rebfläche – fast soviel wie die Schweiz – verteilen sich auf fünf Hauptanbaugebiete. Während die Reben im niederschlagsreicheren Tavush im Nordosten eine Höhe von 400 – 1000 Metern aufweisen, erheben sie sich in Vayots Dzor im Süden bis gegen 1800 m. Aktuell finden auch Versuche mit Rebpflanzungen in einer Höhe bis 2000 m statt, man will damit prüfen, was aufgrund des Klimawandels möglich und sinnvoll ist.

Ein Riesenschatz an autochthonen Sorten – welch ein Trumpf!
So verwundert es nicht, dass auch die angebauten Rebsorten sehr variieren. Obwohl inzwischen auch internationale Sorten angebaut werden, ist man in Armenien vor allem auf die vielen autochthonen Sorten stolz, es sollen rund 270 Varietäten sein. Namen wie Sev Areni (auch Areni noir), Haghtanak oder die weisse Voskehat sollte man sich durchaus merken, da steckt viel Potential drin. Und diese eigenständigen Sorten sind auch eine Stärke für die Vermarktung, denn auf einen weiteren Bordeaux-Blend hat sicher niemand gewartet.
Wurzelecht – der nächste Vorteil.
Speziell ist auch, dass ein Grossteil der Reben heute noch wurzelecht angebaut wird. Die Reblaus kommt zwar im Süden und Norden des Landes vor, aber – je nach Quelle bis zu 90 % – der Reben wachsen unveredelt. Obwohl es dazu wissenschaftlich noch keinen Beweis gibt ist doch anzunehmen, dass auch dieser Umstand zu einer hohen Qualität beiträgt.
Weinhändler, ab nach Armenien!
Ich bin überzeugt, dass die Weine aus Armenien bald auch international für Aufsehen sorgen werden. Ich habe alle nachstehend beschriebenen Weine sehr gut gefunden, einzelne davon halte ich sogar für Spitzengewächse, wobei diese auch schon einen recht stolzen Preis auf dem Markt erreichen. Allerdings gilt dies aktuell eher für die Kosten in Mitteleuropa als für die Preise ab Weingut. Wenn ich Weinhändler wäre, würde ich jedenfalls dieses Land für mich entdecken wollen!
Degustationsnotizen
(ausgewählte Weine aus der ganzen Vorstellung
Hin Areni Voskehat, 2022, weiss. (Sorte Voskehat, gewachsen auf 1500 m)
Mittleres Gelb, in der Nase verhalten, aber schöner Steinobston; im Mund sehr dicht, schöne Säure, rund fliessend, leichter, schöner Bittertouch. Süffiger Wein. 16 Punkte.
Hin Areni Wine
Voskevaz Karasi Collection, Voskehat, 2017, weiss. (Sorte Voshekat, 100 Jahre alte Reben, gewachsen auf 1100 m, ausgebaut zum Teil in Amphoren und in Barriques aus einheimischem Holz).
Mittleres Gelb, in der Nase ausgeprägter Mirabellenton, florale Noten, z.B. Flieder, dezenter Anflug von Holz. Im Mund zwar mit spürbarem Holz, aber sehr gut eingebunden, äusserst frisch, schöne Struktur, „feuriger“ Abgang. Toller Wein! 17 Punkte.
Home | voskevaz (den Wein findet man aktuell nicht auf der Homepage, aber im internationalen Handel)
Ariats Kes Kakhani, 2019 (Sorte Areni, die Hälfte der Trauben wurde angetrocknet)
Mittleres Rot,; vielschichtige Nase mit hellen und dunklen Früchten, auch würzige Noten; Im Mund sehr frisch, äusserst elegant, recht dicht, aber ohne die sonst üblichen Anzeichen von getrockneten Trauben, langer Abgang, nobler, schöner Wein, 17 Punkte.
ARIATS KES KAKHANI RED DRY WINE – GevorkianWinery
Voskeni 130 Areni Reserve, 2018 (Sorte Areni noir, 130-jährige Reben auf 1600 m Höhe)
Recht dunkles Rot; spürbares, schönes neues Holz, äusserst fruchtbetont mit hellen und dunklen Noten, etwas Leder und Tabak; im Mund äusserst elegant, dabei auch druckvoll, viele, fein geschliffene Tannine, sehr langer Abgang. Grosser Wein! 17,5 Punkte.

Das Weingut weist übrigens eine ganz besondere Geschichte auf: Es wurde anfangs der 1920er-Jahre vom armenischen Geschäftsmann Smbat Mateossian gegründet, der in den USA erfolgreich war. Wenig später wurde das Gut von den Bolschewiken beschlagnahmt. Aber im Jahr 2008 konnten Nachfahren der Familie das Weingut zurückerwerben! Smbat Mateossian wird übrigens auf der Etikette des Voskeni 130 Areni Reserve mit seinem Portrait geehrt (siehe Flasche rechts im Bild).
VOSKENI WINES
Mijnaberd Haghtanak, 2023 (Sorte Haghtanak, ausschliesslich in Edelstahl ausgebaut)
Der Wein schmeckt, wie es der Name erraten lässt: Dunkles Rot; dunkle Frucht (Brombeer, Cassis), würzige Noten, ausgeprägter Duft nach grünen Peperoni (aber nicht negativ wie z.B. bei unreifem Cabernet), erinnert entfernt etwas an einen Piwi; im Mund sehr frisch, vollgepackt mit Tanninen, die aber nicht trocknend wirken, kraftvoll, rund, langer Abgang. Spannender, gut gemachter und eigenständiger Wein, der sich vor allem als Essensbegleiter sehr gut macht. 16,5 Punkte.
Auch dieses Weingut (das auch eine Destillerie ist) hat seine spezielle Geschichte, aber eine ganz junge, womit es stellvertretend für den armenischen Weinbau steht. Es wurde erst 2017 von zwei Partnern aus der Finanzbranche gegründet, Gagik Avetisyan und Gevorg Khachatryan. Ersterer war auch schon für die armenische Zentralbank tätig. Massgeblich am Aufbau und insbesondere der Weinbereitung beteiligt war und ist der deutsche Berater Rainer Rüttiger, ein Oenologe, der – weil seine Frau, ebenfalls Oenologin mit Geisenheim-Abschluss, an die Yerevan Wine Academy berufen worden war – schon seit acht Jahren in Armenien lebt und auch schon verschiedene Güter beraten hat. Veilleicht kennt man ihn übrigens im Wallis noch; er war anfangs der 1990er Jahre für drei Jahre in Salgesch bei Adrian Mathier tätig.
Mijnaberd Alco – Distillates, Wines, Liqueurs
Interessennachweis: Die Weine wurden auf Einladung der Vine and Wine Foundation of Armenia im Rahmen einer Masterclass an der Expovina 2024 degustiert.