Frankreich oder Südafrika? Beides, wenn es um Chenin blanc geht!

Chenin blanc ist eine jener weissen Sorten, die leider viel zu wenig Beachtung erhalten. Dabei ergibt diese Rebe auf sehr hohem Niveau einfach alles: Vom Schaumwein bis zum Süsswein, und dazwischen tolle trockene wie auch feinherbe Weine. Hier zwei besonders gelungene Chenin blanc aus Frankreich und Südafrika.

Hand auf’s Herz: Wie oft im Jahr trinken Sie einen Chenin blanc? Selten bis nie? Sorry, aber Sie verpassen grossartigen Genuss! Für mich persönlich gehört sie zu den allerbesten Weissweinsorten und ich vergleiche sie gerne mit dem Riesling, der auch ein Alleskönner auf höchsten Niveau ist. Selbst geschmacklich gibt es gewisse Parallelen. Vielleicht bringt der Riesling etwas elegantere Weine hervor, während die Chenin blanc in der Regel voluminöser und kräftiger daherkommt. Eine Verwandtschaft zwischen den Sorten besteht nach heutigem Wissen nicht – belassen wir es also bei einer von mir frei erfundenen „Seelenverwandtschaft“.

Der erste Nachweis der Sorte stammt aus dem 9. Jahrhundert im Anjou – also an der mittleren Loire, wo die Sorte heute noch die wichtigste Stellung einnimmt (Quelle: Pierre Galet, Cépages et Vignobles de France). Das grösste Anbaugebiet befindet sich allerdings in Südafrika, wo mit rund 17’000 Hektar mehr als die Hälfte der weltweiten Anbaufläche gepflegt wird. Frankreich folgt mit rund 9’500 Hektar.

Eine Art Vermächtnis der grossen Weinpersönlichkeit Anne-Claude Leflaive

Ich habe kürzlich einen besonders gelungenen Wein aus Südafrika im Glas gehabt, was mich spontan daran erinnerte, dass noch eine Flasche von der Loire im Keller steht, die ich schon lange probieren wollte – ein Clau de nell, dem heute 12 Hektar grossen Loire-Weingut der leider verstorbenen grossen Weinpersönlichkeit Anne-Claude Leflaife. Sie kaufte das rund 25 Km westlich von Saumur gelegene Anwesen im Jahr 2008 zusammen mit ihrem Ehemann Christian Jacques, der das Gut heute noch führt, und rettete es damit vor dem Bankrott. Wie im Burgund wird auch hier nach den Prinzipien der Biodynamie gearbeitet. Anne-Claude Leflaive war es auch, welche den Anbau der Chenin blanc auf dem Gut wünschte. 2015 konnte der erste Jahrgang geerntet werden. Damit war es der im gleichen Jahr verstorbenen „Grande Dame“ leider nicht mehr vergönnt, ihren eigenen Chenin blanc zu verkosten.

Zwei nicht gleichnamige Brüder mit grossem Sozialengagement

Der südafrikanische Wein, der mich begeisterte, stammt vom Weingut Stellenrust, das im Vergleich mit Clau de nell riesengross ist: 250 Hektar stehen hier unter Reben. Das südlich von Stellenbosch gelegene Gut befindet sich in Familienbesitz und wird auch durch die Besitzer Tertius Boshoff und Kobie van der Westhuizen geführt. Die Reben für den degustierten Wein sind 55 Jahre alt. Stellenrust, das gesamthaft 400 Hektar gross ist, machte auch durch soziales Engegement auf sich aufmerksam: Man beteiligte 55 Arbeiterfamilien als Mehrheitsaktionäre an 100 Hektar Farmland, die sie als eigene Parzelle bewirtschaften, ernten und ausbauen dürfen. So initialisierte man eines der besten und erfolgreichsten „black empowerment projects“ auf dem ganzen Kontinent (Quelle: eggerssohn.com)

Degustationsnotizen:

Stellenrust 55 Barrel Fermented Chenin blanc, 2019
Eher helles Gelb, „süssliche“ Frucht nach Papaya und Quitte, etwas rauchig; im Mund rund und sehr dicht, tolle, gut eingebundene Säure, welche ein schönes Wechselspiel mit einer leichten Restsüsse (4,1 g) eingeht, langer Abgang. Sehr schöner, etwas opulenter, aber trotzdem frischer Wein. 17,5 Punkte.

Clau de nell, Chenin blanc, 2020
Mittleres Gelb, fruchtig (Wassermelone) und würzig (reife Koriandersamen), frisches Gras, wirkt etwas „wild“; enorme mineralische Frische im Mund, schöne Säure, dezente Frucht“süsse“, schöne Struktur, leichter, aber nicht störender Medizinalton im langen Abgang (verschwand nach einem Tag in der Flasche). Frischebetonter, etwas wilder und doch eleganter Wein, der noch sehr viel Reserven hat. 17,5 Punkte.

Fazit: Da standen zwei Chenin blanc nebeneinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten, die aber beide grossartig sind. Einerseits der schöne und gehaltvolle Schmeichler aus Südafrika, der wohl allen gefällt. Andererseits der biodynamische Loire-Wein, der durch seine etwas wilde Art manchen nicht auf den ersten Schluck zugänglich sein dürfte, der aber ungemein vielschichtig ist. Er kommt mir vor wie eine Person im perfekten Anzug oder Kostüm, die etwas künstlerisch zerzauste Haare hat. Ich persönlich finde ihn grossartig.

Die beiden Weine zeigen perfekt, wie unterschiedlich Weine aus dieser Sorte gekeltert werden können. Und dabei ist das ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt. Wer Chenin blanc auslässt, ist wirklich selber schuld!

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Bezugsquellen u.a.:
Schweiz: Kapweine und Paul Ullrich für Stellenrust / Gerstl für Clau de nell
Deutschland: Eggerssohn und Ludwig von Kapf / Lobenberg und Vinaturel


Interessennachweis: Beide Weine wurden im Weinhandel gekauft.

Stellenbosch sur Rhône – genialer Syrah aus RSA!

Seit einer Südafrikareise um die Jahrtausendwende hat mich das „Afrikafieber“ gepackt. Und seit damals verfolge ich auch die Weine dieses Landes mit Interesse und mit ständig steigender Achtung. Ein ideales Beispiel für die hervorragende Qualität sind zwei Shiraz des Weingutes Saxenburg.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, zwei Syrah-Weine von Saxenburg, einem Weingut in Schweizer Besitz in Stellenbosch, degustieren zu können. Nun liegt die Messlatte für Shiraz bei mir ziemlich hoch, war Syrah doch eine meiner ersten „Weinlieben“, und die Rhone so etwas wie mein Steckenpferd. Ich erinnere mich an ein Mittagessen mit Kunden (ja, damals trank man noch Wein dazu!). Es war das erste Mal, dass ich als kleiner Angestellter überhaupt mitgehen durfte. Und dann bestellte mein Chef eine reife Flasche Côte Rôtie von Guigal! Das war eines meiner prägendsten Weinerlebnisse!

Herrliche Landschaft, tolle Weine: Saxenburg bei Stellenbosch.

Wie ein Syrah aus dem nördlichen Rhonetal!
Die beiden südafrikanischen Weine begeisterten mich als Syrah-Fan, jeder auf seine Weise. Das „Flaggschiff“ des Gutes, der Saxenburg Shiraz Select, (SSS) würde in einer Degustation der besten Weine der nördlichen Rhone auf jeden Fall eine sehr gute Figur machen. Deshalb auch der Titel zu diesem Beitrag: „Französischer“ kann man einen Syrah fast nicht produzieren!

Saxenburg Shiraz Select 2007
Dunkles, dichtes Rot; Duft nach Lorbeer und getrockneten Früchten, vor allem Rosinen, leichte, aber schöne animalische Anflüge („Pferdestall“); im Mund präsente, aber schon milde Tannine, gut stützende Säure, sehr dicht, aber mit schöner Eleganz, enorm langer Abgang – fast unendlich nachhallend. Grossartiger, reifer Syrah, der aber auch noch ein paar Jahre Potential hat.

Allerdings bewegt sich der SSS auch preislich in der Grössenordnung sehr guter Rhoneweine. Deutlich preiswerter, ebenfalls sehr gut, aber völlig anders zeigt sich der „Private Selection Syrah“.

Private Selection Syrah 2016
Jugendliches, strahlendes, helles Purpur; in der Nase gewürzbetont (Thymian) und fruchtig (vor allem helle Beeren, aber auch mit einem Anflug von Brombeeren); im Mund mit prägnanter Säure, eher filigran, mit sehr feinen Tanninen; sehr fruchtbetonte Retrofaktion. Eleganter, moderner aber keinesfalls langweiliger Wein.

Es handelt sich um eine sehr spannende Interpretation der Syrah: In der Nase sehr fruchtbetont und „modern“; im Mund dann aber mit sehr viel Eleganz und auch Potential, druck- und charaktervoll – ganz anders, als es die Nase vermuten liesse. Hier zeigt sich dann eben doch auf schöne Art, dass es sich um einen Wein aus „Stellenbosch upon two oceans“ handelt!

Rebbau seit 1707 – höchste Qualität seit 1989
Upon two oceans: Saxenburg befindet sich etwa 8 Km östlich der Stadt Stellenbosch oberhalb des Ortes Kuilsriver – mit Aussichten sowohl auf den indischen Ozean als auch den Atlantik. Die Geschichte des Weingutes geht zurück auf das Jahr 1693 bzw. 1707, als hier erstmals Reben gepflanzt wurden. 1989 wurde das Gut vom Schweizer Ehepaar Birgit und Adrian Bührer gekauft und aus einem Dornröschenschlaf geweckt. Mit einem Kellerneubau sowie Neupflanzungen von Reben wurde der Grundstock für Qualität und Erfolg gelegt. Das Gut ist 200 ha gross, wobei 70 ha mit Reben bestockt sind. Heute bzw. seit 2011 ist mit den Geschwistern Fiona und Vincent bereits die nächste Generation Bührer am Werk, aber das Qualitätsstreben und die Kontinuität blieben mehr als nur erhalten. So hatte Saxenburg von 1991 bis 2017 den gleichen Kellermeister, und dieser wurde altershalber von seinem Stellvertreter abgelöst, welcher auch schon 12 Jahre im Betrieb arbeitete.

https://saxenburg.co.za/
https://www.nauer-weine.ch/de/shop/artikelsuche?search_ProdID=167

Am Ende des Regenbogens: Loire oder Südafrika?

rainbows

Östlich von Stellenbosch, richtig auf dem Land, auf 540 m über Meer an der Grenze zum Jonkershoek Nature Reserve, einem langgezogenen, naturbelassenen Tal mit Wasserfällen gelegen, finden wir das Ende des Regenbogens! Oder, wenn man das Bild anschaut, beide Ende des Bogens! Vielleicht liegt aber ein Ende des Bogens auch in Südafrika und das andere an der Loire!

Das Weingut hier heisst denn auch „Rainbows‘ End“, ist seit 1978 in Besitz der Familie Malan, aber erst seit 2002 mit dem ersten eigenen Wein auf dem Markt. Jacques Malan, eigentlich Ingenieur, eignete sich sein Weinwissen zuvor in Frankreich (auf einem Gut in Montage St. Emilion) an, und erfüllte sich danach seinen Traum!

Den reinsortigen Cabernet Franc des Jahrgangs 2016 habe ich nur deshalb entdeckt, weil ich eines mittags in der Weinhandlung „Kap Weine“ in Wädenswil erschien und mich inspirieren liess. Oder besser gesagt, beraten. Dem Berater Sascha Hofmann stellte ich die Aufgabe, mir ein paar Rotweine unter oder um 30 Franken zu empfehlen. Weine, welche die Seele berühren.

Eine der Emfehlungen war der reinsortige Cabernet Franc von Rainbow’s End mit Jahrgang 2016. Und das ist wirklich eine ganz hervorragende Empfehlung. Dieser im Holz ausgebaute Wein bringt einfach alles mit, was einen gelungenen Cabernet Franc so grossartig macht.

„Dichtes Purpur; reife Peperoni, Vanille, dunkle Kirschen, Jostabeeren; sehr feine, elegante, noch leicht trocknende Tannine, prägnante aber nicht störende Säure, druckvoll und doch filigran. Ausgewogen, lang. Toller Wein“.

Ich kenne nur wenige Cabernet Franc’s von der Loire, die ich diesem Wein vorziehen würde. Allerdings ist er, so sortentypisch er daherkommt, doch irgendwie anders (es wäre spannend gewesen, diesen Wein blind in der Loire-Degu zu haben). Was aber wohl auch stimmt: es gibt viele Loire-Weine, die besser altern können. Der „Rainbow’s End“ wirkt nach zwei Jahren schon reif, dürfte zwar in den nächsten zwei bis drei Jahren noch dazugewinnen, aber lange lagerfähig, wie ein Spitzenwein von der Loire, dürfte er kaum sein (es sei denn, ich täusche mich, was bei diesem Wein möglich wäre).

Trotzdem: Der „Regenbogen-Cabernet-Franc“ ist ein traumhafter Wein der wunderbar  zeigt, was das Weinland Südafrika zu bieten hat!

PS: Den ersten Wein, den mir Sascha Hofmann vorgeschlagen hatte, habe ich schon vor einer Woche probiert, mit einem ähnlich positiven Ergebnis: „Savage Red“, ein „südfranzösischer“ Blend mit Syrah-Dominanz – hervorragend!

Fazit: Wenn eine Weinhandlung echte Weinkenner beschäftigt, lohnt es sich immer, sich vor Ort beraten zu lassen!

http://kapweine.ch/

http://rainbowsend.co.za/