Weinbau Marugg – hoch 4 in Fläsch. Und Jürg als speziell interessant!

In Fläsch, dem nördlichsten Weindorf der Bündner Herrschaft, gibt es gleich vier Weinbaubetriebe mit Namen Marugg. Alle sind gut, einer (Daniel im Weingut Bovel) auch schon lange bekannt, aber zur Zeit besonders interessant ist der jüngste der vier, Jürg.

Sympathisch und auf dem Sprung an die Spitze:
Jürg Marugg am Tag der offenen Weinkeller 2018.

Im Weingut „im Polnisch“, etwas versteckt am Rand des pittoresken Dorfes Fläsch, hat sich ein Generationenwechsel vollzogen. Vater Christian Marugg, der stets für ehrliche und solide Weine stand, hat das Szepter seinem Sohn Jürg übergeben. Vater Christian hilft immer noch tatkräftig mit, und er freut sich, dass Jürg den Betrieb nicht nur weiterführt, sondern auch weiterentwickelt.

Eine erste Probe seines Könnes und seiner Lust, Neues zu probieren, hat Jürg mit dem „Creation“ des Jahrgangs 2014 abgeliefert. Dieser Pinot hatte acht Wochen Maischekontakt und wurde nach einem Jahr in neuen Barriques schliesslich unfiltriert abgefüllt.

Als ich den Wein vor etwas mehr als einem Jahr erstmals probierte war klar, dass dieser Pinot Potential aufweist. Allerdings war er derart tanninbetont und rustikal, dass ich nicht sicher war, ob er dieses Potential je positiv würde ausspielen können. Eher als Experiment kaufte ich drei Flaschen mit dem Ziel, je eine in den Jahren 2019, 2022 und 2025 zu probieren, um die Entwicklung beurteilen zu können.

Die erste Flasche war heute fällig, und ich habe gestaunt: Der Wein war noch immer tanninbetont, hat sich aber schon geläutert und macht Spass:


Mittleres, glänzendes Rot; typische Pinot-Nase mit ersten Reifetönen (Johannisbeeren, Himbeeren, Waldpilze), stramme, aber gut eingebundene Säure, prägnante Tannine, „feurig“, wie nur ein Pinot sein kann; im Antrunk eher rustikal wirkend, wird er im Mund immer eleganter und zeigt Finessen. Ein schöner Wein mit viel Potential!
Und ganz speziell bemerkenswert ist, dass der Creation 12 Monate in neuen Barriques ausgebaut wurde – und man so gut wie nichts vom Holz spürt!

Was mir an diesem Wein besonders gefällt: Jürg Marugg versucht schon gar nicht, die grossen Namen der Herrschaft zu kopieren. Vielmehr geht er mit seiner Creation eigenständige Wege. Vergleichen sollte man ohnehin nicht zu sehr, und schon gar nicht mit dem ganz grossen Namen aus Fläsch. Wenn überhaupt, dann erinnert der Creation entfernt an den Stil der von Tscharner, deren Weine auch zuerst Zeit brauchen, bevor sie ihr Potential ausspielen können. Aber eben, Jürg Marugg scheint seinen eigenen Weg zu gehen, und das gefällt.

Nicht nur dieser Wein, sondern auch der Rest des Sortimetes zeigt: Als Weinkenner sollte man sich den Namen Jürg Marugg merken, dieser junge Mann hat das Zeug, in die Fussstapfen der ganz Grossen in der Herrschaft zu treten.

Die Einstiegsseite seiner Homepage zeigt einen wunderschön gelegenen Rebberg vor toller Bergkulisse, viel schöner kann man die Herrschaft kaum ins Bild setzen. Nur die brauen Streifen unter den Rebzeilen liessen verdächtig auf einen Glyphosat-Einsatz schliessen. Was ich davon halte, siehe hier:
https://victorswein.blog/2019/05/04/glyphosat-fur-winzer-auch-ein-imagerisiko/
Auf einer der Folgeseite seiner Homepage schreibt Jürg Marugg, dass ihm Oekologie wichtig sei. Folgerichtig konnte er mir auf meine Nachfrage hin auch mitteilen, dass es sich um ein altes Bild handelt, und dass er inzwischen ohne den Einsatz von Herbiziden arbeitet. Auch in dieser Hinsicht also vorbildlich und zukunftsgerichtet!

Also definitiv: Marugg – Jürg Marugg – ein Name mit Zukunft!
https://www.marugg-weingut.ch/

Und PS: Den Creation 2014 gibt es noch zu kaufen.

Ein Bild auf Fläsch, aufgenommen unweit der Kellerei von Jürg Marugg. Während die Reblagen südlich des Dorfes sanft abfallen (wie im Rest der Herrschaft), gibt es nördlich des Dorfes richtige Rebberge. Auch das macht Fläsch einzigartig.

Glyphosat: für Winzer auch ein Imagerisiko!

Darüber, ob Glyphosat ein Gesundheitsrisiko darstellt, streitet sich die Wissenschaft. Ein Imagerisiko für Winzer ist es auf jeden Fall! Eine andere Annäherung an das Problem:

Es ist Frühling, und in viele Rebbergen hat unter den Rebstöcken bereits der Herbst begonnen. Während es – bestenfalls – in den Rebgassen grünt und vielleicht sogar blüht, wird direkt unter den Rebzeilen alles mit Unkrautvertiler, oft mit Glyphosat, totgespritzt.

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Braune, totgespritzte Streifen in grünem Rebberg.

Die ganze Glyphosat-Diskussion hier in gesundheitlicher Hinsicht umfassend aufzuwärmen, wäre gar nicht möglich, und es gibt genügend Fachleute, die davon mehr verstehen und dazu publiziert haben. Ein bisschen Recherchieren im Netz genügt, um auf unzählige Artikel zu stossen. An dieser Stelle deshalb nur so viel:
Die internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisaton der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hat in einer Studie festgestellt, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ sei. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wiederum ist aber zum Schluss gekommen, „dass bei sachgerechter Anwendung kein erhöhtes Krebsrisiko zu erwarten sei“. Zu ähnlichen Folgerungen kommen auch artverwandte Organisationen diverser anderer Länder.
Die Studien müssen sich nicht zwingend widersprechen. Während nämlich die IARC die Stoffe auf ihr Krebspotential hin untersucht, beurteilt das BfR, wie relevant dieses Potential ist – wie hoch also das effektive Risiko ist, dass Krebs ausgelöst wird. Und letzteres hat immer auch eine politische Kompenente, weil damit Empfehlungen abgegeben werden.

Laienhaft ausgedrückt: Wissenschaftlich gesehen ist Glyphosat nach IARC wahrscheinlich krebserregend, aber ob es in der Realität auch Krebs auslöst, ist gemäss BfR unwahrscheinlich.
(Wir klammern an dieser Stelle die sicher allgemein bekannten Gerichtsurteile aus den USA einmal aus).

Freilich sei dafür ergänzend erwähnt, dass die Diskussion im Netz noch weitere mögliche Probleme aufzeigt. So wird oft darauf hingewiesen – selbst die BfR erwähnt das – dass auch die Kombination des Mittels mit im Produkt verwendeten Hilfsstoffen problematisch sein könnte. Diese Hypothese ist offenbar noch reichlich unerforscht.

Bei den Recherchen bin ich noch auf einen weiteren, spannenden Punkt gestossen. In einem – durchaus seriös wirkenden – Blog eines Weinhändlers wird darauf hingewiesen, dass der ständige Einsatz von Glyphosat auch schlicht die Böden kaputt macht. Tönt ja zumindest nicht ganz unplausibel!
https://www.weinhalle.de/blog/2019/04/die-saison-hat-begonnen-sie-spritzen-wieder/

Und was lernen die Landwirte und Winzer daraus?

Nichts, möchte man auf den ersten Blick antworten. Selbst kurz vor der Ernte – nach gesundem Menschenverstand wirklich nicht mehr nötig – wird nämlich noch munter Glyphosat verspritzt:

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Offenbar bequemer als Gras schneiden: „abgespritzte“ Rebzeilen, sogar im trockenen Spätsommer 2018 (Bild aus der Schweiz, vl)

Natürlich ist das jetzt eine Verallgemeinerung. Und bei Winzern, die finanziell am Limit laufen, ist es auch nachvollziebar, dass sie in der Vergangenheit den Weg des geringsten Aufwandes gegangen sind. Schliesslich waren – und sind! – die Spritzmittel zugelassen und deren Anwendung wurde auch von landwirtschaftlichen Schulen und Organisationen als „state of the art“ empfohlen – von den Verheissungen der Industrie ganz zu schweigen. In Bezug auf vergangene Jahre wäre es also falsch, die Winzer pauschal als Sündenböcke hinzustellen, sie waren nur das letzte Rädchen im System!

Wer nicht blind ist, sieht die Imagerisiken!

Mir ist aber heute – in einer Einschätzung frei von Emotionen – einfach nicht mehr einleuchtend, warum Winzer (vor allem die Direktvermarkter) in einer Risikoabschätzung nicht selbst zum Schluss kommen, mit dem Einsatz dieses Herbizides aufzuhören! Wie auch immer die wissenschaftliche Diskussion enden mag, viele Konsumenten haben sich doch ihr Urteil schon gemacht. Und ich möchte nicht Winzer sein, dessen Wein plötzlich in der Presse als „glyphosatverseucht“ erscheint! Schreckensszenario? Nein, Realität:
http://winewaterwatch.org/2018/02/roundups-toxic-chemical-glyphosate-found-in-100-of-california-wines-tested/

https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/glyphosat_wein_saft_20160512_.pdf

https://www.blick.ch/news/schweiz/duengemittel-unkrautvernichter-insektizide-gift-im-schweizer-wein-id5582578.html

Stellen wir uns einmal das Szenario vor: Die Boulevardpresse berichtet, dass die Weine des Winzers X aus Y Glyphosat aufweisen. Die Lokalpresse nimmt das sofort auf, die sozialen Medien ohnehin. Dieser Weinbauer ist doch einfach erledigt, da ein schöner Teil der Kunden wegbleibt! Und was heisst das für das Dorf Y? „Wein aus Y hat Glyphosat“! Das Imagerisiko geht auch über den einzelnen Betrieb hinaus!

Dazu kommt ein weiterer und wirtschaftlich wohl entscheidender Punkt. Totgespritze Rebgärten nerven inzwischen viele Weinfreunde! Ein Teil der Konsumenten ist einfach nicht mehr bereit, solche Weine zu kaufen (wenn sie es denn wissen …)!  In diesen Tagen hat ein renommierter Weinfachmann einen Post mit einem grossflächig braun gespritzten Weinberg veröffentlicht – mit harschen Reaktionen anderer User. Oder ein anderes Beispiel:

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Ein sehr besonderes, sympathisches Dorf in der Ostschweiz. Die Mehrheit der Rebzeilen braun gespritzt, was imagemässig auf das ganze Dorf abstrahlt!

Auf einer kürzlichen Wanderung an einem See: Der Hauptteil der Reben scheint dort einer einzigen, nicht ortsansässigen Firma zu gehören, die alles „totspritzen“ lässt. Kommentar einer Passantin: „Wein von hier trinke ich nie“. (Womit sie freilich, und das ist das Tragische daran, kaum die fragliche Firma, sondern die vernünftigen Winzer im Ort und das entwicklungsbedürftige Dorf als Ganzes trifft). Glyposat als Imageproblem!

Ein weiteres Beispiel dafür. Der verlinkte Beitrag erschien damals parallel zu Artikeln weiterer „Grännis“, auch in sozialen Medien, was mich schon fast an eine missglückte PR-Offensive von Monsanto denken liess 🙂
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Pestizide-13521948

Aber was sind die Alternativen?

Zuerst einmal: Rebbau gibt es schon einige Jahrhunderte länger als Unkrautvertilger!

Dass es auch anders geht, zeigt ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel aus der Bündner Herrschaft: Luzi Jenny, ein durch und durch bodenständiger Winzer aus Jenins, schreibt auf seiner Homepage:

Verzicht von umstrittenem Glyphosat
Seit 2016 verzichten wir auf dem ganzen Betrieb auf den sehr umstrittenen Wirkstoff Glyphosat. Das heisst, wir spritzen unter den Reben nicht mehr chemisch ab, sondern mähen das Gras.
Kurz gesagt: ein Mehraufwand der Natur zuliebe.
https://www.luzijenny.ch/

(Wobei „willkürlich herausgegriffen“ nicht ganz stimmt, sein Pinot noir Barrique und sein Zweigelt haben mich jetzt schon seit mehreren Jahren sehr überzeugt und würden mehr Beachtung verdienen).

Das Gras mähen ist das Eine, und klar, das kostet – zumindest kurzfristig und monetär – mehr, als zweimal pro Jahr mit der Giftspritze ausfahren. Aber die Technik wird auch hier noch Fortschritte machen, siehe dazu unten den Hinweis zu Daniel Marugg.
Es gibt aber auch Winzer, die sich ängstigen, das Gras und „Unkraut“ wachsen zu lassen, weil sich im Stockbereich Schädlinge einnisten könnten – beispielsweise zwei „black rot“ (Pilzkrankheit Schwarzfäule) übertragende Zikadenarten. Und überhaupt gilt eine reine Grasfläche in den Reben – in dieser Form eine Art von Monokultur – inzwischen auch schon als überholt, für die Natur am besten wäre eine abwechslungsreiche Flora, welche teils auch bewusste Einsaaten bedingt.

Handabeit, wie hier auf diesem Bild, ist im Ertragsrebbau auch keine Lösung, aber ein Amateur wie ich darf es ja mal versuchen – viel Schweiss ist garantiert!

Kaum rentabel: Wie früher Handarbeit mit der Hacke


Aber auch in der Bodenarbeit ist ja die Zeit nicht stehen geblieben. Da gibt es inzwischen durchaus Maschinen:

So geht es auch: Mechanische Unkrautentfernung mit einem sehr einfachen Tast-Mechanismus, aufgenommen in Langenlois, Kamptal, AT.
Und das Konstrukt im Detail: Das Eisen, welches den Boden lockert und umpflügt, zieht sich dank dem oberen Führungsblech zurück, sobald ein Stock „ertastet“ wird. Mit modernen Sensoren ginge es noch viel präziser!

Und noch ein positives Beispiel, wieder aus der Bündner Herrschaft: Daniel Marugg, ein schon etablierter Winzer, der auch in meinem Keller vertreten ist, sucht auf einer Plattform nach einem passenden Fahrzeug/Gerät, welches das Gras unter seinen Reben zielgenau schneidet. Genau das ist doch die Art von Weinbauern, die dem Weinfreund Hoffnung macht! Und warum sollte das nicht möglich sein, das kann eigentlich schon jeder Rasenmäher-Roboter. Vielleicht schafft ja dann das ganze Weinbaugebiet einfach eine Maschine gemeinsam an?
https://about.swip.world/de/prazise-mahmaschine-fur-weinberge/

Fazit: Irgendwann wird vielleicht wissenschaftlich klar, ob Glyphosat nun tatsächlich krebserregend ist und wirkt oder nicht. Und so lange das Mittel nicht verboten ist, ist es juristisch auch kein Verbrechen, es anzuwenden. Trotzdem würde ich es als Winzer nicht verwenden. Dies nur schon aus Imagegründen, das Risiko wäre mir einfach zu hoch.

Die ganz persönliche Meinung

Ganz abgesehen davon darf man als Winzer oder Bauer aber auch aus weniger monetären Gründen zurück zur Natur finden: Kann es denn wirklich sein, dass wir auf die Länge unsere Böden mit Mitteln bespritzen, die irgendwo in einer hermetisch abgeriegelten Fabrik hergestellt werden, und zu deren Anwendung wir einen Mundschutz oder gar einen Vollkörper-Schutzanzug benötigen, um uns nicht selbst zu vergiften?

Wo es doch immer mehr Winzer – und vor allem auch immer mehr hochkarätige – vormachen, dass es auch (wieder) anders geht!