Est? – Est! Est!! Est!!! (Est Famiglia Cotarella!)

Wenn einer eine Reise tut: Im Latium gibt es eine Gegend, in der Weine mit einem ganz speziellen Namen produziert werden – „Est! Est!! Est!!! di Montefiascone“. Die Geschichte dahinter ist spannend, und einen wirklich überzeugenden Wein habe ich vor Ort auch gefunden!

Die Denomination mit dem kuriosen Namen ist mir vor rund 40 Jahren erstmals im heute immer noch genutzten, grossartigen Italien-Kochbuch von Marianne Kaltenbach begegnet. Es war damals schwierig, überhaupt einen solchen Wein aufzutreiben, und überzeugt hatte er mich nicht, ziemlich dünn und nichtssagend. Auch die wenigen Weine, die ich seither verkosten konnte, haben keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Reben in der Denomination „Est! Est!! Est!!! di Montefiascone“ am Lago di Bolsena im Latium. Eine Entdeckung wert, sowohl weinmässig als auch touristisch. (Symbolbild, zeigt nicht die Reben von Falesco).

Nun machten wir für zwei Tage in der Herkunftsregion in der Provinz Viterbo im Norden des Latium Station, um Orvieto und die Civita di Bagnoregio zu besuchen. Der Informationsgehalt der Weinkarte im Hotel war sehr spärlich, aber mir wurde der Wein „Poggio dei Gelsi“ empfohlen. Und der überzeugte total und das Etikett gab mit dem Namen „Falesco“ dann auch etwas mehr an Information her. Siehe dazu später.

Johannes Fugger, der Weingeniesser (oder -säufer)

Warum aber trägt die Denomination diesen kuriosen Namen? Die Geschichte ist zu speziell, um nicht erzählt zu werden. Im Jahr 1111 soll ein deutscher Prälat namens Johannes Fugger auf dem Weg nach Rom gewesen sein. (Obwohl auch aus Augsburg stammend, kann er gemäss Recherchen auf Wikipedia nichts mit der berühmten Fugger-Familie zu tun haben, denn diese ist erst rund zwei Jahrhunderte später nach Augsburg gezogen).

Unser Prälat jedenfalls soll damals seinen Diener vorausgeschickt haben, mit dem Auftrag, an jedem Gasthaus, das guten Wein anbiete, „Est!“ (Latein, „es ist“) an die Türe zu schreiben. In Montefiascone schmeckte dem Diener ein Wein so sehr, dass er „Est! Est!! Est!!!“ an die Türe schrieb. Dem Prälat schmeckte der Wein dann ebenfalls, zu gut sogar, denn er soll sich daran zu Tode getrunken haben. Se non e vero e ben trovato!

Allerdings scheint an der Geschichte etwas dran zu sein, jedenfalls wird der Grabstein des Johannes Fugger heute noch in einer Kirche von Montafiascone vorgezeigt (geprüft habe ich das aber nicht). Und der Name für den Wein war auch geboren.

Wie auch immer, auch mir hat der Wein, ohne mich damit zu Tode zu bingen, sehr geschmeckt. Falesco in Montefiascone ist der 1979 gegründete, 15 Hektar grosse Stammbetrieb der Familie Cotarella. Das Unternehmen wird heute von Dominga, Marta und Enrica Cotarella in dritter Generation geführt. Seit 1999 wurden sukzessive weitere Betriebe dazugekauft, Stichworte sind Le Macioche (Montalcino), Marciliano und Tellus – der ganz Betrieb weist inzwischen eine Fläche von rund 280 Hektar auf.

Zwei Brüder mit einem Weingut im Nebenamt: CEO von Antinori und bekanntester Weinberater Italiens

Aber Cotarella? Da war doch was! Plötzlich ist es nicht mehr erstaunlich, dass der Wein so gut schmeckt. Bei der zweiten Generation, welche den Betrieb führte und zur heutigen qualitativen und quantitativen Grösse brachte, handelt es sich um Renzo und Riccardo Cotarella, ersterer CEO bei Antinori und zweiterer begnadeter und wohl berühmtester Weinberater Italiens.

Zwölf Jahre, um Roscetto zu verstehen

Der Poggio dei Gelsi ist zusammengesetzt aus 40 % Roscetto, 30 % Trebbiano und 30 % Malvasia; er wurde auf den Wildhefen vergoren und im Stahltank ausgebaut. Roscetto ist eine spannende und qualitativ hochstehende autochthone Sorte, die erst aufgrund der Forschungen von Riccardo Cotarella in höheren Anteilen im Wein erlaubt wurde. Er sagt dazu in einem Vinum-Interview, dass selbst er zwölf Jahre gebraucht habe, um die Sorte zu verstehen. Ganz offensichtlich hat er aber inzwischen mehr als verstanden!

Degustationsnotiz:

EST! EST!! EST!!! di Montefiascone DOP, Falseco, Poggio dei Gelsi, 2021
Eher dunkleres Gelb; sehr jugendlich, Duft nach Zitrusfrüchten und Aprikose, blumig, etwas Amaretto; im Mund mineralisch frisch, schöne, saftige Säure, erstaunlich dicht und rund, überaus langer Abgang. Macht grosse Trinkfreude und ist weit weg von einem dünnen „Wässerchen“, das ich erwartet hatte. Angesichts des Preises von rund CHF/Euro 13.00 ein Hammer! 16,5 Punkte.

Famiglia Cotarella

Bezugsquellen gibt es verschiedene, die mit einer Suche problemlos zu finden sind.


Interessennachweis:
Der Wein wurde in einem Hotel am Lago di Bolsena zu Nachtessen käuflich erworben

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