Die Weine des Thierry Constantin: ein Gesamtkunstwerk!

Das Wallis ist für mich das am meisten unterschätze Weinbaugebiet Europas! Allein mit Weinen aus diesem Alpental könnte man problemlos jedes Essen begleiten, da über 50 verschiedene Rebsorten angebaut und auch in verschiedenen Stylen ausgebaut werden. Nebst den international bekannten Sorten sind vor allem auch die vielen Spezialitäten, teils autochthon, eine Entdeckung wert. Und das alles in generell sehr hoher Qualität zu meist noch vernünftigen Preisen! Einen der allerbesten Produzenten stelle ich hier näher vor: Thierry Constantin, „the marathon man“.

Ohne gross nachzudenken kommen mir mindestens 30 Winzerinnen und Winzer in den Sinn, denen ich im Wallis das Prädikat hervorragend erteilen würde. Mit etwas Nachdenken und -blättern wären es sicher noch weit mehr! Entsprechend mag es etwas unfair sein, wenn ich mit Thierry Constantin nur einen Produzenten herauspicke. So ganz zufällig ist die Auswahl freilich nicht. Schon bei mehreren Besuchen im Wallis bzw. bei Degustationen haben mich seine Weine immer voll überzeugt – ganz besonders, dass er durch das ganze Sortiment hindurch ein extrem hohes Niveau mit klarer Handschrift hält.
Ein früherer Bericht zum Wallis siehe hier: Walliser Weine: Spitzenklasse! – Victor’s Weinblog

Leider sind aktuell solche Degustationstage wie damals nicht möglich. Deshalb habe ich einige Flaschen von Thierry Constantin gekauft, um mir ein Urteil über den letzten Jahrgang (noch 2018 rot und 2019 weiss) bilden zu können. Die Einstufung vorab: Die Weine sind grandios!

Die Flaschen: innen und aussen ein Kunstwerk!

Der Betrieb von Thierry Constantin befindet sich in Pont-de-la-Morge, einen Steinwurf vom Wildbach Morge entfernt, welcher sich, zuweilen heftig, vom Sanetschpass hinunter in die Rhone ergiesst. Der Ort gehört zu Sion, und Thierry Constantin wohnt damit eigentlich in einer Stadt. Auf diese Idee käme aber keiner, denn gleich ennet der Hauptstrasse erhebt sich sehr ländlich der Hügelzug des Mont d’Orge, auf dessen Südseite sich allerbeste Weinlagen befinden. Die berühmte Domaine du Mont d’Or hat diesen Hang mit den charakteristischen gelben Häuschen marketingmässig herausgeputzt, aber hier besitzt eben auch Thierry Constantin Reben, auch in der Paradelage Corbassières. Nebst Parzellen auf dem Gebiet von Sion bewirtschaftet Constantin auch solche in der Nachbargemeinde Vétroz, gesamthaft umfasst der Betrieb 6,5 Hektar.

Das Gefühl und das Wissen für die richtigen Bepflanzungen
Die besten Lagen nützen aber nichts, wenn sie nicht richtig bepflanzt werden. Und da wurde Thierry sozusagen ein Geschenk in die Wiege gelegt. Seine Eltern waren schon Winzer, produzierten aber keinen eigenen Wein. Dafür betrieben sie aber eine Rebschule, und dieses schon als Kind erworbene Wissen hilft Constantin nun, die besten Reben mit den angepassten Unterlagen am richtigen Ort zu pflanzen. Für ihn steht der Entscheid, was wo gepflanzt wird, ganz am Anfang einer ökologisch sinnvollen Bewirtschaftung: Nur Reben die sich wohl fühlen, gedeihen von Natur aus problemlos und liefern bestes Traubengut.

Dass Reben, die kämpfen müssen, die besten Trauben liefern, ist eine alte Weisheit. Im Falle von Thierry Constantin zwingen die grösstenteils sehr trockenen Lagen die Reben zu Höchstleistungen. Allein schon die geringe Regenmenge in Sion (rund 600 mm p.a., Vergleich Zürich; 1100 mm), und die kargen Südhänge sowie hohe Sommertemperaturen tragen zu einem „Stressklima“ bei. Zusätzlich pflanzt Thierry Constantin aber auch eine enorme Rebendichte von 12’500 Stöcken pro Hektar.

Steil, steiler, Wallis! Der Mont d’Orge direkt vis à vis des Betriebes von Thierry Constantin.

Ein feines Händchen beweist Thierry aber auch bei der Ernte und im Keller. In bester Reife zu ernten, aber niemals zu spät, um die Frische, die Fruchtigkeit und die Säure zu erhalten, ist das erklärte Ziel. Tatsächlich fällt bei allen Weinen aus dem Haus Constantin eine enorme Frische auf – etwas, das man ja im Wallis nicht unbedingt erwarten darf, was aber seine Weine eben gerade so aussergewöhnlich macht.

Thierry ist nicht nur Winzer, sondern auch selbst Kellermeister. Und das Feingefühl setzt sich offensichtlich auch im Keller fort. Die Weissen machen – eben, um die Frische zu bewahren – keinen biologischen Säureabbau, und bei den Roten wird auf eine lange Extraktion und auf frische Frucht gesetzt, und ausser dem Gamay und dem klassischen Pinot werden alle Rotweine lange in Barriques ausgebaut (und es sei schon hier erwähnt: ohne, dass das Holz jemals dominant wird – ja teilweise kaum direkt spürbar ist).

Viel Holz, mit Feingefühl eingewoben und deshalb kaum spürbar. (Foto Sedrik Nemeth, zvg)

Die Degustationsnotizen – leider nur ein Teil des Gesamtkunstwerks
Diesmal habe ich nur fünf Weine probiert, möge Corona bald wieder Degustationen des Gesamtsortimentes ermöglichen!

Sauvignon blanc 2019
Helles Gelb; Stachelbeeren, Holunderblüten und -blätter, Passionsfrucht. Wirkt frisch geöffnet fast etwas „parfümiert“, nach etwas Lüften (und erst recht nach einigen Tagen) wird der Duft aber viel dezenter; im Mund sehr mineralisch, frisch, Säure und Süsskomplex im perfekten Gleichgewicht. Typischer, aber etwas exotischer Sauvignon, 16 Punkte (= gut im obersten Bereich)
PS: Es gab einen kleinen Rest, und nach 4 Tagen war der Wein zurückhaltender, nicht mehr exotisch und letztlich noch „besser“!

Petit Arvine 2019
Mittleres Strohgelb; Duft nach Grapefuits und Orangenschalen, florale Noten (an Flieder erinnernd); im Mund mineralisch, enorm frisch, dichte Struktur, schön eingebundene Säure, leichter, erfrischender Bitterton im langen Abgang. Grossartiger, typischer Arvine. Zusammen mit dem 2017er der Cave du Rhodan das Beste, was ich aus dieser Sorte je im Glas hatte! 18 Punkte (= hervorragend)

Humagne rouge, 2018
Mittleres Purpur; Johannisbeeren, rote Pflaumen, Dürrzwetschen; im Mund sehr „rund und fliessend“, schöne Frische, spürbare, gut stützende Säure, eher zurückhaltende, leicht trocknende Tannine, Alkohol erst im mittleren Abgang als feurig (nicht brandig!) spürbar. Humagne auf der eleganten, aber nicht dünnen Seite, sehr gelungen. 16,5 Punkte (= sehr gut)

Syrah, 2018
Mittleres bis dunkles Rubin; in er Nase im ersten Anflug etwas „überreif“ wirkend (was sich aber danach absolut nicht bestätigt); erdig, dezent Dörpflaumen und -zwetschgen, Sultaninen, Pfeffer, Lorbeer und Thymian; im Mund sehr präsente, feine Tannine, wunderbar abgestimmte Säure, dicht aber auch elegant und fast „tänzerisch“, entgegen der ersten Vermutung in der Nase ist der Alkohol kaum spürbar. Ganz schöner, feiner Syrah! 17 Punkte (= sehr gut).

Cornalin 2019
Dunkles, fast violettes Rot; rote und schwarze Früchte (Johanninsbeeren, Brombeeren, Pflaumen), Anflug von Bergheu, etwas Vanille; im Mund enorm saftig, sehr dichte Struktur, viele und kräftige, aber sehr gut eingebundene Tannine, wirkt sehr elegant, hat aber auch einen leicht rustikalen Touch; sehr langer, überaus frischer und saftiger Abgang. Traumhafter Cornalin! 18 Punkte (= hervorragend).

Zweimal ganz nahe an der Weltspitze – oder eigentlich mittendrin!

Seit 27 Jahren führt Thierry nun seine Domaine. Für mich hat er sich in dieser Zeit zum einem der absolut führenden Produzenten des Wallis entwickelt. Die Versuchung wäre ja angesichts der Akribie und Ausdauer gross gewesen, meinen Artikel mit einem Titel wie „der Langstreckenläufer“ zum versehen. Und tatsächlich hätte sich das angeboten: Thierry Constantin war nämlich in seiner Jugend einer der besten Langstreckenläufer der Schweiz. Mit einer Zeit von 2 Stunden, 14 Minuten und 7 Sekunden wurde er 1993 Schweizermeister – eine Zeit, die übrigens immer noch die beste je an einer Schweizermeisterschaft gelaufene ist. Und er ist auch dreifacher Weltmeisterschaftsteilnehmer (Marathon, Halbmarathon und Cross-Country).

Thierry Constantin: Präzision, Gefühl, Ausdauer! Auch als Winzer Spitze! (Foto: Sedrik Nemeth, zvg)

Mit seiner Marathon-Bestzeit war er anfangs der 1990er Jahre ganz nahe an der Weltspitze, der Weltrekord lag damals nur rund 8 Minuten oder 6 % darunter. Mir scheint es nicht vermessen zu behaupten, dass Thierry in seiner zweiten Karriere als Winzer und Oenologe erneut zur Weltspitze gehört und der Abstand zum „Weltrekord“ nicht grösser ist!

Accueil – Thierry Constantin

Ach ja, und Übrigens: Solche Werbeaussände wie nachstehend erhält man manchmal von Thierry Constantin! Eben, ein Winzer wie ein Künstler – ein Gesamtkunstwerk. Nur schon deshalb lohnt es sich, auf seiner Kundenkartei zu stehen 🙂

Foto Sedrik Nemeth, zvg

Ah – ça lui plaît. Grosse Weine von der Loire!

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Château de Villeneuve bei Saumur. Grossartige Loire-Weine! (Bild vl)

Es gibt Weingebiete, die ungerechterweise ein Schattendasein fristen. Dazu gehören leider die Rebbaugebiete der mittleren und unteren Loire. Dabei sind viele der hier produzierten Weine grossartig. Für meinen Geschmack gilt dies vor allem für Weissweine aus der Chénin Blanc-Traube. Auch diese ist absolut zu Unrecht verkannt und kann absolute Weltspitze sein. Mich erinnert sie in vielem an Riesling, schon im Geschmack, aber auch darin, dass sie trocken, mit dezenter Restsüsse und auch mit Edelsüsse wundervoll sein kann. Chardonnay hin, Sauvignon Blanc her, ich halte Riesling und Chénin Blanc für die tollsten weissen Rebsorten. Vielleicht muss ja die Chénin Blanc zuerst den Umweg über Südafrika, wo immer tollere Weine aus dieser Sorte gedeihen, nehmen, um in Europa ernst genommen zu werden?

Heute aber geht es um einen Rotwein, und hier ist an der Loire die Hauptsorte Cabernet. Aber eben nicht Cabernet-Sauvignon, sondern Cabernet Franc. Und auch diese Rebsorte hat es in sich. Auf guten Terroir gewachsen und sorgfältig gekeltert bringt sie charaktervolle, elegante und fruchtige Weine hervor, die in der Jugend fruchtig-erfrischend sind und im Alter wie Samt und Seide die Kehle herunterrinnen.

Ich erinnere mich an ein Nachtessen im „Bistrot de la Place“ in Saumur. Ich wählte einen 12-jährigen Saumur-Champigny und fragte beim Kellner bewusst nach, ob der Wein wirklich noch trinkbar sei. Und wie er trinkbar war! Voller Jugend, voller Finesse – ein Cabernet Franc vom Besten! Und meine Erfahrung inzwischen ist: Gute Cabernet Franc von der Loire muss man entweder jung trinken, dann machen sie mit viel Frucht und Frische Freude, oder dann erst wieder nach 8 und mehr Jahren. (Sofern sie dieses Potential haben, natürlich).

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Saumur an der Loire, Ausgangspunkt für Touren in der Appellation „Saumur Champigny“. (Bild vl)

Die besten Cabernet Franc stammen aus den beiden vergleichsweise bekannten Appellationen Chinon und Bourgeuil, eigentlich das gleiche Gebiet, nur das erste südlich, das zweite nördlich der Loire. Oder eben, Saumur-Champigny, rund um die Stadt Saumur gelegen und, vor allem in Sachen Rotwein, in einem unterschätzten Grossgebiet ein unterschätztes Teilgebiet.

Der Wein, von dem ich heute schreibe, ist der Saumur-Champigny von Château de Villeneuve, wenige Kilometer östlich von Saumur hoch über der Loire. Heute Abend geöffnet haben wir den „Vieilles Vignes“ 2009:

Dunkles, etwas gereiftes Rot, in der Nase ein Feuerwerk von Blaubeeren, Cassis, Nelken, Vanille und Oregano; im Mund noch gute Säure, extrem feine, zurückhaltende Tannine, elegant. Im Abgang interessanterweise im ersten Moment eher kurz, und dann plötzlich ganz weit hinten im Gaumen unendlich lang. Ein wunderbar gereifter, aber noch voll präsenter Wein. Grossartig!

Die Basisweine des Gutes sind übrigens allesamt auch empfehlenswert. Ein besonderer Tipp aber schon hier, obwohl ich auf weisse Loire-Weine sicher später noch zurückkomme: der weisse „les Cormiers“ des Schlosses ist grossartig und lohnt eine Entdeckung. Wie meinte die Seniorchefin des Schlosses, als ich ihn degustierte: „ah, ça lui plaît“. Ja, die alte Madame konnte mein Gesicht lesen.

http://www.chateau-de-villeneuve.com/le-chateau/fr

Bezugsquelle Schweiz:
www.divo.ch

Nachtrag: Zum Thema „running gag“: Ja, das Gut hat inzwischen auf Bio umgestellt!