Weinwunderland Nord-Mazedonien: Grossartige Weine!

Haben Sie schon einmal einen Wein aus Nordmazedonien getrunken? Offen gesagt, ich bis zur wenigen Tagen nicht. Um so schöner die Entdeckung, dass hier grossartige Gewächse gedeihen, die nach mehr rufen!

Nordmazedonien war mir bisher nur als südlichster Teil von Ex-Jugoslawien bekannt, und als landschaftlich sehr reizvolle Gegend gemäss Schilderungen von Bekannten. Aber Wein? Nie gehört, nie getrunken – und viel verpasst!

Manchmal braucht es einfach Glück, um zu einer Neuentdeckung zu kommen. In der Schweizer FB-Weingruppe „Weinfreunde Schweiz“ (die ich sehr schätze, weil auf hohem Niveau diskutiert wird – qualitativ und bezüglich Anstand), wurden in einem Post drei Personen gesucht, welche zwei Weine aus Nordmazedonien probieren möchten. Ich habe mich spontan gemeldet und mir später auch noch drei weitere Weine dazu empfehlen lassen.

Inzwischen habe ich alle Weine probiert und genossen, und das Fazit: völlig unerwartet umwerfend gut!

Temjanika, Special select 2020, Tikveŝ Winery (Temjanika = Muscat blanc)
Helles Gelb; Zitrus- und Muskatdüfte; erfrischende Säure, schöne Substanz, auch im Mund sehr fruchtbetont, leichter Bittertouch im mittleren Abgang. Wirkt wie eine schöne Assemblage aus Sauvignon blanc und Müller Thurgau. Erfrischender, erfreulicher Wein, der Spass macht. 16 Punkte (= gut am oberen Ende der Skala).

Domaine Bela Voda white, 2019, Tikveŝ Winery (Grenache blanc und Chardonnay)
Helles Gelb; Duft nach weissem Pfirsich, weissen Johannisbeeren und Aprikosen, spürbare Holznote, aber ohne das geringste Toast-Aroma; im Mund sehr elegant, sehr dicht, aber nicht breit, schöne Säure, mit „feurigem“, sehr langem Abgang, trotz hohem Alkoholgehalt ist dieser kaum spürbar. Toller Wein im burgundischen Stil. 18 Punkte (= ausgezeichnet).

Domaine Barovo red, 2017, Tikveŝ Winery (Vranec und Kratosija)
Mittleres bis dunkles Purpur; intensive dunkle Frucht (Pflaumen, Dörrzwetschen, Brombeer), Anflug von Tabak; enorme Frische im Mund, viel Tannin und gute Säure, „feurig“ aber nicht brandig, mittlerer Abgang. Trotz enormem Power mit viel Eleganz und Finesse ausgestattet, würde sich neben fast allen Châteauneuf-du-Pape sehr gut machen. 17,5 Punkte (= ausgezeichnet).

Dioniz, 2016, Dalvina Winery, Vranec Barrique (autochthone Sorte)
Dichtes Purpur; Duft nach Dörrpflaumen, getrockneten Aprikosen und schwarzen Kirschen, Wacholder und Heidelbeeren; im Mund dichter Körper, saftig-fruchtig, vollgepackt mit feinen Tanninen, langer, eleganter Abgang. Hat 15,2 % Alkohol, was man aber kaum merkt! Toller Wein, der auch an die Rhône erinnert, aber mit seiner elegant-kühlen Seite auch einen Touch eines Loire-Cabernets aufweist. Toller Wein, 17,5 Punkte (=ausgezeichnet)

Die überzeugenden Weine aus Nord-Mazedonien. Viermal von Tikveŝ, einmal von Dalvina. Den roten Bela Voda (Vranec und Plavec) in der Mitte habe ich nicht beschrieben, er hatte leider einen Korkschmecker. Aufgrund seiner enormen Substanz im Mund ist er aber ohne Zweifel genau so empfehlenswert.

Auch wenn hierzulande Weine aus Nordmazedonien kaum bekannt sind, so haben sie doch eine sehr lange Geschichte. Rebbau wird hier schon rund 3’000 Jahren betrieben, und das Land kann in Sachen Weinkultur mit dem benachbarten Griechenland durchaus mithalten. Aus der jüngeren Zeit mit der Zugehörigkeit zu Jugoslawien freilich lässt sich nicht viel berichten, ausser, dass der damalige Gliedstaat Mazedonien rund 65 % allen Weins von ganz Jugoslawien lieferte, wenn offenbar auch nur als Massenware.

Inzwischen sind auch weintechnisch wieder bessere Zeiten angebrochen. Auf heute rund 30’000 Hektar (noch 2010 wurden nur 22’000 ha angegeben) wird heute Wein produziert. Und wenn ich auch nicht für die Masse reden kann – an der Spitze, wie hier degustiert, sind die Nordmazedonier tatsächlich – eben, Spitze! Zudem verfügt das Land mit diversen autochthonen Sorten über einen richtigen Schatz an Varietäten. Am bekanntesten ist die Vranec, welche im Land als spontane Kreuzung aus der Kratosija hervorgegangen ist, welche wiederum mit der Zinfandel bzw. Primitivo identisch ist. Mir will allerdings aufgrund der drei probierten, ganz oder teilweise aus Vranec vinifizierten Weine scheinen, dass die Kreuzung einen qualitativen Sprung noch oben ermöglichte. Wenn es denn stimmt, soll Vranec übrigens „wilder Hengst“ bedeuten – passen würde es!

Gemäss Wikipedia gibt es inzwischen wieder rund 40 private Kellereien im Land. Die grösste davon ist jene, die hier vier Weine zur Degustation beisteuerte: Tikveŝ. Sie besitzt selbst rund 1’000 Hektar Reben und hat für weitere 5’000 Hektar Verträge mit den Winzern. Somit wird rund ein Fünftel des Weines aus Nordmazedonien von diesem Betrieb hergestellt. Tikveŝ scheint mir einer der besten Beweise dafür, dass sich Grösse und Qualität nicht ausschliessen müssen. Mit Bela Voda und Barovo sowie Lepovo werden Spitzenweine im Domaine-Prinzip produziert.

Das Weinbaugebiet der Domaine Barovo: auf 800 m Höhe und von Bergen geschützt. (Bild zvg)

Tikveŝ hat sich aber auch den Rat des französichen Spitzen-Oenologen Philippe Cambie (2010 Oenologe des Jahres bei Parker) gesichert, und Cambie wird heute zu Tikveŝ mit den Worten zitiert; „we explore the old vineyards to discover wines that cannot be created anywhere else in the world“. Aber auch Marko Stojakovic, der Chef-Oenologe vor Ort, ist, obwohl noch jung, mit vielen Wassern (sorry, Weinen) gewaschen. So arbeitete er etwa auf Château Palmer in Margaux und Vieux Télégraphe in Châteauneuf-du-Pape. Aber ihn reizte schliesslich die Herausforderung in Nordmazedonien mehr als eine Karriere auf international schon bekannten Weingütern.

Dalvina wiederum ist ein sehr junges, erst 2007 gegründetes Unternehmen, das aber auch schon etwa 800 Hektar Reben sein eigen nennt. Die Winery ist top-modern ausgerüstet, und angesichts des Textes auf der Website „bei jedem Vinifikations-Schritt verfügen wir über die modernsten Ausrüstungen“ könnte man fast Angst vor „Technokraten-Weinen“ erhalten. Aber zumindest der hier probierte wilde Hengst (Vranec) Dionys wirkt überhaupt nicht so. Der Wein hat Persönlichkeit und Charakter.

Für den Moment bleibt eine sehr grosse Freude darüber, aus einem unbekannten Land wirkliche Klasseweine kennengelernt zu haben. Für die Zukunft macht diese Entdeckung Lust auf mehr – und ein Verlangen, das Land dereinst auch mal zu bereisen und die Betriebe zu besuchen!

http://www.tikves.com.mk

https://www.dalvina.com.mk/

Bezugsquelle Schweiz:
https://www.fino-vino.ch/


Die beiden „Bela Voda“ wurden dem Autor gratis, aber ohne jede Verpflichtung zur Verfügung gestellt (vgl. Einstiegstext). Die anderen Weine wurden anschliessend auf ordentlichem Weg käuflich erworben.

Südliche Rhône in Bio und Subskription: La Bastide Saint Dominique überzeugt in rot und weiss!

Einen Steinwurf ausserhalb der Appellation Châteauneuf-du-Pape gelegen, überzeugt ein Bio-Weingut seit einiger Zeit mit hervorragender Qualität – gerade auch beim Châteuneuf. Und trotzdem kennt es hierzulande kaum jemand. Noch wenige Tage gibt es die Weine bei einer kleinen Weinhandlung in „Subskription“ zu spannenden Preisen.

Ich hatte in meinem Blog schon einmal zur Bastide Saint-Dominique berichtet: über den hervorragenden „Pignan“, den es – weil es eine Lagebezeichnung ist – eben nicht nur von Château Rayas gibt.
Pignan ≠ Pignan – in jedem Fall aber eine Spitzenlage in Châteauneuf-du-Pape! – Victor’s Weinblog

In der Zwischenzeit habe ich auch den 2017-er gekauft und verkostet, und für mindestens ebenso begeisternd empfunden. Da gibt es – wenn auch nicht mehr „billig“ – ein echtes, unbekanntes Bijou in Châteauneuf! Gleiches gilt, eine Qualitäts-, aber drei Preisklassen darunter, auch wieder für den tollen roten Cairanne!

Ich weise aber heute, getreu meinem Motto „alles ausser gewöhnlich“, speziell auf die Weissen des Gutes hin. Ich mag den Ausdruck „Preis-/Leistungsverhältnis“ für Wein eigentlich überhaupt nicht, aber wenn ein Wein so speziell gut und gleichzeitig preiswert ist wie der weisse Côtes du Rhône 2019 von Bastide Saint Dominique, dann darf man diese Formulierung mit gutem Gewissen einmal verwenden:

Côtes-du-Rhône blanc, 2019 (Viognier mit Grenache blanc und Clairette)
Mittleres Gelb mit leicht rötlichen Reflexen; intensive, spannende, aber nicht aufdringliche Fruchtnoten nach Quitten, Bananen, MIrabellen und Aprikosen; im Mund kräftig und dicht, gleichzeitig aber mit schöner Säure und leichtem Bittertouch sehr ausgewogen, sehr mineralisch. langer Abgang; kräftiger, feuriger Wein, der aber auch eine für einen südlichen Wein unglaubliche Frische mitbringt. 16,5 Punkte (und das bei CHF 12.50!). (= sehr gut)

Châteauneuf-du-Pape blanc 2019 (Grenache blanc, Clairette, Roussanne)
Ziemlich blasses Gelb; Quitten, grüner Apfel, Lindenblüte, sehr würzige Töne; voluminös, spürbarer Alkohol, aber absolut nicht brandig, eher mässige Säure, aber mit ausgeprägter mineralischer Frische. Sehr langer Abgang. Braucht noch etwas Reifezeit. 17 Punkte (= sehr gut).

Stimmungsbild aus der südlichen Rhône. Reben im Winter, „nostalgische“ Aufnahme aus dem Jahr 1989.

Diverse Wein, auch die beschriebenen, sind aktuell, aber nur noch bis am 6. April 2021, in Subskription erhätlich bei:
Suchergebnisse für „vorverkauf“ – VINOTTI

La Bastide Saint Dominique (bastide-st-dominique.com)

Anmerkung zum Thema „Bio“: Die Weine sind ab Jahrgang 2019 nicht mehr mit dem Label versehen. Grund dafür ist, dass der Winzer im „Pilzjahr“ 2018 zusehen musste, wie die Trauben und Reben leiden. Er möchte sich deshalb für solche Jahre vorerst eine Hintertüre offen halten. Somit sind die Weine vorerst zwar weiterhin naturnah und in normalen Jahren auch nach den Bio-Prinzipien produziert, nicht aber zertifiziert.