Weine aus Zypern: weit mehr als ein Ferienflirt!

Eigentlich ist es verrückt: Zypern kann geschichtlich auf eine über 6’000 Jahre alte Weinbaugeschichte zurückblicken. Aber aktuell fristen die Weine von der Mittelmeer-Insel in Mitteleuropa immer noch ein Mauerblümchendasein. Völlig zu Unrecht!

Mara: Vielleicht hatten Sie ja in den Sommerferien auf Zypern gerade einen kleinen Flirt mit der Inselschönheit? Nun gut, Mara heisst eigentlich Maratheftiko und ist eine Rebsorte. So wie Xynisteri oder Yiannoudi und diverse weitere, autochthone Sorten.

Dass die Weine von der Ferieninsel bei uns kaum bekannt sind, ist geschichtlich gesehen allerdings kaum verwunderlich. Ein rundes Jahrhundert lang produzierte man hauptsächlich Massenwein für den englischen und zweitweise auch den französischen (!) Markt. Gemäss Wikipedia wurden in den 1960er-Jahren in England 13,6 Mio, Liter zyprischer Wein konsumiert, u.a. auch „Sherry“ von der Insel. Die Massenproduktion soll 1968 gar im Versuch gemündet haben, Wein wie Rohöl in einer Pipeline auf Schiffe zu verladen!

Die Zeiten sind vergangen, heute besinnt sich Zypern auf sein Wein-Kulturerbe und in den meisten Fällen auch auf Qualität. Und eben auf unikate Rebsorten wie die Inselschönheit Mara. Trotz allem haben es auch internationale Sorten auf die Insel geschafft, insbesondere Syrah, Cabernet Sauvignon, Carignan, Grenache und Viognier – was für das Mittelmeer-Klima ja nicht so verwunderlich ist.

Von wegen „die höchstelegenen Weinberge Europas liegen im Wallis“: In Zypern wird Weinbau bis in eine Höhe von 1’500 m.ü.M. betrieben! (Bild zvg)

Trotzdem, was die Weine aus Zypern so aussergewöhnlich macht, sind wirklich die autothonen Sorten. Damit wird eine enorme Eigenständigkeit erreicht. Gleichzeitig sind Mara und Co. in ihrem Aufteten aber auch nicht so abseits des europäischen Geschmacks, dass sie zu gewöhnungsbedürftig wären. Ich bin überzeugt, man darf den Weinen aus Zypern eine grosse Zukunft (wenn auch in einer Nische) des europäischen Weinmarktes voraussagen. Und wer als Weinfreund das nicht einmal – mit mehr als einem Flirt – probiert, hat eine Erfahrung verpasst.

Degustationsnotizen:

Parade toller Weine aus Zypern – eben, weit mehr als ein Ferienflirt!

Alátes 2019
Vlassides Winery, Rebsorte Xynisteri
Helles Gelb; zurückhaltende Nase mit feinen Nuancen von Zitrus, Rebenblüten und Mandeln; knackige, erfrischende Säure, knochentrocken, im Mund fruchtbetont-saftig, mittlerer Abgang. Süffiger Ferienwein der schönen Art. 15,5 Punkte (gut).

Petritis 2019
Kyperounda Vinery, Rebsorte Xynisteri, gewachsen auf 1’400 m
Helle Gelb; frischer Duft nach Apfel, Zitrus, weissen Pfirsich und Aprikose, wirkt, als wäre etwas Holz im Einsatz gewesen; im Mund sehr frisch, wirkt leicht tanninhaltig (?), schöne Säure gepaart mit einem leichten, erfrischenden Bitterton, mittlerer Abgang, von Aprikosenaroma geprägt. Schöner, eigenständiger, erfrischender Wein. 16 Punkte (am oberen Ende der Skala gut).

Xynisteri 2020
Zambartas Wineries, Rebsorte Xynisteri
Helles Gelb, Duft nach grünem Apfel und Stachelbeeren, auch Anflüge von Holunderblättern; sehr frisch, fruchtbetont, leichter, schöner Bittertouch, erstaunlich dichter Körper, sehr mineralischer Abgang. Süffig, aber keineswegs harmlos. Sehr spannender Wein, der mehr als nur eine Abwechslung im mitteleuropäischen Weisswein-Eintopf. (16,5 Punkte = sehr gut).

Omiros 2015
Aes Ambelis Winery, Rebsorte Maratheftiko
Mittleres Rot, mit leichten Brauntönen; Boskoop-Apfel (leicht oxydativ), etwas medizinal, Rosinen; stark adstringierend und leicht trocknend im Mund, schöne Säure, kräftig und druckvoll opulent. Wein mit schönen Ansätzen, aber vielleicht hat man hier fast zuviel gewollt.
Ist quasi ein „Flaggschiff“, was auch mit einer Flasche ausgedrückt wird, die auch leer noch schwerer wirkt als andere voll. Wird viele Liebhaber gewinnen, mir persönlich ist er zu rustikal und „gemacht“. Bin gespannt auf andere Jahrgänge. 15 Punkte (knapp gut)

Shiraz – Lefkada 2018
Zambartas Wineries
Mittleres bis dunkles Purpur; würzig und fruchtig, Thymian, Wacholder, Dörrpflaumen, Brombeeren, etwas Lakritze; im Mund ausgewogen, „saftig“, viele feine Tannine, gute Säure, kraftvoll, im Abgang mit leicht süsslichem Fruchttouch, gelungener Wein. Blind würde ich auf Südafrika tippen. 16,5 Punkte (sehr gut).

Yiannoudi 2016
Vouni Panayia Winery, Rebsorte Yiannoudi, gewachsen auf 1’000 m
Mittlere Rubin, Duft nach Rosinen und Lorbeer; kräftige Tannine, schöne Säure, leichter Bittertouch, strotzt vor Kraft, hat aber trotzdem eine gewisse Elegant und wirklich nicht breit, fast unendlich langer Abgang. Eigenständiger, spannender Wein. 16,5 Punkte (sehr gut).

Maratheftiko 2019
Zambartas Wineries
Mittleres Purpur; intensiver, sinnlicher Duft nach dunklen Kirschen, Brombeeren und Thymian, leichter Anflug von Tabak und Zedernholz (dabei lagerte er in Eiche ….); sehr feine Tannine, gut stützende Säure, bei aller Kraft eher auf der eleganten Seite, sehr langer Abgang. Noch sehr jugendlich, dürfte sich in 1-2 Jahren noch schöner zeigen. 16,5 Punkte (sehr gut).

Oroman 2017
Vlassides Winery, Rebsorte Yiannoudi mit kleinem Anteil Shiraz
Dunkles Purpur; Brombeer, Heidelbeer, Kirschen, Zimt, Vanille; schöne Säure, vollgepackt mit feinen Tanninen, kraftvoll und doch auch elegant, spürbares, gut eingebundenes Holz, im langen Abgang Alkohol etwas spürbar. 17 Punkte (sehr gut).


Genialer Süsswein!

Eine Geschichte für sich: Die Commandarias

Die Commandarias aus Zypern sind wahrscheinlich die ältesten Süssweine der Welt und sollen bereits in der Antike, 700 Jahre vor Christi, hergestellt worden sein. Wie auch immer, die Commandaria, die ich probieren konnte, ist schlicht umwerfend! Diese Spannung im Wein, diese unglaublich elegante Balance zwischen einer schönen, aber nicht überladenen Süsse und einer stützenden Säure und viel Frische! Umwerfend!

Ich gehe heute nur mit dieser Degustationsnotiz darauf ein und werde später einen separaten Artikel dazu schreiben. Aber dafür muss ich mir zuerst die besten Malagas, Madeiras und Marsalas zum Vergleich besorgen. Ich bin überzeugt, dass diese Commandaria mit allen mithalten kann!

Commandaria St. Nicholas 2017
Etko Ltd., Rebsorten Mavro und Xynisteri
Mittleres Malaga-braun; ein ganzer Duftladen in der Nase: Rosinen, Zimt, Nelken, aber auch exotische Früchte und sehr dezent Anflüge von Caramel; im Mund dezente Süsse bei gleichzeitig schöner Säure, wirkt dadurch sehr ausgewogen, frisch und rund, Alkohol ist in Form einer „Feurigkeit“ merkbar, keine Spur von Brandigkeit. Fast nicht endend wollender Abgang, in dem sich wiederum Süsse und Säure wunderbar die Waage halten. Von A-Z reintönig und umwerfend gut. 18 Punkte (mindestens!).

Bezugsquelle Schweiz:

Startseite – Paphos-Weine GmbH (paphosweine.ch)

Und die Links zu den Weingütern:
Vlassides Winery
Αρχική – Kyperounda Winery
Zambartas Wineries – Zambartas Wineries
Home – Aes Ambelis
Home | Vouni Panayias Winery (vounipanayiawinery.com)
Welcome to : ETKO WINES


Diolle: Die Auferstehung…

… einer Rebsorte!
Diolle? Nie gehört? Kein Wunder, denn sie galt seit 1903 als verschwunden. Hier die wunderbare Geschichte einer Auferstehung!

Auferstanden (hier aus weisser Gruft): die Rebsorte Diolle!

Diolle, das war eine Traubensorte aus dem Wallis, die 1654 erstmals unter dem Dialektnamen „Jiolaz“ in der Region Sion erwähnt wurde. Sie galt als sehr säurebetont, mit eher neutralem Charakter und fäulnisanfällig. Wohl deshalb verschwand diese Sorte – 1903 gilt als ihr Sterbedatum. Eigentlich.

Bloss: 2005 meldete sich der inzwischen verstorbene Winzer Germain Héritier aus Granois beim „Weinsortenprofessor“ José Vouillamoz: Er hatte zwei unbekannte Rebstöcke in seinem Rebberg entdeckt und wollte wissen, um welche Sorte es sich handeln könnte. Das DNA-Profil passte zu keiner bekannten Rebsorte. Ein „Vaterschaftstest“ hat dann ergeben, dass es sich um ein Kind der „Rèze“ handelt. Weitere Forschungen von José Vouillamoz haben dann zweifelsfrei ergeben, dass diese beiden Reben die ausgestorben geglaubte Sorte „Diolle“ darstellen. Mehr dazu siehe im Standardwerk von José Vouillamoz über Schweizer Rebsorten, vgl. hier: https://victorswein.blog/2018/09/04/schweizer-weinbuch-des-jahres-schweizer-rebsorten-von-jose-vouillamoz/

So richtig spannend wird die Geschichte aber erst jetzt. José Vouillamoz war vom Potential der wiederentdeckten Sorte überzeugt und konnte mit Didier Joris eine Referenz im Walliser Weinbau für eine Zusammenarbeit gewinnen. 2013 wurde in Chamoson auf 3 Aren eine Anlage mit Diolle neu angelegt. Allein – die erste Auferstehung der Diolle misslang: Die Wahl der Unterlage erwies sich als schlecht, und alle Pflanzen verendeten.


(Zur Unterlage: Seit dem Einschleppen der Reblaus in Europa im vorletzten Jahrhundert können europäische Reben nur noch gedeihen, indem sie auf amerikanische Unterlagen (Wurzelstock) aufgepfropft werden, weil diese gegen die Reblaus resistent sind. Die Wahl der richtigen Unterlage ist eine inzwischen ziemlich bekannte Wissenschaft; es geht darum, die für eine bestimmte Rebsorte ideale Unterlage in Verbindung mit dem jeweiligen Boden zu finden. Bei der Diolle fehlte aber natürlich diese Erfahrung.)


Im zweiten Anlauf, einer Neupflanzung 2015, wurde die Auferstehung aber Tatsache. 2017 konnten 8 Kg Trauben geerntet werden, welche 6 Flaschen Wein ergaben. Und 2018 folgte die erste richtige Ernte – 144 Flaschen der auferstandenen Rebsorte wurden produziert.

Ich hatte das Glück, eine dieser Flaschen erwerben zu können. Und rechtzeitig zu Pfingsten habe ich diesen „Auferstehungswein“ nun degustiert:

Helles Gelb mit leichten Orangereflexen; in der Nase verhalten, leichte Aromen von Stachelbeeren, Lychees und Südfrüchten; im Mund mit prägnanter Säure, feingliedrig bei gleichzeitig erstaunlicher Dichte, mineralisch, mit einem überaus langen Abgang. Ein erfrischender, noch zu junger Wein mit – vermutlich – sehr viel Alterungspotential.

Vom Glück, eine von 144 Flaschen des ersten Jahrgangs probieren zu dürfen!

Dieser Wein hat mich begeistert. Und es war auch richtig berührend. Wer hat schon die Chance, den ersten „richtigen“ Jahrgang eines eigentlich verschollenen Weines probieren zu können! Wir haben ihn anschliessend fast ehrfürchtig zu Fisch und Spargel genossen. Ein grossartiges Erlebnis! Ich weiss nicht, ob ich blind wirklich darauf gekommen wäre. Aber im Wissen darum, was ich im Glas habe, erinnerte mich die Diolle an andere Walliser Spezialitäten, Rèze (logisch!), Himbertscha, Gwäss, Petite Arvine.

Wie soll man diese Diolle denn nun einordnen? Persönlich glaube ich, dass diese auferstandene Rebsorte von sich reden machen wird. Gerade ihre Säure wird sie in Zeiten der Klimaerwärmung spannend machen, und ihre zurückhaltende, aber doch klare Aromatik lässt sie ein Terroir genial ausdrücken. Meine Prognose: Diolle wird mit den Jahren zu einer Walliser Spezialität, die geschätzt und gesucht sein wird!

Den drei hauptsächlich an dieser Auferstehung beteiligten Personen, Germain Héritier (der die Sorte entdeckt hat), José Vouillamoz (der sie analysiert und bestimmt hat) und Didier Joris ( der sie an- und ausgebaut hat) gilt jedenfalls meine Hochachtung.

Zwei der drei Protagnonisten der Diolle im Comic: Didier Joris, Winzer (links) und José Vouillamoz, „Rebsortenprofessor“ (rechts)

Die Lancierung des „neuen“ Weins wurde auch marketingmässig begleitet. Die Diolle wurde in einer weiss gestrichenen Holzbox geliefert (den Duft nach Farbe habe ich nicht so geschätzt, und zudem wäre schwarz, als Symbol für die Gruft, aus der die Diolle entstiegen ist, wohl naheliegender gewesen), und es wurden gar zwei gut gemachte Comics mitgeliefert, welche die Entstehung dieses Weins illustrieren. Man mag von diesen Marketinggags und vom Preis des Weines in dreistelliger Höhe halten was man will – die neue Diolle ist jedenfalls grossartig gelungen und ein Versprechen für die Zukunft!

http://www.didierjoris.ch/website/nos-vins/diolle/
http://www.josevouillamoz.com/

Sollten wir uns merken: die auferstandene Diolle!

Amigne: Walliser Rarität mit enormem Potential

Amigne, das tönt schon so liebevoll. Und der Wein aus dieser Sorte ist es auch. Sei es in der trockenen Variante, wo eine Amigne sanft, aber mit viel Tiefgang über die Kehle rinnt, sei es in süsser oder halbsüsser Variante, in der liebliche Weine im besten Sinn des Ausdrucks entstehen.

Eine Rarität ist eine Flasche Amigne auf jeden Fall: Die Sorte wird nur auf rund 43 Hektar angepflanzt und kommt praktisch ausschliesslich im Wallis vor. Der grösste Teil der Flächen befindet sich in Vétroz, etwas westlich von Sion.

vetroz
Walliser Reblandschaft bei Vétroz, der Hochburg der Amigne

Lange Zeit war man der Ansicht, bei der Amigne handle es sich um eine antike Traubensorte. Der Schweizer Spitzen-Ampelograph José Vouillamoz konnte aber per DNA-Analyse nachweisen, dass die Amigne ihren Ursprung im Wallis hat – es handelt sich also um eine der wenigen wirklich autochthonen Sorten des Tals!
Wer sich für die Arbeit von José Vouillamoz interessiert, hier der Link: (Der Besuch der Homepage lohnt sich übriges schon der herrlichen Bilder auf der Startseite wegen!)
http://www.josevouillamoz.com/

Erfreulicherweise befindet sich auch diese Rarität im Aufschwung. Immer mehr Winzer besinnen sich darauf, dass Spezialitäten auf lange Frist wohl einen besseren Absatz haben als austauschbare internationale Sorten. Die Winzer von Vétroz sind sogar noch einen Schritt weitergegangen und haben die Amigne zu ihrem eigentlichen Imageträger gemacht.
http://www.amigne.ch/de/amigne.html.

Auf unserer Degustationstour im Mai konnten wir bei vier verschiedenen Winzern in resp. nahe Vétroz Amigne probieren, und alle haben überzeugt (Cave la Madelaine, Cave les Ruinettes, Cave du Vieux-Moulin und Domaine Thierry Constantin) – auch wenn ich persönlich selbst bei nur leicht restsüssen Weinen halt nie wirklich ins Schwärmen komme.
(Links zu allen vier Winzern siehe oben, http://www.amigne.ch, unter „Erzeuger“)

Auch der grösste Weinhändler der Schweiz „kann“ Amigne, und wie!

Dass die Grösse eines Weinhauses kein Hindernis für sehr guten Wein sein muss, beweist die Amigne von Maurice Gay (wie übrigens auch immer wieder die Weine der Walliser Genossenschaft Provins, dem grössten Schweizer Weinproduzenten). Das Weinhaus Gay wurde 1883 gegründet, gehört aber heute zur Schenk-Gruppe, dem grössten Schweizer Weinimporteur und Weinhändler. Die Weine von Maurice Gay werden aber weiterhin unter dem eigenen Namen geführt (wie es überhaupt ein Erfolgsrezept von Schenk zu sein scheint, die vielen Güter eigenständig beibehalten zu haben). Gay ist in Chamoson beheimatet und verarbeitet die Trauben von rund 400 Winzerfamilien aus dem Wallis, die gesamthaft etwa 250 Hektar Reben bearbeiten. Dazu kommen Trauben aus 20 Hektar in eigenem Besitz.

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Die Amigne aus der Produktelinie „valais d’or“, die ich als Einzelflasche versuchsweise gekauft hatte, überzeugt total:
Duft nach Lindenblüten und Feuerstein, floral und in der Nase süsslich wirkend, im Mund mit ausgeprägtem Süsskomplex, aber trocken, eher tiefe Säure, enorm mineralisch, sanft und rund, mit fast nicht enden wollendem Abgang. Ein absolut toller Wein!

https://www.mauricegay.ch/