Alkoholfreier Schaumwein von Thomson & Scott: Nüchtern betrachtet erstaunlich gut!

Alkoholfreier Wein? Das war für mich bis vor Kurzem ziemlich undenkbar. Zwar habe ich inzwischen einige sehr gute Biere ohne Alkohol kennengelernt, aber Wein? Nachfolgend zwei Schaumweine, die zum Umdenken anregen.

In der „NZZ am Sonntag“ vom 10. April 2022 erschien ein Artikel, der kein gutes Haar am Alkohol lässt und ihn zusammen mit Asbest und Tabak in die Gruppe 1 der karzinogenen Stoffe einreiht. Schon geringe Mengen seien schädlich, und es wird eine Studie zitiert, gemäss der die These, dass kleine Mengen Alkohols gesundheitsförderlich seien, zu den Akten zu legen sei.

Dass Alkohol per se schädlich ist, dürfen auch der grössten Weinfreunde in nüchternem Zustand nicht bezweifeln. Immerhin scheint der Autor des erwähnten Artikels aber wirklich nur nach schlechten Nachrichten gesucht zu haben. Diverse Studien, die bei massvollem Genuss von Wein einen positiven Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachwiesen, werden etwas gewagt mit der These abgetan, sie litten an methodischen Schwächen, weil der Alkoholkonsum mit anderen Faktoren korreliere und beispielsweise die Gruppe der gemässigten Geniesser auch anderweitig zum Masshalten neige – mithin also einen generell gesünderen Lebensstil pflege als die Durchschnittsbevölkerung.

Wie dem auch sei, als Winzer würde mich die Entwicklung beunruhigen. Persönlich rechne ich damit, dass der Alkohol in den nächsten Jahrzehnten noch vermehrt in den Fokus des Gesundheitspolitiker gelangen wird – ganz grundsätzlich ja wohl auch zu Recht.

In diesem Kontext kam mir eine Anfrage gerade gelegen, ob ich zwei alkoholfreie Schaumweine, die wirklich mit Genuss getrunken werden könnten, probieren würde. Weil ich allerdings aufgrund länger zurückliegender, schlechter Erfahrungen sehr skeptisch war, betonte ich die Selbstverständlichkeit ganz speziell, dass ich nur darüber schreiben würde, wenn ich tatsächlich selbst überzeugt sei.

Nun, nach dem Degustieren ganz nüchtern: Ja, die Weine sind gut und eine echte Alternative! Freilich können sich beide nicht mit grossen (oder auch nur durchschnittlichen) alkoholhaltigen Gewächsen messen, und beide weisen einen zwar nicht störenden, aber doch etwas speziellen Geschmack in Richtung essigsaurer Tonerde auf.

Aber ich habe beim Rosé die Probe auf’s Exempel gemacht und einen billigen Champagner aus dem Supermarkt gegenübergestellt (der aber deutlich teurer ist als der alkoholfreie Schaumwein). Während der Champagner zwar mehr Körper und die feinere, anhaltendere Perlage aufwies, war der Thomson & Scott fruchtiger und „sauberer“ (der Supermarkt-Champagner wies unangenehme Noten von saurem Most und leicht fauligem Apfel auf).

Das Resultat: Ich habe den ganzen Abend recht genossvoll alkoholfrei getrunken, und das wäre auch so gewesen, wenn ich danach nicht noch Auto gefahren wäre.

Bitte verstehen Sie mich jetzt richtig: Selbstverständlich ziehe ich grundsätzlich weiterhin einen renommierten alkoholhaltigen Schaumwein vor, an dieses Niveau kommen die Thomson & Scott nicht heran. Aber als Alternative für Momente, in denen man ohne Alkohol bleiben will oder muss, sind diese beiden Weine durchaus eine echte Option.

Die Degustationsnotizen:

„Nougthy“, Thomson & Scott, Chardonnay sparkling, alcohol free
Mittleres Gelb mit leichten Rotreflexen; in der Nase fruchtig, u.a. weisser Pfirsich, und leicht grüne Töne; im Mund schlank aber ausgewogen, erfreulich trocken wirkend (2,9 g Restzucker), spürbare Säure, wenig und schnell zusammenfallende Perlage. Im Abgang Anflug von Hefetönen und ein Touch essigsaure Tonerde. Den fehlenden Alkohol merkt man ein wenig am schlanken Körper, so richtig aber erst im sehr kurzen Abgang.

Noughty, Thomson & Scott, Sparkling rosé, alcohol free
Mitteleres Lachsrot; Duft nach Himbeeren und Anflug von essigsaurer Tonerde sowie reifen, weissen Trauben; schlanker Körper, trotz dezent spürbarer Süsse (5,9 g) durchaus noch recht trocken wirkend, schöne Säure, mehr Kohlensäure als der Chardonnay, dadurch spürbare, etwas grobe Perlage, mittlerer, fruchtbetonter Abgang.

Auf eine Benotung verzichte ich, die beiden Alkoholfreien liegen irgendwie ausser Konkurrenz. Ein „gut“ würde ich ihnen in ihrer Kategorie aber durchaus attestieren.

Und was jetzt auch noch dazu gehört: Die Rücketikette der Weine überquillt fast vor lauter Labels: Organic, Vegan, Halal und Certified B-Corporation.

Bezugsquelle und weitere Informationen:
https://ve-refinery.ch/de


Wie wird alkoholfreier Wein überhaupt hergestellt?

Im Detail kenne ich die Produktionsart dieser beiden Schaumweine zwar nicht, aber generell die besten Resulate für alkoholfreie Weine werden mit dem Vakuumverfahren erzielt (daneben gibt es noch die qualitativ weniger empfohlenen Verfahren der Umkehrosmose und der „Dünnschichtverdampfung“). Dabei wird zuerst ganz „normaler“ Wein produziert. Da Alkohol unter Vakuum schon bei ca. 27 Grad verdampft, kann er mit diesem Verfahren relativ schonend und langsam entfernt werden. Erfunden wurde das Verfahren schon im vorletzten Jahrhundert im Rheingau, aber so richtig in Schwung kommt das Geschäft erst jetzt. Ein so entalkoholisierter Wein ist allerdings – wie beim Bier – auch nie ganz alkoholfrei. Der Restalkohol muss gesetzlich aber unter 0,5 % liegen.
Und noch ein Wort zum alkoholfreien Schaumwein: Dieser kann logischerweise keine zweite Gärung durchlaufen, da ja sonst wieder Alkohol zugefügt würde. Die Kohlensäure wird deshalb nach der Entalkoholisierung wie bei einem Mineralwasser beigefügt.


Interessennachweis:
Von beiden Weinen wurde mir je eine Probeflasche von Victoria Banaszac, ve-refinery.ch, gratis und unverbindlich zugestellt.

Die Versuchung aus dem Paradies!

Doch, es gibt es, das Paradies! Glauben Sie nicht? Dann raten Sie mal, welchen Wein ich nachstehend beschreibe:

Mittleres Gelb, Duft nach Orange und Orangenschale, Birne, Grüntee und Kamille. Im Mund frisch, zurückhaltende, aber sehr fein perlende Kohlensäure, dezente Tanninstruktur, spürbare, aber nicht zu mastige Süsse. Erfrischend und süffig, tolle Entdeckung!

Das Paradies befindet sich in Deutschland, genauer gesagt südlich von Stuttgart auf der Schwäbischen Alb. Und das Paradies besteht – wen wundert es – aus wundervollen Streuobstwiesen. Und der „Wein“, den ich eben beschrieben habe, besteht hauptsächlich aus Apfelsaft, ergänzt durch ein wenig Birnensaft – und durch Eichenlaub! Und das Schönste daran: Der Apfel-Schaumwein ist alkoholfrei.

Streuobstwiesen im Herbst (ab Homepage streuobstparadies.de)

Man kann es auf der Website streuobstparadies.de nachlesen: Das Paradies erstreckt sich in einem Bogen von Balingen über Tübingen und Reutlingen bis nach Göppingen. Die Streuobstwiesen zwischen der Schwäbischen Alb und dem Neckar erstrecken sich über rund 26’000 ha und bilden eine der grössten zusammenhängenden Streuobstlandschaften Europas (zum Vergleich: Im Schweizer Obstkanton Thurgau, auch „Mostindien“ genannt, sind es vergleichsweise mikrige 1’600 ha ). Es handelt sich um eine einzigartige Kulturlandschaft von ungeahnter Schönheit und von enormer naturmässiger Bedeutung – Hochstammobstbäume gehören zu den wichtigsten Lebensräumen überhaupt!

In diesem Paradies, genau in Schlat, 4 Km. südöstlich von Göppingen, stellt Jörg Geiger eine Vielzahl von Produkten aus Hochstamm-Säften her. „Guter Wein muss nicht immer aus Trauben sein“, so wird Jörg Geiger zitiert. Seit über 20 Jahren – zuerst als „One-Man-Show“, heute als Unternehmen mit rund 30 Mitarbeitenden – stellt er herausragende Produkte aus alten Sorten und Beständen von Äpfeln und Birnen her. Und er erreicht dabei ein Niveau, das wohl einzigartig ist. Der gelernte Koch Geiger liess sich dabei stets vom Grundgedenken leiten, „dass alte Sorten Sinn ergeben, da sie einfach mehr Geschmack bringen. Diesen Geschmack habe ich als Koch mit Gewürzen, Kräutern und Blüten kombiniert, was mir in der Branche den Titel „Druide“, also jemand, der keine Grenzen kennt, eingebracht hat.“

Das Sortiment von Geiger ist heute schon fast unüberschaubar, es gibt herkömmliche „Cidres“ mit Alkohol genau wie Spirituosen. Ganz besonders ist aber auch seine alkoholfreie Linie „Pri Secco“, die in vielen verschiedenen Varianten auf den Markt kommt und auch international sehr erfolgreich ist. Beim einleitend beschriebenen „Wein“ handelt es sich um den schon fast legendären „Pri Secco Nr. 11, unreifer Apfel/Eichenlaub“. Diese Cuvée besteht aus rund 90 % Boskoop-Apfel, der bewusst in nicht ganz reifem Zustand geerntet wird, um die Frische zu bewahren. Dazu kommen Birnensaft sowie Kräuter und Gewürze, vor allem aber 0,1 % Eichenlaub, welches nicht nur für feinherbe Tannine sorgt, sondern auch den Wein dezent aromatisch ergänzt und zudem konserviert. Und eben, der Wein ist alkoholfrei, was so schonend erreicht wurde, dass man den Alkohol effektiv nicht vermisst! Eine „hochstämmische“ Meisterleistung!

Der PriSecco auf dem Apfelbaum: Tolle Alternative ohne Alkohol – und kulinarisch sehr breit einsetzbar!

Auch diesen Tipp für ein herausragendes Naturprodukt aus deutschen Landen verdanke ich Weinfreund Florian Bechtold. Wenn ich Weinhändler wäre, könnte ich ihn schon fast als meinen Courtier bezeichnen. Vgl. hier:
Ausnahmewinzer Ziereisen: hier ruht nur der Wein! – Victor’s Weinblog
„La Première“ von Carsten Saalwächter: Ein junger Mann macht Furore! – Victor’s Weinblog

Wenn die Grenzen wieder passiert werden können, ohne sich zuerst in Quarantäne begeben zu müssen, werde ich das Paradies auf der Alb besuchen – wer weiss, vielleicht klappt es ja schon zur diesjährigen Apfelblüte?

Onlineshop der Manufaktur Jörg Geiger (manufaktur-joerg-geiger.de)
Und als weitere Bezugsquelle gebe ich sehr gerne auch den erwähnten Florian Bechtold an. Er wird gerade auch für Schweizer zu einer spannenden Adresse werden, ist er doch aktuell daran, eine gute Exportlösung für die Schweiz zu entwickeln. Anfragen zur Zeit einfach per Mail: florian.bechtold@bechtold-partner.de

Und für touristische Tipps:
https://www.streuobstparadies.de/


Und schliesslich gibt es da noch diese Geschichte mit der „Champagner Bratbirne“.
landlust_2011_09.pdf (manufaktur-joerg-geiger.de)
Als Schweizer erinnert einen das doch sehr unangenehm an den Kampf der kleinen Waadtländer Gemeinde Champagne gegen die rücksichtslose Wirtschaftsmacht aus der französischen Champagne.
Solche Geschichten machen – zurückhaltend ausgedrückt – etwas ratlos und sind ein guter Grund mehr, erst recht die Apfel- und Birnenweine des Jörg Geiger zu entdecken.