Roero: mit – und gerade auch ohne – Arneis äusserst bemerkenswert!

Aus Canale, dem Zentrum von Roero, sind es nur gerade 15 Kilometer bis nach Barbaresco und deren 25 bis Barolo. Fast nicht zu glauben, dass die Nebbiolo-Weine aus dem Roero ein Schattendasein fristen! Aber es gibt tolle Entdeckungen.

Wer heute Roero hört, denkt zwangsläufig auch Arneis. Das ist zwar nicht verwunderlich, denn von den rund 1230 Hektar Rebfläche in Roero sind fast 940 mit der weissen Roero Arneis bestockt. Das wiederum grenzt aber an ein Wunder, denn Roero war einst schwergewichtig ein Rotweingebiet und die Roero Arneis spielte Ende der 1970er-Jahre praktisch keine Rolle mehr, was in vielen Quellen mit „praktisch ausgestorben“ umschrieben wird. Angetrieben durch zwei Spitzenerzeuger im Piemont, Pio Cesare und vor allem Vietti, welche die Arneis noch anpflanzten, erlebte die Sorte aber schon 25 Jahre später einen fulminanten Neustart, ja einen fast unvergleichlichen Hype, so dass die Arneis heute die berühmte Sorte für das Roero ist.

Von „praktisch ausgestorben“ bis zum Hype in nur 25 Jahren: Arneis

Auch wenn ich Arneis heute meist wirklich überzeugend finde, habe ich diesen Hype nie ganz nachvollziehen können (vor allem am Anfang des Booms, als viele Weine noch eher dünne Wässerchen waren). Wohlverstanden, die Sorte ist spannend und auch kulinarisch sehr interessant einsetzbar (etwa salzbetonter Meerfisch, Spaghetti carbonara – oder wie wär’s zum Beispiel mal mit einer „Blanquette de Veaux“?), aber eine solche Entwicklung ist wohl trotzdem vor allem mit klugem Marketing zu erklären.

Zu Unrecht im Schatten, aber mit leichtem Aufwind: Nebbiolo

Sehr spannend sind aber heute auch die roten „Stiefkinder-Weine“, die Nebbiolo. Deren Anbaufläche nahm im gleichen Masse ab, wie jene der Arneis zunahm. Erst in den letzten Jahren legte die Nebbiolo von unter 200 Hektar wieder auf etwas mehr als deren 300 zu, was allerdings nicht zu Lasten der Arneis ging; vielmehr wuchs die gesamte Rebläche im Gebiet. Sowohl die weissen als auch die roten Roero’s besitzen übrigens seit 2004 die DOCG.

Unesco-Weltkulturerbe Roero mit dem Logo des Konsortiums. (Bild zvg)

Unesco-Weltkulturerbe für die wunderschöne Reb-Kulturlandschaft

In landschaftlicher Schönheit steht das Roero dem benachbarten Barolo in nichts nach, je nach Sichtweise sogar im Gegenteil. So ist es nicht erstaunlich, dass das Gebiet, zusammen eben mit der Langhe und dem Monferrato, aufgrund der Reblandschaften seit 2014 als Unesco-Weltkulturerbe eingestuft ist. Geologisch allerdings gibt es Differenzen. Roero und Langhe waren vor Millionen von Jahren noch vom Meer überspült und bildeten später ein Hochplateau, welches dann aber vor etwa 200’000 Jahren vom Fluss Tanaro durchbrochen wurde. Trotz gemeinsamem marinem Ursprung sind die Böden im Roero etwas sandiger als jene von Barolo, weshalb hier tendenziell etwas leichtere Weine wachsen.

Kein Wunder ist indessen, dass inzwischen, nebst den schon erwähnten Vietti und Pio Cesare, auch viele namhafte Produzenten aus dem Barolo-Gebiet Reben in Roero besitzen oder verarbeiten. Wer lässt sich schon die Chance entgehen, einen boomenden Weisswein anbieten zu können?

Tolles Ambiente auch in Zürich: Vinum-Redaktor Christian Eder (rechts) vor der Degustation.

Grossartige Nebbiolo-Weine

An einer kürzlich von Vinum unter der fachkundigen Leitung von Christian Eder durchgeführten Degustation konnte ich mehrere Roero-Weine degustieren, auch solche, die man hierzulande nicht so einfach auftreiben kann – und ich war begeistert, gerade auch von den Roten. Es wäre echt spannend, die besten aus dieser Serie guten Weinen aus Barolo und Barbaresco gegenüberzustellen, ich zweifle daran, dass diese die Roero’s in den Schatten stellten – ja sogar daran, dass man ohne Weiteres die Herkunft herausfinden würde.

Tolle moderne Zeiten: Die Produzenten waren zugeschaltet und konnten ihre Weine selbst kommentieren.

Bric Castelvej – eine besondere Entdeckung

Das Consorzio Tutela Roero – die Winzervereinigung des Roero – zählt aktuell 233 Mitglieder. Eine Degustation in diesem Rahmen muss sich also zwangsläufig auf einen kleinen Ausschnitt beschränken. Die Auswahl war sehr gut, das Spektrum in der Stilistik breit, und kein einziger Wein fiel ab. Spannend – und ich habe das erst zuhause beim Durchgehen der Notizen gemerkt – ist immerhin, dass ich sowohl beim Rotwein als auch beim Weisswein das gleiche Weingut am höchsten bewertet habe: Bric Castelvej. Dabei handelt es sich um einen 1956 gegründeten Familienbetrieb in Canale, im Herzen des Roero, der heute rund 13 Hektar Reben pflegt. Im Sortiment des Gutes finden sich u.a. auch Weine wie Barbera d’Alba, Langhe Dolcetto, Favorita und Chardonnay sowie Moscato d’Asti. Sicher ein Betrieb, den man sich merken sollte.

Degustationsnotizen Nebbiolo (Roero Rosso)

Roero Rosso DOCG Riserva, Panera Alta, 2018, Bric Castelvej
MIttleres Rot; Duft nach Bergheu, Johannisbeeren und Himbeeren, leichter Holztouch; knackige Säure, viel sehr feines Tannin, enorm dicht und druckvoll dabei aber dennoch mit Eleganz, sehr langer Abgang. Nichts von sandig-leicht, sondern kraftvoll. 17,5 Punkte.

Roero Rosso DOCG Riserva, Val Martin, 2018, Hilberg Pasquero
Eher dunkles Rot, vielschichtiges, tolles Fruchtbouquet, leichter Holzton (in Allier-Eiche gereift); schön angepasste Säure, leicht trocknende Tannine, schöne Struktur, Holz im Mund kaum spürbar, langer Abgang. Wirkt schon etwas gereift, das Reifepotential ist für mich deshalb nicht wirklich einschätzbar. 17 Punkte.

Roero Rosso DOCG, Patarrone, 2017, Giacomo Vico
Mittleres Rot; sehr verhaltene Nase, leichte, schöne hellfruchtige Anflüge; im Mund äusserst elegant, gute, „saftige“ Säure, viel Tannin, aber sehr freimaschig, langer Abgang. Gefällt durch eine aussergewöhnliche Eleganz. 17 Punkte.

Roero Rosso DOCG, 2020, Benotti Rosavica
Mittleres Rot; eher dunkle Frucht in der Nase, etwas Lorbeer, sehr dezenter Holzton; im Mund sehr frisch, fruchtbetont, tolle Säure, „saftig“ viel Tannin, im Körper eher schlank; leichter, schön süffiger Wein. 16,5 Punkte.

Degustationsnotizen Roero Arneis

Aber klar, auch die Arneis konnten überzeugen, hier ein paar Notizen:

Roero Arneis DOCG, Vigna Bricco Novara 2022, Bric Castelvej
Helles Gelb; eher verhalten, aber feine Frucht, etwas Würze, leicht grüne Töne; im Mund erstaunlich dicht, sehr mineralisch, gut eingebundene Säure, im langen Abgang leichter Holzton und leicht salzig. Schöner und spannender Wein, der im Mund vor allem von einer tollen Mineralik lebt. 16,5 Punkte.

Roero Arneis DOCG, Stella, 2022, Pescaja
Helles Gelb; Duft nach Bergamotte und weissem Pfirsich; schöne Struktur, gute Säure, „saftig“, mineralisch, leichter, aber nicht störender Bittertouch, mittlerer, leicht alkoholbetonter Abgang. Schöner Wein. 16 Punkte.

Roero Arneis DOCG, Arajs, 2021, Pedemontis
Helles Gelb; gewöhnungsbedürftige, aber absolut saubere Nase, grüne Töne, Rauch, etwas Zitrus und Banane; der rauchig-erdige Ton setzt sich im Mund fort, schöne Säure, mineralisch, eigenständiger, spezieller, aber auch spannender Wein. Mir gefällt er. 15,5 Punkte.

Roero Arneis DOCG Riserva, Vigna Saglietto, 2019, Malvirà
Helles Gelb; leicht animalische und grüne Töne, etwas Apfel; im Mund adstingierend (!), schöne Säure, leichter Holzton, sehr langer Abgang. Ebenfalls spezieller Wein, dessen Potential ich nicht einschätzen kann – hat seine beste Zeit vermutlich noch vor sich. 15,5 Punkte (vielleicht mehr).

Roero Arneis DOCG Riserva, 2019, Giacomo Vico
Mittleres Gelb; in der Nase viel neues Holz, dunkelgelbe Früchte (Ananas, Papaya, Mirabellen); gute Struktur, frisch und mineralisch, aktuell sehr holzbetont. Auch hier kann ich die Entwicklung nicht vernünftig einschätzen. 15,5 Punkte (vielleicht mehr)

Weitere Informationen zu Roero finden Sie bei Vinum und beim Konsortium:

Fakten und Zahlen | Roero 2021 | Extra | VINUM
Winzer und Betriebe | Roero 2021 | Extra | VINUM

Consorzio tutela del Roero (consorziodelroero.it)

Hier der Link zur Homepage von Bric Castelvej. Importeure habe ich weder für Deutschland noch die Schweiz ausfindig machen können (wäre ja eine Chance für den Weinhandel!). Bei Tannico können einzelne Weine bestellt werden.

▷ Bric Castelvej Winery ~ Wine Producers in the Roero

Link zum Unesco-Weltkulturerbe:

Vineyard Landscape of Piedmont: Langhe-Roero and Monferrato – UNESCO World Heritage Centre

Und hier noch ein Link auf einen sehr informativen Blogbeitrag zu Roero der geschätzten Blogger-Kollegin Nicole Korzonnek (aka „botteld grapes“):

Roero: Weinanbaugebiet im italienischen Piemont | Bottled Grapes (bottled-grapes.de)


Interessennachweis: Die Weine wurden ohne jede Verpflichtung Ende Juni 2023 auf Einladung der Weinzeitschrift Vinum im stimmungsvollen Zunfthaus zur Schmiden (siehe Fotos) in Zürich degustiert.

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