Immer mehr rücken auch Weine aus Südamerika in den Fokus der Weinfreunde. Aus europäischer Sicht still und leise haben sich hier Betriebe und Weine etabliert, die vor Ort bereits als „Kult“ gelten und die auch von renommierten Weinkritikern mit hohen bis höchsten Punktezahlen ausgezeichnet werden. Mein letzter Beitrag war Chile gewidmet. Nun folgt Argentinien, genauer Patagonien, was zweifellos exotisch anmutet.
Nun gut, die Herkunft Patagonien ist korrekt, führt aber auch ein wenig in die Irre, zumal ich noch eine Foto verwendet habe, die defintiv nichts mit Weinbau gemein hat. Tatsächlich denkt man hierzulande bei Patagonien wohl an die Magellanstrasse, an windumwehte, gezackte Berge und an Gletscher, die sich in glaskare Seen erstrecken.
Patagonien ist riesig – und hat auch ideales Weinbauklima.
Bloss muss schnell klargestellt werden: Patagonien ist sehr gross, und vor allem auf der argentinischen Seite entspricht die aktuelle politische Region Patagonien nicht mehr der ursprünglich geographischen Definition. Patagonien umfasst heute auch die gesamten Provinzen Neuquén und Rio Negro. Leztere liegt geographisch deutlich näher bei Buenos Aires als bei Ushuaia, und Neuquén grenzt an die Provinz Mendoza, dem Hotspot der argentinischen Weinproduktion. Und vor allem: Die südliche Breite von Neuquén und Rio Negro entspricht der nördlichen Breite von Florenz. Und selbst die Klimadaten sind durchaus ähnlich.
Dennoch wirken die aktuell mit Reben bestockten Fächen in Patagonien noch bescheiden, Neuquén weist rund 1400 Hektar aus, Rio Negro 2500 (Quelle: Wikipedia). Gegenüber Mendoza mit 151’000 Hektar ist das verschwindend klein, was scheinbar weniger mit dem Klima als mit fehlenden Investoren zu tun hat.
Bodegas Chacra – Pinot-Weltklasse vom Enkel des Sassicaia-Gründers.
Ein renommierter Weinfachmann aus Italien hat aber schon vor mehr als 20 Jahren hier investiert. Piero Incisa della Rocchetta hat in Rio Negro 2004 die Bodegas Chacra gegründet und kreiert hier Pinot noir und Chardonnay (und jetzt auch etwas Malbec) von höchster Qualität, ja von Weltklasse. James Suckling hat den jüngsten „Treinta y Dos“ (Pinot noir 2023) sowie den Chardonnay 2023 mit je 99 Punkten beehrt.
Incisa della Rocchetta? Natürlich, Sassicaia! Piero ist ein Enkel des Gründers des Vorzeige-Gutes in der Maremma und arbeitete zeitweise auch selbst für Sassicaia. So ganz am Rande erwähnt, darf sich auch die Schweiz ein wenig stolz über seinen Grosserfolg in Argentinien freuen, Piero hat nämlich einen schönen Teil seiner Jugend in Lausanne verbracht (Quelle: Blick).

Das Weingut verfügt über eine bepfanzte Fläche von „nur“ 24 Hektar, wovon drei bereits 1932 und sieben im Jahr 1955 gepflanzt wurden. Zudem, sie vermuten es angesichts der offensichtlich hervorragenden Qualität wohl schon, arbeitet Chacra biodynamisch, wobei erst noch alle der verwendeten Präparate aus dem eigenen Betrieb stammen. Ich habe mir soeben einen Probekarten mit sechs Flaschen von Chacra bestellt (5 x Pinot noir, 1 x Chardonnay) und zweifle eigentlich nicht daran, dass Sie hier bald mehr darüber lesen werden!
Humberto Canale – Pionier und Grossbetrieb mit langer Tradition.
Heute allerdings beschreibe ich einen etwas bescheideneren, aber richtig schönen Wein den wir viel südlicher in Patagonien nach einer Schiffahrt zum Perito Moreno-Gletscher (siehe Foto) auf Empfehlung des Kellners genossen haben.
Allein rund 600 Hektar in Rio Negro entfallen auf den Betrieb Humberto Canale. Das Unternehmen heisst heute noch nach dem Gründer, welcher 1909, nicht zuletzt dank dem Bau einer Eisenbahnline, den Weinbau nach Patagonien brachte. Der Gründer kaufte schon damals 400 Hektar Land in General Roca, einem Städtchen direkt an der Grenze zur Provinz Neuquén. Das Gut befindet sich übrigens nur wenige Kilometer entfernt von den Bodegas Chacra.
Der Sauvignon blanc der Linie „Estate“ von Humberto Canale ist kein Wein, der das Prädikat Weltklasse für sich beansprucht, das zeigt sich schon am moderaten Preis. Aber es ist ein sehr erfreulicher Wein, ein SB, der durch Finesse und Gradlinigkeit auffällt und keine dieser exotischen oder überparfümierten Düfte aufweist. Ein echt „cooler“ Wein, das Richtige nach einer „Gletschertour“! Und auch hier würde mir dieser Wein schmecken, bloss habe ich keine Bezugsquelle gefunden (in Deutschland gibt es Händler, die Weine von Humberto Canale führen, aber nicht den SB Estate).

Degustationsnotiz

Humberto Canale, Sauvignon Blanc Estate 1909, Jahrgang 2024
Helles Gelb; sehr feine, vielschichtige Frucht mit dezentem Bogen von Zitrus bis Papaya; tolle Frische im Mund, sehr mineralisch, prägnante aber nicht aggressive Säure, auch im Mund sehr fruchtbetont, sehr langer, fruchtiger Abgang. Schöner, eleganter und unaufdringlicher SB. 16,5 Punkte.
Links:
Bezugsquelle Bodegas Chacra Schweiz:
Gerstl Weinselektionen AG: Weinpassion seit 1981
In Deutschland gibt es diverse Anbieter, u.a. Lobenberg, CB-Weinhandel, Tesdorpf. Bitte suchen Sie ggf. doch selbst die für Sie beste Adresse.
Interessennachweis:
Der beschriebene Wein wurde in Patagonien in einem Restaurant käuflich erworben.
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