Analysewerte oder Gefühle? Am besten beides!

Nachlese und Replik zu meinem Artikel zur vorbildlichen Weinpreisliste von Knipser

In meinem letzten Beitrag habe ich dafür plädiert, dass Winzer und Weinhändler uns die messbaren Werte eines Weines offen legen:
https://victorswein.blog/2018/11/25/vorbildlich-klare-information-auf-wein-preisliste/
Dass es nebst den messbaren auch „innere, nur erfühlbare Werte“ eines Weines gibt, zeigt die Reaktion, die ich von Dirk Rosinski vom Weingut Knipser selbst erhalten habe. Seine Zeilen sind total lesens- und bedenkenswert, so dass ich sie hier gerne wiedergebe (mit seinem Einverständnis):

Wir veröffentlichen die Analysedaten eigentlich schon seit über 30 Jahren in unseren Preislisten. Es kann aber immer nur eine technische Zusatzinformation sein und niemals die Probe ersetzen.
Gestatten Sie mir einige Gedanken zu diesem Thema – nicht als Vertreter des Weinguts Knipser, sondern als Weinliebhaber:
Meine vier Jahrzehnte währende Beschäftigung mit Wein hat mich gelehrt den Analyswerten zu mißtrauen. Oft empfand ich Weine, die ich den Analysewerten nach nie probiert hätte, als verblüffend ausgewogen und harmonisch.
Beim in Ihrem Beitrag beschriebenen Riesling Kapellenberg ist die Süße kaum schmeckbar und für mich ist er ein großartiger Essensbegleiter. Hier führt die Analyse ein wenig in die Irre.
Oder ein anderes Beispiel: Vor einigen Jahren verweigerte ein Weißburgunder, der eigentlich durchgären sollte, den Dienst und beendete eigenmächtig die Gärung im halbtrockenen Bereich. Werner Knipser mit seinergroßen Erfahrung entschied, diesen Wein aber genau so, also halbtrocken, abzufüllen. Dieser Wein stand etwa ein Jahr auf unserer Preisliste und niemand wollte ihn haben – auch in unserer Vinothek verlangte keiner danach.
Dann entdeckte ihn der Sommelier eines mit drei Michelinsternen dekorierten Restaurants und setzte ihn zur Weinbegleitung im Menü ein. Innerhalb weniger Monate wurde der gesamte Bestand an begeisterte Gäste dieses Restaurants verkauft, die ihn auch privat gerne trinken wollten. Der Wein hat eine unglaubliche Harmonie und Strahlkraft entwickelt, die keiner für möglich gehalten hatte. Der Kommentar von Werner Knipser: „Oft sind die Einzeller klüger als der beste Kellermeister.“ Gemeint waren die Hefen, die einfach den Dienst verweigerten und uns so diesen „kuriosen“ halbtrockenen Weißburgunder bescherten.
Das ist ein extremes Beispiel, aber gerade beim Riesling sind ein paar Gramm Restzucker, die durch natürlichen Gärstop entstanden sind, meistens sehr stimmig und attraktiv. Deshalb belassen wir diesen stets ihren „natürlichen“ Restsüßegehalt und versuchen nicht die Weine durch die Gärung zu quälen. Dadurch ginge viel an Finesse und Charakter verloren.
Grundsätzlich bevorzuge ich persönlich aber bei Silvaner und den weißen Burgundersorten möglichst weit durchgegorene Weine.

Wunderbar, diese Zeilen! Schöner kann man wohl kaum ausdrücken, um welch‘ wunderbares Kultur- und gleichzeitig Naturgut es sich beim Wein handelt. Und wie sehr das menschliche Gefühl – beim Vinifizieren und später beim Probieren – entscheidend ist. Oder eben, wie sehr die „Einzeller“ besser als der gescheiteste Mensch zu wissen scheinen, was gerade richtig ist!

Vielleicht, so zeigen die Ausführungen von Rosinksi, muss man auch eine Unterscheidung zwischen natürlich restsüssen Weinen und solchen, denen die Süsse aufgezwungen wurde, machen? Ein spannender Gedanke zum Weiterverfolgen.

Mein ursprünglicher Artikel und die schöne Replik von Rosinski widersprechen sich aber auch nicht! Es gilt, das eine tun und das andere nicht lassen! Tatsächlich würde auch ich nie einen Wein nur aufgrund seiner Analysewerte kaufen (umgekehrt, also nicht kaufen, aber schon, auch wenn ich Rosinski in diesem Einzelfall glaube, dass der „Kappellenberg“ mit 6,6 g Restsüsse kaum süss wirkt. Ich persönlich habe einfach zu oft schon die Erfahrung gemacht, dass mir Weine mit über 4 g auf die Länge eines Essens einfach nicht gefallen.)
Bei einem Winzer wie Knipser, dessen Weine und vor allem dessen Stil ich doch einigermassen kenne, geben mir die Analysewerte aber trotzdem entscheidende Hinweise, um auch blind kaufen zu können – selbst den HPB, den man allein aufgrund der Analysewerte ja als „Säurebombe“ kaum kaufen würde.

Fazit:
Liebe Winzer und Weinhändler: Gebt uns die rationalen Informationen zu einem Wein, das ist ein wichtiges Hilfsmittel zu einer ersten Einschätzung.
Liebe Weinfreunde: Lasst uns einen Wein trotzdem unvereingenommen probieren – erlaubt ist, was gefällt!

PS:
Zur Feier der spannenden Unterhaltung habe ich diese Woche einen 2012er HPB aus dem Keller geholt: Rational kann ich verstehen, dass ein Grossteil der Weinfreunde ihn als viel zu säurebetont und entsprechend zu trocken empfindet. Ich persönlich war einmal mehr hell begeistert – vor allem auch davon, dass er auch nach 6 Jahren noch eine unglaubliche Frische und Jugendlichkeit ausstrahlt. Keine Ahnung, wie lange dieser Wein haltbar ist. Anfangs dachte ich, so bis 2022 – heute habe ich das Gefühl, er halte ewig!

Und wenn ich es mir jetzt gerade so überlege, dann ist dieser HPB ein Klassebeispiel für Rosinski’s Ausführungen: Welcher normale Mensch würde einen Wein mit 10,3 g Säure und 0,3 g Restsüsse blind kaufen? Dabei ist der Wein einfach genial!

http://www.weingut-knipser.de/
Und beim Recherchieren bin ich noch auf eine andere Aussage von Dirk Rosinksi gestossen, die sehr gut zu diesem Artikel passt:
http://einfachwein.eu/2017/02/09/grosses-gewaechs-ein-erlebnis/






Vorbildlich: klare Information auf Wein-Preisliste

Liebe Winzer und Weinhändler: gebt uns rationale Beschreibungen, wie es bei Knipser der Fall ist!

Wein ist Geschmackssache, dieser Allgemeinplatz stimmt selbstverständlich. Aber wie oft ist es möglich, einen Wein vor dem Kauf zu probieren? (Kleiner Einschub: ich selbst kaufe oft Einzelflaschen blind, aber kaum je eine grössere Menge; es sei denn, ich kenne den Produzenten seit längerer Zeit als verlässlich – zu oft wurde ich enttäuscht!)

Händler und Winzer geben sich ja alle Mühe, ihre Produkte verbal zu beschreiben. Aber was fangen wir Weinfreunde beispielsweise an mit dieser Beschreibung auf einer Preisliste, wie ich sie eben von einem von mir sehr geschätzten Produzenten erhalten habe:
„komplexer, rassiger, trockener, lang anhaltender Weisswein von über 40-jährigen Reben“.

Was bedeutet das nun im Klartext? Rassig: Viel Säure? Oder gar Kohlensäure? Trocken: Heisst das, keine Restsüsse merkbar oder doch mit etwa 4 g Süssse befrachtet, was sehr wohl spürbar ist?

Praktisch gleichzeitig mit dem erwähnten Aussand habe ich die Preisliste von Knipser erhalten. Und die ist so vorbildlich, dass ich daraus einen Beitrag mache:

Natürlich, allein die verbale Beschreibung beim HPB, „durchgegoren und knochentrocken“ lässt mich wissen, was ich hier erwarten kann. Aber erst die technischen Daten, 0,3 g Restsüsse und 10.3 g Säure, zeigen unmissverständlich an, dass es sich hier um einen trockenen und säurebetonten Riesling handelt. (Damit der Leser meine Bewertungen einstufen kann: das ist beim Riesling einer meiner Lieblinge, zumindest als Essensbegleiter).

Wenn ich umgekehrt beim Laumersheimer Kapellenberg die Information erhalte, dass er 6,6 g Restsüsse aufweist und gleichzeitig 8,6 g Säure, dann ist mit klar, dass es sich hier um einen immer noch mit schöner Säure unterlegten, aber mit sehr spürbarer Restüsse versehenen Wein handelt. Und in meiner Vorstellung spüre ich einen wunderbar fruchtigen Wein, der mir persönlich in der Nase gefällt, und den ich rational auch gut bewerten würde, der mir aber aufgrund der „hohen“ Restsüsse sicher nicht wirklich schmecken wird – oder höchstens zum Apéro, aber sicher nicht als Essensbegleiter (asiatische Gerichte aufgenommen).

Und wenn ich umgekehrt den 2007-er Riesling Alte Reben mit 12,6 % Alkohol, 1,2 g Restüsse und vergleichsweise bescheidenen 6,8 g Säure sehe, – und  gleichzeitig die Qualität des Herstellers einbeziehe – dann bin ich schon fast sicher, dass dieser Wein mir ungemein schmecken würde und ich ihn auch blind kaufen könnte!

Also, liebe Winzer und Weinhändler – sagt uns, was Sache ist! Gerne dürft Ihr eure blumigen Beschreibungen beibehalten, die sind manchmal richtig schön und zuweilen gar ergreifend zu lesen, – aber bitte gebt uns auch die technischen Informationen, die uns eine rationale Vorstellung eines Weines vermitteln!

Nehmt euch ein Vorbild an:

Knipser, Laumersheim in der Pfalz.

http://www.weingut-knipser.de/



Wedekind – grün am roten Hang

wedekind-blog
Blick vom roten Hang zum Rhein – vorne eine neu angelegte Parzelle von Wedekind. (Bild vl)

Manchmal braucht es einfach einige Zufälle – und die sanfte Mithilfe der Ehefrau, um Aussergewöhnliches zu entdecken:

Wir hatten Ferien, es war Ende Mai 2017, und eigentlich wollten wir in den Süden an die Sonne. Aber dann waren die Prognosen für Mitteleuropa so gut, dass wir uns für eine Deutschlandreise entschieden. Ziele waren unter anderem die Pfalz und der Rheingau, ersteres aus schöner Erinnerung, letzteres, weil wir da noch nie waren.

Während einer ziellosen Fahrt durch Rheinhessen nach Norden fanden wir uns plötzlich wenige Kilometer von Nierstein entfernt. Da waren wir auch noch nie, also nichts wie hin. Die Ankunft unten am Rhein, mit einer Schnellstrasse und der Bahn, dazu noch bei schlechtem Wetter, war wenig einladend. Das Städtchen hinter der Bahnlinie hat dann schon viel mehr zu bieten, und eine Wanderung im resp. über dem berühmten roten Hang hat es dann erst recht in sich! Es lohnt sich, hierher zu fahren!

Während der Wanderung fielen uns schon einige Parzellen auf, die grüner waren als andere, sozusagen grünrot statt rot, was aber keine politische Aussage sein soll. Einige waren beschriftet, und der Name „Wedekind“ hat sicher Vorteile in der Memorisierung.

Am Schluss des Spaziergangs passierten wir den Marktplatz von Nierstein, und da war einladend die Vinothek von Philipp und Esther Wedekind. Mir aber stand der Sinn mehr nach Kaffee und Kuchen, ein Bedürfnis, das auf der anderen Platzseite sympathisch erfüllt wurde. Ich weiss nicht, welcher siebte Sinn nach dem Verlassen des Lokals meine Frau dazu trieb zu sagen „probieren wir jetzt noch Wein bei Wedekind“? Normalerweise leidet sie eher unter meinen ständigen Degustationswünschen und Winzerbesuchen, und es kommt schon mal vor, dass sie einfach lesend im Auto sitzen bleibt. Aber hier: „gehen wir noch in die Vinothek“?

Schon fast widerwillig ging ich mit, und die Weinauswahl machte meine Stimmung anfangs auch nicht besser, denn auf den ersten Blick gab es fast nur Weine mit Restsüsse. Ich kann zwar rational nachvollziehen, dass Menschen das mögen können, aber ich gehöre nicht zu jener Sorte. Auf Nachfrage fanden wir dann aber auch trockene Weine, die Anordnung ganz logisch – auf der einen Seite die mit viel Restsüsse, auf der anderen die ganz trockenen.

Den Mund noch voller Kaffeegeschmack hatte ich aber noch immer keine Lust zu degustieren, und so kaufte ich – völlig entgegen meiner Gewohnheit – einige Flaschen, ohne sie probiert zu haben. Die Auswahl war einfach – von den drei trockensten Rieslingen je zwei Flaschen.

Wieder zuhause dann das Probieren – und die Erleuchtung: Da strahlte ein fruchtiger, „stählerner“, wundervoll klarer Duft aus dem Glas, und im Mund war der Riesling dicht und gleichzeitig elegant. Ein Wein, der berührt! Gleiche Erlebnisse hatten wir etwas später mit den beiden anderen Flaschen; selbst der „rote Hang“, in dem sich – für süsseempfindliche Gaumen wie dem meinen – ein klein wenig Süsse bemerkbar macht, mundete wunderbar.

Diese Erlebnisse verlangten natürlich danach, zu diesem Winzerehepaar zu recherchieren. Und ja gut, es haben offensichtlich vor mir schon andere die Qualität dieses Gutes entdeckt. U.a. hat es auch schon Aufnahme in den „Eichelmann“ gefunden, und das schon mit drei Sternen. Beim Suchen kommt da etwa zu Tage, dass Philpp das Hobby seines Vaters mit ein paar Aaren Reben übernahm, zu seinem Beruf machte, und inwischen rund 10 ha bewirtschaftet, alles biologisch und mit Spontanvergärung der Säfte. Oder, dass sowohl er als auch seine Ehefrau Esther in Geisenheim studiert haben, und bei diversen Biowinzern ihr Handwerk weiter erlernt.

Trotzdem, diese Geschichte zeigt schön, dass es sich lohnt, ausserhalb der ausgetrampten Pfade zu gehen und auch einfach einmal etwas zu probieren – selbst dann, wenn dazu der sanfte Druck der Ehefrau notwendig ist!

Und zumindest in der Schweiz wäre Wedekind immer noch ein Geheimtipp, offenbar gibt es noch keinen Importeur. Aber eben, eine Reise nach Nierstein lohnt sich, vor allem auch für mehr als nur 6 Flaschen….

Sagt auch meine Frau!

Degustationsnotiz Riesling trocken, Heiligenbaum, 2015 (12/2017)

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helles, glänzendes grüngelb; vielschichtige Frucht, grüner Apfel und mit einem Anflug von exotischen Früchten, fein und klar in der Nase; im Mund extrem elegant und finessenreich, mineralisch, und dabei trotzdem dicht und präsent vom Antrunk bis zum Abgang. Herrlicher, finessenreicher Wein!

http://www.weingut-wedekind.de

 

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Die Marketingabteilung der Winzer aus Nierstein arbeitet aktiv. (Bild vl)