Verrückte Zeiten – tolle Ideen. Und ein wenig (leider restsüsse) Normalität.

Es ist bewundernswert, mit wie viel Kreativität einige Winzer und Weinhändler plötzlich auftrumpfen. Aber trotzdem muss man ja nicht jeden Wein dann einfach gut finden. Für heute deshalb mehr eine Plauderei als eine Weinbeschreibung.

Aktuell überbieten sich Winzer und Lieferanten mit mehr oder weniger kreativen Angeboten. Zwei coole Online-Degustationen habe ich schon in meinem letzten Beitrag beschrieben:
https://victorswein.blog/2020/03/23/corona-macht-erfinderisch-spannende-online-degustationen-zum-mitmachen/

Viele Angebote sehen indessen einfach „nur“ eine Gratislieferung vor – damit glauben die Güter und Unternehmen jetzt gerade zu punkten. Bloss: Wie bringen die das nach der Krise nur wieder weg? Wer macht den ersten Schritt und verlangt – betriebswirtschaftlich logisch – wieder Transportkosten? Ich wage die Prognose, dass viele Winzer am Schluss als Verlierer dastehen, weil sie mit der Gratislieferung einfach nicht mehr aufhören können. Da ist die Aktion des von mir hoch geschätzten Winzers Michael Broger geradezu besonnen: Er liefert temporär in der näheren Umgebung, sprich, in seinem Kanton – den ich mit meinem Wohnort um gerade einen Kilometer verpasse, was mir aber aufgrund des Autokennzeichens (TG) ganz recht ist 🙂 – gratis, behält aber sonst seine üblichen Versandkosten zu recht bei.

MIr gefällt unter Vielen indessen die Idee von sechs Winzerinnen und Winzern aus Nierstein. Hier kann man zwei verschiedene Probierpakete mit je einer Flasche der sechs Güter bestellen. Gemeinsam geht es besser! Und für mich wäre das ein Zukunftsmodell – nicht jeder mag die gleiche Art von Wein, und unter sechs finden sicher fast alle einen Lieblingswein. Am Schluss gewinnen alle! Es gibt zwei Pakete, eines „nur Riesling“, das andere „alles ausser Riesling“, die Kosten betragen 44 Euro, inkl. 2 Euro Spende an eine soziale Institution. Kritisieren muss man aber immerhin, dass die Aktion technisch nicht ausgereift ist, Bestellungen sind nur per E-Mail möglich (siehe Bildlegende), und wie hoch die Transportkosten sind, bleibt offen. Dennoch: Solche Aktionen wollen wir künftig regelmässig sehen, dann hätte Corona sogar etwas (Wein-)Gutes.

Für Bestellungen: sina@weingut-eimermann.de

Zu einem der sechs Güter, die sich hier gemeinsam organisiert haben, gibt es übrigens in einem anderen Weinblog einen sehr schönen Beitrag: Nicole Korzonnek hat in ihrem Blog bottled grapes (ich „beneide“ sie um diesen genialen Namen) das Weingut Schneider-Müller sehr schön portraitiert:
https://bottled-grapes.de/weingueter-schneider-mueller-rheinhessen/

Themenwechsel: scheussliche Restsüsse

Ich mag nun mal Weine nicht, die zu viel Restsüsse aufweisen. Selbst, wenn ich sie rein rational oft sehr gut beurteile, gefallen können sie mir fast nie – und schon gar nicht zum Essen, es sei denn, es handle sich um ein asiatisches Gericht und beim Wein um einen Riesling oder einen Chenin blanc mit viel Säure zur Süsse.

Heute habe ich eine „blind“ eingekaufte Petite Arvine 2018 probiert. Schon in der Nase war klar, dass ich diesen Wein nicht mögen werde, und im Mund erst recht: Es gibt so viele hervorragende Weine aus dieser Sorte, die trocken oder mit wenig Restsüsse ausgebaut sind – warum braucht es da Süsse? Das ist einfach ein Beweis mehr dafür, dass man Weine nur einkaufen sollte, wenn man sie selbst probiert und für dem eigenen Geschmack entsprechend befunden hat. Da ich aber das fragliche Weingut (Les Fils de Charles Favre) seit bald 40 Jahren kenne und hoch schätze, habe ich es wieder einmal gewagt. Eben: Das Unternehmen ist hoch empfehlenswert, und auch den Wein werden viele vermutlich gut finden – bei mir enden die restlichen 5 Flaschen indessen als Kochwein in Gerichten, die nach einen leicht süssen Touch verlangen.

Aber gerade deshalb finde ich die beschriebene Aktion der sechs Niersteiner Winzerinnen und Winzer so gut: Man kann probieren und allenfalls nachbestellen, was gefällt!

Süsser Wein? Ich bin selbst nicht besser!

Ich pflege einen eigenen, kleinen Rebberg:
https://victorswein.blog/virtuelles-rebjahr/

Ich habe kürzlich meinen Wein, ein Pinot noir aus einer zum zweiten Mal genutzten Barrique, aus dem Jahr 2016 einem Weinfreund zum Probieren gebeben. (Adrian van Velsen, der einen Weinblog betreibt, der viel älter und viel professioneller ist als meiner – sehr empfehlenswert:
https://vvwine.ch/

Er lieferte mir nicht nur eine hochprofessionelle Degustationsnotiz, sondern auch den Hinweis, dass er eine Restsüsse von mindestens 2-3 Gramm vermute. Mir war immer klar, dass der Wein nicht ganz trocken ist, aber gerade so? Ich liess ihn deshalb analysieren und das Resultat war ein Schock: 5,2 Gramm Restzucker!

Fazit: Kritisieren ist einfach, selber besser machen, weniger.

Und in diesem Sinn: Hut ab vor allen, die in der heutigen schwierigen Zeit selbst etwas besser machen!

https://www.weingut-gehring.com/
https://www.weingut-huff.de/
https://www.weingut-seebrich.de/de/home/articles/home.html
https://www.weingut-huff.com/
http://schneider-mueller.com/
https://weingut-eimermann.de/

Und – nehmen Sie meine Kritik an der Süsse der Petite Arvine nicht zu ernst, das Weingut ist hervorragend:
http://www.favre-vins.ch/

Wedekind – grün am roten Hang

wedekind-blog
Blick vom roten Hang zum Rhein – vorne eine neu angelegte Parzelle von Wedekind. (Bild vl)

Manchmal braucht es einfach einige Zufälle – und die sanfte Mithilfe der Ehefrau, um Aussergewöhnliches zu entdecken:

Wir hatten Ferien, es war Ende Mai 2017, und eigentlich wollten wir in den Süden an die Sonne. Aber dann waren die Prognosen für Mitteleuropa so gut, dass wir uns für eine Deutschlandreise entschieden. Ziele waren unter anderem die Pfalz und der Rheingau, ersteres aus schöner Erinnerung, letzteres, weil wir da noch nie waren.

Während einer ziellosen Fahrt durch Rheinhessen nach Norden fanden wir uns plötzlich wenige Kilometer von Nierstein entfernt. Da waren wir auch noch nie, also nichts wie hin. Die Ankunft unten am Rhein, mit einer Schnellstrasse und der Bahn, dazu noch bei schlechtem Wetter, war wenig einladend. Das Städtchen hinter der Bahnlinie hat dann schon viel mehr zu bieten, und eine Wanderung im resp. über dem berühmten roten Hang hat es dann erst recht in sich! Es lohnt sich, hierher zu fahren!

Während der Wanderung fielen uns schon einige Parzellen auf, die grüner waren als andere, sozusagen grünrot statt rot, was aber keine politische Aussage sein soll. Einige waren beschriftet, und der Name „Wedekind“ hat sicher Vorteile in der Memorisierung.

Am Schluss des Spaziergangs passierten wir den Marktplatz von Nierstein, und da war einladend die Vinothek von Philipp und Esther Wedekind. Mir aber stand der Sinn mehr nach Kaffee und Kuchen, ein Bedürfnis, das auf der anderen Platzseite sympathisch erfüllt wurde. Ich weiss nicht, welcher siebte Sinn nach dem Verlassen des Lokals meine Frau dazu trieb zu sagen „probieren wir jetzt noch Wein bei Wedekind“? Normalerweise leidet sie eher unter meinen ständigen Degustationswünschen und Winzerbesuchen, und es kommt schon mal vor, dass sie einfach lesend im Auto sitzen bleibt. Aber hier: „gehen wir noch in die Vinothek“?

Schon fast widerwillig ging ich mit, und die Weinauswahl machte meine Stimmung anfangs auch nicht besser, denn auf den ersten Blick gab es fast nur Weine mit Restsüsse. Ich kann zwar rational nachvollziehen, dass Menschen das mögen können, aber ich gehöre nicht zu jener Sorte. Auf Nachfrage fanden wir dann aber auch trockene Weine, die Anordnung ganz logisch – auf der einen Seite die mit viel Restsüsse, auf der anderen die ganz trockenen.

Den Mund noch voller Kaffeegeschmack hatte ich aber noch immer keine Lust zu degustieren, und so kaufte ich – völlig entgegen meiner Gewohnheit – einige Flaschen, ohne sie probiert zu haben. Die Auswahl war einfach – von den drei trockensten Rieslingen je zwei Flaschen.

Wieder zuhause dann das Probieren – und die Erleuchtung: Da strahlte ein fruchtiger, „stählerner“, wundervoll klarer Duft aus dem Glas, und im Mund war der Riesling dicht und gleichzeitig elegant. Ein Wein, der berührt! Gleiche Erlebnisse hatten wir etwas später mit den beiden anderen Flaschen; selbst der „rote Hang“, in dem sich – für süsseempfindliche Gaumen wie dem meinen – ein klein wenig Süsse bemerkbar macht, mundete wunderbar.

Diese Erlebnisse verlangten natürlich danach, zu diesem Winzerehepaar zu recherchieren. Und ja gut, es haben offensichtlich vor mir schon andere die Qualität dieses Gutes entdeckt. U.a. hat es auch schon Aufnahme in den „Eichelmann“ gefunden, und das schon mit drei Sternen. Beim Suchen kommt da etwa zu Tage, dass Philpp das Hobby seines Vaters mit ein paar Aaren Reben übernahm, zu seinem Beruf machte, und inwischen rund 10 ha bewirtschaftet, alles biologisch und mit Spontanvergärung der Säfte. Oder, dass sowohl er als auch seine Ehefrau Esther in Geisenheim studiert haben, und bei diversen Biowinzern ihr Handwerk weiter erlernt.

Trotzdem, diese Geschichte zeigt schön, dass es sich lohnt, ausserhalb der ausgetrampten Pfade zu gehen und auch einfach einmal etwas zu probieren – selbst dann, wenn dazu der sanfte Druck der Ehefrau notwendig ist!

Und zumindest in der Schweiz wäre Wedekind immer noch ein Geheimtipp, offenbar gibt es noch keinen Importeur. Aber eben, eine Reise nach Nierstein lohnt sich, vor allem auch für mehr als nur 6 Flaschen….

Sagt auch meine Frau!

Degustationsnotiz Riesling trocken, Heiligenbaum, 2015 (12/2017)

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helles, glänzendes grüngelb; vielschichtige Frucht, grüner Apfel und mit einem Anflug von exotischen Früchten, fein und klar in der Nase; im Mund extrem elegant und finessenreich, mineralisch, und dabei trotzdem dicht und präsent vom Antrunk bis zum Abgang. Herrlicher, finessenreicher Wein!

http://www.weingut-wedekind.de

 

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Die Marketingabteilung der Winzer aus Nierstein arbeitet aktiv. (Bild vl)