(K)ein Ding der Unmöglichkeit: eine sensationelle Vertikale des Sekt Riesling VDP.AUKTION.RÉSERVE von Barth.

Rar sind sie ohnehin schon, die grossartigen „Auktions-Réserven“ des Wein- und Sektgutes Barth. Es gibt pro Jahrgang in der Regel nur 120 Flaschen davon. Fast unglaublich war deshalb, dass eine Vertikale der Jahrgänge 2014 bis 2022 stattfinden konnte. Die Weinhandlung Terravigna hat diese bewegende Degustation vorgestern in Bern möglich gemacht.

Acht Jahrgänge waren angekündigt, geworden sind es dann deren neun, da Mark Barth gleich noch den eben erst degorgierten neusten Jahrgang 2022 mitgebracht hatte. Es wurde eine echt berührende und vielleicht einmalige Degustation, welche zeigte, wie sich eine Handschrift durch all die Jahre durchziehen kann, ohne, dass der jeweilige Jahrgang sich nicht doch klar zeigt. Und vor allem: Es war ein Beweis mehr, dass die besten Sekte aus Deutschland an der Weltspitze mitmischen.

Weinversteigerung? Die Wiege dazu liegt im Rheingau.

Zuerst aber etwas Weingeschichte als Rahmen zu diesem nur an der VDP-Versteigerung erhältlichen Sekt (Quelle: v.a. Vortrag Mark Barth): Aus dem Jahr 1804 ist erstmals eine Weinversteigerung dokumentiert. Die nassauischen Landesherren liessen im Rheingau, genau in Hattenheim und Eltville, Wein öffentlich versteigern. Bereits 1806 erfolgte die erste Versteigerung im Kloster Eberbach. Ab 1836 wird Eberbach definitiv zur internationalen Bühne für die Versteigerung alter und junger Spitzenweine. Interessant ist, dass die an der Versteigerung erzielten Preise 1867 mit in die Rheingauer Weinbaukarte von Dr. Dünkelberg einflossen.

Das Rheingau, Kulturlandschaft erster Güte (hier bei Oestrich-Winkel). Und Schauplatz der ersten Weinversteigerungen – bis heute.

Aus „Naturwein“ wird „VDP“! Dem Gesetz sei Dank.

1910 entstand dann ein Verband „Deutscher Naturweinversteigerer“, welcher 1972 in den Verband Deutscher Prädikatsweingüter e. V (VDP) umbenannt wurde – gezwungenermassen, weil das Weingesetz von 1970 den Ausdruck Naturwein verboten hatte (Quelle: VDP). Heute dürfte man froh sein, damals zum Namenswechsel gezwungen worden zu sein.

Sektversteigerung erst seit 2010. Und alle gehen immer weg – auch für 90 Euro.

Erst seit 2010, damals noch unter dem Namen „Barth Primus“ mit Jahrgang 2007, wird an der Versteigerung auch Sekt angeboten (Quelle: openpr.de). Seit dem Jahrgang 2013 heisst der versteigerte Sekt „VDP.AUKTION.RÉSERVE“. Angeboten werden in der Regel nur 120 Flaschen, und diese gingen noch immer lückenlos weg, zuletzt zu Preisen um 90 Euro. Angesichts der hohen Qualität des Sektes erscheint mir dieser Preis im internationalen Vergleich noch durchaus „bescheiden“.

Wie machen wir unsere Weine noch besser? Indem wir Sekt daraus herstellen!

Das Wein- und Sektgut Barth produziert bereits seit den späten 1980er-Jahren Sekt; heute macht der Schaumwein rund die Hälfte der ganzen Produktion aus. Im Jahr 2004 fragte man sich, wie man die besten Weine des Gutes noch besser machen könnte. Die vorerst eher provokativ gemeinte Idee war, „wir machen Sekt daraus“. Tatsächlich wurde die Provokation dann aber umgesetzt und man begann, Sekt aus Einzellagen herzustellen. Inzwischen gilt Barth als Sekt-Spezialist und gehört zur Elite in Deutschland. Das bedeutet aber nicht, dass man bei den Stillweinen zurückgeblieben wäre; ich hatte die Gelegenheit, auch den Riesling Weissenbrunnen GG 2017 zu verkosten – ein grossartiger und noch absolut frischer Riesling (und für CHF 42.00 ein Schnäppchen)! Und ganz nebenbei, aber nicht unwichtig: auch dieses Gut arbeitet biologisch.

Drei Jahre Hefelagerung – und immer frisch und elegant.

Der Versteigerungssekt, korrekt „Barth Sekt Riesling VDP. AUKTION.RÉSERVE“, wird grundsätzlich in jedem Jahr nach dem gleichen Prinzip hergestellt. Angestrebt wird ein kühler, frischer Stil und der Wein lagert jeweils 3 Jahre auf der Hefe. Mit zur hohen Qualität trägt bei, dass man den Pressvorgang akribisch begleitet und beispielsweise für den Sekt nur rund 40 % Saftausbeute verwendet. Seit 2018 verfügt man dazu über eine Hightech-Presse, die den Vorgang genau steuern kann. Dazu eine kleine Episode: Die Presse wurde für die frühe Ernte zu spät geliefert, aber das Gut verfügte bereits über die Schemata für die Pressung. Also entschied man, das Schema einfach manuell auf der alten Presse durchzuführen – mit dem Resultat, dass der Kellermitarbeiter während vollen fünf Stunden damit beschäftigt war, für 120 Flaschen Sekt die perfekte Pressung vorzunehmen!

Once in a lifetime: Vertikale des „Versteigerungs-Sektes“ des Wein- und Sektgutes Barth. Ein berührendes Erlebnis!

Jahrgangssekt heisst bei Barth übrigens vollumfänglich Jahrgangsekt. Man verwendet für das Einbringen der Dosage nämlich einen Stillwein des gleichen Jahrgangs wie der Sekt selbst – „Réserve-Dosage“ nennt dies Mark Barth. Stichwort Dosage: Diese liegt je nach Jahrgang in der Regel bei 5-6 g, was man aber im fertigen Wein kaum mehr wahrnimmt.

Grossartige Qualität – das macht Lust auf die nächste Versteigerung.

Die Degustation war nicht nur aufgrund des Raritäten-Status eine grosses Erlebnis, auch die Güte der Weine war sehr überzeugend. Quer durch alle Jahrgänge war die Handschrift klar spürbar, trotzdem zeigten sich spannende Jahrgangsunterschiede. Dieser grossartige Sekt ist in jungen Jahren durch seine Finesse und Spitzigkeit vor allem als Apéro-Wein geeignet. Mit jedem Jahr Flaschenreife wandelt er sich dann aber auch zu einem perfekten Essenbegleiter mit viel Tiefgang und vielschichtigen Aromen – und immer mit einem enorm langen Abgang. Mein persönlicher Favorit war 2015, da erscheint einfach alles perfekt (typisch Riesling, noch viel Frucht, frisch, mit schöner Säure, enorm elegant und finessenreich – ein Wurf) gefolgt von 2022 und 2017. Aber eigentlich ist das wohl bloss eine persönliche Präferenz, hervorragend sind nämlich alle, namentlich auch 2019, 2020 und 2021 (!).

Die nächste Chance, diesen Wein zu ersteigern, bietet sich am 27. Februar 2027 im Kloster Eberbach oder auch in einem Online-Stream. Darüber hinaus verfügt Terravigna von einigen Jahrgängen noch über einzelne Flaschen – nachfragen lohnt sich. (Links siehe unten).

Mark Barth, Patron des Wein- und Sektgutes Barth, Hattenheim im Rheingau.

Degustationsnotizen

2022
Zuerst sehr viel frischer, grüner Apfel, minimale Reduktion, mit etwas Zeit dann sehr rein, blumig und mit Riesling-typischer Frucht; Im Mund mit ausgesprochen feiner, recht zurückhaltender Perlage, sehr viel Frische, feine, knackige Säure, sehr viel Eleganz. Vielversprechend! 18-18,5 Punkte.

2021
Duft nach frisch angeschnittenem Apfel, dazu sehr ausgeprägt Noten von Anis und Fenchel; im Mund mit recht prägnanter Säure, eher filigran aber sehr fein, auch in der Perlage, auch im Mund mit spürbarem Fenchel-Ton. Sehr feingliedriger, feiner Wein. Das Filigrane mag Geschmacksache sein, ich persönlich finde ihn toll. 18 Punkte.

2020
Duft nach reifem Apfel, nussig (Baunüsse und Haselnüsse), etwas weisser Pfirsich, leichter Fenchelduft, aber viel weniger intensiv als 2021; knackige Säure, die sehr gut eingebunden ist und deshalb gut stützt, relativ starke, etwas weniger feine Perlage als bei den Nachfolgejahrgängen. Üppigerer Stil als 2021, aber toller Wein. 18 Punkte.

2019
Etwas Brioche, auch florale Noten, reifer Apfel, auch hier ein wenig Fenchel; mittlere Säure, sehr viel Frische, schöne, feine Perlage, ausgesprochen langer Abgang. 18 Punkte.

2018
Dezent Brioche und Brotrinde, leichte Kräutertöne, Birne, leichter Ton von exotischen Früchten; vergleichsweise tiefe Säure, feine Perlage, hat Kraft, vielleicht aber etwas wenig Frische. 17,5 Punkte.

2017
Gereifte Farbe (mittleres Gelb mit Orangetönen); dezenter Brioche-Ton, schöne Kräuterdüfte, auch grüne Töne (frisches Gras),etwas „süsslich“ wirkende Papaya; mittlere Säure, schöne Frische, sehr rund fliessend, wenig Perlage, viel Kraft und auch Eleganz. Toller Wein. 18 Punkte.

2016
Gereifte Farbe; reife Fruchttöne (Banane, reife Aprikose); nussig, etwas Anis, Vanille; mässige Säure, sehr rund fliessend, wirkt, als hätte er mehr Dosage als 2017 (was nicht der Fall ist), noch sehr schön zu geniessen, aber die Reifung ist unverkennbar. 17,5 Punkte.

2015
Gereifte Farbe, kräutrige Noten, nussig, aber auch mit gereifter Frucht (Boskoop-Apfel, Papaya, Aprikose), sehr dezent Brioche; schöne Säure, die trägt, aber gut eingebunden ist, enorm elegant und finessenreich, dabei gleichzeitig auch noch kraftvoll. Grosser Schaumwein! 19 Punkte.

2014
Gereifte, fast schon dunkelgelbe Farbe; etwas Petrolton, minimal Brioche, fast keine Fruchtdüfte mehr; schöne, stützende Säure; leichter Bittertouch, wenig Perlage, wirkt schon fast in Richtung Stillwein, filigrane Struktur. Wunderbar zu trinken, aber hier merkt man das Alter bereits deutlich. 17 Punkte.

Links:

Zum Wein- und Sektgut:
BARTH VDP Weingut und Sektgut aus dem Rheingau – Weingut

Bezugsquelle CH:
TERRAVIGNA AG | Wein Webshop
(Für Versteigerungssekt ggf. nachfragen: info@terravigna.ch)

Nächster Versteigerungstermin:
VDP: Termine

Info zur „Dünkelberg-Karte“
Sensationeller Fund: Älteste Lagenkarte der Welt gefunden – Weinkenner – Das Weinmagazin


Interessennachweis:
Die Degustation fand in Form einer Masterclass im Rahmen des „Tages der offenen Flaschen“ am 2. November 2026 auf Einladung von Terravigna ohne jede Verpflichtung statt.

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