Das Vinschgau und das Lehengut – ein Alpental und ein junger Biobetrieb mit Zukunft!

Das Alpental Vinschgau im Südtirol hat mengenmässig in Sachen Wein nur eine marginale Bedeutung. Um so spannender ist es zu beobachten, wie hoch das Qualitätsniveau liegt. Einer der bemerkenswerten Betriebe ist das Lehengut in Kastelbell, wo tolle Bioweine produziert werden – und ein Piwi-Wein, der alle Voruteile Lügen straft!

Der erste Eindruck von Thomas Plack erschien etwas stressig – und er war falsch. Mit etwa fünf Minuten Verspätung auf den vereinbarten Termin entstieg er seinem Auto, mit dem er eher rassig auf den Hofplatz gefahren war. Er ist sich offensichtlich Pünktlichkeit gewohnt und schon die geringe Verspätung war im nicht recht (wir sind ja auch im Südtirol und nicht im „klassischen“ Italien). Es stellte sich heraus, dass er nicht nur Reb- und Obstbauer, sondern auch noch Gemeindereferent im Gemeinderat von Kastelbell ist und eben von einer Sitzung nach Hause hetzen musste. Der Einsatz für die Allgemeinheit ist bei ihm offensichtlich Programm, er war auch schon Feuerwehrkommandant.

Jedenfalls hatte ich ein paar Minuten die Gelegenheit, den neu gebauten Keller und Degustationsraum des Lehengutes von aussen zu bestaunen. Da wird offensichtlich an die Zukunft des Weinbaus geglaubt! Und Thomas Plack wurde im Verlauf unseres Gespräches dann die Ruhe in Person und strahlte genau diesen Zukunftsglauben aus.

Bio-Qualität seit 2006.

Auch wenn das Lehengut schon länger etwa 2’000m2 Reben bewirtschaftete, so richtig ist es erst seit 2015 ein Weingut. Schon 1989 übernahm Thomas Plack nach dem viel zu frühen Tod seines Vaters mit gerade mal 19 Jahren den Betrieb, der vom Obstbau lebte. Heute bewirtschaftet Thomas zusammen mit seiner Frau Claudia, die allerdings hauptberuflich als Ärztin im Bozen arbeitet, weiterhin 5 Hektar Obst, aber inzwischen auch 3 Hektar Reben. Bereits 2006 stellten die Plack’s auf biologischen Anbau um, und das galt auch für den Rebbau, wobei die Bio-Trauben leider im normalen Wein einer Genossenschaft verschwanden.

Blick auf den sonnigen Südhang östlich von Kastelbell im Vinschgau und auf einen Teil der Reben des Lehenhofs (oben).

Eine der besten Lagen wieder zurück in Familienbesitz und ein Bijou in Pacht.

Etwas Glück war bezüglich Rebflächen auch dabei, so konnte z.B. eine Parzelle, die früher in Familienbesitz war und auf der nachweislich schon im Jahr 1627 Reben wuchsen, zurückgekauft werden. So verfügt die Familie Plack nun mit „Krebsenrauth“ (die von Plack’s mühsam gerodet wurde) und  «Tonnerberg» über zwei Toplagen, ergänzt durch eine Pacht, die ein eigentliches Bijou darstellt und die auch weinhistorisch interessant ist – der „Ansitz Kasten“ wurde nämlich 1974 als erste grössere zusammenhängende Weinfläche im Vinschgau bepflanzt.

Das Vinifikations-Wissen von Castel Juval. Und der ehemalige Lehrer als Freund.

Die Trauben wurden nach der Gründung des eigentlichen Weinguts auch nicht mehr abgeliefert. Vielmehr fand Thomas Plack in seinem ehemaligen Lehrer für Kellerwirtschaft an der Fachschule Laimburg, Martin Aurich, einen Partner, der seine Weine in Bioqualität kelterte. Aurich hatte inzwischen den Hof Unterortl übernommen und zu einem Vorzeige-Weingut gemacht. Und aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis wurde mit den Jahren eine echte Freundschaft. Auf Unterortl wurde in diesen Tagen zwar ein Pächterwechsel vollzogen, doch ist nicht daran zu zweifeln, dass auch die neu verantwortliche Familie Burki für das Lehengut weiterhin hervorragende Weine keltern wird.

Mehr dazu, vgl. hier:
Reinhold Messner und Martin Aurich: Zwei Gentlemen sichern die Zukunft des Weinguts Castel Juval. – Victor’s Weinblog (victorswein.blog)

Auf dem Lehengut selbst wird ohnehin kreativ an der Zukunft gearbeitet. Auf Vernatsch wurde schon länger verzichtet, da die Sorte einfach zu anfällig ist. Dafür wurde mit der Souvignier Gris eine Piwi-Sorte angepflanzt, und 2023 wurden neu auch Grüne Veltliner gesetzt – warum auch nicht, wo doch auch der Riesling im Vinschgau so gut gedeiht. Ich freue mich jedenfalls auf den GV aus Südtirol!

Piwi-Wein der Extraklasse!

Dass die Weine, angesichts des Oenologen, hervorragend ausfallen, verwundert nicht. Und dass Plack gutes Traubenmaterial abliefert, steht auch nicht in Frage. Trotzdem stellte ich auf dem Lehenhof Nuancen fest, die ich auf Unterortl nicht fand. Der Riesling beispielsweise hat hier rund 3 g neckische Restsüsse, und einen Piwi gibt es nur vom Lehenhof. Und von wegen: was für ein Piwi! Der «Gegenwind» 2021 aus Souvignier Gris kommt fast wie ein Orange-Wine daher (er wurde tatsächlich auch 7 Tage auf den Schalen vergoren), anschliessend wurde er in Holz ausgebaut. Das ist ein wunderbarer Beweis, dass Piwi-Sorten auch qualitativ eine Zukunft haben! Der Gegenwind ist aufgrund des „orangen“ Ausbaus vielleicht nicht jedermann’s Sache – für mich ist er der beste Piwi, den ich je im Glas hatte!

Und von wegen Zukunft: Den Lehenhof darf und muss man im Vinschgau sehr interessiert weiter verfolgen, da ist schon grosse Qualität vorhanden, und da wächst meines Erachtens noch Grösseres heran!

Thomas Plack, bescheiden geliebener Winzer, der auf sein Sortiment stolz sein darf!

Degustationsnotizen:

Weissburgunder 2022
Schöne Frucht, frischer Apfel, mineralische Anklänge; im Mund sehr dicht, bei guter Säure sehr rund, ebenfalls etwas Mineralik, mittlerer Abgang. Typischer, schöner Weissburgunder. 16 Punkte

Riesling 2022
Sehr typischer Rieslingduft, Steinfrüchte; dichter Körper, tolle, knackige Säure, verbunden mit einer neckischen Restsüsse (3g), langer Abgang, sehr gelungener Riesling aus den Südalpen. 17 Punkte.

„Gegenwind“ 2021 (Souvignier Gris)
Dunkles Strohgelb mit orangen Tönen; spannende Nase mit Dörrfrüchten (Aprikose, Pflaume, Rosinen), aber auch frische, teils exotische Frucht (Mango, Mirabellen), etwas Rosenblüte, würzig; im Mund knochentrocken, aber doch rund und harmonisch, sehr dicht und mundfüllend, gute Säure, etwas Tannin, schöner Bittertouch, fast nicht endender Abgang. Ganz toller, äusserst sauberer Piwi- und Orangewein! 17 Punkte. (Tipp: Mehrere Stunden oder auch einen Tag im Voraus öffnen).

Pinot noir 2019 (Ausbau je hälftig im grossen Fass und in Barriques)
Mittleres Rot, sehr fruchtig, primär Duft nach Waldbeeren; feine Tannine, schöne Säure, rund und süffig, Holz dezent und sehr gut eingebunden, schönes „Feuer“ im mittleren Abgang (nicht zu verwecheln mit brandig!), schöner cool-climat-Pinot. 17 Punkte.

Passito 2020 (Rarität, nur 280 Liter hergestellt, Ende November gelesen, in Kisten getrocknet, Ende Februar abgepresst; 185 g RZ und 9,7 % Alkohol)
Extrem fruchtige Nase, exotische Töne, etwas Heu; sehr rund, auch im Mund wunderbare Fruchtigkeit, dank sehr schöner und präsenter Säure in totalem Gleichgewicht, toller Süsswein. Genialer Wein, ohne Benotung, da mir hier die Erfahrung fehlt.

Link auf die Homepage des Lehengutes:
Wein und Obst aus biologischer Landwirtschaft – Lehengut bei Kastelbell


Interessennachweis:
Dieser Beitrag wurde ermöglicht dank einer Pressereise im Herbst 2023 auf Einladung der Tourismusgenossenschaft Naturns mit Kost und Logis im rundum hervorragenden Hotel Schulerhof in Plaus. Die ganze Reise und der Besuch auf dem Weingut erfolgten indessen individuell und ohne jede Verpflichtung. Das Vinschgau hat mich aber etwas „verzaubert“ und ich wurde dabei ein Fan des Gebietes, fast so wie dem Wallis!

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