Erst 2015 gegründet, stellt „Thistle and Weed“ heute Weine vor, die einfach grossartig sind: frisch, lebendig, dicht, tiefgründig. Dieses Weingut aus Südafrika muss man sich unbedingt merken!
Distel und Unkraut. Auf diesen Namen für ein Weingut muss man zuerst einmal kommen. Aber er scheint Programm zu sein, denn er soll zum Ausdruck bringen, dass die Rebe zäh ist und sich weder von wucherndem Unkraut noch von störrischen Disteln beindrucken lässt. Und wohl auch, dass sich das Weingut einen sorgfältigen Umgang mit der Natur auf die Fahne geschrieben hat (der Cabernet Franc wird z.B. biodynamisch produziert) und man Unkraut deshalb nicht als Gegner sieht. Die Übersetzung sollte deshalb wohl besser „Distel und Beikraut“ lauten!

Der Grossvater ist eine Weinlegende in Südafrika
T + W, vielleicht stellen diese beiden Buchstaben, aber das ist jetzt eine reine Spekulation, auch einen Hinweis auf die Inhaber des Weingutes dar: Etienne Terblanche und Stephanie Wiid. Etienne ist der Winzer, Stephanie die Oenologin (die übrigens auch beim ebenso bemerkenswerten Gut „Draaiboek“ in Hemel & Aarde für die Weinbereitung verantwortlich ist). Beide Partner auf dem Weingut verfügen über eine erstklassige Ausbildung, und bei Stephanie liegt der Wein sozusagen im Blut, ihr Grossvater war Niel Joubert, welcher mit der Kellerei Spier und dem Aufbau der Stellenbosch Wineroute zu einer Weinlegende in Südafrika wurde.
Die Weinberge des in Paarl ansässigen Gutes liegen teilweise recht weit auseinander, allerdings sind die Distanzen am Western Cape auch nicht so enorm. Dafür hat man offensichtlich hervorragende Terroirs mit teils auch alter Bestockung gefunden.

Ich hatte kürzlich in einem Beitrag den Vergleich eines Chenin Blanc des Gutes mit einem ebensolchen von der Domaine Huet von der Loire gemacht. Beide haben mich begeistert, und ich stellte in Aussicht, von Thistle and Weed auch die weiteren Weine zu probieren. Andy Zimmermann von Kap Weine machte mir das einfach, er liess mir nämlich umgehend je eine Flasche zukommen. Und das Resulat ist wie vermutet: durchgehend grossartige und berührende Weine – richtige Perlen!

Grosse Chenin Blanc mit feinen Nuancen
Was der „Duwweltjie“ (Teufelsdorn, vgl. früherer Beitrag) vermuten liess, bestätigte sich in der Degustation der anderen Chenin Blanc. Auch der „Springdooring“ (Feigenkaktus) und „Brandnetel“ (dieses Afrikaans versteht man auch auf Deutsch) sind grandiose und eigenständige Weine! Auffällig ist, dass jeder Wein eine eigene Handschrift trägt, alle sind zwar typische Chenin Blanc, aber jeder auf seine ganz eigene Art. Und sogar zwischen den Jahrgängen gibt es klare Unterschiede; der Brandnetel 2020 zeigt sich deutlich anders als der 2021er. Da werden Jahr und Terroir wunderschön herausgearbeitet. Verbindendes Element in allen Weinen ist eine herrliche Frische und auch eine tolle Dichte.
Geniale Assemblagen mit ungewöhlichen Sorten
Grandios sind aber auch die Assemblagen, und die haben es in Sachen Sorten in sich. Der weisse Khakibos ( Tagetes minuta) besteht aus Verdelho, Chenin Blanc, Palomino, Alvarinho und Fernão Pires. Eine ziemlich verwegene, iberien-lastige Kombination, die aber einen wunderbaren Wein hervorbringt, der rundum begeistert und den ich zu den grossen Weissweinen dieser Welt zähle. Und der rote Nastergal (schwarzer Nachtschatten) verwendet fast nur ursprünglich iberische Sorten: Tempranillo, Alicante Bouschet, Tinta Francisca, Touriga National, Souzao (sowie etwas Cabernet Sauvignon). Auch dieser Wein ist grossartig; ganz offensichtlich beherrscht man bei Thistle and Weed die ganz hohe Kunst der Assemblage!
Degustationsnotizen

Brandnetel 2020 (Chenin Blanc)
Helles Gelb; sehr fruchtig mit oranger Melone und weissem Pfirsich, leicht pfeffrig, etwas Holz spürbar; im Mund dicht und zupackend, sehr frisch, schöne Säure, minimaler, schöner Bittertouch; kräftig und gleichzeitig elegant, auch im Mund ist das Holz zurückhaltend und schön spürbar. Toller Wein! 18 Punkte.
Brandnetel 2021 (Chenin Blanc)
Helles Gelb; grüne Töne (Brennessel!), fruchtige Komponenten von Aprikosen und Lychee; im Mund noch jung und etwas „ungestüm“, braucht noch etwas Zeit, hat aber tolle Anlagen, sehr dicht, mittlere Säure, „lebendig“, enorm langer Abgang. Hat viel Potential. 17,5 Punkte
Springdooring 2020 (Chenin Blanc)
Helles Gelb; sehr feine, vielschichtige Frucht (u.a. Mirabellen, weisse Johannisbeeren), mieralische Note; Mineralität und Frische setzen sich im Mund fort, dabei sehr dicht, schöne Säure, wirkt, als wäre etwas Tannin vorhanden; frischer und knackiger, aber zugleich anspruchsvoller Wein. 17,5 Punkte
Khakibos White, 2021 (35 % Verdelho, 24 % Palomino, 22 % Chenin Blanc, 13 % Alvarinho und 6 % Fernão Pires)
Mittleres Gelb; sehr vielschichtige Zitrusfrucht, Duft nach Jasmin und frisch geschnittenem Gras, trotz Ausbau in gebrauchtem Holz schöner, dezenter Anflug von neu wirkendem Holz; im Mund ausgeprägte Frische, sehr dicht, toll eingebundene Säure, sehr langer, fruchtbetonter Abgang. Grosser, berührender Wein, der sich in keine Schublade stecken lässt, aber wenn man sich etwas zwischen einem sehr guten Burgunder und einem Châteauneuf-du-Pape vorstellt, liegt man nicht ganz falsch. 18 Punkte.
Kapskelhed, 2020 (Cabernet Franc)
Mittleres Rot, unverkennbare, aber fast etwas karikierte Cabernet-Franc-Nase (rote und grüne Peperoni, Weichselkirschen, Brombeeren), etwas Rauch; sehr rund bei mittlerer Säure, viel feines Tannin, etwas grüne Töne im langen Abgang. Sehr guter, auf seine Art auch typischer, aber für mich fast etwas parfümiert wirkender, eigenständiger Wein. 16,5 Punkte.
Nastegal 2020 (56 % Tempranillo, 11 % Alicante Bouschet, 11 % Tinta Francisca, 10 % Touriga National, 6 % Souzao, 6 % Cabernet Sauvignon)
Mittleres Purpur; dunkle Früchte (Brombeeren, Jostabeeren), würzig (u.a. Thymian und Pfeffer), Anflug von Leder; herrliche Frische, saftig-fruchtig, schöne Säure, viel sehr feines Tannin, elegant mit gleichzeitiger, eher gezügelter Kraft, langer Abgang. Tatsächlich eine Wucht! 17,5 Punkte.
Eine tolle Entdeckung!
Seit einer Südafrikareise im Jahr 2002 bin ich bekennender Fan des Landes, auch wenn man einige Entwicklungen mit Sorge beobachten muss. Nur Freude machen aber die Fortschritte im Weinbau. Schon damals gab es enorm gute Weine, in der Zwischenzeit aber ist Südafrika auch in der Breite zu einem wirklich grossen Weinland herangewachsen. Und immer wieder gibt es Newcomer wie eben Thistle and Weed, die Grossartiges leisten. Das Gut hat mich total überzeugt, und wenn ich es nochmals nach Südafrika schaffe, dann wird ein Besuch bei Thistle and Weed in Paarl ganz sicher eine kürende Pflicht sein!
Boutique Winemakers South Africa | Thistle and Weed
Bezugsquellen (u.a.)
Weine (kapweine.ch
Thistle and Weed | Stellenbosch (suedafrika-weinversand.de) (falls Link nicht funtioniert: copy/paste)
Und Link auf den im Artikel erwähnten früheren Beitrag in meinem Blog:
Interessennachweis:
Die Weine wurden (mit Ausnahme des 2020 Brantnetel, den ich nebst anderen nachgekauft habe), von Kap Weine, Wädenswil, zu Degustationszwecken zur Verfügung gestellt.