Dézaley Médinette: ein hochaktueller Klassiker!

Ich habe in den letzten Monaten mehrmals über grossartige Schweizer Weine geschrieben, die Weltklasse darstellen. Ganz sicher dazu gehört der Médinette von Bovard, ein Inbegriff für einen wunderschönen Chasselas, der selbst Weingott Bacchus prosten lässt!

Als Leserin oder Leser mögen Sie nun fragen, ob mir denn nichts anderes mehr einfalle, als über bekannte Weinklassiker zu schreiben. Gegenfrage: Wann hatten Sie zum letzten Mal einen Médinette im Glas? Bei vielen dürfte das lange her sein – und das ist schade, der Wein ist nämlich nicht einfach ein Klassiker, sondern ein genialer Klassiker, der zum Besten zählt, was es in der Schweiz gibt!

Klassisch ist auch die Etikette, die aus dem Jahr 1905 stammt und den Weingott Bacchus zeigt. Der Text links unten hatte prohetischen Charakter: le plus fin des Vins Suisse!

Bovard, das Traditionsunternehmen aus Cully, führt eine Vielzahl von Chasselasweinen aus unterschiedlichen Lagen. Aber bei aller Tradition hat sich Bovard auch immer wieder an Neues gewagt. Ortsuntypische Sorten wie Chénin blanc, Sauvignon blanc, Syrah und Merlot oder ein Ausbau von Weinen in der Barrique wurden sozusagen zu neuen Traditionen. Wer den heute schon über 80-jährigen Louis-Philippe Bovard erlebt, wer seine einnehmende Präsenz und seine Freude daran, über die Weine zu philosophieren je erlebt hat, wird keine Angst mehr vor dem Alter haben – und kann sich vorstellen, welche Schaffenskraft Bovard wohl als 50-jähriger gehabt haben muss!

Trotz aller Innovation – die Chasselas-Weine bleiben die Klassiker des Betriebes. Sehr spannend ist, dass jeder Wein seine Eigenheit, seine Herkunft ausspielen darf. Ich habe kürzlich die 2017er Villette Fraidieu, Espesses Chatally, St. Saphorin l’Église und den „normalen“ Dézaley nebeneinander probiert. Die Weine sind völlig verschieden – statt ihnen eine Firmenhandschrift aufzustempeln, lässt Bovard sie sich selbst ausdrücken. So toll diese Weine sind – das Mass aller Dinge ist der Dézaley Médinette:
Helles Gelb; zurückhaltende, aber delikate Noten von Mirabellen und Zitrusfrüchten, florale Düfte nach Linden- und Rebenblüte (!); im Mund im ersten Moment wuchtig wirkend, dann aber immer mehr mit einer tänzerischen Leichtigkeit, enorm mineralisch und frisch, mit einer schönen Säure und einem fast nicht enden wollenden Abgang. Eleganter Wein mit noch schlummerndem Power!

Speziell bemerkenswert ist die ausgeprägte Mineralität. Ich habe noch nirgends eine wirklich überzeugende und eingängliche Beschreibung von Mineralität im Wein gelesen, dieses „Phantom“ muss man selbst erspüren, was hier besonders gut gelingt.

Weine aus Chasselas sind generell unterschätzt, sind aber oft (und immer öfter) hervorragend. Der Médinette 2017 ist gar ein absoluter Spitzenwein, der auf seine ganz eigene Art mit den besten der Welt mithält. Dieser Wein ist jetzt schon ein unglaublicher Genuss – wie muss er erst in ein paar Jahren sein? Denn der Médinette gilt als Inbegriff eines Chasselas, der mit zunehmendem Alter immer noch besser wird und der auch sehr lange haltbar ist. Auf der Hompage von Bovard kann man denn auch heute noch die Jahrgänge 2006 und 2008 kaufen – auf Anfrage gibt es vielleicht gar noch eine Flasche aus den Jahren 2000 – 2004.

Sie sehen: Auch oder gerade ein Klassiker kann hochaktuell sein – und zum Wiederentdecken!

http://www.domainebovard.com/de/home.php

Einen weiteren Blogbeitrag über einen tollen Chasselas aus Deutschland siehe hier:
https://victorswein.blog/2018/02/03/gut-und-edel/

Und noch ein spannender Artikel von Daniel Böniger im Tagesanzeiger über Chasselas, bzw. über einen seiner wichtigsten Botschafter, den Sommelier und Chasselaskenner Jérôme Aké Béda:
https://www.tagesanzeiger.ch/leben/essen-und-trinken/make-chasselas-great-again/story/17046013


In einer Woche: Schweizer Spitzenwinzer im Schiffbau!
Und ganz zum Schluss: Am Montag, 2. Dezember 2019 bietet sich die landesweit beste Gelegenheit, Schweizer Spitzenweine zu probieren. Am „Swiss Wine Tasting“ ist, nebst vielen anderen, auch Bovard vertreten.
Infos und Anmeldung (Eintritt nur Fr. 20.–).
https://www.swiss-wine-tasting.ch/?L=0

Gut (und) edel!

Von wegen „minderwertige Rebsorten und unbekannte Regionen“.

„Mittleres, strahlendes Gelb. Anflug von Zitrusfrüchten und – überhaupt nicht negativ, ein wenig Kampfer -, mineralischer, fast an Steinmehl erinnernder Duft. Im Mund dicht, gute Säure, knochentrocken, sehr mineralisch, noch jugendlich, lang anhaltend. Toller, bewegender Wein“.
Blind degustiert vermutlich ein Chablis, vielleicht gar ein 1er Cru!

Irrtum: Hier beschreibe ich einen Gutedel (Chasselas) aus der Grossregion Basel, konkret aus Deutschland – den „Steingrüble 2013“ von Hanspeter Ziereisen. Wer würde glauben, dass 15 Kilometer nördlich von Basel, in Efringen-Kirchen, ein „Chablis“ wächst? Und erst recht, wer würde glauben, dass ein Chasselas eine solche Klasse erreichen kann?

Chasselas, das war jene Traubensorte, die uns vor 40 Jahren die jämmerlichen Fendants oder Féchys in halber Litern geliefert hat, kaum trinkbar, aber in jedem Restaurant präsent. Jene Sorte, die einen namhaften Weinjournalisten einmal zur Aussage verleitete: „irgend etwas zwischen Wein und saurem Most“. Und zur deutschen Form – Gutedel – pflegten wir jeweils zu sagen: weder noch; nicht gut, nicht edel.

Zugegeben, inzwischen wissen wir, dass in der Waadt und im Wallis auch wirklich gute Chasselas produziert werden. Und wer je das Vergnügen hatte, einen 40-jährigen Dézalay zu geniessen, der wird sich hüten, beim Chasselas von saurem Most zu sprechen. Zu dieser Thematik passt gerade wunderbar ein vor zwei Wochen erschienener, feinfühliger Artikel von Daniel Böniger im Tagesanzeiger:

https://www.tagesanzeiger.ch/leben/essen-und-trinken/make-chasselas-great-again/story/17046013

Aber ein solcher Wein aus Basel? (Oder meinetwegen aus Nordbaden)? Da braucht es wohl ein gutes Mass an Genie und Weinverrücktheit. Und das scheint wirklich gegeben:

„Im Erstberuf ausgebildeter Schreiner, trieben ihn Neugier und Leidenschaft dazu, das Weinmachen abseits gängiger Konventionen anzugehen. 1991 brachte er seinen ersten Jahrgang auf die Flasche. Heute gilt er mit seinen Pinots und Gutedel als Vorreiter einer Weinkultur, die alte Traditionen wiederentdeckt, um einzigartige, langlebige Weine zu erzeugen.“
(Zitat zu Hanspeter Ziereisen aus der Homepage von Jost + Ziereisen, siehe unten):

Ein Schreinermeister also, der in der Regio Basel einen wundervollen „Chablis“ aus Gutedel zimmert! Und nicht nur das, auch seine Pinots sind Klasse. Und die höherpreisigen Gutedel, die ich nicht kenne, müssen geradezu umwerfend sein.

Ein Besuch lohnt sich wohl auf jeden Fall. Ich werde demnächst hinfahren, das Gute(dle) liegt ja so nah!
Und lohnenswert ist auch ein Besuch auf seiner Homepage. Dort erfährt man beispielsweise, dass er einzelne Weine jahrzehntelang im Fass lagern lässt, bevor er sie abfüllt. Ein wunderbar weinverrückter und qualitätsbessener Wein-Schreiner also!

Und einer, der Weine macht, die bewegen!

http://www.weingut-ziereisen.de/

http://www.jost-ziereisen.ch/Jost-Ziereisen/Home.html
(Spannendes, länderübergreifendes Projekt)

ziereisen
Edeltraud und Hanspeter Ziereisen (Foto ab Homepage http://www.weingut-ziereisen.de)