Der erste Wein des neuen Jahrgangs der in der Schweiz jeweils auf den Markt kommt, ist der Non Filtré aus Neuenburg. Der Wein ist beliebter denn je, und er kann auch qualitativ hohen Ansprüchen genügen, wie ein Anlass zum 50-Jahr-Jubiläum bewiesen hat.
Am Anfang stand eine Hochzeit: Der Winzer Henri-Alexandre Godet sollte dafür den Wein liefern, aber geringe Ernten führten in den 1970er-Jahren dazu, dass Wein eine Mangelware war (!). Godet schlug dem Hochzeiter deshalb vor, den neuen, noch nicht filtrierten Wein extra für diesen Anlass abzufüllen. Die Rückmeldungen der Gäste waren dann so begeistert, dass der Non Filtré zur Tradition wurde. (Quelle: swisswine.ch). Obwohl seither erst 50 Jahre vergangen sind, ranken sich auch andere Legenden rund um die Entstehung dieser Neuenburger Spezialität, aber die geschilderte gefällt mir eindeutig am besten und dürfte auch die richtige sein, da Henri-Alexandre Godet als Vater des Non Filtré heute noch verehrt wird.
Zurück in die Zukunft

Aber eigentlich war es natürlich keine Neuerfindung, einen Wein unfiltriert abzufüllen. Zwar nutzten schon die Aegypter und Römer Tücher zur Filtration, aber die eigentliche Filtertechnik hielt in der Weinwirtschaft erst anfangs des 20 Jahrhunderts Einzug. Offensichtlich war diese Neuerung damals so schnell erfolgreich, dass ein nicht filtrierter Wein schon 75 Jahre später als Besonderheit galt.
Die Neuenburger waren mit dem Non Filtré aber auch so etwas wie Vorreiter. Wie der Kurator des Musée de la vigne et du vin in Boudry betonte, wussten die Winzer eigentlich schon lange, dass ein Wein mit etwas Depot besser sein kann als ein vollkommen ausfiltrierter. So sollen viele jeweils Flaschen mit etwas Depot als besonders gut für sich selbst behalten haben. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass heute immer mehr unfiltrierte Weine, die teils zudem sehr lange auf der Hefe gelegen sind, als besonders gut bewundert werden.
Vinum als Turbozünder für den Non Filtré in der Deutschschweiz.
Einen offensichtlich wichtigen Anteil am Erfolg hatte auch die Weinzeitschrift Vinum. Diese Geschichte ist einem sehr schönen Artikel von Matthias Sander in der NZZ entnommen, ich selbst kannte sie nicht (Link siehe unten). Der Mitgründer und damalige Herausgeber Rolf Kriesi hatte in Vinum anfangs der 1990er-Jahre sechs Seiten und eine Bestellmöglichkeit in der Weinzeitschrift für den Non Filtré reserviert. Die Publikation war ein Erfolg und trug offenbar massgebend dazu bei, dass die Spezialität aus dem Kanton Neuenburg auch in der Deutschschweiz Fuss fassen konnte. Rolf Kriesi war mit dem Neuenburger Weinbaugebiet eng verbunden, besass er doch ein Anwesen in Auvernier. Es passt perfekt zu meiner persönlichen Erfahrung mit dem Wein, dass ich meinen ersten Non Filtré ein paar Jahre zuvor ausgerechnet im Haus von Rolf in Auvernier entdecken konnte.
Die Zukunft hat schon begonnen: Alle wollen den Non Filtré probieren!

Wichtig für den ganzen Kanton – bis hoch zur Regierung.
Selbstredend handelt es sich beim Non Filtré immer um einen Wein aus der Chasselas-Traube (Gutedel). Im Jahr 1995 sah sich der Conseil d’Etat (Regierungsrat, d.h. Kantonsregierung) des Kantons Neuchâtel veranlasst, zur Sicherstellung der Qualität ein Dekret zu erlassen, wonach der Non Filtré immer erst am dritten Mittwoch im Januar auf den Markt gelangen darf. Im laufenden Jahr war der fragliche Mittwoch der 15. Januar, und die Branchenorganisation Neuchâtel Vins et Terroir lud zu einer Presseinformation und anschliessend auch zu einer grossen Degustation mit 36 Winzern, zu der auch die Bevölkerung eingeladen war. Trotz eines Eintrittsgeldes quoll der Veranstaltungsort beinahe über, der Ansturm war riesig und zeigt, wie verbunden die Neuenburger mit ihrem Non Filtré sind. Ganz am Rand zeigte der Anlass auch, dass die Bevölkerung und die Organe des Kantons offensichtlich zusammenhalten; Veranstaltungsort waren nämlich die Anciens Abattoirs in der zweitgrösse Stadt des Kantons, La Chaux de Fonds, einem Nicht-Weinbaugebiet auf 1000 Metern Höhe (das dafür Unesco-Welterbe und somit einen Besuch wert ist).

Ein fröhlicher, aber qualitativ ernst zu nehmender Wein.
Es ist nicht verwunderlich, dass der unfiltrierte Wein der Hochzeitsgesellschaft vor 50 Jahren so gut gemundet hat. Dieser „frühe Wein“ besticht nämlich vor allem durch eine enorme Fruchtigkeit; es kommen Düfte und Aromen zum Vorschein, die in einem üblichen Chasselas kaum zu finden sind: feine Zitrustöne bis hin zu exotischen Nuancen wie Ananas und Mango! Darüber hinaus wirkt der Wein in seinem jugendlichen Alter immer sehr frisch und „süffig“. Es ist ein überaus „fröhlicher“ Wein, dem es aber nicht an Klasse fehlt – Blick-Weinfachmann Alain Kunz verteilte den 2024ern mehrfach sogar über 17 Punkte! Zwar galt bis vor Kurzem die Regel, dass ein Non Filtré bis im Sommer getrunken sein sollte. Bloss: Das ist nicht wahr. Die Marketingorganisation hat da ganze Arbeit geleistet um das zu beweisen. Die Journalisten wurden nämlich in die Caves du Prieuré in Cormondrèche eingeladen, wo 23 Weine jeden Jahrgangs bis zurück ins Jahr 2013 degustiert werden konnten. Das Resultat? Praktisch alle Non Filtrés waren noch sehr genussvoll zu trinken und überaus frisch! Und lustigerweise fühlte man sich bei einigen fast etwas an Chardonnay erinnert!
Ǝ̗ꓤꓕꓶIᖵ NON – alles steht Kopf.

Marketing at its best – einfach nur die Wahrheit!
Und à propos Marketing: Die neuste Idee von Neuchâtel Vins et Terroir gehört meines Erachtens in jedes Lehrbuch. Da der Non Filtré immer ein kleines (oder je nach Produzent auch grösseres) Depot aufweist, welches zum Wein gehört und das – im Gegensatz zum Depot bei einem lange gelangerten Rotwein – eben gerade nicht wegdekantiert werden sollte, empfiehlt es sich, die Weinflasche vor dem Servieren einmal zu kippen, damit sich die Partikel gleichmässig im Wein verteilen. Und was macht Neuchâtel Vins et Terroir mit diesem Wissen? Es wird eine Etikette lanciert, die ganz einfach auf dem Kopf steht. Diese Idee kostet so gut wie nichts, stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar und ist auch eine dem Produkt ganz und gar angepasste, ehrliche, aber coole Umsetzung einer Marketingidee. Als früherer Werbeberater: Ich ziehe den Hut vor der Person, welche die Idee hatte und auch vor jenen, welche die Umsetzung ermöglichten.
Der Beweis des Reifepotentials

Bei den Weinen von 2024 bis zurück in das Jahr 2013 stachen folgende heraus:
(Und wieder einmal zur Erinnerung: 16 und mehr Punkte bedeuten bei mir „sehr gut“)
2021, Caves du Prieuré: leichte Trübung, schöne und vielfältige Zitrusnoten; im Mund dicht mit spannender Frische, leichter, schöner Bittertouch, ist toll in Form und sehr süffig. 16,5 Punkte.
2018, Château d’Auvernier: Immer noch wunderschöne Frucht, auch im Mund, gute Säure, lang und frisch. 16,5 Punkte.
2018: Cave des Lauriers: verhaltene Nase; sehr dichter Körper, runder Trinkfluss, eher tiefe Säure. Spannende Variante, eher im Stil der „alten“ Chasselas, aber auf die sehr gute Art. 16 Punkte.
2015, Domaine de Chambleau: Ziemlich starke Trübung durch Partikel; verhalten in der Nase, im Mund Erinnerung an Weihnachtsgebäck; schöne Frische bei guter Säure, langer Abgang. 16 Punkte.
2014, Hôpital Pourtalès: Immer noch tolle Fruchtigkeit, gepaart mit Lindenblüten, schöne, saftige Säure, eher filigran, langer Abgang. 16 Punkte.
2014: Les Vins Porret: Tolle, breit gefächerte Fruchtigkeit; auch im Mund fruchtig, frisch, aber auch rund, äusserst langer Abgang. 16 Punkte.
2013; Château d’Auvernier: Leicht trüb; spannende Düfte in der Nase (u.a. Aprikose und Lebkuchen), gute Säure, mittlerer Körper, saftiger, langer Abgang. Macht auch nach 12 Jahren von viel Trinkspass! 16,5 Punkte.
Der neue Jahrgang 2024 – ein schwieriges Jahr mit erstaunlicher Qualität.
Vom Jahrgang 2024 standen die Weine von 36 Winzerinnen und Winzern zur Degustation. Wir hatten „nur “ eine Stunde Zeit, um vor dem Grossansturm des Publikums in Ruhe zu degustieren. Gerade knapp genug Zeit, um alle zu probieren, aber zu wenig, um allen vollumfänglich gerecht zu werden oder gar ausführliche Notizen zu machen. Deshalb an dieser Stelle lediglich ein Hinweis auf die Weine, die mich am meisten begeistert haben. Dies ausdrücklich verbunden mit dem Hinweis, dass kein einziger Wein abfiel, man kann also den Non Filtré wirklich blind kaufen. Dazu kommt, dass die Geschmäcker verschieden sind. Ich habe wohl die charaktervollen oder eleganten Exemplare den sehr süffigen vorgezogen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es Weinfreunde gibt, die gerade die Nasen- und Gaumenschmeichler vorziehen würden, vor allem in den ersten Monaten nach der Abfüllung.
Vorab die üblichen „Verdächtigen“, die alle überzeugten:
Le Clos-aux-Moines, Hôpital Pourtalès, Caves du Chambleau (alle 16,5) Château d’Auvernier, La Grilette, Domaine de Montmollin, Caves de la Ville de Neuchâtel, Les Vins Porret (alle 16).
Speziell aufgefallen sind aber auch folgende Weingüter, die ich zum Teil vorher nicht kannte:
Alain Gerber: An sich ein „alter Bekannter“, aber oft unter dem Radar: äusserst ausgewogen, 16 Punkte.
Dimitri Engel Vins: Viel Frische gepaart mit gut eingebetteter Bitternote, lang, süffig, 16 Punkte.
The Legend Wine (in altem Holz und in Amphoren ausgebaut): Total spannend, leichter Holtzon, dicht, rund, dabei viel Frische. Atypischer, wohl nicht allen gefallender, aber für mich toller Wein, 16,5 Punkte.
Domaine des Botanistes (ganz junges Weingut bzw. die frühere Domaine Christalin unter neuer Führung): Sehr fruchtig, äusserst elegant, „griffiger“ Körper; spannend! 16,5 Punkte.
Caves du Prieuré: Umwerfende Fruchtigkeit (Zitrus in allen Spielarten), elegant mit viel Frische, schöner, neckischer Bittertouch, sehr langer Abgang. Umgemein süffig. 16,5 Punkte.
Vouga Vins: Für mich „outstandig“, wirkt vielleicht eher wie ein „normaler“ Chasselas, ist aber trotzdem sehr fruchtig, dicht im Mund – und einfach ein Charaktertyp. 17 Punkte.
Link mit Bestellmöglichkeit:
FEST DES Ǝ̗ꓤꓕꓶIᖵ NON – Neuchâtel vins et terroir
Und der erwähnte NZZ-Artikel, allerdings hinter der Paywall:
https://www.nzz.ch/schweiz/dry-january-nicht-doch-die-neuenburger-trinken-den-wein-im-januar-sogar-unfiltriert-ld.1866303
Interessennachweis: Die Degustationen und die Teilnahme an der Pressekonferenz erfolgten auf Einladung von Neuchâtel Vins et Terroir und ohne jede Verpflichtung.