Nur etwa 2,5 Hektar klein – aber qualitativ ganz gross. Das Weingut Oberstein in Tscherms bei Meran ist eine wunderbare Neuentdeckung. Und die Vernatsch des Gutes – und die Sorte ganz generell – eine ebensolche Wiederentdeckung. Der Dank geht an einen weinaffinen Hotelier.
Zum meinem Glück bin ich sozusagen genötigt worden. Wir waren von der Tourismusgenossenschaft Naturns zu einer Pressereise ins Vinschgau eingeladen. Für das Wine and Dine-Galadinner, das im Rahmen des Naturnser Wein- und Gourmetherbstes am letzten Tag unseres Aufenthaltes stattfand, hatte ich uns nicht angemeldet, weil ich die Gastfreundschaft nicht überstrapazieren wollte und überdies 7-Gänger inzwischen fast zu viel des Guten für uns sind. Gegen Abend erhielt ich dann einen Anruf des Chefs (und Sommeliers) Thomas Schuler im familiengeführten Hotel Schulerhof, ich müsse unbedingt teilnehmen, er würde da ein paar Weine zeigen, die mir sicher gefallen würden.
Grandioser Vernatsch …
Die „Nötigung“ erwies sich als Glücksfall. Das Essen war auf Sterneniveau und die Weine allesamt aussergewöhnlich gut und authentisch. Thomas hatte mir schon zuvor mehrmals von der Sorte Vernatsch vorgeschwärmt, für die er eine eigentliche Liebe entwickelt habe und die völlig zu Unrecht unterbewertet sei. Und mit dem „arena“ vom Weingut Oberstein trat er dann auch den Beweis an, dass Vernatsch wirklich grossartig sein kann!
Rückblende: Zumindest in der Schweiz, und davon war ich geprägt, kannte man Vernatsch früher vor allem als „Magdalener“ oder „Kalterer“, und es waren dünne, nichtssagende und manchmal sogar richtig schlechte Lückenbüsser, wenn die eigenen Reben wieder mal zu wenig Ertrag abwarfen (was in den 70er- und 80er-Jahren aufgrund des Klimas öfter vorkam). Wer in einer Schenke „einen Römer“ bestellte, erhielt in der Regel einen mässigen Vernatsch im typischen Glas mit grünem Stiel. Die Sorte flog deshalb bei mir weit gehend unter dem Radar der Beachtung.
… macht Wumm! Frische, Eleganz und stille Kraft!
Und dann kommt dieser „arena“ mit einer wunderbar vielfältigen, feinen Nase und einer umwerfenden Frische, Eleganz und Leichtfüssigkeit bei gleichzeitig gehaltvoller Art mit einem fast unendlichen Abgang! Wumm!

Zurück zuhause bestellte ich alle vier Weine des Weingutes, um sie in Ruhe kennenzulernen bzw. im Fall des „arena“ nochmals zu beurteilen. Das Fazit: rundum grossartig!
Oberstein – direkt auf der (tektonischen) Grenze von Europa und Afrika
Das Gut Oberstein liegt in Tscherms, etwa drei Kilometer südlich von Meran, unterhalb des Schloss Lebenberg. Die steilen Hänge bilden eine eigentliche Arena – daher der Name des einen Vernatsch. Aufgrund der Lage direkt auf der Trennlinie der eurasischen und der afrikanischen Platte wurde der harte Granituntergrund in Mineralien – etwa Quarzite, Feldspäte und Glimmer – aufgespaltet, was einen perfekten Untergrund ergibt.
Making good wine is a skill – making fine wine is an art
Die Ausgangslage ist auch mit einer Meereshöhe von 400 – 500 M.ü.M. also gut. Und das Weingut Oberstein hat auch eine lange Geschichte, Joachim Wolf führt es bereits in vierter Generation. Aber erst 2015 begann er im grösseren Stil, selbst einzukeltern. Gearbeitet wird bioydnamisch (nicht zertifiziert) und mit der Philosophie von möglichst wenigen Eingriffen, auch im Keller: „Den Wein begleiten und nicht den Wein produzieren“. In einem Videointerview (Link siehe unten) hält Joachim Wolf (frei nach Robert Mondavi) auch fest, dass ein guter Wein herzustellen ein Handwerk sei, einen grossen Wein zu schaffen, aber eine Kunst. Und ein guter Winzer sei aus seiner Sicht jener, der nie aufhöre, an sich selbst zu arbeiten. Auch Kunst kommt halt von Können.
Die Degustation und der Genuss der vier Weine des Gutes bewiesen, dass es sich bei solchen Aussagen nicht um Plattitüden handelt. Oberstein ist eine Offenbarung; vor dem, was Joachim Wolf hier innert kürzester Zeit geschaffen hat, kann man vor Begeisterung nur den Hut ziehen!

Degustationsnotizen (die beiden Vernatsch wurden blind neben einem anderen guten Wein aus dieser Sorte degustiert):
lapis, Pinot blanc, 2020, Weinberg Dolomiten, IGT
Mittleres bis helles Gelb; anfangs verhalten, leicht reduktiv, mit etwas Luft dann fein-fruchtig (Aprikose, weisser Pfirsich), auch florale Töne; im Mund enorme mineralische Frische, spürbare, schön eingebundene Säure, sehr dicht, sehr langer Abgang. Ein Pinot blanc mit unglaublicher Struktur, aktuell vielleicht noch etwas „wild“ wirkend (unbedingt dekantieren!), aber mit einem grossen Alterungspotential. Ein Geniestreich! 17,5 Punkte.
salis, Sauvignon blanc, 2018, Weinberg Dolomiten, IGT
Mittleres Strohgelb; fruchtige und grüne Töne, ein Hauch von „süsslicher“ Exotik (Papaya), dazu weisse Pflaume, frisch gemähtes Gras, schon in der Nase mineralisch; im Mund sehr mineralisch, ganz leichter, schöner Bittertouch, tolle Struktur, trocken, aber durch die Frucht leicht und betörend süsslich wirkend, langer Abgang. Genial untypischer und doch typischer Sauvignon blanc, würde sich in jeder SB-Degustation sehr gut machen. 17 Punkte.
versal, Vernatsch alte Reben, 2018, Weinberg Dolomiten, IGT
Helles Rubin; verhaltene, feine Frucht, Johannisbeere und Zwetschenkompott, etwas Würze; wirkt im Antrunk eher etwas dünn, bekommt dann aber immer mehr Druck und viel Fruchtigkeit, schöne Säure, feine, reife Tannine, mittlerer Abgang. Macht Spass! Viel mehr als nur ein Basis-Vernatsch. 16,5 Punkte.
arena, 2019, Weinberg Dolomiten, IGT (Vernatsch mit 1-2 % Lagrein im gemischten Satz)
Mittleres, glänzendes Rubin; sehr elegante und noble Nase, feines, breites Fruchtbouquet (Johannisbeeren, Himbeeren, Zwetschgen, Weichselkirschen), grüne und würzige Töne, etwas Schokolade, leichter Holztouch; im Mund mineralisch, sehr elegant und trotz guter Struktur leichtfüssig, viel feines, aber wie die Säure gut eingebundenes Tannin, frisch und „saftig“, eleganter und ausdruckvoller Wein. Begeisternd. 18 Punkte.
Hotel Schulerhof in Plaus/Naturns: Ein Muss für Weinfreunde, die ins Südtirol reisen!
Auf Pressereisen (und auch sonst) habe ich schon viele Hotels kennengelernt – aber noch nie über eines geschrieben. Ich führe ja auch einen Wein- und nicht einen Tourismus-Blog. Aber gerade deshalb verliere ich hier ein paar Zeilen über den Schulerhof, der etwa 10 Kilometer westlich von Meran liegt. Es ist ein rundum tolles Hotel mit einer herzlich-freundlichen Gastgeberfamilie. Aber die Erwähnung im Weinblog verdient vor allem der Chef Thomas Schuler, der eben auch Sommelier des Hauses ist. Und als gelernter Koch versteht er es auch vorzüglich, ein spannendes „Foodpairing“ vorzuschlagen.
Sein Weinwissen ist – jedenfalls über das Südtirol, den Rest haben wir gar nie verhandelt – enorm und seine Philosophie, vor allem auf authentische, ehrliche Weine aus der Region zu setzen, zumeist biologisch oder biodynamisch hergestellt, ohne daraus eine Religion zu machen, haben mich beeindruckt. Wer hier als Weinfreund absteigt, hat unmöglich genügend Zeit, um die grosse und geschmackvolle Weinkarte durchzutrinken. Aber am Besten lässt man sich ohnehin von Thomas beraten. Seine Tipps erwiesen sich ohne Ausnahme als Volltreffer!
4 Sterne Hotel in Naturns – Schulerhof
Und die Links zum Weingut:
Weingut Oberstein in Tscherms | Südtirol
Weingut Oberstein – Meine Arena I Pur Produzenten – YouTube (Video)
Bezugsquellen:
D/A:
Weingut Oberstein Onlineshop I Meraner Weinhaus
CH:
Weingut Oberstein – Top Produkte online kaufen Schweiz » Pur Alps®
Interessennachweis:
Die beschriebene Entdeckung des „arena“ erfolgte auf Einladung der Tourismusgenossenschaft Naturns im Rahmen einer Pressereise im Hotel Schulerhof, Plaus/Naturns. Die Weine für die Degustation zuhause wurden im Weinhandel erworben.
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