Wer sagt denn, Pinot gris sei langweilig? Hier 20 schlagende Argumente dagegen!

Im Rahmen der Tage der offenen Weinkeller lud das Weingut Baumann in Oberhallau zu einer Vertikalen seiner Pinot gris ein: 20 Jahrgänge, und jeder noch voll im Saft!

Sei es digital oder analog, fast jeder, der über Grauburgunder bzw. Pinot gris redet oder schreibt, tut das in abwertender bis verachtender Form. Die Sorte scheint geradezu der Prügelknabe der Weinfreaks zu sein.

Das mag teilweise sogar verständlich sein, und wenn es um „Supermarkt-Niveau“ geht, sogar richtig (aber welche Sorte ist dort schon gut?). Wer sich indessen etwas näher mit Pinot gris beschäftigt wird feststellen, dass es Weine gibt, die wirklich überzeugen. Eine intensivere und unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der Sorte lohnt sich auf jeden Fall, sie hat Potential!

Klettgau pur: Blick von den Oberhallauer Rebbergen in Richtung Hallau mit der „Bergkirche“ (Symbolbild, am Tag der Degustation aufgenommen)

Vorreiter- und Vorzeigebetrieb im Kanton Schaffhausen

Die Grauburgunder oder eben Pinot gris des Baumann Weingut in Oberhallau (Schaffhausen, Schweiz) sind ein Paradebeispiel dafür. Der Betrieb wurde 1978 gegründet und wurde seit 1995 von Ruedi und Beatrice Baumann an die Spitze geführt. Nicht von ungefähr ist das Gut mit dem „Pinot R“ in der Mémoire des Vins Suisse vertreten, wo immer wieder gezeigt wird, wie hervorragend Schweizer Weine altern können.

Mitglieder der Mémoire des Vins Suisses

Vom Alterungspotenital des „R“ (für „Röti“, eine der besten Lagen der Baumann’s) konnte ich mich schon selbst überzeugen. Denn es ist eine tolle Tradition, dass das Gut fast immer am Tag der offenen Weinkeller (i.d.R. am 1. Mai) eine Vertikale eines seiner Weine zur freien Degustation präsentiert. Andere geben Unsummen für Werbung aus – Baumann’s setzen das Geld für eine Leistungs- bzw. Alterungspotentials-Show ein! Dass dabei der „R“, sozusagen das Flaggschiff, gut abschneidet, war zu erwarten, sonst wäre der Wein nicht von der „Mémoire“ aufgenommen worden. Völlig überzeugt hat mich vor einigen Jahren aber auch eine Vertikale des „Classic“, einem Pinot, der „nur“ in gebrauchten Fässern ausgebaut wird – erstaunlich, welch Potential auch dieser Wein aufweist.

Pinot gris und 20 Jahre alt? Das geht! Sogar sehr gut!

Im laufenden Jahr nun war aber ein Rückblick auf 20 Jahre Pinot gris angekündigt. Zwar lagert dieser Wein bei Baumann’s etwas auf der Feinhefe und wird im Fass (teils neu) ausgebaut. Aber 20 Jahre? Da war ich dann doch skeptisch.

Völlig zu Unrecht! Nicht einer der Weine, zurück bis 2003, konnte nicht mehr gefallen. Und es gab durchaus auch ältere Jahrgänge, die schlicht begeisterten! Was auffiel, wobei keine Regel ohne Ausnahme ist: Die sogenannt „schwächeren“ Jahrgänge halten sich eher besser als „Jahrhunderweine“. Es scheint, als brauche der Pinot gris von Baumann ein gewisses Mass an Säure, um langfristig frisch zu bleiben. So präsentieren sich die Weine aus den „schwachen“ Jahren 2004 und 2007 wunderbar und bringen in jeder Hinsicht auch jetzt noch totalen Trinkspass, während etwa 2003 oder 2009 zwar noch trinkbar und spannend sind, aber nur noch für Weinfreunden, die gereifte Weine gerne mögen.

Möglich ist allerdings auch, dass der/die Weinmacher mit jedem heissen Jahr auch noch dazugelernt hat/haben. So zeigten sich 2013 heute noch äussert schön und 2020 spannend – und der Jahrgang 2022, als Fassmuster degustiert, überzeugt trotz eher tiefer Säure ausserordentlich.

Die spannende Vertikale zeigt eindrücklich, dass Pinot gris eine grossartige Traubensorte sein kann – wenn sie denn auf einen Winzer trifft, der sie feinfühlig genug verarbeitet.

Ein Teil der Reben von Oberhallau (Symbolbild; ich weiss [noch] nicht, wo genau Baumann’s Reben wachsen)

Generationenwechsel: Von der Badi in den Rebberg!

Von wegen Winzer: Ruedi und Beatrice Baumann haben das Weingut anfangs Jahr an ihren Sohn Peter übergeben, der zuvor schon mehrere Jahre mitgearbeitet hatte und auch für mehrere Weine die Vinifikation übernahm. Während der Degustation erzähle er einem anderen Gast belustigt, dass er damals, als die ersten der degustierten Weine entstanden, noch nicht in den Reben arbeitete, sondern das Faulenzen in der „Badi“ genoss! Auch Kind sein hat seine Vorteile!

Peter kann sich glücklich schätzen, ein solches Erbe antreten zu dürfen, Klar ist, dass junge Leute auch neue Wege suchen und begehen wollen und sollen. Trotzdem ist ihm zu wünschen, dass er die Tradition und das Qualitätsbewusstsein seiner Eltern weiterführt. Davon ist auszugehen, zumal die Eltern weiterhin im Betrieb mitarbeiten. Ich freue mich jedenfalls darauf, das Weingut weiter zu beobachten und dessen Weine zu geniessen – auch, aber längst nicht nur den Pinot gris!

Kurze Degustationsnotizen:

Der Pinot gris von Baumann’s. 2007 war einer der schönsten Jahrgänge in der Vertrikale. Schön, dass diese Flasche noch in meinem Keller wartet!

2022 (Fassmuster)
Schöne Frucht; dicht und rund, minimale Süsse, eher tiefe Säure, leichter, spannender Bittertouch, gefällt aber als Gesamtes sehr, 17 Punkte.

2021 (13 %/vol)
Ausgesprochen fruchtbetont; leicher Bittertouch, sehr elegant, gefällt durch tolle Eleganz. 16,5 Punkte

2020 (13%/vol)
Fruchtig, Quitte, Birne, leicht medizinal; schöne Dichte, druckvoll, schöne Säure, 16,5 Punkte.

2019 (13,5%/vol)
Birne, Aprikose, Lychee; etwas alkoholbetont, rund und fruchtig. 16,5 Punkte.

2018 (14%/vol)
Holzbetont, aktuell wenig Frucht; etwas medizinal wirkend, rund und üppig. Ziemlich abweichender, gewöhnungsbedürftiger Stil, aber in sich auch spannend. 15,5 Punkte.

2017 (13%/vol)
Sehr fruchtig, voherrschend Quitte; schöne Säure, eher filigran und elegant, sehr langer Abgang. 16,5 Punkte.

2016 (13,5%/vol)
Sehr fruchtig.würzig, erinnert an Gewürztraminer, tolle Säure, ausgeprägte Frische, rund, fruchtbetont, toller Wein. 17 Punkte

2015 (13,5%/vol)
Viel Frucht und blumige Düfte; schöne Säure, sehr „saftig“, eher filigran, schöner Bittertouch. 16 Punkte.

2014 (13%/vol)
Sehr fruchtig; präsente, fast etwas bissige Säure, eher „dünn“, trotzdem mit einer gewissen Rundheit. 15,5 Punkte

2013 (13,5%/vol)
Exotische Frucht (Lychee, Mango), wirkt sehr rund und glyzerinbetont, sehr fruchtig, enorme Frische, „saftig“, rund und sehr ausgewogen, ein Wurf! 17 Punkte.

2012 (13,5%/vol)
Schon ziemlich gereifte Nase, Honig, etwas Kampfer; auch im Mund wie ein Honigbrot, schöne Säure, rund, mit langem Abgang. Gereift aber sehr schön. 16,5 Punkte.

2011 (14%/vol)
Der erste Wein der Serie, der eine sehr gereifte goldgelbe Farbe aufweist; Honig, leicht medizinal; im Mund noch sehr frisch, auch hier Honigtouch, fruchtig, rund, etwas alkoholbetont. 16 Punkte.

2010 (13%/vol)
Im Gegensatz zum Folgejahrgang sehr helle Farbe, noch sehr frisch und fruchtig wirkend, Holz spürbar; im Mund ebenfalls noch holzbetont, schöne Säure und enorme Frische, wirkt noch sehr jung. Sehr erstaunlicher Wein! 17 Punkte.

2009 (14%/vol)
Mittleres Strohgelb; fruchtig-exotisch, leichter Kampferton; gute Säure, auch im Mund noch fruchtbetont aber auch etwas medizinal, spürbarer Alkohol. 16 Punkte.

2008 (13,5%/vol)
Gereifte Farbe mit orangen Anflügen; Lebkuchen und Flieder; im Mund sehr frisch, gereifte Aromen, „saftig“, langer Abgang, spannender Wein, 16,5 Punkte.

2007 (13%/vol)
Farbe noch frisch und hell; verhaltene Frucht; im Mund tolle Säure, enorme Frische, sehr elegant, leichter, aber schöner Bitterton. Fast unglaublich für dieses Jahr – toll! 17 Punkte.

2006 (13%/vol)
Goldgelb; Kampferton; rund, Säure noch präsent, alles in allem noch gut trinkbar, aber über dem Zenith. 15 Punkte.

2005 (13,5%/vol)
Noch recht helle Farbe; dezente, exotische Frucht; im Mund frisch und fruchtbetont, eher filigran, macht noch richtig Spass! 16,5 Punkte.

2004 (13%/vol)
Eher dunkles, gereiftes Gelb; dezente exotische Frucht, blumig (Glyzinien); tolle Frische, gute Säure, rund und noch total stimmig. Mehr als erstaunlich, Châpeau! 16,5 Punkte.

2003 (14%/vol)
Madeira-farbig; in der Nase sehr gereift (Honig, Malz); im Mund noch spürbare Säure, an sich überreif, aber durchaus noch mit Spass trinkbar. 15,5 Punkte.

Baumann Weingut

Weingüter | Mémoire des Vins Suisses (memoire.wine)


Interessennachweis:
Die Weine wurden im Rahmen der öffentlichen Degustation am Tag der offenen Weinkeller im Weingut verkostet.

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