Utiel-Requena, Alpujarras – Reisen bildet auch weinmässig

Endlich Ferien! Vorsommer mit Sonne und Wärme in Südostspanien. Und solche Ferien sind immer auch eine Möglichkeit, Weine kennenzulernen, die man sonst nie im Glas gehabt hätte!

Fast wie im Wallis: Reben in den Alpujarras (almeriense) am Südfuss der Sierra Nevada.

Wann immer wir in Ländern mit Weinbau reisen, ist für mich klar, dass ich örtliche Weine probiere. Und fast immer mache ich gute Erfahrungen damit, den Kellner nach einem Tipp zu fragen. Wir waren soeben zwischen Valencia und Almeria unterwegs (und hätten uns, angesichts der unendlichen Plastik-Plantagen mit all dem Abfall am Strassenand im Einzugsgebiet von Almeria fast abgewöhnt, Gemüse zu essen).

Die Frage im Restaurant nach einem empfehlenswerten Wein aus der Region führte immer zu einem tollen Erlebnis – nebenbei zu einem immer sehr anständigen Preis. Nicht einer der empfohlenen Weine enttäuschte, es waren allesamt spannende, (wein-)horizonterweiternde Tipps. So etwa der überaus fruchtige, sehr sortentypische Monastrell „Tarima Hill“ der Bodegas Volver aus dem Hinterland von Alicante – aber eben nicht aus Jumilla oder Yecla, den Monastrell-Hochburgen, sondern aus dem benachbarten Pinoso (mit der DO Alicante).
https://bodegasvolver.com/

Oder der zwar kräftige, aber auch erstaunlich frische Sauvignon blanc der Bodegas Garcia Gil aus dem bereits in Andalusien, und eigentlich in einer Halbwüste, gelegenen Oria im Hinterland von Almeria.
http://www.bodegasgarciagil.es/

Utiel-Requena und Bobal – alles klar?

Eigenständiger Wein, ebensolche Etikette: Bobal der (sozusagen schweizerischen) Bodegas Murviedro aus Requena.

Absolut spannend war auch die (Wieder-)Entdeckung der Rebsorte Bobal. Haben Sie schon einmal von Utiel-Requena gehört? Dieses mit rund 40’000 ha recht grosse Weinbaugebiet liegt im Hinterland von Valencia auf einer Meereshöhe von rund 700 Metern, und ist lagemässig sehr vergleichbar mit den 100 km südlicher, auf gleicher Höhe und gleich weit vom Meer entfernt gelegenen Gebieten von Jumilla und Yecla. Hier aber kommt der Sorte Bobal eine wichtige Rolle zu. Bobal? Nie gehört? Aber fast sicher schon mal getrunken. Diese Rebsorte nimmt in Spanien nämlich die zweitgrösste Anbaufläche aller Sorten ein, wird aber oft nur als Färber- und Verschnittwein eingesetzt. Seit einigen Jahren wird nun auch das Potential der Bobal wieder erkannt, eigenständige Spitzenweine hervorzubringen.

Der empfohlene Bobal „Sercis 2015“ der Bodegas Murviedro erwies sich als so etwas wie eine wunderbare Mischung aus einem Beaujolais (herrliche Frucht) und einem Gigondas (Kraft, Farbe, Tannine, Wucht), dem auch der leise Holztouch sehr gut anstand. Im ersten Moment fast etwas frustrierend war dann freilich die Recherche zu diesem Wein und dieser Bodega: Da ist nichts von Entdeckung oder kleinem Familienbetrieb oder dergleichen; vielmehr gehört die Firma Murviedra zum Schweizer Schenk-Konzern. Dass gross (Schenk ist die grösste Weinfirma der Schweiz) aber durchaus auch gut bedeuten kann, zeigt nicht nur der beschriebene Bobal, sondern wurde in diesem Blog auch schon anhand eines Walliser Weines aufgezeigt:
https://victorswein.blog/2018/08/05/amigne-walliser-raritaet-mit-enormem-potential/
Für mich persönlich sehr speziell war dann auch, dass ich bei der Suche nach Bezugsquellen in der Schweiz nebst anderen auf die Weinhandlung Danieli in Wallisellen stiess: Mit Ottavio Danieli – nebenbei gesagt 1975 Skip des ersten Schweizer Curling-Weltmeisterteams – verbindet mich, in völlig anderem Zusammenhang, eine hochachtungsvolle, freundschaftliche Bekanntschaft. Man verzeihe mir deshalb, dass ich nur diese Quelle angebe:
http://shop.danieliweine.ch/pi/Cepas-Viejas-Bobal.html

„Bergwein“ vom Schönsten

Das eigentliche önologische Highlight dieser Reise waren aber zwei Weine aus dem Alpujarras. Dabei handelt es sich um eine landschaftlich extrem reizvolle Bergregion, die sich auf rund 100 Kilometern südlich der Sierra Nevada entlang erstreckt. Der bekanntere, westlich gelegene Teil, die Alpujarras granadina (von Granada abgeleitet – obwohl sich die Stadt auf der nördlichen Seite der Sierra befindet), liegt direkt unter den höchsten Gipfeln des über 3000 m hohen Gebirgszuges. Nicht weniger reizvoll sind aber auch die östlich und tiefer gelegenen Alpujarras almeriense (genannt nach Almeria), in denen auch in etwas grösserem Stil Wein angebaut wird.

Wunderschöne Berglandschaft in den Alpujarras almeriense. Im Hintergrund die noch leicht schneebedeckten Ausläufer der Sierra Nevada.

Am einen Abend genossen wir den Syrah „Cepa Bosquet“ 2017 der Bodegas y Vinedos Laujar, aus einem Gebiet, dass keine DO besitzt, sondern die Weine „nur“ unter dem Titel „Indication Geografico Protegida“ vermarkten darf. Der Wein stand für 18 Euro auf der Karte eines „Paradores“, wäre aber dank seiner sehr sortentypischen Art, seiner feinen Tannine, seiner Frucht und Eleganz ohne Weiteres als sehr guter St.-Joseph durchgegangen.

Fast noch spannender war am Abend danach ein Weisser der gleichen Bodega, ein Macabeo 2017. Diese Rebsorte spielt in Spanien eine sehr wichtige Rolle und ist im Norden, etwa in der Rioja und Rueda, aber auch im Penedes für die Herstellung von Schaumwein, unter dem Namen Viura die wichtigste weisse Sorte.
Während die Weine des Nordens immer sehr süffig, fruchbetont, aber oft auch etwas „schmalbrüstig“ ausfallen, zeigt dieser Macabeo nebst einer ebenfalls erstaunlichen Frische auch Kräuternoten und eine schöne Dichte – und vor allem eine wunderbar mineralische Note, welche den Macabeo zu einem wirklich aussergewöhnlichen Erlebnis werden liess: kein grosser Wein, aber einer, der das Herz erwärmt!
https://cepabosquet.es/

Klar, ich hätte während einer Ferienwoche in Spanien auch die grossen Weine des Landes trinken können – ein Valbuena etwa stand einmal auf einer Karte eines Restaurantes günstiger, als man ihn in der Schweiz kaufen kann. Aber ich möchte diese wunderbaren Entdeckungen nicht missen – es sind letztlich solche Erlebnisse, die den Weinhorizont wirklich erweitern und die eine Reise enorm bereichern!

Spitzenwein aus der Gluthitze!

Schnell: Welche Weine aus Andalusien kennen Sie?

Sherry, klar! Aber sonst? Jerez profitiert ja noch vom nahen, kühlen Meeresstrom. Aber im Hinterland, im Guadalquivir-Tal, dem spanischen Glutofen? Guter Wein, hier?

oliven
Oliven, soweit das Auge reicht. Und hier soll Wein wachsen? (Bild vl)

Reisen bildet bekanntlich, und ein guter Kellner kann zur vinologischen Bildung beitragen. Schon die Erfahrungen mit den „Sherry-Doubles“ aus Montilla-Moriles waren eindrücklich. Nur, das ist eine spätere Geschichte.

Aber in der Region Jaén, etwa in der Mitte zwischen Cordoba und Granada gelegen, lernten wir auch Rotweine aus der Gegend kennen, die hervorragend waren. Rund um die Stadt erstreckt sich zwar über Dutzende von Kilometern ein Meer von Olivenbäumen, das grösste Anbaugebiet der Welt. Von hier stammt mehr Olivenöl als aus der ganzen übrigen EU zusammen.

cazorla3
In der Sierra de Cazorla, bei Puerta de la Segura, wo der „enTreDicho“ wächst. (Bild il)

Aber mitten in diesem Meer gibt es kleine Weinbauinseln, so zum Beispiel in La Puerta de Segura, einem Eingangstor zum Nationalpark Sierre de Cazorla, in einer Höhe von 800 m über Meer und rund 150 Km südöstlich von Jaén. Von hier stammte der empfohlene Wein „enTreDicho“ des Winzers Pedro Olivares aus dem Jahr 2013, eine Cuvée aus Monastrell, Syrah und der lokalen Sorte Jaén Negro.

Entredicho heisst Verbot, Bann. Leider wird auf der Homepage des Gutes nicht erklärt, weshalb der Wein so heisst. Einen Hinweis gibt immerhin die Einleitung, gemäss der in der Region niemand nachvollziehen konnte, wie jemand auf die hirnrissige Idee kommen kann, mitten im Olivenmeer Wein anzupflanzen. Aber wenn man den Beschreibungen auf der Homepage Glauben schenkt, dann ist dieser Pedro Olivares, eigentlich ein „flying winemaker“, eben ein Weinverrückter im besten Sinne!

Wir waren von diesem Wein total begeistert! Vielleicht hat uns die Überraschung, einen so guten lokalen Wein zu finden, ja überpositiv urteilen lassen. Oder der brühmte Ferieneffekt stellte sich ein. Aber eigentlich bin ich sicher, dass ich den Wein auch zuhause so gut empfinden würde:

Tiefes Purpurrot, feine Aromen mit Anflügen von sowohl roten als auch dunklen Beeren, etwas Schokolade und frisches Gras (das von der Wiese!). Im Mund noch jugendlich, sehr dicht, prägnante, aber sanfte Tannine, gute Säure (!), mit einem eleganten, langen Abgang. Rundum toller Wein mit dem gewissen, so unbeschreiblichen Etwas!

Und zum Schluss: Der Wein stammt aus biologischem Anbau. Aber das merkte ich erst im Hotelzimmer beim Studium der Homepage des Gutes!

www.vinosbiodepedroolivares.com

Ein anderes Weingut liegt in Alcalá la Real, etwa 70 Km südwestlich von Jaén, ebenfalls mitten im „Olivenmeer“: Marcelino Serrano. Getrunken haben wir einen „Entretorres“, eine Mischung aus 80 % Syrah und 20 % Tempranillo. Extrem kraftvoll und gleichzeitig elegant, da muss manch ein grosser Rhônewein hinten anstehen.

www.marcelinoserrano.com

 

oliven2
Und sonst „nur“ Oliven