Gigondas, dieser Cru aus der südlichen Rhône, hat schon 1971 eine eigene AOC erhalten. Die Behörden wussten schon damals, dass die Lage am Fusse der Dentelles de Montmirail ganz besonders gute Weine hervorbringen kann. Tatsächlich brauchen die heutigen Gigondas keinen Vergleich zu scheuen – im Gegenteil, die Vorteile des Mikroklimas und des Terroirs sind unübersehbar. Neu nun endlich auch für Weissweine.
Zwei Aussagen mag Louis Barruol, Chef der Winzervereinigung von Gigondas und von Château de Saint Cosme überhaupt nicht: Wenn man von Gigondas als kleinem Bruder des Châteauneuf-du-Pape spricht – und noch viel mehr, wenn man Gigondas als rustikalen Wein bezeichnet.
Das mit dem kleinen Bruder haftet Gigondas ziemlich klebrig an, und dürfte auch damit zu tun haben, dass Châteauneuf als eines der ersten Weinbaugebiete in Frankreich schon im Jahr 1935 als Appellation anerkannt wurde, während Gigondas „erst“ 1971 die AOC erhielt (damit aber auch der zweite so geadelte Cru der südlichen Rhône war).
Weder rustikal …
Die Geschichte mit der Rustikalität liegt meiner Erfahrung nach etwas anders. Tatsächlich wirkten viele Weine aus Gigondas noch vor dreissig oder vierzig Jahren oft etwas „bäurisch“, spröde und – eben – rustikal. Oft anzutreffen waren auch oxydative Tropfen oder gar anderweitig leicht fehlerhaft und ältlich wirkend. Das lag aber klar daran, dass es damals Produzenten gab, die in Sachen Wissen und Ausrüstung nicht zur Spitze gehörten. Dass es in Gigondas auch anders geht, haben nämlich die damaligen Spitzenproduzenten gezeigt, sie brachten schon zu jener Zeit nicht nur saubere, sondern elegante und charaktervolle Weine aus dem Markt.
… noch klein!
So oder so: temps passés! Die heutigen Gigondas sind ganz an der qualitativen Spitze angekommen, und sie spielen die geologischen und (mikro-)klimamässigen Vorteile der Appellation aufs Beste aus. Und diese Vorteile sieht man schon von Weitem. Gigondas liegt nämlich am nördwestlichen Fuss der Dentelles de Montmirail, einer Kette von eindrücklichen Kalksteinspitzen mit immerhin 730 m.ü.M. auf dem höchsten Gipfel. Und dieser Gebirgs- oder Hügelzug bringt für Gigondas nur Vorteile.

So schützen die Dentelles zumindest teilweise vor der brütenden Hitze der Provence, aber auch der berüchtigte Mistral kann sein Unwesen etwas weniger stark treiben als anderswo. Sehr wichtig sind aber auch die nächtlichen Temparaturrückgänge durch kühle Fallwinde. Es kann deshalb in Gigondas sehr wohl vorkommen, dass die Trauben in den tiefer gelegenen Parzelle später reifen als in den höheren. Ohnehin bringt es diese Konstellation mit sich, dass die Alkoholgehalte der Gigondas in der Regel eher tiefer liegen als in anderen Appellationen der Region, was in Zeiten des Klimawandels ein grosser Voteil ist.
Geologische Besonderheit
Spannend ist auch die Bodenbeschaffenheit. Logischerweise herrscht bei einem Kalkgebirge dieses Mineral vor. Es gibt genügend Beispiele die beweisen, dass dies für den Rebbau vorteilhaft ist und sich im Wein oft durch Frische und Eleganz abbildet. Dazu kommt noch eine enorme Vielfalt der Bodenbeschaffenheit. Durch eine Faltung des Gebirges entstanden unterschiedliche Schichten, die sich auf verschiedenen Höhen bemerkbar machen. Somit hat Gigondas nicht nur ein grundsätzlich herausragendes Terroir, sondern auch den Vorteil, dass die Weine, bei aller Verwandtschaft, sehr vielfältig ausfallen können.

Gigondas AOC – endlich auch in Weiss!
Mehr als 50 Jahren mussten die Winzer in Gigondas warten, bis sie endlich auch Weissweine mit der AOC herstellen dürfen. Entsprechend klein war bisher die mit weissen Sorten bestockte Fläche. Nur etwa 1,5 % der 1250 Hektar Rebfläche waren weiss. Nach mehr als einem Jahrzehnt der Bemühungen hatte die INAO nun endlich ein Einsehen.

Spannend war für mich im ersten Moment der erlaubte Sortenspiegel: Mindestens 70 % des Weins muss aus Clairette bestehen. Nach dem ersten Stauen erinnerte ich mich daran, kürzlich einen grandiosen stillen Clairette aus der nördlichen Rhône im Glas gehabt zu haben, und auch in vielen Weissweinen des südlichen Flusslaufes nimmt sie einen wichtigen Anteil ein. Als Verschnittpartner zugelassen sind auch Marsanne sowie Bourboulenc und Picpoul, in kleinen Mengen zudem Viognier und Ugni Blanc (Quelle: Vinum).
Erstling 2023 total überzeugend!
Im Rahmen einer Präsentation von etwa 30 Winzerinnen und Winzern in Zürich im letzten Oktober nutztes es die Produzenten, mit dem 2023er gleich ihren ersten Jahrgang Gigondas blanc 2023 vorzustellen. Und ja, das muss man verfolgen, alle rund 10 degustierten Weine überzeugten, einige waren gar grossartig. Nebst einer dichten Struktur fiel vor allem durchgehend eine erstaunliche Frische auf – Kalkterroir eben! Die weissen Gigondas stehen für mich klar auf der „to buy-Liste“!
Gigondas 2013 – ein beeindruckender Querschnitt.
Die Winzervereinigung von Gigondas nutzte den Anlass in Zürich nicht nur zur Vorstellung der aktuellen Weine, sondern auch zu einer eigentlichen „Demonstration“ dessen, was Gigondas an Qualität zu bieten hat. Und man machte dabei eher auf Understatment, zeigte man doch einen Querschnitt aus 2013, einem als schwierig eingestuften Jahr, das klimatisch eher an einige Jahrzehnte zuvor erinnerte. Ein kalter und regnerischer Frühling liess vor allem die Grenache verrieseln. Darauf folgte zwar ein warmer Sommer, aber die Ernte erfolgte erst mit drei Wochen Verspätung. Die langsame Reifung hatte aber durchaus ihr Gutes, brachte sie doch durchwegs eine schöne Frische in den Weinen hervor. Trotzdem, als Spitzenjahrgang ging 2013 nicht in die Geschichte ein, und es ist der Winzervereinigung hoch anzurechnen, dass sie ausgerechnet diese Weine vorstellte. Die Mehrheit der acht Domaines dieser Degustation arbeitet übrigens biologisch oder in Umstellung. Auch diesbezüglich geht etwas in Gigondas!
Das Ganze wurde dann aber wirklich zur Demonstration: dafür, toll die Weine aus Gigondas selbst in einem nicht so grossen Jahr sein können – und wie schön sie reifen!
Der „kleine Bruder“ ist definitiv erwachsen und benimmt sich vielleicht sogar etwas nobler als der grosse. Und rustikal ist da rein gar nichts, im Gegenteil, eleganter geht es von der südlichen Rhône nicht!

Degustationsnotizen Gigondas aus dem Jahr 2013 (alle Weine Gigondas AOC)
Domaine Saint-Gayan, „Origine“, 80 % Grenache, 15 % Syrah, 5 % Mourvèdre
Mitteleres Rot; etwas verhalten, aber vielschichtige, reintönige Frucht, auch würzige Anflüge und ein Touch schwarze Schokolade; im Mund mit recht hoher Säure, dabei aber saftig, sehr frisch, mineralischer Touch, im Abgang fruchtig und sehr elegant, sehr langer Nachhall. 17,5 Punkte.
Domaine la Bouïssière, 58 % Grenache, 38 % Syrah, 4 % Mourvèdre
Mittleres, schon etwas mattes Rot; in der Nase verhalten, würzig, etwas Duft nach Waldboden, aber auch noch dunkle, beerige Anflüge; im Mund ungemein frisch und auch mit etwas Frucht, sehr feine Tannine, elegant und irgendwie „klassisch“ wirkend, langer Abgang. Wunderschön gereifter Wein. 17,5 Punkte.
Château de Saint Cosme, „le Claux“, 50 % Grenache, 30 % Mourvèdre, 15 % Syrah, 5 % Cinsault.
Recht dunkles Rot; fast üppige Nase mit schwarzen, reifen Kirschen, Pflaumen, dazu viel Würze, etwas Brotrinde; im Mund mit sehr viel, aber feinem Tannin, frisch, mineralisch, äusserst elegant mit langem Abgang. 17,5 Punkte
François Xavier Lambert – FXS Wines, Prestige des Dentelles, 70 % Grenache, 20 % Syrah, 10 % Mourvèdre
Mittleres Rot; sehr feine Frucht mit sowohl hellen Tönen, dahinter aber auch Rosinen und getrocknete Pflaumen, leichter Rauchton; im Mund fruchtig, etwas trocknende Tannine, daneben aber elegant und ausgewogen. 17 Punkte
Domaine les Sibu, 90 % Grenache, 10 % Mourvèdre (Barriques-Ausbau)
Recht helles Rot; schöne, helle Frucht, dazu auch florale Noten und Nelken; im Mund frisch, spürbare Säure, feine Tannine, Holz nur sehr dezent spürbar, eleganter Wein, dem es aber ein wenig an Konzentration mangelt und den ich deshalb für eher atypisch halte. 17 Punkte.
Domaine du Terme, 80 % Grenache, 10 % Syrah, 10 % Mourvèdre
Eher helles Rot; direkt nach dem Einschenken etwas eigenartiger Duft nach nassem Karton, der aber schnell vergeht und einer schönen, dunklen Frucht und etwas floralen Tönen Platz macht; im Mund mit schöner Struktur, fruchtige Noten, etwas viel Bittertouch, aber elegant mit sehr feinen Tanninen. 16,5 Punkte.
Domaine de la Tourade, Font des Aleux, 70 % Grenache, 20 % Syrah, 10 % Mourvèdre
Mittleres, schon etwas gereiftes Rot; zuerst sehr verschlossen, dann kommt aber eine schöne, dunkle Frucht zum Vorschein, zudem florale Noten; im Mund noch recht fruchtig, elegant, schöne Tannine, etwas viel Bitterkeit, mittlerer Abgang. 16,5 Punkte.
Domaine Saint Damien, Vieilles Vignes, 80 % Grenache, 20 % Mourvèdre
Recht helles Rot; in der Nase gewöhnungsbedürftig (Liebstöckel, etwas Pferdestall, deneben nur dezent helle Frucht); im Mund aber frisch und fruchtig, eher filigran, aber doch recht druckvoll. 16 Punkte

Links:
Seite der Winzervereinigung:
Gigondas
Und falls Sie mal vor Ort sind: Es gibt im Dorf selbst seit langem ein Caveau, in dem die Weine der meisten Winzerinnen und Winzer zu Ab-Hof-Preisen eingekauft werden können. Empfehlenswert.
Le Caveau du Gigondas • Gigondas
Interessennachweis:
Der Anlass fand Ende November 2024 ohne jede Verpflichtung auf Einladung von Vinum und der Winzervereinigung von Gigondas in Zürich statt.
Leider hatte ich einen Anschlusstermin, so dass ich nur einige wenige der aktuellen Rotweine probieren konnte. Die waren sehr überzeugend, aber es wäre unfair, nur darüber zu berichten.
Vielen Dank Victor für deine stets sehr interessanten Berichte! Lesenswert und bereichernd!