Ca‘ del Bosco – eine Perle mit mehr als nur Perlen

Die Schaumweine aus der Franciacorta, einem jungen und kleinen Weinbaugebiet am Iseo-See, dem wunderschönen, aber am wenigsten bekanntesten See Oberitaliens, haben inzwischen ein Renommée erreicht, das der Champagne das Fürchten lernen muss. Dabei hat das Gebiet keine Weintradition, und ohne die – finanziell enormen – Pionierleistungen von Unternehmen wie Ca‘ del Bosco, Bellavista und Cavalleri wäre das Gebiet im Osten der Lombardei wahrscheinlich heute noch keinem Weinliebhaber geläufig. Dabei ist Ca‘ del Bosco heute wohl der bekannteste Anbieter, die Pionierrolle gebührt aber eigentlich Guido Berlucci, Besitzer des Schlosses Borgonato, der hier als erster mit einer Spumante classico-Produktion begann.

Stilles, aber auch „schäumendes“ Idyll: Franciacorta am Iseo-See (Bild ab Hompeage von Ca‘ del Bosco)

Bis heute weniger bekannt bis verkannt sind die stillen Weine, die hier auch produziert werden. Jens Priewe schrieb in seinem 1987 erschienenen Standardwerk „Italiens grosse Weine“ noch: „der weisse und der rote Franciacorta sind solide, ordentliche Tropfen – aber auch nicht mehr“.

Nun, Franciacorta ist ein junges Anbaugebiet, und es hat sich vielleicht auch deshalb in den letzten 30 Jahren so rasant entwickelt. Das beweist auch der Curtefranca bianco von Ca’del Bosco 2015. Dieser Wein, eine Assemblage aus Chardonnay und Pinot blanc, wurde zwar schon 1972 erstmals hergestellt, aber eben, anfangs offenbar eher als „ordentlicher Tropfen“ eingestuft. Aber so, wie es die Schaumweine an die absolute Weltspitze gebracht haben, hat augenscheinlich auch die Qualität der stillen Weine, und namentlich des Curtefranca, eine tolles Niveau erreicht:

Helle Farbe, feine, dezente Nase mit Anflügen von Reineclauden, weissem Pfirsich und Apfelbüten. Im Mund füllig, rund, kraftvoll und sehr harmonisch; langer Abgang. Erstaunlicher, toller Wein ohne Allüren!

Diese weisse Cuvée zeigt, dass die „Weingeschichte“ nicht stehen bleibt. „Noch Anfang der 1960er Jahre hatte der Weinbau in diesem Landstrich eine vollkommen unergordnete Bedeutung“ (Jens Priewe), und heute spielt das kleine Gebiet im Konzert der Grossen ganz vorne mit, offensichtlich auch mit den stillen Weinen.

http://www.cadelbosco.com/en/
https://www.bellavistawine.it/en
https://www.cavalleri.it/en/land/
https://www.berlucchi.it/en/history/


„Bien traité“ in Winterthur
Gekauft habe ich diesen Wein als Einzelflasche in der Weinhandlung Traité in Winterthur. Dieses Geschäft ist eine Institution, und eigentlich müsste man es unter Denkmalschutz stellen und ihm verbieten, jemals seine Türen zu schliessen! Das Geschäft gibt es seit 1917, und zumindest so lange ich mich als Kunde erinnern kann, also etwa 40 Jahre, sieht hier alles noch genau so aus, wie es immer war! Um einzutreten, muss man zuerst einmal drei Stufen nach unten steigen, und dann ist jedes Gestell, jede Nische, auch die Verkaufstheke und das Büro im Fonds noch originalgetreu erhalten.
Das bedeutet aber Kontinuität im positiven Sinn des Wortes, denn das Sortiment ist durchaus nicht stehen geblieben, die verfügbare Auswahl zeugt von viel Fachwissen und, trotz vielen Klassikern, auch Neugierde und Zeitgeist. Nur die Homepage ist noch nicht in der Zeit angekommen, aber das Lokal lohnt immer einen Besuch!
http://www.traite.ch/