Clos de Turpenay 2010 – vom Monster zum Schmeichler.

Zehn volle Jahre war der Wein praktisch untrinkbar – ein verschlossenes Tannin-Monster. Aber heute zeigt er sich plötzlich nahbar und von erstaunlicher Sanftheit. Wie vom Verkäufer vorausgesagt, brauchte dieser Loire-Wein Geduld!

Typische Reblandschaft in der Touraine (Beispielbild, nicht Clos de Turpenay)

Es war 2012 in einer Vinothek direkt beim Eingang zum sehenswerten Loire-Schloss Château d’Ussé. Ich liess mich beraten und empfohlen wurde mir der Clos de Turpenay von Château de Coulaine aus Beaumont-en-Véron nahe Chinon. Gewarnt war ich: Der biologisch hergestellte Wein brauche Zeit, der Produzent, Etienne de Bonnaventure, lege keinen Wert auf Fruchtbomben und kurzlebige Weine, sondern produziere echte „vins de garde“.

Dass gute rote Weine von der Loire – in der Touraine immer ausschliesslich aus Cabernet Franc hergestellt – lange reifen können, ist an sich bekannt. Und deshalb erntete ich damals auch ein mitleidiges Lächeln, als ich im Café de la Place in Saumur (sehr empfehlenswert) einen 15-jährigen Château de Villeneuve bestellte und fragte, ob er denn auch sicher noch trinkbar sei. Er war es, und wie!

Und das gilt ganz augenscheinich auch für den Clos de Turpenay. Der Clos, ganz in der Nähe des Château de Coulaine, liegt in leichter südlicher Hanglage und misst rund 1,5 Hektar. Auf lehmig-kalkhaltigem, in einem Teil auch Kieselboden, wachsen hier Reben, die etwa zur Hälfte noch aus den 1960-er Jahren stammen und dannzumal mit massaler Selektion gepflanzt wurden.

Das Gut befindet sich seit langem in Familienbesitz. Den Weg (zurück) zum ernst zu nehmenden Weingut begann Etienne de Bonnaventure, der zusammen mit seiner Frau Pascale das Gut 1988 (zertifiziert seit 1997) auf biologischen Anbau umstellte und die Rebfläche auch laufend erweiterte. Heute führt bereits der Sohn, Jean de Bonnaventure, das inzwischen 19 Hektar grosse Château (der Sitz ist übrigens wirklich ein schönes Schloss).

Es werden verschiedene Weine hergestellt, auch Weisse, die bemerkenswert und in ihrere Art sehr authentisch sein sollen. Die beiden Flaggschiffe sind aber „Les Picasses“ (vielleicht die renommierteste Lage in Chinon) und eben „Clos de Turpenay“. Dieser wird – bei sehr langer Mazeration – mit Wildhefen vergoren, nicht filtriert, nicht geschönt und nur bei der Abfüllung leicht „geschwefelt“. Er reift während einem Jahr in Barriques, wovon 10 % neu sind.

Ich habe den Wein, trotz Warnung des Verkäufers, kurz nach der Heimkehr probiert. Es war, als würde man mit Salbeitee und Zitronensaft den Mund spülen. Tannin und Säure ohne Ende, und dazu keine Fruchtaromen. Ganz einfach ein Monster. So alle zwei Jahre habe ich es wieder versucht, aber das Resultat war jedesmal das Gleiche: ein untrinkbarer Wein. Aber dann, anfangs 2020, mit 10 Jahren Reife: Nach einer richtigen Metamorphose zeigt sich der Clos de Turpenay sanft, fruchtig, fast schmeichlerisch – wunderbar. Zum Glück bleiben mir noch acht Flaschen. Geduld zahlt sich aus!

Degustationsnotiz:
Dunkles Rot mit violetten Reflexen, keine Spur von Brauntönen; schwarze Johannisbeeren, Thymian, Nelken, eine Spur von Vanille; noch immer prägnante Säure, enorm viel Tannin, das aber fein gewoben und sanft wirkt, Holz spürbar und gut eingebunden, kraftvoll aber auch elegant und frisch, mittlerer Abgang. Hat noch viel Reserven, ist aber jetzt in der ersten Trinkreife.



http://www.chateaudecoulaine.com/

Ah – ça lui plaît. Grosse Weine von der Loire!

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Château de Villeneuve bei Saumur. Grossartige Loire-Weine! (Bild vl)

Es gibt Weingebiete, die ungerechterweise ein Schattendasein fristen. Dazu gehören leider die Rebbaugebiete der mittleren und unteren Loire. Dabei sind viele der hier produzierten Weine grossartig. Für meinen Geschmack gilt dies vor allem für Weissweine aus der Chénin Blanc-Traube. Auch diese ist absolut zu Unrecht verkannt und kann absolute Weltspitze sein. Mich erinnert sie in vielem an Riesling, schon im Geschmack, aber auch darin, dass sie trocken, mit dezenter Restsüsse und auch mit Edelsüsse wundervoll sein kann. Chardonnay hin, Sauvignon Blanc her, ich halte Riesling und Chénin Blanc für die tollsten weissen Rebsorten. Vielleicht muss ja die Chénin Blanc zuerst den Umweg über Südafrika, wo immer tollere Weine aus dieser Sorte gedeihen, nehmen, um in Europa ernst genommen zu werden?

Heute aber geht es um einen Rotwein, und hier ist an der Loire die Hauptsorte Cabernet. Aber eben nicht Cabernet-Sauvignon, sondern Cabernet Franc. Und auch diese Rebsorte hat es in sich. Auf guten Terroir gewachsen und sorgfältig gekeltert bringt sie charaktervolle, elegante und fruchtige Weine hervor, die in der Jugend fruchtig-erfrischend sind und im Alter wie Samt und Seide die Kehle herunterrinnen.

Ich erinnere mich an ein Nachtessen im „Bistrot de la Place“ in Saumur. Ich wählte einen 12-jährigen Saumur-Champigny und fragte beim Kellner bewusst nach, ob der Wein wirklich noch trinkbar sei. Und wie er trinkbar war! Voller Jugend, voller Finesse – ein Cabernet Franc vom Besten! Und meine Erfahrung inzwischen ist: Gute Cabernet Franc von der Loire muss man entweder jung trinken, dann machen sie mit viel Frucht und Frische Freude, oder dann erst wieder nach 8 und mehr Jahren. (Sofern sie dieses Potential haben, natürlich).

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Saumur an der Loire, Ausgangspunkt für Touren in der Appellation „Saumur Champigny“. (Bild vl)

Die besten Cabernet Franc stammen aus den beiden vergleichsweise bekannten Appellationen Chinon und Bourgeuil, eigentlich das gleiche Gebiet, nur das erste südlich, das zweite nördlich der Loire. Oder eben, Saumur-Champigny, rund um die Stadt Saumur gelegen und, vor allem in Sachen Rotwein, in einem unterschätzten Grossgebiet ein unterschätztes Teilgebiet.

Der Wein, von dem ich heute schreibe, ist der Saumur-Champigny von Château de Villeneuve, wenige Kilometer östlich von Saumur hoch über der Loire. Heute Abend geöffnet haben wir den „Vieilles Vignes“ 2009:

Dunkles, etwas gereiftes Rot, in der Nase ein Feuerwerk von Blaubeeren, Cassis, Nelken, Vanille und Oregano; im Mund noch gute Säure, extrem feine, zurückhaltende Tannine, elegant. Im Abgang interessanterweise im ersten Moment eher kurz, und dann plötzlich ganz weit hinten im Gaumen unendlich lang. Ein wunderbar gereifter, aber noch voll präsenter Wein. Grossartig!

Die Basisweine des Gutes sind übrigens allesamt auch empfehlenswert. Ein besonderer Tipp aber schon hier, obwohl ich auf weisse Loire-Weine sicher später noch zurückkomme: der weisse „les Cormiers“ des Schlosses ist grossartig und lohnt eine Entdeckung. Wie meinte die Seniorchefin des Schlosses, als ich ihn degustierte: „ah, ça lui plaît“. Ja, die alte Madame konnte mein Gesicht lesen.

http://www.chateau-de-villeneuve.com/le-chateau/fr

Bezugsquelle Schweiz:
www.divo.ch

Nachtrag: Zum Thema „running gag“: Ja, das Gut hat inzwischen auf Bio umgestellt!