Das Lavaux wird immer spannender – auch jenseits des Chasselas!

Das Lavaux, diese wunderschöne Reblandschaft, ist nicht nur Unesco-Welterbe, sondern bringt je länger je mehr wieder grossartige Weine hervor. Die Winzerinnen und Winzer werden dabei auch immer einfallsreicher und pflanzen nicht mehr „nur“ Chasselas an. Hier drei äusserst gelungene Weine aus dem Gebiet, die aus spannenden „neuen“ Rebsorten gekeltert wurden.

Im Rahmen von Kurzferien am Genfersee hatten wir die Gelegenheit, gleich drei spezielle Weine aus dem Lavaux zum Nachtessen zu probieren – Neues und Unbekanntes spricht mich auf Reisen immer mehr an als Altbekanntes, das ich zuhause ja immer noch geniessen kann.

Umwerfend schöne Landschaft: Das Lavaux, hier in Dézalay mit Blick in Richtung Osten.

Vorweg: Der Chasselas, der im Lavaux nach wie vor schwergewichtig angepflanzt wird, ist eine grossartige Traubensorte, die zu Unrecht ein schlechtes Image hat – wobei die seinerzeitigen Winzer aufgrund der früheren Massenproduktion daran nicht unschldig sind. Aber was heute hier produziert wird, und von führenden Anbietern auch immer produziert wurde, ist sehr gut oder kann gar grossartig sein. Vgl. dazu meinen kürzlichen Beitrag zum Chasselas:
Chasselas (Gutedel) forever! – Victor’s Weinblog

Trotzdem ist es natürlich spannend und erfreulich zu sehen, dass immer mehr Winzerinnen und Winzer diversifizieren und auch neue oder fremde Traubensorten anpflanzen – oder auch früher einmal bekannte Sorte wieder anbauen. Gleichzeitigt ist erfreulich, dass die drei hier vorgestellten Weine von Betrieben stammen, die bisher – zumindest ausserhalb des Gebietes – nicht so bekannt waren, die aber mit jungen Fachleuten als Inhaber für neuen Wind und damit sicher langfristig auch für eine weitere Imagesteigerung sorgen.

„Neue“ Sorte Charmont, spannendes Loire-Experiment mit Chenin Blanc und die Wiederentdeckung der früher verbreiteten Mondeuse.

Spannend und sehr gut: Kreuzung zwischen Chardonnay und Chasselas von Fabrice Ducret

Charmont ist eine Kreuzung zwischen Chasselas (Gutedel) und Chardonnay. Sie wurde 1965 an der eidg. Forschungsanstalt Changins gezüchtet. Aus der gleichen Züchtung ging übrigens auch die Sorte Doral hervor, die etwas häufiger angepflanzt wird als die Charmont. Die Charmont ist eine echte Rarität, werden doch schweizweit nur rund 10 Hektar angebaut, davon die Hälfte in der Waadt. (Quelle aller statistischer Angaben: Bundesamt für Landwirtschaft, „das Weinjahr 2022“).

Das Weingut von Fabrice Ducret befindet sich in Chardonne und seit über 100 Jahren in Familienbesitz. Fabrice hat den Betrieb 2021 von seinen Eltern übernommen und stellt die vierte Generation der Familie dar. Spannenderweise wird – nebst den Klassikern des Lavaux natürlich – auch Wein aus der Doral angeboten, das gäbe sicher einen spannenden Vergleich der beiden sozusagen „Schwestern“ Charmont und Doral. Überhaupt finde ich diesen Wein so gut gemacht, dass das Weingut Fabrice Ducret ganz oben auf der Liste für Winzerbesuche bei meinem nächsten Welschlandaufenthalt steht!

Charmont „le Confray“, Chardonne AOC, Grand Cru, 2023
Helles Gelb; zurückhaltende, aber feine und vielschichtige Frucht (Mirabellen, Stachelbeeren, Bergamotten, Aprikosen, Mango); im Mund sehr mineralischer Auftakt, dann zusehens fruchtbetont, kräftiger Körper, schöne Säure und ganz leichter, aber passender Bittertouch, sehr langer, mineralischer Abgang, in dem man den Alkohol ein wenig wahrnimmt (aber nicht brandig und nicht störend). Tolle Spezialität. 17 Punkte.
(Den 2022-er, den ich im Restaurant vor Ort getrunken hatte, habe ich eine Spur süffiger und fruchtiger in Erinnerung, etwas mehr „Chardonnay“ – der 2023-er ist aber dank seiner Struktur und Mineralik etwas mehr der „Chasselas“ – und wohl eher der grössere Wein).

Unsere Weine – Fabrice Ducret

Blick von Chardonne/Jongny, wo sich die Domaine Fabrice Ducret befindet, auf Vevey und den oberen Genfersee. Blonay, der Sitz von Martial Neyroud befindet sich oberhalb von Vevey am linken Bildrand.

Loire sur Lac Léman: Gelungener Chenin Blanc von Martial Neyroud

Zur Sorte Chenin Blanc muss man kaum Worte verlieren, ausser dem Hinweis, dass sie in der Schweiz sehr selten ist, sie kommt ebenfalls nur auf etwas mehr als 10 Hektar vor.

Martial Neyroud betreibt seine Domaine in Blonay oberhalb Vevey/Montreux. Er hat – bereits 2003 – ebenfalls einen Betrieb mit langer Familientradition übernommen. Die Domaine bietet diverse Weine aus der Appellation Montreux an, besitzt aber auch Reben in Chardonne, woher der Chenin Blanc stammt. Martial Neyroud scheint der Loire zugetan zu sein, denn er schafft es nicht nur, im Lavaux einen sehr guten Chenin zu produzieren, sondern bietet auch einen Cabernet Franc an!

Chenin blanc, 2022, Chardonne Grand Cru, Martial Neyroud
Mittleres Strohgelb; sehr fruchtbetont mit eher exotischen (aber nicht übertriebenen) Düften nach Passionsfrucht und Papaya, aber auch Aprikose, zudem Lindenbüten und leichter Branntweinton; im Mund sehr rund und schmeichlerisch durch Fruchtsüsse, eher zurückhaltende Säure, mineralische Anklänge, ganz leichter Bittertouch, mittlerer Abgang. Spannender, im Stil eigenständiger Chenin blanc, der sich weder vor vielen Loire-Weinen noch vor dem Salix von Bovard verstecken muss. Wenn er etwas mehr Frische aufweisen würde, hätte ich ihn noch höher bewertet. 16,5 Punkte.

Martial Neyroud | Artisan Vigneron
und als Online-Shop:
Produkte – Martial Neyroud

Le retour des Savoyards: Tolle Mondeuse noir von Laurent Cossy

Die Mondeuse (noir – es gibt auch die Mondeuse blanche) ist in der Schweiz heute sehr selten, sie kommt auf rund 3 Hektar vor, davon fast die ganze Fläche in der Waadt. Mondeuse noir ist eine sehr alte Sorte, die fast ausschliesslich in Savoyen angebaut wird und dort auf rund 300 Hektar äusserst interessante, mich persönlich immer ein wenig an Syrah erinnernde Weine hervorbringt. Auch wenn die Rebgebiete Savoyens etwas entfernt liegen, so ergibt die direkte Nachbarschaft doch eine Logik dafür, die Sorte auch am Schweizer Ufer des Genfersees anzubauen. Vor allem hatte die Rebe am nördlichen Genferseeufer aber auch eine lange Tradition, wurde sie doch früher häufig angebaut. Die Geschichte ist eigentlich auch ein Lehrstück: Der Anbau der Mondeuse wurde nämlich 1956 in der Schweiz schlichtweg verboten, da es sich um eine minderwertige Sorte handle! Vgl. dazu hier: Mondeuse et altesse: le retour des Savoyards – Issuu

Und auch der dritte Winzer im Bunde, Laurent Cossy, ist noch jung, und auch er konnte eine familieneigene Domaine weiterführen. Die Domaine des Rueyres im gleichnamigen Weiler zwischen Chexbres und Chardonne geht auf das Jahr 1141 zurück, als die Gebäude von Mönchen erstellt wurden, welche hier nachweislich auch schon Reben bewirtschafteten. Seit 1957 werden die Trauben auf der Domaine selbst gekeltert und wenig später wurde auch der vorherige Mischbetrieb aufgegeben und voll auf Weinbau gesetzt. Cossy scheint sich, wie Neyourd bei der Loire, in die Weine aus Savoyen verliebt zu haben, es gibt nämlich auch die Mondeuse Blanche im Angebot.

Mondeuse noir, 2022, Chardonne Grand Cru, Laurent Cossy, Domaine des Rueyres
Mittleres Purpur; fruchtige und würzige Nase, Brombeeren, rote Johannisbeeren, etwas Vanille, dazu Anflüge von Thymian und Lorbeer; im Mund ungemein fruchtig, „saftig“, schöne Säure, äusserst elegant, sehr langer Abgang. Ausserordentlich gelungen und bezaubernd, dieser Wein hält mit allem mit, was ich von dieser Traubensorte aus Savoyen je im Glas hatte. 17 Punkte.

Accueil – Domaine des Rueyres

Schweizer Wein – viel zu gut, um nicht noch viel mehr darüber zu schreiben und zu probieren!

Kurzum: Drei hervorragende Weine, welche für einen Aufbruch im Waadtland stehen. Die drei Betriebe an sich muss ich zuerst noch besser entdecken, aber die vorgestellten Weine lassen erahnen, dass hier etwas Grosses entstehen könnte. Affaire à suivre, auf jeden Fall.

Und zum Schluss, ich weiss, ich wiederhole mich, aber man kann das gar nicht oft genug sagen: Schweizer Weine müssen sich vor nichts mehr verstecken!

(Aber, liebe Leserinnen und Leser in Deutschland: Es gibt demnächst auch wieder Beiträge über tolle deutsche Weine, deren Image zwar generell schon deutlich höher angesiedelt ist – aber auch immer noch zu tief!)


Interessennachweis:
Die Weine wurden in Restaurants vor Ort zum Essen bestellt und genossen. Da ich mit der Familie unterwegs war, habe ich keine Notizen gemacht, dafür die Weine als Einzelflaschen bei den Winzern nachbestellt und zuhause in Ruhe degustiert (und erneut genossen).

3 Gedanken zu “Das Lavaux wird immer spannender – auch jenseits des Chasselas!

  1. Hans Schneeberger

    Spannender Artikel, besten Dank! Noch ein Hinweis: Auch Jean-René Gaillard in Eppesses keltert seit Jahren einen famosen Charmont, der bei unseren Gästen immer sehr beliebt ist (um ehrlich zu sein, beliebter als die entsprechenden Chasselas). Dieses Weingut verdient einen Besuch a) weil es hoch über Epesses liegt und deshalb oft aussen vor ist und b) weil es gerade wegen der Lage einen unglaublichen Blick über den See bietet. Und man auch für einen Apéro einkehren kann.

  2. Pingback: Das Waadtland als Rotweinhochburg! Und der beste Wein kommt aus einer unbekannten Ecke. – Victor's Weinblog

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