Wenn ein 15-Punkte-Wein plötzlich 18,25 erreicht.

Wie ernst darf man die Noten in Chandra Kurt’s Weinseller nehmen?

Dass ich „Weinseller“ aus dem Supermarkt in der Regel nicht so toll finde, geht schon aus dem Text auf meiner Startseite hervor. Mich ärgert, wenn Weine angeboten werden, die nur etwa viermal mehr kosten, als die Verpackung (Flasche, Verschluss, Etikette), in der sie stecken. Da kann für einen redlich arbeitenden Winzer, egal wo auf dieser Welt, einfach kein vernünftiger Ertrag mehr drin liegen. Das ist eine ökonomische, ethische, gesellschaftliche und vermutlich auch ökologische Zumutung!

(Natürlich gibt es auch im Supermarkt, oder jedenfalls in einigen davon, wirklich gute Weine zu ethisch verantwortbaren Konditionen. Ich kaufe selbst zuweilen auch dort ein, aber ein Wein zu 2.79 [so viel kostet der billigste Wein im Weinseller], 4 oder 5 Franken – das kann einfach nicht mit anständigen Dingen zugehen).

Nun gibt es eben diesen jährlich erscheinenden „Weinseller“, der sich den Angeboten aus den Grossverteilern annimmt. Und diese Woche bin ich selbst wieder mal darauf hereingefallen! 18,25 Punkte erreichte dort der bestbenotete Wein, ein Amarone aus dem Jahrgang 2014. Zufällig war dieser gerade noch in Aktion zu Fr. 22.50 erhältlich, also habe ich eine Flasche gekauft.

Die Degustation? Ernüchternd!

Mittleres Rot mit orangen Reflexen; Dörrpflaumen- und Brombeerduft, altes Holz, etwas brandig in der Nase; im Mund schon erstaunlich gereift, schlank, zurückhaltende, aber trocknende Tannine, mässige Säure, prägnant alkoholischer Abgang.

Der Wein ist nicht schlecht, er ist soweit korrekt gemacht, ausser dem alkoholischen Touch ohne Fehler, aber er hat nicht das Geringste mit einem spannenden Amarone zu tun. Es fehlt jeder Spassfaktor – meine Familie meinte, zu einer Pizza oder einem Pesto würde er gerade so knapp durchgehen (wobei ich dann trotzdem einen Ripasso oder gar einen „normalen“ Valpolicella eines guten Produzenten bevorzugen würde, was erst noch günstiger wäre). Im Normalfall kostet dieser Amarone Fr. 27.50. Für fünf bis zehn Franken mehr bekommt man im Fachhandel einen (Basis)-Amarone von Tedeschi, Degani oder Masi – Weine, die dann frisch und kräftig daherkommen und dieses Aufgeld mehr als wert sind.

Bleibt die Frage, wie Chandra Kurt dazu kommt, einen solchen Wein mit 18,25 Punkten zu bewerten? Und die Anschlussfrage, wie ein Wein, den sie mit 14,75 Punkten bewertet, munden muss?

Die Antwort auf die erste Frage dürfte wohl darin liegen, dass sich das Buch ja verkaufen soll, und wer kauft schon einen Weinführer, dessen bester Wein 15 Punkte bekommt? Vielleicht neigt man aber auch einfach während der „Strafaufgabe“, hunderte mässiger Weine zu degustieren dazu, einen, der ein wenig besser ist, in den 18,25-Punkte-Himmel zu heben?

Der Anschlussfrage, wie mundet ein 14,75-Punkte-Wein aus dem Weinseller, werde ich nach der heutigen Erfahrung sicher noch nachgehen. Affaire à suivre!

PS: Mich würde übrigens wundern, zu welcher Punktzahl Chandra Kurt beim Valpolicella Monte Lodoletta von dal Forno greifen würde (vgl. meinen letzten Blog-Beitrag)? Das müssten ja dann locker 22 von 20 Punkten sein 😉

 

Chandra Kurt’s Weinseller, ISBN 978-3-85932-759-7

4 Gedanken zu “Wenn ein 15-Punkte-Wein plötzlich 18,25 erreicht.

  1. Walter Meier

    Chandra Kurt probiert so viele schlechte (billige) Weine, dass mit den Jahren ihr Gaumen darunter gelitten hat und sie ein anderes Empfinden hat, was ein guter Wein ist.

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  2. Feer Markus

    Pass auf deinen Gaumen auf und nutze allenfalls einen Vorkoster für den 14 Punkte Trunk… Wein ist das ja wohl kaum! Wobei dieses Vorgehen ethisch verwerflich und strafrechtlich unter versuchte Tötung einzureihen wäre. Da bleibt nur die chemische Analyse als gangbarer Weg😂.

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  3. Pingback: Billigweine? Dann doch lieber Wasser! – Victor's Weinblog

  4. Ich würde die Verkostung solcher Weine den Leuten überlassen, die solche Weine bewusst besprechen möchten – und mich anständigen, gut gemachten Winzerweinen zuwenden, die es übrigens bei uns in Deutschland in großer Anzahl gibt…

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