Wenn der Geschmack des Weinbloggers vom eigenen abweicht.

Vor Kurzem stellte ich hier einen Wein vor, der mich in seiner charaktervollen, eigenständigen Art sehr begeisterte: den Odé d’Aydie 2015, ein Pacherenc du Vic Bilh aus Südwestfrankreich.

https://victorswein.blog/2018/02/24/etikettentrinker-der-anderen-art/

Ein Blogleser – „leider“ gleichzeitig ein guter Freund –  nahm das zum Anlass, um diesen Wein zu kaufen, allerdings den Jahrgang 2014. Und die Rückmeldung, die ich bekam, freute mich nicht: Der Wein schmecke extrem nach Ananas (resp. nach leerer Ananasdose, was Erinnerungen an alte Pfadfinderzeiten geweckt habe). Die Nachricht auf Whatsapp war untermauert mit 12 Ananas-Emoticons.

Die Enttäuschung war spürbar. Und ich war zuerst unzufrieden mit mir selbst, denn wer mag schon etwas empfehlen, das nicht gefällt (und erst recht einem Freund).

Ich habe diesen Jahrgang dann auch degustiert:
Mittleres, glänzendes Gelb; Duft nach eher knapp reifen Stachelbeeren, Limetten und – ja – Anflug von Ananas; spürbarer Süsskomplex, prägnante Säure, eher kurz im Abgang. Charaktervoller und eigenständiger Wein, mangelt etwas an Tiefe.

Der Jahrgang 2014 hat klar nicht die Klasse des Nachfolgejahrgangs, aber mir gefällt auch dieser Wein. Er ist so wunderbar weit weg vom uniformen Mainstream der Weissweine. Er ist das Gegenteil von langweilig. Und er fordert, wie der 2015er, Schluck für Schluck.

Was bedeutet nun aber diese Geschichte?

Zum Glück sind die Geschmäcker verschieden, und was mir gefällt, muss noch lange nicht anderen Leuten passen. Um diese alte Weisheit bestätigt zu haben, muss ich noch nicht einmal einen Fuss vor die Türe setzen, dazu genügt zuweilen das Urteil meiner Frau über einen Wein, den ich mag ….

Es bedeutet aber auch, dass ein verbaler Beschrieb eines Weines eigentlich nicht viel taugt. Es ist so etwas wie der hilflose Versuch eines rationalen Beschriebes – dabei geht es bei Wein um Emotionen und um Geschmäcker und persönliche Vorlieben. Und selbst dann, wenn der Beschrieb nicht rational ausfällt, sondern überschwänglich, hilft das nichts, denn die Faszination für einen Tropfen ist wiederum persönlich gefärbt.

Die Lehre aus diesem Umstand habe ich für mich selbst schon länger gezogen: Trau keinem ausser dir selbst! Tatsächlich ist es so, dass mir hochgelobte Weine oft nicht schmecken – 17, 18 oder gar 19 Punkte, von wem auch immer, sind da keine Garantie. Ich kaufe deshalb nur noch selten Weine, die ich nicht selbst probiert habe. Oder wenn, dann belasse ich es bei einem 6er-Karton.

Eigentlich hat die ganze Situation ja etwas Tröstliches: Selbst in unserer hochtechnologisierten Welt, in der alles bewert- und beschreibbar erscheint, gibt es so „gallische Dörfer“ wie den Wein, der sich jeder Logik entzieht und einfach gefällt – oder auch nicht.

PS: Und deshalb ist jedermann/-frau selbst schuld, der aufgrund meines Blogs einen Wein kauft 😉

 

 

Einfach eine Wucht!

Madiran – wuchtige Eleganz, die reifen muss.

Nach meinem Beitrag von gestern musste das ja einfach sein; nach einem weissen Pacherenc du Vic Bilh war ein Madiran aus dem genau gleichen Gebiet sozusagen gesetzt.

Das Menu – drei Stunden wie ein Braten in Rotwein schonend geschmorter Hohrücken – verlangte geradezu nach einem kräftigen Wein, also müsste ein Madiran sicher passen. Und Château Bouscassé Vieilles Vignes 2004 schien mir so langsam in Trinkreife.

(Kleine Klammer: Ich kaufte vor vielen Jahren einmal 12 Flaschen Château Montus aus den frühen 1990-er Jahren, und ab etwa fünf Jahren nach der Ernte probierte ich jährlich eine Flasche, in der Meinung, er müsste endlich trinkreif sein – und als er es dann endlich war, hatte es keine Flaschen mehr ….).

Aber ein 14-jähriger Bouscassé (ausgerechnet übrigens aus einem Jahr, das meteorologisch nicht so toll war, und in dem vor allem zu befürchten war, dass Alain Brumont aufgeben müsste, weil er bei einem Investment vermutlich über’s Ohr gehauen wurde), das war keine schlechte Idee.

bouscasse
14 Jahre alt – und erst in beginnender Trinkreife! Gute Weine aus Madiran erinnern an so etwas wie eine „gute alte (Wein-)Zeit“. (Bild vl)

Nur wenig gereiftes, tiefes Bordeaux-Rot, in der Nase intensive Düfte von Dörrpflaumen und anderen dunklen Früchten, Anflug von Pfeffer und – warum nur rieche ich das immer wieder in Tannat-Weinen – Liebstöckel („Maggikraut“). Im Mund umwerfend wuchtig, knackige, aber sehr gut eingebundene Säure, noch sehr jugendliche, prägnante Tannine, im besten Sinne mundfüllend. Wuchtiger Wein, der trotzdem elegant daherkommt. Ist jetzt trinkreif, kann aber noch einige Jahre reifen! Und auch das ist so ein Wein, der beim Essen nie verleidet, sondern immer noch besser zu werden scheint.

Südwestfrankreich – das ist definitiv mehr als eine vernachlässigbare Weingegend – das ist – von guten Produzenten – sinnliche Weinqualität pur!

http://www.brumont.fr/

 

Etikettentrinker der anderen Art.

„Pacherenc du Vic – Was“? Das muss man ja einfach probieren!

Wenn ein Zungenbrecher wie „Pacherenc du Vic Bilh“ auf der Etikette steht, dann muss man diesen Wein ja schon fast aus reiner Neugierde kaufen! Ein „Etikettenkauf“ der anderen Art. Und einer, der sich lohnt!

Raten Sie mal, wo sich dieses nur etwa 300 ha umfassende Gebiet befindet?

Etwas einfacher wird es, wenn Sie wissen, dass es sich um eine AOP in Frankreich handelt. Und dazu eine, die deckungsgleich mit der Rotwein-Appellation Madiran ist. Madiran? Ja klar, da kommt sofort der Name Alain Brumont mit seinen Châteaux Montus und Bouscassé ins Spiel – der Mann, der gezeigt hat, dass am Fusse der Pyrenäen, in der Nähe der Stadt Pau, Spitzenwein hergestellt werden kann. Von beiden Brumont-Schlössern gibt es übrigens nicht nur die berühmten Roten, sondern eben auch weisse Pacherenc du Vic Bilh.

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Pacherenc du Vic Bilh – oder eben Madiran. Weinberge von Château d’Aydie (Bild: Homepage Château)

Während sich ältere Werke wie der Hachette-Weinatlas („angrenzend“) und der Johnson/Duijker („identisch“) geradezu widersprechen, bringen Onlinerecherchen heute hervor, dass Madian und Pacherenc du Vic Bilh aus dem genau gleichen Gebiet stammen (vgl. Link auf INAO unten). Spannend übrigens: Madiran soll bis 1948 Vic Bilh geheissen haben. Woher der spezielle Name? Vic Bilh ist gasconisch und bedeutet altes Land, während Pacherenc für „Weinreben, die an Pfählen gezogen werden“ steht.

Und wer bis hier mit Lesen durchgehalten hat: Die zugelassenen Rebsorten sind Gros Manseng, Petit Manseng, Petit Courbu und Arrufiac; sie bringen sowohl trockene als auch Weine mit Restsüsse hervor. Aber der Wein, von dem ich heute schreibe, ist knochentrocken und besteht nur aus den beiden Manseng. Pierre Galet äussert sich in seiner Enzyklopädie über französische Rebsorten vor allem über die Petit Manseng als „cépage de qualité“ – was ich nach dem Genuss des Weines gerne glaube (und ohnehin bekannt ist; auch die benachbarten Weissen aus Jurançan bauen auf dieser Sorte auf).

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Nun endlich zum verkosteten Wein: Die Rede ist vom 2015er „Odé d’Aydie“ von Château d’Aydie. Ich habe ihn blind gekauft, eben als „Etikettentrinker der etwas anderen Art“. Und ich bin begeistert. Es ist ein extrem charaktervoller, interessanter Wein, der mit jedem Schluck spannender wird, und bei dem man enttäuscht ist, wenn die Flasche schon leer ist. Oder, um es mit den Worten meiner Frau zu sagen: „Das ist ein Wein, der einen geradezu auffordert, sich mit ihm auseinanderzusetzen, und der es nicht zulässt, einfach so nebenbei die Kehle herunterzurinnen“.

Mittleres Gelb mit orangen Reflexen, intensive Vielfalt in der Nase: getrocknete Aprikosen, Quitte, Vanille, Williams-Birne und viele würzige Düfte mit Anflügen von Pfeffer, Nelken und Muskat. Im Mund mit Retrofaktion von Williams-Brand, enorm füllig und dicht, im Auftakt mit prägnantem Süsskomplex (und dabei absolut trocken), gute Säure, enorme Länge, er will sich fast nicht verabschieden. Eindrücklich!

Es ist einer jener Weine, derentwegen ich diesen Weinblog begonnen habe. Vielleicht ist es nicht ein ganz grosser Wein (wobei ich mir da nicht einmal so sicher bin), aber er ist auf jeden Fall charaktervoll, authentisch, nie langweilig, er macht einfach Spass – nein, mehr als das, er fasziniert bis zum letzten Tropfen. Und so ganz nebenbei: er kostet keine fünfzehn Franken!

Château d’Aydie verfügt über 58 ha Reben und steht in Besitz der Familie Laplace. Produziert wird hier, nebst etwas Landwein, Madiran und sowohl süsser als auch trockener Pacherenc du Vic Bilh. Das Schloss befindet sich rund 4 Kilometer vom Dorf Madiran entfernt. Und übrigens auch je in gleicher Distanz, einmal nördlich, einmal östlich, liegen die beiden erwähnten Güter von Alain Brumont.

Château d’Aydie:
http://www.famillelaplace.com/fr/

Alain Brumont:
http://www.brumont.fr/fr/index.php

 

Gebiete gemäss INAO (mit Karte):

Pachernec du Vic Bilh:
https://www.inao.gouv.fr/produit/726

Madiran:
https://www.inao.gouv.fr/produit/13315