Provokation gelungen! Zu 100 %. Mit Petit Verdot.

Nach so vielen Weinen aus der Schweiz und aus Österreich wieder einmal ein Abstecher nach Frankreich. Ich komme auf die beiden Alpenländer zurück, versprochen, denn es lohnt sich!

Dass ich die Weine von Dominique Léandre-Chevalier mag, kann man schon der Startseite meines Blogs entnehmen. Oder dem Beitrag über den Merlot aus einer Bestockung mit 33’000 Rebstöcken pro Hektar.
https://victorswein.blog/2018/01/06/je-savais-que-cetait-impossible-alors-je-lai-fait/

Diesen Merlot, diesmal vom Jahrgang 2015, konnte ich kürzlich an einer Veranstaltung Arrivage Bordeaux 2015, vgl.
https://victorswein.blog/2018/04/26/bordeaux-2015-trau-schau-wem-vor-allem-dir-selbst/
erneut probieren, und mein Urteil ist auch für diesen Jahrgang: überwältigend! Und so viel filigraner und präziser als einige hochgelobte „Merlot-Fruchtbomben“ aus dem Libournais!

100%Fast noch eine Nuance faszinierender fand ich aber den gleichen Jahrgang des „100 % Provocateur“: Ein Wein, fast ausschliesslich aus der Rebsorte Petit Verdot, welche zwar zum Bordeaux-Blend gehören kann, aber, wenn überhaupt, fast immer ein Mauerblümchendasein fristet.

Dominique Léandre-Chevalier hingegen provoziert auch damit. Nicht genug, dass er an den „Côtes de Blaye“, also auf der nördlichen, „falschen“ Seite der Gironde Spitzenweine herstellt. Nein, er bringt auch noch einen Petit Verdot von wurzelechten Reben auf die Flasche. Und wie!

Es gibt nur rund 600 Flaschen pro Jahr von diesem Wein, der aus 0,3 Hektar stammt, die zum Teil auch mit 33’000 Stücken, also extrem dicht, bepflanzt sind. Wenn der erwähnte Merlot trotz Finesse eher „rund“ auftritt, dann bietet der Petit Verdot sozusagen das Gegenstück: elegant, gleichzeitig frisch und saftig, aber auch wild und ungestüm; in dieser Hinsicht fast wie ein Syrah. Und bei allem hat auch dieser Wein eine unglaubliche Länge, der Abgang will fast nicht enden!

Angesichts dieses Weines fragt man sich nur, warum Petit Verdot eine so marginale Bedeutung aufweist? Vielleicht braucht es halt eine Provokation, damit das ändert?

Wenig erstaunlich ist, dass der Wein des Jahrgangs 2015 angesichts der bescheidenen Gesamtproduktion bereits ausverkauft ist. (Erfeulich hingegen, dass ich dank rechtzeitiger Bestellung demnächst ein Prozent der Produktion zugestellt erhalte!).

Fazit: Möge Léandre-Chevalier noch lange provozieren!

Klicke, um auf 13%20%20petit%20Verdot%20Allemand.pdf zuzugreifen

https://www.gerstl.ch/de/rotwein/frankreich/bordeaux/vin-francais/leandre-chevalier-le-queyroux-petit-vin-francais-product-1256.html
(Vom Jahrgang 2014, den ich aber nicht probiert habe, gibt es Stand heute Abend noch genau 5 Flaschen ……)

 

 

 

Das grosse Geheimnis aus Cahors.

Nach einem langen, spannenden Tag am Lot, dem Fluss, der das ganze Weinbaugebiet von Cahors in vielen Schlaufen durchzieht, wollten wir, ausgerüstet mit einem Tipp aus dem „Guide Hachette“, noch etwas Wein kaufen. Wir fuhren also mit unserem Kleinstwagen auf Chateau La Gineste vor und klingelten. Zu unserem Erstaunen wurden wir an einen Herrn verwiesen, der gerade in kurzen Hosen und mit Gras in den Haaren auf einem fahrbaren Rasenmäher tätig war, und den wir eigentlich als Gärtner identifiziert hatten.

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Blick auf die Reben und – im Hintergrund – das Schloss von La Gineste im Gebiet von Cahors. Das Gut arbeitet biologisch – aber eigentlich sieht man das ja schon fast anhand des Bildes! (Foto vl)

Trotz der Störung wurden wir sehr herzlich vom rasenmähenden Schlossbesitzer, Gérard Dega, empfangen. Unser Wagen sah ja sicher nicht nach grossem Volumen und damit Verkaufschancen aus (man kann nicht ahnen, dass das Auto nebst Koffern locker noch 120 Flaschen aufnimmt; mehrfach belegt …). Eigentlich wollten wir ja nur degustieren, wenn positiv, kaufen und gehen. Geblieben sind wir schliesslich 90 Minuten, inklusive einer Führung, vielen Erklärungen und einer Degustation mit allen verfügbaren Weinen, und das waren viele, weil von jedem Typ verschiedene Jahrgänge zur Verfügung standen. Um es vorweg zu nehmen: Unser Kleinwagen war nach dem Besuch ziemlich beladen.

Das Gut ist etikettenmässig voller Geheimnisse: Nebst einem Rosé, dem Basiswein „La Gineste“ und einem „black wine“, gibt es die Linien „Petits Secrets“, „Secrets“ und vor allem den „Grand Secret“. Dass letzterer in der Einzahl geschrieben ist, kommt nicht von ungefähr, er ist nämlich der wirklich begeisternde Wein dieses Gutes. Die anderen Gewächse werden in einem Mischsatz hergestellt (Mehrheit Malbec, Minderheit Merlot) und sind schöne und preiswerte Weine (nur beim Petits Secrets störte mich bei einigen Jahrgängen ein spürbares altes Holz).

Der Grand Secret hingegen ist aus 100 % Malbec hergestellt und 2 Jahre in neuen Barriques ausgebaut. Es gibt auch nur etwa 3000 Flaschen jährlich, bei einer Gutsgrösse von 9 Hektar also eine wirkliche Rarität.

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Was für ein begeisternder Wein von enormer Länge und gleichzeitig grosser Finesse! Das ist Cahors von der allerbesten Seite, und das ist Cahors, wie es von keinem argentinischen Malbec „kopiert“ werden kann. Dieser Wein hat Charakter und ja, ich wage den Ausdruck, Seele!

Degustationsnotiz Jahrgang 2011:

Dichte, dunkle Farbe, noch jugendlich, fast violett; Aromen von dunklen Kirschen, Nelken, Zedernholz, Anflug von Armagnac; gute, stützende Säure in perfekter Harmonie mit feinen Tanninen, dicht und fast zum Abbeissen, dabei druckvoll aber auch elegant. Ein Klassewein!

(Bemerkung am Rand: Wir haben ihn neben einem preislich ähnlichen, durchaus guten Cru Bourgeois 2006 aus dem Haut-Médoc probiert. Der Cahors wurde einhellig und sehr klar vorgezogen).

Nachstehend ein Link auf die Homepage des Gutes. Man möchte Herrn Dega wünschen, etwas weniger Zeit auf dem Rasenmäher zu verbringen, um Zeit zu haben, seine Site auf Vordermann zu bringen. Aber am besten arbeitet er ohnehin in den Reben und im Keller, auf dass es noch viele Jahrgänge des Grand Secret gibt!

http://chateaulagineste.free.fr/

Korrigenda: Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, dass das Gut durchaus eine aktuelle Homepage hat:

http://chateaulagineste.fr/accueil/

siehe zudem:

http://www.vigneron-independant-lot.com/vignerons/chateau-la-gineste/


Cahors – zurück zu altem Glanz?

Das Weinbaugebiet von Cahors zählte einmal zu den bekanntesten von ganz Frankreich; die Weine wurden bis nach England verschifft und namen dabei den Weg über das rund 200 Km westlich liegende Bordeaux. Im 14. Jh. stammte rund die Hälfte des dort verschifften Weins aus Cahors. Danach verblasst die Reputation.

Heute hat das Weinbaugebiet seinen Ruf wieder verbessert, trotzdem wird auch jetzt noch vergleichsweise wenig exportiert, 80 % des Weines wird in Frankreich abgesetzt. Das ist schade, denn hier werden teils wunderbare Gewächse angebaut. Malbec ist die Hauptsorte (vor Ort eher Côt oder gar Auxerrois genannt), und was „Cahors“ heissen will, muss mindestens 70 % dieser Rebsorte enthalten. Ergänzend werden Merlot und Tannat verwendet.

Das Hauptanbaugebiet befindet sich westlich der Stadt Cahors, in einem Bereich, in dem der Lot, ein Nebenfluss der Garonne, richtig mäandert. Die Gegend ist sehr reizvoll – nicht nur für Weinfreunde!

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Auch landschaftlich reizvoll, das Tal des Lot, etwas oberhalb von Cahors.

Mehr zum Anbaugebiet von Cahors:

https://www.inao.gouv.fr/produit/8230

Wenn der Geschmack des Weinbloggers vom eigenen abweicht.

Vor Kurzem stellte ich hier einen Wein vor, der mich in seiner charaktervollen, eigenständigen Art sehr begeisterte: den Odé d’Aydie 2015, ein Pacherenc du Vic Bilh aus Südwestfrankreich.

https://victorswein.blog/2018/02/24/etikettentrinker-der-anderen-art/

Ein Blogleser – „leider“ gleichzeitig ein guter Freund –  nahm das zum Anlass, um diesen Wein zu kaufen, allerdings den Jahrgang 2014. Und die Rückmeldung, die ich bekam, freute mich nicht: Der Wein schmecke extrem nach Ananas (resp. nach leerer Ananasdose, was Erinnerungen an alte Pfadfinderzeiten geweckt habe). Die Nachricht auf Whatsapp war untermauert mit 12 Ananas-Emoticons.

Die Enttäuschung war spürbar. Und ich war zuerst unzufrieden mit mir selbst, denn wer mag schon etwas empfehlen, das nicht gefällt (und erst recht einem Freund).

Ich habe diesen Jahrgang dann auch degustiert:
Mittleres, glänzendes Gelb; Duft nach eher knapp reifen Stachelbeeren, Limetten und – ja – Anflug von Ananas; spürbarer Süsskomplex, prägnante Säure, eher kurz im Abgang. Charaktervoller und eigenständiger Wein, mangelt etwas an Tiefe.

Der Jahrgang 2014 hat klar nicht die Klasse des Nachfolgejahrgangs, aber mir gefällt auch dieser Wein. Er ist so wunderbar weit weg vom uniformen Mainstream der Weissweine. Er ist das Gegenteil von langweilig. Und er fordert, wie der 2015er, Schluck für Schluck.

Was bedeutet nun aber diese Geschichte?

Zum Glück sind die Geschmäcker verschieden, und was mir gefällt, muss noch lange nicht anderen Leuten passen. Um diese alte Weisheit bestätigt zu haben, muss ich noch nicht einmal einen Fuss vor die Türe setzen, dazu genügt zuweilen das Urteil meiner Frau über einen Wein, den ich mag ….

Es bedeutet aber auch, dass ein verbaler Beschrieb eines Weines eigentlich nicht viel taugt. Es ist so etwas wie der hilflose Versuch eines rationalen Beschriebes – dabei geht es bei Wein um Emotionen und um Geschmäcker und persönliche Vorlieben. Und selbst dann, wenn der Beschrieb nicht rational ausfällt, sondern überschwänglich, hilft das nichts, denn die Faszination für einen Tropfen ist wiederum persönlich gefärbt.

Die Lehre aus diesem Umstand habe ich für mich selbst schon länger gezogen: Trau keinem ausser dir selbst! Tatsächlich ist es so, dass mir hochgelobte Weine oft nicht schmecken – 17, 18 oder gar 19 Punkte, von wem auch immer, sind da keine Garantie. Ich kaufe deshalb nur noch selten Weine, die ich nicht selbst probiert habe. Oder wenn, dann belasse ich es bei einem 6er-Karton.

Eigentlich hat die ganze Situation ja etwas Tröstliches: Selbst in unserer hochtechnologisierten Welt, in der alles bewert- und beschreibbar erscheint, gibt es so „gallische Dörfer“ wie den Wein, der sich jeder Logik entzieht und einfach gefällt – oder auch nicht.

PS: Und deshalb ist jedermann/-frau selbst schuld, der aufgrund meines Blogs einen Wein kauft 😉

 

 

C’est bon. Ta gueule!

Château d’or et de gueules – das Wortspiel im Titel drängt sich halt auf. Aber den Mund

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halten kann ich hier nicht. Und der Name des Châteaus hat auch einen ganz anderen Ursprung. Das Familienwappen der Besitzer Puymorin besteht aus den Farben gold und rot. Und rot heisst offenbar in der französischen Heraldik „gueules“.

Aber der Reihe nach: Diesen Tipp verdanke ich einem weinbegeisterten Kollegen mit Ferienwohnsitz in Südfrankreich (er kennt ja so viele tolle Adressen in Südfrankreich – nur, dass auch Pinot aus unseren Breitegraden gut ist, muss er noch lernen!).

Er führte uns vor vier Jahren zu diesem Weingut, und ich gebe zu, dass ich mit jedem Kilometer, den wir uns von Avignon nach Süden entfernten, mehr zweifelte, ob das eine gute Erfahrung werden würde. Wir kamen schliesslich an, direkt am Rand der Camargue, und in dieser Gegend hatte ich vor allem Erinnerungen an eigenartigen „vin de sable“, ein gris de gris der sehr einfachen Art.

Die Vorurteile vergingen mir beim Degustieren. Während die Basisweine sauber und ehrlich waren, überzeugten die Spitzenweine allesamt. Das begann schon mit dem weissen „Tresagum“, einer Assemblage mit Roussanne und Grenache blanc aus dem Holzfass: gehaltvoll, fruchtig, kräftig, vielleicht etwas gar alkoholreich, aber eindrücklich und weit weg von einem Durchschnittswein. Und dann erst recht die Roten: ein reinsortiger Carignan, ein wuchtiger, hauptsächlich aus Mourvèdre vinifizierter „Super-Bandol“, nicht von ungefähr „La Bolida“ genannt.

Und der Castel Noù! Castel Noù? Die feine Anspielung auf Châteauneuf-du-Pape ist unverkennbar, und sie wird zu recht verwendet. Der hauptsächlich aus Grenache gekelterte Wein erinnert sehr wohl an einen Châteauneuf. Man muss sich nun nicht gleich den besten Grenache der Welt, Château Rayas, als Vergleich vorstellen. Dazu fehlt es dem Castel Noù dann doch an Finesse. Aber mit einem durchschnittlichen Châteauneuf (und der Durchschnitt ist inzwischen ziemlich hoch) kann er sich sehr wohl messen. Bringt man noch den Preis ins Spiel – 18.50 Euro – dass wird er zum südfranzösischen Preis-/Leistungssieger.

Eben getrunken Jahrgang 2010: dunkles, noch sehr präsentes Purpur, in der Nase Zwetschgen und Kirschen, im Mund feine Tannine, erstaunliche Säure, enorme Kraft und Fülle, lang. Einzige Kritik: Der hohe Alkoholgehalt nimmt dem Wein etwas an Finesse.

Wenn der Wein aus Châteauneuf stammen würde, hätte er vermutlich keine Aufnahme in meinen Blog bekommen. Aber dass man in einer für Spitzenwein unbekannten Gegend (AOC Costières de Nîmes) einen so hochklassigen Wein herstellen kann, verdient höchste Anerkennung.

Und zum Schluss, es wird fast zum „runnnig gag“: Vor ein paar Wochen bekam ich einen Werbeaussand des Gutes, und was lese ich da? „Le choix de l’agriculture biologique reflète notre engagement à préserver notre terroir“.

Dem ist eigentlich nichts beizufügen.

Ausser: Biologisch bewirtschaftete Reben bringen in der Regel tiefere Alkoholgehalte. Das würde dann bedeuten, dass mein einziger Kritikpunkt, der spürbar hohe Alkoholgehalt, künftig tiefer liegen wird. Man braucht nun nicht gerade an Château Rayas zu denken, aber ….

http://www.chateau-or-et-gueules.com