Der Completer von Donatsch. Für diesen Wein werfe ich alle Grundsätze über Bord.

Completer-Weine waren bis vor wenigen Jahren so etwas wie ein Phantom. Man hörte darüber munkeln, bekam sie aber nie zu Gesicht, geschweige denn ins Glas. Die Sorte wäre auch beinahe ausgestorben. Nun erlebt sie in der Bündner Herrschaft die Wiederauferstehung – und wie!

Für einmal werde ich allen Grundsätzen untreu! Denn schwergewichtig schreibe ich über einigermassen bezahlbare Weine (bis ca. CHF/Euro 40.00, besser aber tiefer) und lieber über unbekannte Winzerinnen und Winzer.

Der Completer von Donatsch kostet rund CHF 90.00, und Donatsch ist einer der Leuchttürme der Schweizer Weinszene. Aber dieser Completer war so gut – da „muss“ ich einfach darüber schreiben. Immerhin stimmt mein Motto auch dazu: „Alles ausser gewöhnlich“.

Donatsch – der Barrique-Pionier in der Schweiz.

Ungewöhnlich ist schon das Weingut selbst. Ich war im Jahr 1988 erstmals zu Besuch, und der Blick in den Keller war unglaublich. Da standen Barriques in Reih und Glied! Was heute niemanden mehr überraschen würde, war damals eine Revolution. Thomas Donatsch war nämlich der erste, der in der Bündner Herrschaft (und vermutlich in der ganzen Schweiz) Holzfässer für den Weinausbau nutzte. Es ist kaum übertrieben, wenn man Thomas als den Vater der Bündner Qualitätsrevolution bezeichnet. Das hat freilich nicht nur mit den Barriques zu tun, er war auch anderweitig ein qualitätsbesessener „Verrückter“. Seine Pinots schmeckten damals schon nach Burgund, und nie werde ich vergessen, wie wunderbar ein Cabernet Sauvignon aus Malans mundete, den er ebenfalls Ende der 1980-er Jahre produzierte, indem er diese wärmebedürftige Sorte entlang der Trockenmauern pflanzte. (Weil der Wein dann seinen eigenen Ansprüchen trotzdem nicht genügte, hat der die Stöcke später wieder ausgerissen).

Aber auch beim Completer ging Thomas Donatsch eigene Wege. Zwar war Giani Boner in Malans der Completer-Artist (und ist heute noch eine Bank). Aber schon anfangs der 90er-Jahre hat Thomas Donatsch mit der Zucht eigener Completer-Selektionen begonnen. Statt einheitlich getrimmte Klone einzukaufen, wird bei Donatsch bis heute nur das Beste aus den eigenen Reihen vermehrt. (Quelle: bonvivant.com).

Malans aus der Vogelperspektive. Die Completer-Traube wird zuweilen auch Malanser-Rebe genannt.

Completer – eine waschechte „Berglerin“, die auch das Wallis beeinflusste.

Completer ist eine alte Rebsorte, die 1321 in Malans erstmals erwähnt wurde. Der Name leitet sich vom abendlichen Gebet der Benediktinermönche ab, dem Completorium, nach welchem sie schweigend ein Glas Wein trinken durften. Die Forschung konnte zeigen, dass die Rebsorte auch im Wallis unter den fehlerhaften Bezeichnungen «Kleine Lafnetscha» und «Grosse Lafnetscha» fortbesteht. Die „richtige“ Lafnetscha, eine andere geniale Rarität des Wallis, ging übrigens aus einer Kreuzung von Humagne Blanche und Completer hervor.

Die spät reifende Rebsorte bringt aromatische, körperrreiche Weine hervor, deren hohe natürliche Säure für ein hervorragendes Alterungspotenzial sorgt. In den 60er-Jahren war sie fast verschwunden, heute wird die seltene Sorte in der Schweiz hauptsächlich in Graubünden angebaut und ist dort so etwas wie der heimliche Star (Quelle: swisswine.com). Und obwohl inzwischen viele Winzer den Completer wieder im Sortiment haben, ist es immer noch schwierig, ein paar Flaschen zu ergattern, es stehen in der Herrschaft auch erst rund 7 Hektar im Ertrag.

Sohn Martin verwaltet nicht nur, sondern entwickelt dynamisch weiter.

Der grosse Pionier Thomas Donatsch ist leider im letzten Jahr verstorben. Sohn Martin hatte aber den Betrieb schon vor einigen Jahren übernommen, und er schaffte es, auf einer schon grossartigen Basis nochmals zuzulegen und damit zum eigentlichen Leuchtturm in der Bündner Herrschaft zu werden. Zudem ist er auch ein Marketingtalent, so konnte er an einer Auktion zum erstem Mal überhaupt für einen Schweizer Wein (Pinot noir Réserve privée) über CHF 1’000.00 erzielen. Man kann das gut finden oder auch nicht, aber Martin Donatsch hat damit für den Schweizer Wein an sich zweifellos einen riesigen Imageerfolg erreicht.

Rustikal und finessenreich: Im Ochsen Malans ist das möglich.

Sympathisch ist auch, dass das dem Weingut angegliederte Restaurant zum Ochsen, traditionell eine eher rustikale Wirtschaft, weiterhin in dieser Tradition geführt wird. Cool daran ist, dass man bei einer Einkehr im Ochsen zuweilen auch noch einen Wein trinken kann, den man anderweitig gar nicht mehr erhält.

Completer – welch grandioser Wein!

Zurück zum Completer. Leider habe ich nur eine Flasche gekauft, aber die hatte es in sich und ist unvergesslich. Unter der Hand von Martin Donatsch wird aus der Completer ein Wein der absoluten Spitzenklasse, der einfach alles hat, was sich ein Weinfreund wünscht: Dichte, Frische, Frucht, Aromatik, Saftigkeit – und ich persönlich verzeihe dem Wein sogar die leichte Restsüsse. Obwohl ich das üblicherweise nicht so mag, hier bringt dieser leichte Touch dem Wein gerade noch diese feine, zusätzliche Note, die ihn schlicht unwiderstehlich macht.

Und abschliessend: Der Completer wird nicht nur bei Martin Donatsch zum Star. Ich durfte in letzter Zeit Completer von mehrerern Produzenten verkosten (Boner, Studach, Roman Hermann, Sprecher von Bernegg, Pelizzati – und mit Zweifel 1898 sogar einen aus dem Kanton Zürich). Allesamt waren sie wunderbar, wenn auch im Stil unterschiedlich. Und dann gäbe es da noch jenen von Obrecht, den ich nicht noch nie probieren konnte – hier wird der Completer im Solera-System ausgebaut!

Die Etikette (mit einem früheren Jahrgang)

Completer 2022, Martin Donatsch, Malans
Helles Gelb; zurückhaltende, aber enorm breit gefächerte Nase, fruchtbetont (weisse Steinfrüchte), Anflug von exotischen Früchten, Stachelbeere; im Mund viel Frische, sehr dichter Körper, saftige Säure, Holz leicht spürbar, ein Touch von Süsse, enorme Eleganz bei gleichzeitig „feurigem“, fast unendlichem Abgang (der Wein hallt effektiv noch minutenlang (!) nach. Grandios! 18,5 bis 19 Punkte.

DOMAINE DONATSCH, Winzerstube zum Ochsen, Malans Graubünden Wein

Und hier noch ein Link zu einem Beitrag über eine „Tochter“ des Completer, der oben schon erwähnten Lafnetscha – für mich so etwas wie das Walliser „Pendant“ zum Completer:
Eine absolute Rarität von hervorragender Qualität. Und keiner merkt es! – Victor’s Weinblog


Interessennachweis:
Der Wein wurde im Weinhandel erworben.

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