„Kleine“ Riojas von Spitzenbetrieben, ganz gross!

Kaum eine Weinregion hat sich in den letzten drei Jahrzehnten so positiv entwickelt wie die Rioja. Was sich hier in qualitativer Hinsicht in kurzer Zeit getan hat, ist aussergewöhnlich. Den Ruf, mit zu den besten Weinbaugebieten Spaniens zu gehören (oder gar, das beste zu sein), hatte die Gegend schon früher – aber heute mit Recht. Einige Weine sind deshalb auch sündhaft teuer geworden. Aber es geht auch bezahlbar, wie zwei Weine von Spitzenproduzenten beweisen.

Im Jahr 1990 bereiste ich zum ersten Mal das Weinbaugebiet der Rioja. Damals waren Riojas zwar bekannt, ja eigentlich berühmt, aber letztlich waren es in fast allen Fällen Weine, die in riesigen Mengen von Grossfirmen hergestellt wurden, meistens aus zusammengekauften Trauben. Riojas waren zwar fast immer gut, aber nicht mehr, und zudem fast immer sehr vom amerikanischen Holz dominiert. Die Rioja schöpfte ihr zweifellos grosses bestehendes Potential bei Weitem nicht aus!

Die „Hauptstadt“ der Rioja Alavesa: Blick auf den pittoresken Ort Laguardia.

Lagen-Riojas, ganz zögerlicher, aber erfolgreicher Beginn.

Es gab zu jener Zeit schon einige Ausnahmen. Die beiden Produzenten, die Lagen-Riojas herstellten – Contino (siehe Link unten) und Remelluri besuchte ich. Ebenso Marques de Murrieta, so eine Art Zwischending zwischen Grossbetrieb und Lagen-Rioja. Aber eine besonders gute Nase bzw. Recherche hatte ich bei Palacios Remondo. Die Rioja Alta galt damals als Mass aller Dinge, und die höher gelegene Alavesa genoss den Ruf, zukunftsträchtig zu sein (Contino und Remelluri liegen auch in diesem Teil der Rioja). Aber die Rioja Baja? Da waren sich alle einig, da wachsen nur minderwertige und zu alkoholische Weine.

Entdeckung 1990: Palacios Remondo – die Rioja Baja ist nicht nur Baja!

Recherchieren war damals noch schwierig, ausser Weinbüchern, Broschüren der Region und Weinzeitschriften gab es praktisch keine Informationsquellen. Am besten – und das ist auch heute noch so – informierte man sich bei anderen Winzern oder bei Kellnern, bei welchen Betrieben sie denn einen Besuch empfehlen würden. Und so führte mich dann – allen Vorurteilen zum Trotz – ein Tipp in die Rioja Baja, genau nach Alfaro zu José Palacios Remondo, einem seit 1934 bestehenden Betrieb. Auf der Fahrt von Logroño nach Alfaro waren denn auch nur wenige Reben zu sehen. Aber José bat mich in seinen alten Land Rover und die Fahrt ging los. Durch das flache Ebrotal ging es südwärts, bis plötzlich eine Hügellandschaft in Sicht war – da ging es dann hoch, bis auf rund 600 Meter. Und da lagen und liegen die Reben von Palacios Remondo. Damit befindet sich diese Lage, rechtsufrig des Ebro zwischen Alfaro und Calahorra, auf der gleichen Meereshöhe wie Laguardia in der Rioja Alavesa – und entsprechend relativiert sich die Aussage, dass aus Rioja Baja keine guten Weine kommen können. Die Weine überzeugten jedenfalls schon damals sehr und hoben sich von der üblichen „Rioja-Masse“ wohltuend ab.

Starwinzer Alvaro Palacios – im Priorat berühmt geworden, aber aus der Rioja.

Der Sohn von José Palacios Remondo, Alvaro Palacios, wurde kurz darauf – parallel zu René Barbier – zum Shooting Star im Priorat in Katalonien. Seine Weine wurden und sind qualitative Leuchttürmen im Gebiet, ja führten eigentlich dazu, dass das Priorat zu einem der führenden Weinbaugebiete Spaniens wurden. Nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm Alvaro dann aber auch das elterliche Gut Palacios Remondo in Alfaro. Resulat: Es wurde auch zu einem Spitzenbetrieb in der Rioja!

Artadi – in nur 30 Jahren ganz nach oben.

Viel jünger als das seit 1934 bestehende Weingut Palacios Remondo ist das Gut Artadi. Es wurde erst 1984 in Laguardia gegründet. Seit 1992 gehört es der Familie Lacalle y Laorden, geführt wird es von einem der höchstgeschätzen Oenologen, Juan Carlos López. Und auch Artiadi ist heute ein absolutes Spitzengut.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass auch die Spitzenweine der beiden Betriebe sehr teuer geworden sind. Für den „El Pison“ von Artadi und den „Quiñón de Valmira“ von Palacios Remondo bucht man inzwischen über Euro/CHF 300.00 von der Kreditkarte ab – pro Flasche. Dafür bekommt man zu diesem Preis dann aber auch 97 bzw. 99 Parker-Punkte ins Glas.

Die Basisweine sind bezahlbar – und sehr gut!

Erfreulicherweise bieten beide Betriebe aber auch grossartige Weine in einem bezahlbaren Segment an. Wir haben kürzlich im Familienkreis blind je einen dieser „Basisweine“ degustiert und dabei Weinen von renommierten grossen Rioja-Produzenten gegenübergestellt. Das Resulat war eindeutig: Die beiden Spitzenweingüter stehen in Sachen Qualität selbst mit den „kleineren“ Weinen klar über den bekannten Marken-Riojas. Und dabei ist anzumerken, dass diese sehr wohl auch zu überzeugen vermochten und meist auch noch etwas preiswerter sind (Propiedad und Viña de Gain kosten beide um die CHF/Euro 30.00).

Bio – was den sonst?

Spannend finde ich auch, dass beide Güter biologisch arbeiten und zertifiziert sind. Bei den wirklichen Spitzenbetrieben muss man inzwischen schon fast solche suchen, die nicht auf Bio umgestellt haben. Auch da hat sich die Weinwelt seit 1990 total verändert – und wie bei der generellen Qualität einfach nur zum Guten!

Zwei hervorragende „Basisweine“ aus der Rioja. Sie haben auch schon ihren Preis, sind ihn aber wirklich wert.

Degustationsnotizen

Palacios Remondo, Viñas viejas de la Propiedad, 2019
Mittleres Rot; üppiger Duft nach dunklen Beeren und Steinobst (Brombeere, Pflaume, Dörrpflaume), etwas Boskoop-Apfel, würzig (Thymian, Lorbeer, minimaler Anflug von Liebstöckel); im Mund fruchtbetont, frisch, mittlere Säure, feines, aber zurückhaltendes Tannin, fliesst sehr rund (erinnert im Fluss etwas an Glyzerin), enorm fruchtbetonter, mittlerer Abgang. Toller, süffiger Wein mit Tiefgang. 17,5 Punkte.

Bodegas y viñedos Artadi, Viñas de Gain, 2019
Relativ dunkles, glänzendes Purpur; in der Nase zuerst verhalten, etwas „wilde“ Töne, öffnet sich aber mit etwas Luft enorm, wird sehr breit und vielschichtig, dunkle Beeren (Brombeer, Cassis), etwas Leder, etwas Zeder und dunkle Schokolade; im Mund mit toller, dichter Struktur, viel Tannin, wirkt aber rund und äusserst elegant, angepasste Säure, fruchtiger Nachhall im sehr langen Abgang. Feiner Wein. 17,5 Punkte

Links:

Bodegas Artadi – El valor de los Grandes Vinos está ligado a sus Tierras y sus Gentes

Die Homepage von Palacios Remondo (www.palaciosremondo.com) läuft bei mir aktuell ins Leere. Deshalb hier ein Link auf die entsprechende Seite des Conseja Regulador:

BODEGAS PALACIOS REMONDO – Consejo Regulador DOCa Rioja – Riojawine

Die Weine sind im Weinhandel relativ breit erhältlich.

Und hier noch ein Link auf einen Beitrag in meinem Blog aus dem vorletzten Jahr, der sich Contino widmet:
50 Jahre „Château Rioja“: Contino, eine wegweisende Erfolgsgeschichte! – Victor’s Weinblog


Interessennachweis:
Beide Weine wurden im Weinhandel erworben.

Ein Gedanke zu “„Kleine“ Riojas von Spitzenbetrieben, ganz gross!

  1. Marcello

    Wir hatten im Restaurant als günstiges Grossformat den La Montesa. Für wenig Geld ein Wein der sich dank der Flaschengrössen von 500cl und mehr auch zum renommieren eignete… Die Weine waren bei Brautpaaren sehr beliebt. Und Artadi, Remelluri und Co. arbeiten schon lange auf hohem, weniger holzigen Niveau. Wobei ich die grossen Klassiker von La Rioja Alta und López de Heredia schon sehr mag, vor allem auch ältere Jahrgänge.

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