Les Bulles, eine junge Weinhandlung, die sich ganz dem Winzerchampagner verschrieben hat, führte mitten in Zürich in einem lauschigen Garten eine Degustation ihrer Weine durch. Eine tolle Gelegenheit, noch eher unbekannte Champagner zu entdecken!

2021 – seit Ende dieses Jahres gibt es die Weinhandlung „Les Bulles“. Vier Champagner-Kenner bzw. -Freunde haben sich zusammengetan, um einen Betrieb zu gründen, der sich voll und ganz auf aussergewöhnliche Winzerchampagner konzentriert. Dominik Betschart, Dirk Hany, Florian Schmidt-Gabain sowie Michael P. Sutter heissen die Exponenten der Firma. Ersterer verfügt aus unzähligen Reisen in die Champagne über das nötige Wissen und Netzwerk, um „Perlen“ aufzuspüren, zweiterer ist als Mitinhaber der „Bar am Wasser“ in Bezug auf die Kundenwünsche am Puls der Zeit und die beiden letzteren sind Champagnerliebhaber und Rechtsanwälte, was für eine Neugründung ja auch wichtig ist. Und Florian Schmidt-Gabin schafft es jedenfalls bereits, eine Flasche mit einem sauberen Schlag zu sabrieren!

Und ganz am Rand: Der Herr Rechtsanwalt kann auch ganz anders als trocken schreiben: Die Winzerbeschreibungen in der Broschüre und auf der Homepage des Hauses stammen von ihm und sind wunderbar zu lesen; er schafft es ganz locker und spannend, die Champagner und ihre Produktion literarisch ansprechend und trotzdem informativ zu beschreiben! Châpeau!
Wer ganz schnell ist, findet vielleicht am 25. August noch ein Plätzchen im Garten.
Ganz offensichtlich hat sich die Weinhandlung auch sozusagen auf einen Schlag etabliert und ein kluges Marketing betrieben. Kaum waren die Degustationen publiziert, waren sie auch schon fast ausgebucht. Wer – Stand der Publikation dieses Beitrages – ganz schnell ist, kann vielleicht am 25. August 2023 für den „Apéro-Slot“ noch ein Plätzchen ergattern. Das lohnt sich auf jeden Fall – trotz eines gehobenen (dem Gebotenen aber absolut gerecht werdenden) Preises. Nur schon die Lokalität lohnt den Besuch; der Anlass findet in einem Garten-Juwel unweit des Kunsthauses statt. Viel lauschiger kann man in Zürich wohl kaum Champagner geniessen!
Perrine Fresne – ein aufgehender Stern am Champagnerhimmel!

2020 – ein Jahr vor der Gründung von Les Bulles startete in der Champagne Perrine Fresne ihre Karriere als Produzentin von Winzerchampagner. Und ihr Wein war der, der mich von allen am meisten beeindruckte! Im Gegensatz zu Les Bulles musste sie immerhin nicht ganz von Null an beginnen, da sie die Reben und einen florierenden Betrieb von ihrem Vater übernehmen konnte. Aber die 33-jährige Perrine Fresne wollte eben mehr, sie wollte eigenen Wein auf den Markt bringen. Aktuell produziert sie auf rund 0,8 Hektar Reben für die eigene Linie, der Rest (total 3 ha) wird weiterhin verkauft. Offensichtlich hatte aber schon ihr Vater nicht nur Trauben, sondern auch fertigen Most produziert, und so konnte Perrine für den ersten Jahrgang auch noch von Vaters Reserven dazumischen.
Speziell in den Rebbergen von Perrine Fresne ist die Sortenzusammensetzung: 50 % sind mit Pinot meunier bestockt, 30 % mit Pinot noir und nur 20 % mit Chardonnay. Und das stolze Durchschnittalter der Reben liegt bei 45 Jahren.
Nur das Beste ist gut genug – auch wenn es gebraucht ist!
Perrine, welche den neuen Betrieb zusammen mit ihrem Ehemann Kevin führt, setzt im Keller auf Pragmatismus. So kommt sowohl Holz zum Einsatz (u.a. gebrauchte Fässer der Domaine Leflaive!), aber auch ein Ausbau im Stahltank, wie beim später beschriebenen „Sarmate I“, wird angewandt. Und ob der biologische Säureabbau erfolgt oder nicht, hängt von der Qualität der Trauben bzw. der Wärme eines Jahrgangs ab.
(Quelle für die meisten Infos über Perrine Fresne: http://www.vintage59.com)
André Jacquart: jahrzehntelange Tradition – und doch wieder fast bei Null begonnen.
1958 – ganz anders das Gut, welches ebenfalls Weine vorstellte, die mich begeisterten. Das Haus André Jacquart produziert seit dann eigenen Champagner – Winzerchampagner gibt es schon lange! Das Gut war auch etabliert, aber als die heutige Besitzerin, Marie Doyard, 2004 die Leitung übernahm, änderte sie so ziemlich alles. Dass sie die Reben aus ihrem Familienstamm in den Betrieb einbrachte, war noch das eine. Entscheidend aber war eine komplette Umstellung der Philosophie: Die Weine werden seither in Barriques vinifiziert, geniessen eine lange Reife und werden sehr zurückhaltend mit Dosage versehen. Das Resultat lässt sich mehr als nur sehen, führte aber in den ersten Jahren dazu, dass frühere Kunden absprangen, was Marie Doyard lakonisch mit den Worten kommentiert haben soll: „Ich habe damit gerechnet“. Qualitativ gelohnt hat sich die Neuausrichtung auf jeden Fall! (Quellen: Hompage von André Jacquart und Les Bulles).

Bio, als es bio noch gar nicht gab – Amaury Beaufort’s Pinot noir.
2018 – ebenfalls um ein junges Projekt handelt es sich beim Weingut von Amaury Beaufort. Der gleichnamige Besitzer kauft zwar Trauben für seine Weine dazu, aber seinen besonderen Stolz bildet die knappe Hektar Reben in eigenen Besitz, die er von der Familie übernehmen konnte. Und das Besondere an dieser Parzelle: Sie wird schon seit Jahrzehnten biologisch bewirtschaftet, was dann in der Werbung etwas überspitzt aber zurecht heisst: „Schon bio, als es das gar noch nicht gab“! Die beiden vorgestellten Weine („Le Jardinot 2019“ und „De quoi te mêles tu“, Beschreibung des letzeren siehe unten) sind reine Pinot noir-Weine ohne jede Dosage und eignen sich ideal als Essensbegleiter – die Palette an Gerichten, die man sich dazu vorstellen kann, ist fast unerschöpflich. (Quelle: Homepage Les Bulles).
Und eine Portion Demut nach dem Anlass!
Es wurden total 14 Weine von fünf verschiedenen Produzenten gereicht (das ganze Sortiment von Les Bulles ist aber noch breiter). Darunter war keiner, den man nicht genussvoll getrunken hätte, auch wenn meine persönlichen Präferenzen bei den nachstehend beschriebenen Weinen liegen.
Die Veranstalter führten aber am Anlass eine schriftliche Umfrage nach dem Champagner durch, der ganz persönlich am besten gefallen hat. Das Resultat wurde kurz danach allen Teilnehmern bekannt gemacht und regt zum Nachdenken und zur Demut an. Sie ergab nämlich, dass jeder Wein mindestens zweimal als Favorit genannt wurde, also auch jener, dem ich selbst „nur“ 15 Punkte verteilt hatte (pro memoria: das steht für „gut“!). Andere Leute haben differente Urteile und Geschmäcker, und das ist auch gut so!
Ein paar Degustationsnotizen:
Perrine Fresne, Sarmat I (37 % Chardonnay, 37 % Pinot noir, 26 % Pinot meunier, 2 g Dosage. Rund drei Viertel des Weins stammt aus dem Jahr 2020 und durchlief keinen biologischen Säureabbau; für den Rest wurden Moste aus früheren Jahren verwendet, welche die Malo durchliefen)
Eher verhaltene, aber sehr saubere, fruchtbetonte Nase; ausgesprochen feine Perlage, finessenreich, eher filigran, sehr trocken aber dabei nicht säurebetont wirkend; schöner, feiner Champagner, 17 Punkte.
André Jacquart, Expérience 2013, extra brut (4 g Dosage)
Auffallend sattes Gelb; in der Nase blumig, spürbarer Hefeton, grüner Apfel, leichte „grüne“ Noten; im Mund mit recht starker Perlage, Anflug von Brioche und Zitrus, präsente Säure, gesamthaft vielleicht etwas rustikal, aber eigentlich genau deswegen spannend. 16,5 Punkte.
André Jacquart, Mesnil Expérience, zéro dosage
Sehr frische, fruchtige Nase mit leichtem Hefetouch; auch dieser Wein ist – auch bezüglich Perlage – eher auf der rustikalen Seite, ist aber in Bezug auf die Säure sehr gut angepasst, wirkt frisch und fruchtig, mit Sicherheit ein toller Essensbegleiter. 16,5 Punkte.
Amaury Beaufort / Loïc Naudinot, De Quoi Te Mêles Tu?
Anflug von leichtem Lachsrot, typische Pinot-noir-Himbeernote, dazu etwas nussige und neckisch buttrige Noten; dezente, frische Säure, recht dichter Körper, rund und ausgewogen. Sowohl für sich allein als auch als Essensbegleiter (durchaus auch weisses Fleisch oder Fisch) schöner Wein. 16,5 Punkte.
Weiter gefielen besonders:
– André Jacquard, Rosé Expérience, hefebetont, sehr frisch und süffig, 16 Punkte
– A. Lamblot, Mouvance, fruchtig, feingliedrig, etwas säurebetont, würde mit etwas Dosage wohl noch „trinkiger“, 16 Punkte
LES BULLES – Exzellente Champagner – lesbulles.wine
Champagne André JACQUART (champagne-andre-jacquart.com)
(Bei Perinne Fresne und Amaury Beaufort habe ich keine Homepage eruieren können; Perrine Fresne kann man aber auf Instagram folgen).
Und für den beschriebenen Anlass:
Champagne au Jardin – lesbulles.wine
Interessennachweis:
Die beschriebene Veranstaltung wurde zum üblichen Eintrittspreis besucht.
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