Die perfekte Online-Degustation? „Österreich Wein“ weiss wie!

Weine probieren und gleichzeitig mit dem Winzer fachsimpeln? Neue Kontakte knüpfen? Unbekannte Weine kennenlernen? Das geht alles, wenn man das Format wählt, das Österreich Wein für eine Onlinedegustation angewandt hat. Vorbildlich und zukunftsträchtig!

Österreich Wein hat es in der Schweiz schon seit zwei Jahrzehnten verstanden, mit cleveren und innovativen Aktionen auf die hervorragenden Tropfen aus dem Nachbarland hinzuweisen. Mitte Oktober hat die Marketingorganisation für den österreichischen Wein aber einen neuen Meilenstein gesetzt. Für ein Fachpublikum war eine Onlinedegustation der anderen Art ausgeschrieben.

Kurz zusammengefasst, konnte man aus einer Vielzahl von Winzern deren 12 auswählen, und von diesen wurden kurz vor der Degustation je 6 Weine in Kleinflaschen zu einem dl zugestellt. Die Onlinedegustation dauerte den ganzen Tag, und es war für jeden Teilnehmer möglich, für jeweils 15 Minuten eine individuelle Onlineschaltung mit dem Winzer zu buchen. Mit anderen Worten, man konnte die Weine degustieren und gleichzeitig mit den Machern der Weine darüber fachsimpeln! Darüber hinaus war es auch möglich, Online-Diskussionen mit anderen Winzern oder Fachpersonen abzumachen. Alles in allem: ein geniales Format, welches das Potential zeigt, das in Online-Veranstaltungen steckt! Und das nicht nur für ein Fachpublikum – ich hätte auch einfach als Weinfreund durchaus etwas bezahlt, um zu einer solchen Gelegenheit zu kommen. Schliesslich liegen die österreichischen Weinbaugebiete ja nicht gleich um die Ecke!

Wein-Schlaraffenland: 72 Weinmuster direkt aus österreichischen Kellern! Im Kühlschrank für die Online-Degustation bereit. Milch, Käste und Konsorten mussten derweilen an die Wärme …

Eindrücklich war gesamthaft auch die Qualität der präsentierten Weine. Kaum einer fiel ab, und für mich erwies sich die Degustation ein ganzes Reservoir für kommende Beiträge. Dabei hatte ich – mit zwei Ausnahmen wie nachstehend beschrieben – bewusst nicht die grossen Namen ausgewählt, vielmehr mir ganz oder wenig bekannte Güter berücksichtigt, um Neues kennenzulernen. Das gelang, und wie!

Sehr positiv aufgefallen sind mit dem Gesamtsortiment Namen wie Kiss und Leitner aus dem Burgenland sowie Wohlmuth aus der Südsteiermark, zu welchen ich noch einen separaten Beitrag schreiben werde. Aber auch die beiden genialen Naturweine von Kolkmann (2018 Wagram Grüner Veltliner „Naturwerk“) und Markus Huber (2020 Weinland, Grüner Veltliner „Metamorphosis Natural Wine) sind einer genaueren Betrachtung wert:

Kolkmann: Mitteldunkles, volles Gelb; Apfel (Boskoop und Cox-Orange), exotische Früchte wie Papaya und Mango, ganz leicht medizinal; im Mund extrem dicht gewoben, „süsslich“ wirkend ohne gross Restsüsse aufzuweisen, schöne Säure, fruchtbetont. Ein Naturwein zum Verlieben, 17 Punkte

Huber: Helles Gelb mit grünlichen Noten; in der Nase mit sehr feinen Tönen nach Muskat (man könnte an einen Gelben Muskateller denken), Zimt und Mirabellen; schöne, elegante Struktur, enorme Frische, leichter, aber schöner Bittertouch im langen Abgang. Schöner, erfrischender und eigentlich mit Nichts an einen Naturwein erinnernder Tropfen. 16,5 Punkte.

Dabei hatten es alle erwähnten Güter ja wirklich nicht einfach, denn ich hatte den Tag mit Bründlmayer und Jurtschitsch begonnen, Und ja, da ging ein qualitatives Feuerwerk ab! Sieht man einmal bei Bründlmayer – ausgerechnet – vom etwas „mostigen“ GV Selektion Mövenpick ab, überzeugten alle Weine auf einem extrem hohen Niveau. Es war spannend, die Weine der beiden Güter gleich nacheinander im Glas haben zu können. Auf der einen Seite die eleganten, fein ziselierten Weine von Bründlmayer, auf der anderen die kräftigeren, vielleicht auch „burschikoseren“ Tropfen von Jurtschitsch – aber beide auf einer qualitativen Höhe, vor der man nur den Hut ziehen kann. Und für alle, die es nicht wissen: Die beiden Betriebe arbeiten bio-dynamich bzw. biologisch – ein Beispiel mehr dafür, dass führende Betriebe mit der Natur arbeiten!

Besonders erwähnenswert sind bei Bründlmayer der Grüne Veltliner 2019 „Ried Kammerer Lamm“ und der Riesling 2019 „Ried Zöbinger Heiligenstein“, beides hochelegante, aber gleichzeitig extrem dichte und irgendwie auch monumentale Weine. Bei Jurtschitsch begeisterten ebenfalls der Riesling 2019 „Ried Heiligenstein“ sowie der Grüne Veltliner 2019 „Ried Käferberg“ am meisten, beide eine Spur kräftiger und zupackender, aber trotzdem auch mit einer sehr eleganten Seite. (Sehr positiv aufgefallen ist übrigens auch der Grüne Veltliner 2020 „Belle Naturelle“, ein toller Naturwein, der 10 Tage offen an der Maische vergoren wurde, 10 Monate auf der Feinhefe verbrachte und mit nur 10 mg schwefliger Säure an den Weinfreund entlassen wurde. Zusammen mit den beiden oben erwähnten „Naturweinen“ ein perfekter Botschafter für diesen Weinstil.)

Zurück zu Bründlmayer vs. Jurtschitsch: Die Qualitäten beider sind grossartig, und letztlich ist vieles auch eine Stil- bzw. Geschmacksfrage. Für mich persönlich ist es ein Unentschieden auf extrem hohem Niveau.

Und wenn Sie sich jetzt vor Augen führen, wie sehr mir später am Tag viele andere Weingüter gefallen haben, dann zeigt das nur, wie hoch das Qualitätsniveau in Österreich inzwischen ist. Und die Marketing-Organisation „Österreich-Wein“ lässt sich von diesem Qualitätsdenken ganz offensichtlich mitreissen!

Vielleicht bietet sie ja das gleiche Format demnächst auch für die breite Wein-Öffentlichkeit an? Ich bin überzeugt, dass das Zukunft haben wird.

Tement macht „Terroir“ spürbar: drei Mal gleich, drei Mal ganz anders!

Welcher Winzer wirbt nicht damit, „Terroirweine“ anzubieten? Nur zu oft freilich ist das vor allem eine Marktingmassnahme. Tement aus Berghausen in der Südsteiermark hingegen lebt es und macht das auch direkt erlebbar. Ein spannendes Probierpaket!

Mit einem Paket von drei Sauvignon blancs aus verschiedenen Orten mit jeweils sehr variierenden Böden bietet sich die Chance, Weine mit der gleichen Tement-Handschrift, aber mit den unterschiedlichen Charakteren ihrer Herkunft nebeneinander zu probieren. Schmeckt Wein vom Schiefer wirklich anders als solcher vom Korallenkalk oder vom Sandstein? Ja, und wie! Wer immer noch glaubt, dass Wein im Keller gemacht wird, kann sich mit drei preiswerten, aber feinen Flaschen eines Besseren belehren lassen. Und für alle anderen lohnt sich der Vergleich natürlich erst recht!

Kitzeck-Sausal 2018 (Ortswein, Schiefergestein)
Mittleres Gelb; in der Nase mineralisch nach Steinmehl duftend, dazu verhaltene Frucht von Quitte und Mirabelle; im Mund eher schlank, sehr mineralisch, schön eingebundene Säure, kaum spürbarer Alkohol, erstaunlich langer Abgang. Der „ausgewogenste“ Wein der Drei.

Ehrenhausen 2018 (Ortswein, Korallenkalk)
Eher helles Gelb; verhalten, Steinmehl, grüner Apfel, Orange; ausgeprägte aber nicht störende Säure, knochentrocken, aber mit spürbarer Frucht“süsse“, filigran und fein gewoben, leichter mineralischer Touch, langer Abgang. Der „knackigste“ und eleganteste aus dem Trio.

Gamlitz 2018 (Ortswein, Sandstein)
Mittleres Gelb; mineralische Düfte, erinnert fast ein wenig an die vulkanischen, leicht schwefligen (hier nicht negativ gemeint) Düfte auf der Insel Vulcano, verhaltender Duft von Aprikose; im Mund recht üppig, trocken, sehr ausgewogen mit guter Balance zwischen Säure und Alkohol, mittlerer Abgang. Vielleicht der spannendste Wein von allen – aber auch der rustikalste.

Es handelt sich um drei sehr interessante Weine, die sich hervorragend dazu eignen, den Unterschied von Lagen und Böden zu demonstrieren. Sie stellen aber freilich noch längst nicht die Spitze des südsteirischen Weinbaus dar. Da spielt, nebst einigen anderen, auch Tement mit seinen „Rieden“ – Spitzenlagen wie Zieregg, Grassnitzberg und Sulz – in der ersten Liga. Und das weltweit.

Dreimal mineralisches Terroir pur!

Obwohl es sich „nur“ um Ortsweine, und damit die zweite Stufe in der Qualitätspyramide der Südsteiermark handelt, sind die drei hier vorgestellten Sauvignons aber auch weit mehr als einfache Weine. Mit ihrer eigenständigen, mineralischen Art können sie durchaus höhere Ansprüche erfüllen. Nur nicht solche von Sauvignon-Trinkern, die nach üppiger, exotischer Frucht suchen. Da sind denn die Weine von Tement (wie fast alle aus der Steiermark) doch aus besserem Holz geschnitzt.

Und so ganz nebenbei: Es verblieb noch ziemlich viel Wein in den Flaschen, den ich später immer mal wieder probierte. Nach einer Woche, ja nach 10 Tagen präsentierten sich alle drei Sauvignons noch in bester Form und absoluter Frische. Und selbst nach 2 Wochen war der kleine Rest Gamlitz noch trinkbar, er hatte nur etwas Spannung verloren.

Und nicht ganz nebenbei: Tement arbeitet seit längerer Zeit biologisch, seit 2018 auch zertifiziert. Ein Beispiel mehr dafür, dass die Produktion von Spitzenweinen und Bio sich nicht ausschliessen, sondern sich im Gegenteil wohl gar bedingen!

https://www.tement.at/de/weinshop/ortsweinpaket-sauvignon-blanc-klein-3x075lt.html
(Dieses Angebot betrifft den Jahrgang 2019, oben beschrieben sind die 2018er)

Ein Wein wie Quellwasser!

Würden Sie einen Wein kaufen, von dem der Weinhändler schreibt „glasklar und frisch am Gaumen – wie Quellwasser“? Predigt hier etwa jemand Wein und dreht Ihnen dabei Wasser an? Oder zumindest ein dünnes Wässerchen?

Ich habe den entsprechenden Sauvignon blanc im Verkaufslokal degustiert und war tatsächlich beim Schnuppern eher enttäuscht: sehr verhalten und fast keine Fruchtaromen, nicht gerade das, was man von einem Sauvignon erwarten würde! Aber dann im Mund: wie ein Schluck bestes frisches Quellwasser aus den Alpen! Wobei dieses „Wasser“ von wundervollen, wenn auch dezenten Aromen unterlegt, enorm mineralisch und im Abgang dann entgegen aller Erwartung sehr lang war!

Auch wenn es mir natürlich niemand glaubt: Ich hatte die Weinbeschreibung zuvor nicht gelesen, dieser Eindruck von Quellwasser, den ich noch nie zuvor in einem Wein gefunden hatte, war einfach unwiderstehlich klar da! Und das Aha-Erlebnis beim späteren Lesen der Verkaufsbroschüre genauso.

Beim Weinhändler, der es wagte, den Wein so zu beschreiben, handelt es sich um den ersten Schweizer Master of Wine, Philipp Schwander. Und beim Sauvignon blanc um den 2016er der Domaine Ciringa – ein Wein aus Slowenien. Bekannter ist der Produzent des Weines, das Weingut Tement aus der Steiermark. Der Ciringa wächst halt einfach knapp ennet der Landesgrenze.

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Die Lage Ciringa und ein Fossil von dem Ort (Bilder: Pressedoku Weingut Tement)

Mein erstes Erlebnis mit einem Tement-Wein liegt viele Jahre zurück. Ich hatte damals keine Ahnung von steirischen Weinen, aber als ich einen von Tement auf einer Weinkarte fand, wusste ich immerhin, dass „Morillon“ der örtliche Ausdruck für Chardonnay ist. Der Wein, schon 8-jährig, war überwältigend! Seither fasziniert mich die Steiermark, und es gibt eine ganze Reihe von hervorragenden Produzenten, wobei Tement sicher der bekannteste geblieben ist. Total spannend, auch als Mensch, finde ich den Charaktertypen Ewald Zweytick, aber auch das wird dereinst eine eigene Geschichte.

Zurück zum quellwasserfrischen Sauvignon blanc der Domaine Ciringa: So etwas Aussergewöhnliches! Ich liebe diesen Wein! Es ist vielleicht eher eine Liebe auf den zweiten Blick, denn wer Sauvignon blanc vor Augen hat, erwartet nicht einen so zurückhaltenden Wein. Aber gerade das macht die Faszination aus: die dezenten, aber noblen Noten in Nase und Mund, verbunden mit einer selten gesehenen Mineralik und dem „Fehlen“ jeglicher Restsüsse! Ein Wein auch, der nie langweilig wird und von dem man auch nach dem Essen immer wieder nachschenkt! Klasse – wie Quellwasser eben.

Und unter uns: Noch viel besser als Quellwasser!

https://www.selection-schwander.ch/online-shop/weine-aus-ungarn-bulgarien-slovenien/domaine-ciringa-sauvignon-blanc-weiss-2016.html