Es ist ja nichts Neues, dass in Bordeaux sehr gute Weine auch noch zu vernünftigen Preisen erhältlich sind. Dass hingegen ein 3ème Cru wie Château Lagrange weiterhin erschwinglich geblieben ist, erstaunt, insbesondere angesichts der sehr hohen Qualität. Vermutlich ist das dem langfristigen Denken der Besitzerin Suntory zu verdanken, welche das Gut in den letzten 40 Jahren mit Ausdauer hocharbeiten liess.
Im heutigen Magazin der NZZ am Sonntag wird als Begleitung zum Weihnachtsmenu zum Kauf einer Flasche Château Lagrange 2022 zum Preis von rund CHF 515.00 geraten. Man reibt sich zuerst die Augen, denn das klassierte Gut aus Saint-Julien im Médoc ist doch für eine vernünftige Preispolitik bekannt. Die Empfehlung der NZZ betrifft freilich eine Impériale – eine Flasche mit 6 lt Inhalt, die dann auch für eine grosse Gesellschaft genügen soll. Eine Flasche in normaler Grösse ist um die CHF 50.00 erhältlich. Mich hat diese Empfehlung dazu ermuntert, endlich einen längst fälligen Beitrag fertigzustellen:
Turbulenzen und Flächenverluste bis 1983 Suntory übernahm.
Château Lagrange liegt am Rand der Appellation Saint-Julien, benachbart zu Gruaud-Larose und unweit von Beychevelle (das zur Hälfte ebenfalls Suntory gehört und ähnliche Qualitätssprünge gemacht hat). Lagrange hat eine turbulente Geschichte mit vielen Eigentümerwecheln hinter sich, was der Qualität nicht immer zuträglich war. Zudem waren frühre Besitzer immer mal wieder gezwungen, Teile des einst 300 Hektar grossen Gutes zu verkaufen. So verblieben im Jahr 1983, als der japanische Getränkekonzern Suntory das Schloss kaufte, „nur“ noch 157 Hektar. Heute sind davon 118 Hektar mit Reben bestockt, rund 2/3 Cabernet Sauvignon, der Rest Merlot und in steigendem Anteil auf geeigneten Flächen auch Petit Verdot.

Hohe Wertsteigerung – aber nur dank ebenfalls hoher Investitionen
Suntory kaufte das Gut denn auch in einem ziemlich schlechten Zustand und bezahlte damals (umgerechnet) rund 10 Millionen Euro. Heute wird der Wert auf 300 bis 400 Millionen geschätzt, Tendenz aufgrund der Lage auf dem Weinmarkt aktuell allerdings gerade sinkend. Freilich wurde und wird auch massiv investiert, allein in den ersten Jahren nach dem Besitzantritt mussten rund 30 Millionen Euro (wiederum umgerechnet, damals waren es noch Francs) in eine Verbesserung der Kellereinrichtung und der Rebanlagen gesteckt werden. Es ging deshalb über 10 Jahre, bis der Betrieb erstmals „break-even“ erreichte – die japanische Geduld ist ja sprichwörtlich und eine hohe Qualität zu erreichen schon fast Ehrensache. Dank dieser Anfangsinvestitionen verfügt man heute indessen über eine stattliche Fläche mit 40-jährige Rebstöcken.
Grosse lokale Namen: Emile Peynaud, Michel Delon und nun Matthieu Bordes
Zudem setzte Suntory von Anfang an auf lokale Fachleute. So engagierte man in den ersten Jahren Emile Peynaud als önologischen Berater, später stand auch Michel Delon zur Seite. Und seit 20 Jahren führt nun mit Matthieu Bordes als Generaldirektor und Kellermeister weiterhin eine Kapazität aus der Region das Gut.
Dieser Matthieu Bordes zeigte im Spätsommer bei einem Besuch in Zürich eine tolle Auswahl seiner Weine und nahm in Bezug auf die Situation in Bordeaux auch kein Blatt vor den Mund (vgl. dazu das von Blick-Weinfachmann Alain Kunz geführte Interview, Link ganz unten). Auch an einem Château wie Lagrange geht die Krise nicht spurlos vorbei, so werden in den Jahren 2024 aufgrund der klimatischen Verhältnisse und voraussichtich auch 2025 wegen der zwar hervorragenden, aber sehr kleinen Ernte rote Zahlen geschrieben. Bordes zeigt sich aber überzeugt, dass es wieder aufwärts gehen wird – und mit einem Aktionär, der nicht in Vierteljahres-Zahlen denkt und der auch in der Preissetzung nie übertrieben hat, dürfte sich diese Zuversicht auch bewahrheiten.

Hält mit GPL mit
Qualitativ gibt es ohnehin keinen Zweifel. Die Lagrange-Weine sind hervorragend. Es sind sehr feine, elegante Weine, die aber durchaus auch Kraft aufweisen. Sie sind schon recht jung trinkbar, verfügen aber auch über ein hohes Alterungspotential. Ich habe nach der Veranstaltung zuhause einen Lagrange 2015 einem Grand Puy Lacoste des gleichen Jahrgangs gegenübergestellt. Selbst als GPL-Fan habe ich zum Essen den Lagrange bevorzugt, wobei dieser in der Reife auch schon ein bisschen weiter fortgeschritten war.
Der genaue Lesezeitpunkt wird immer wichtiger
Wie aber erreicht Matthieu Bordes mit seinem Team diese hohe Qualität? Seine Meinung ist da (nebst einem perfekten Handwerk natürlich) sehr klar. Erstens braucht es ein gutes Terroir und die richtigen Sorten am richtigen Ort. Man arbeitet bewusst mit Mikro-Vinifikationen, deshalb braucht das Gut auch sehr viele, eher kleinere Cuves. Der Entscheid, welche Partien in den Lagrange und welche in den Zweitwein Les Fiefs de Lagrange gelangen, wird zudem erst nach dem Ausbau getroffen.
Bordes sieht deshalb auch die jährliche Journalisten-Karavane zu den Bordeaux Primeurs etwas kritisch, weil kaum ein dort vorgestellter Wein dann genau dem später von den Chateaux in Flaschen abgefüllten entspricht. (Dieses Wissen ist auch nicht neu, schon vor dreissig Jahren sagten Gutsbesitzer hinter vorgehaltener Hand, dass sie für die Besuche von Parker jeweils die besten und holzbetontesten Muster zusammenstellten).
Der zweite Faktor wird für Bordes angesichts der Klimaerwärmung immer wichtiger: der Zeitpunkt der Lese. Während man es früher, bei späteren Leseterminen, gemächlich angehen lassen konnte, entscheidet heute manchmal ein Tag mehr oder weniger darüber, ob das Lesegut im optimalen Zeitpunkt eingeholt wird. Hier profitiert Lagrange zudem davon, dass der Besitz zusammenhängend und direkt beim Château liegt. Zehn Minuten nach der Lese sind die Trauben im Keller.
High-Tech vom Feinsten im Dienste der Qualität
Und dort gibt es dann ein fazinierendes Gerät, das beweist, dass moderne Technik halt tatsächlich zu höherer Qualität führen kann. Die Trauben kommen wie schon früher zuerst auf einen Sortiertisch, wo händisch ein erstes Verlesen erfolgt. Danach gelangen sie auf den Schütteltisch und dann eben noch in den „Optical Scanner“. Diese auf modernster Computertechnik basierende Wundermaschine erkennt per Kamera und Laser einzelne Traubenbeeren, und zwar in einer Präzision, wie sie das menschliche Auge nicht leisten könnte. Beeren, die schlechte Qaulität liefern würden, also zu unreife, auch zu reife und vor allem von Krankheiten befallende werden identifiziert. Ist eine solche Beere erkannt, bläst ein Luftstoss sie weg. In den Gärtank gelangt so nur perfektes Traubenmaterial. Das Gerät schafft rund acht Tonnen Trauben pro Stunde – und deshalb gibt es auf Lagrange auch gleich zwei davon, damit am perfekten Lesetag auch die ganze Ernte sofort verabeitet werden kann. Der Steigerung der Qualität seht damit allerdings eine Senkung des Ertrags gegenüber. Rund 6 % der Ernte wird durch diese Wundermaschine ausgeschieden. In einem witterungsmässig problematischen Jahr wie 2024 waren es gar 10 %!

Klares Indiz für die Qualitätssteigerung in den letzten Jahrzehnten
Dass sich solche Investitionen qualitativ lohnen, zeigt ein Blick zurück. Wir konnten auch einen Lagrange aus dem Jahr 1996 probieren. Der Wein stammt also aus einem guten Jahr, war auch schön zu trinken und noch sehr gut in Form – fällt aber gegenüber den jüngeren Jahrgängen trotzdem ab. Heute erreicht meines Erachtens der Zweitwein Les Fiefs de Lagrange ein mindestens gleich hohes Niveau! Dieser Wein wurde geschaffen, um die Qualität des Lagrange anheben zu können. Vom „Fiefs“ (deutsch Lehen oder auch Hochburg) werden inzwischen sogar deutlich mehr Flaschen produziert als vom Lagrange – und dies auf sehr hohem qualitativem Niveau. MIt den bezalbaren Preisen um die 25 Euro ist dieser Wein ein echter Preis-/Leistungstipp.

Collection Héritage 2023 – 40 Jahre Suntory auf Lagrange
Wir kamen in Zürich in den Genuss einer Première: Matthieu Bordes zeigte zum ersten Mal den Château Lagrange Collection Héritage 2023. Dieser Wein wurde aus Anlass des 40-Jahr-Jubiläums von Suntory als Eigentümerin des Gutes geschaffen. Speziell dabei ist, dass der Blend von 54 % Cabernet Sauvignon und 46 % Merlot genau dem Sortenverhältnis entspricht, mit dem Lagrange 1983 bestockt war. Diesen Wein gibt es nur als Magnum und zu einem gegenüber dem klassischen Lagrange gehobenen Preis. Wer ihn möchte, muss sich beeilen, denn es gibt nur 3000 Flaschen davon.
Degustationsnotizen
Les Arumes de Lagrange 2023 (der weisse Lagrange)
Typische Bordeaux-Nase mit Birne, Zitrus und etwas Mango; schöne, feine Struktur, fruchtbetont, feines neues Holz spürbar, eher filgran aber trotzdem druckvoll, langer Abgang. 17,5 Punkte.
Les Fiefs de Lagrange 2016
Intensive dunkle Frucht, etwas Leder und Tabak; viel Tannin, ganz leicht trocknend, gute Säure, noch sehr fruchtig, kräftig mit langem Abgang. 17 Punkte.
Château Lagrange 2019 (80 % CS!)
Schöne, intensive Frucht (Brombeere, Cassis, schwarze Kirschen), dazu etwas Leder; enorm viel, aber ausgesprochen feines Tannin, frisch, saftige Säure, sehr langer Abgang. Gross. 19 Punkte
Château Lagrange 2016
Sehr feine, vielschichtige Frucht mit sowohl roten als auch dunklen Beeren; viel feines Tannin, grosse Frische, tolle, schön angepasste Säure, ist total „mundfüllend“, dabei aber auch elegant, ganz toller Wein mit viel Reserve. 18,5 Punkte
Château Lagrange 2010
Würzige und sehr fruchtige Nase, mit eher roten Beeren; sehr viel feines Tannin, frisch, gute Säure, noch immer sehr jung (eigentlich noch zu jung), sehr langer Abgang. Kraftvoller Wein mit Eleganz. 18,5 Punkte.
Château Lagrange 2005
Tolle, sehr „tiefe“ Fruchtnase, Brombeer, Cassis, Heidelbeere, dunkle Kirschen; viel, aber schon etwas mürbes Tannin, schön angepasste Säure, viel Frische, wunderschöne Eleganz, sehr langer Abgang. Traumhafter Wein, noch immer jugendlich aber jetzt genussvoll zu trinken. 19 Punkte.
Château Lagrange 1996
Spannende Nase mit etwas Frucht, aber auch Brotrinde, Leder und Lebkuchen; im Mund eher filigran, ein wenig mit dem Feeling von nicht ganz reifen Cabernet Sauvignon, mittleres Tannin, relativ hohe Säure. Schöne Trinkreife, gefällt, fällt aber gegenüber den jüngeren Jahrgängen etwas ab. 17 Punkte.
(Schön, dass man uns diesen Wein gereicht hat, er ist sehr gut, typisch für die 1990er, zeigt aber examplarisch, welche qualitative Sprünge Bordeaux seither gemacht hat!)
Château Lagrange „Collection Héritage“ 2023
Viel dunkle Frucht (Brombeere, Cassis), auch etwas Johanninsbeere und Vanille; schöne, feine Tannine, eher tiefe Säure, sehr saftig, fruchtbetont, feiner, fast tänzerischer Wein, den man kaum ins Médoc vermuten würde. 18,5 Punkte.
Links:
Château Lagrange | Grand Cru Classé – Vin de Saint-Julien Médoc
Und das erwähnte Interview im Blick:
Das sagt der GM des Château Lagrange zur Bordeaux-Krise – Blick
Interessennachweis:
Die Degustation fand auf Einladung von VINUM im Rahmen einer Veranstaltung in Zürich statt.