Dass Piwi-Weine in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht haben, ist augenscheinlich. Dass sie von vielen Weinfreunden immer noch belächelt werden ebenso. Dabei gehört ihnen die Zukunft, bloss sollten sie wohl nicht mehr Piwi genannt werden! Der Urbanihof im Wagram macht es auf schönem Niveau vor.
Ich hatte schon anfangs Jahr angekündigt, dass ich mich 2025 intensiver mit Piwi beschäftigen werde. Davon haben Sie als Leser noch nicht viel bemerkt (ausser einem beschriebenen Maréchal Foch, den ich grossartig fand, Link zu Keller Weinbau siehe unten). Aktuell bin ich aber daran, eine Degustation zusammenzustellen; eine Berichterstattung folgt in ein paar Wochen.
Ein Hoch auf angewandte Wissenschaften.
Immerhin kann ich heute zwei Weine aus Österreich beschreiben, genauer vom Urbanihof aus Fels am Wagram. Der Kontakt kam dank einer Studentin am IMC Krems (Hochschule für angewandte Wissenschaften) zustande. Als Mitglied einer Studentenagentur „BudBurst Agency“ arbeitet sie eng mit dem Traditionsweingut Urbanihof zusammen. Sie fragte mich an, ob ich die „Zukunftsweine des Gutes“ probieren und beurteilen würde.
Future Edition – der Name ist Programm.
Das Resultat? Beide Weine, weiss und rot, sind erstaunlich gut, in Sachen Preis/Leistung (rund 9 Euro) sogar sehr gut, und bei beiden würde es in einer Blindprobe schwer fallen, sie zweifelsfrei als Piwi zu identifizieren! Aber sie heissen ja auch nicht Piwi, sondern werden „Future Edition“ (auf der Flasche) bzw. „Future organic Edition“ (auf dem Produkteblatt) genannt. Dazu meint Jakob Paschinger, Kellermeister des Weinguts und – zusammen mit zwei Schwestern – Vertreter der zwölften Familien-Generation: „Früher hatte der Begriff Piwi beim Konsumenten einen etwas schwierigen Beiklang. Zukunftswein erschien uns zu sperrig. Für den Export brauchten wir ausserdem eine international verständliche und selbsterklärende Bezeichnung. Mit Future Edition haben wir die richtige Linie gefunden.“

Tatsächlich müsste sich die Piwi-Community überlegen, ob sie nicht einen neuen Namen kreieren will. Warum nicht „Future Edition“? Piwi tönt halt wirklich nicht sehr kuliniarisch bzw. genussvoll, und noch weniger natürlich der Ausdruck „pilzwiderstandsfähige Reben“. Zudem waren die ersten Weine aus solchen Sorten ja oft nicht über alle Zweifel erhaben, so dass sich Vorurteile heranbildeten, die schwer zu durchbrechen sind.
Future Edition (oder meinetwegen Piwi) gehört die Zukunft!
Wie auch immer die Weine genannt werden, ich vertrete inzwischen die These, dass diesen Rebsorten die Zukunft gehört. Spannend ist in diesem Zusammenhang, dass mir kürzlich ein Winzer aus Churfranken erzählte, er habe nun Piwi gepflanzt, weil er damit rechne, dass die Umweltvorschriften in Bezug auf Chemikalien bald strenger würden – und darauf wolle er vorbereitet sein. Ganz abgesehen davon sind rund 60 % Einsparungen bei den Spritzmittelkosten und bei den entsprechenden Traktorfahrten in der heutigen Zeit auch nicht ohne.
Regent auf Romanée Conti oder Château Margaux?
Angesichts der Qualität, welche etwa die beiden „Future Edition“ vom Urbanihof erreichen, muss man sich auch ernsthaft fragen, ob für den breiten Anbau nicht ausschliesslich auf Piwi gesetzt werden könnte. Persönlich bin ich bloss überzeugt, dass die absoluten Spitzenweine auch in Zukunft mit den europäischen Traditionssorten erzeugt werden; ein Regent auf Romanée Conti ist dann doch schwer vorstellbar, zudem möchte ich persönlich auch nicht auf Pinot Noir verzichten müssen. Aber in der Breite machen Piwi zweifellos heute schon Sinn. Oder vielleicht doch nicht nur in der Breite? Wer weiss, jedenfalls laufen in der Champagne seit 2023 offizielle, von der INAO bewilligte Versuche mit der Piwi-Sorte Voltis! (Quelle: Comité interprofessionnel du vin de Champagne).
Und ganz am Rand – ob absolute Spitzenweine dereinst nicht auch mit Piwis (oder Future Editions …) möglich sind, ist ja ohnehin nicht bewiesen. Dazu müsste einmal ein langjähriger Versuch in einer Spitzenlage durchgeführt werden. Zudem dürften die allerbesten Piwi-Sorten noch gar nicht im Ertrag stehen oder noch nicht gezüchtet sein. Der Piwi- und Bio-Pionier Roland Lenz aus Iselisberg in der Schweiz beispielsweise verfügt über rund 1200 (eintausendzweihundert!) Sorten des Züchters Valentin Blattner im Mustergarten (Quelle: Vortrag am Tag der offenen Weinkeller vom Mai 2025). Er ist absolut überzeugt, dass sich darunter auch qualitativ herausragende befinden – bloss weiss er noch nicht, welche es sind. Dazu braucht es Versuche und Erfahrungen, was mehr als ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen wird.

Ein Glücksfall im Wagram: Pacht der Reben der Piwi-Pioniere Paradeiser.
Zurück in den Wagram: Jakob Paschingers Vater Franz interessierte sich schon einige Zeit für Piwi. Und biologisch bewirtschaftet wird der Urbanihof ohnehin schon länger. Glücklicherweise sind die Piwi-Pioniere Anni und Alfred Paradeiser vor ihrem Ruhestand auf ihn zugekommen und haben ihm angeboten, ihre Weingärten zu pachten. Für Franz Paschinger kam das völlig überraschend, aber die Begeisterung war sofort da. Er sah es als glückliche Fügung, dieses enorme Sortenpotenzial – ausgewählt nach Standort-Eignung und Sensorik – übernehmen zu dürfen.
Gemeinsam mit Alfred Paradeiser, der vor seinem Ruhestand ein sehr bekannter Weinfachberater war, startete er das Projekt. Die Zusammenarbeit hat bestens funktioniert, die Weine waren von Anfang an überzeugend und die beiden haben sich hervorragend verstanden. Für das Weingut ist diese Entwicklung sehr wichtig, und Jakob sieht hier einen enormen Mehrwert für die Zukunft: höhere Stresstoleranz bei Wassermangel, bessere Wüchsigkeit und eventuell auch höhere Hitzebeständigkeit.
Angepasste, auch noch unbekannte Sorten und beste Klone.
Dank der Vorarbeit und der internationalen Vernetzung der Familie Paradeiser verfügt der Urbanihof nun über einen hervorragenden Sortenspiegel an Piwis. Es stehen teilweise Sorten im Ertrag, die noch keine Markt-Relevanz haben, aber eine grosse weinbauliche Eignung und vor allem sensorische Qualität zeigen. Es gibt aber auch bereits etablierte Sorten wie Regent oder Donauriesling, wobei auch hier Paradeisers stets Zugang zu den besten Klonen hatten.
„Sowohl als auch“ als vernünftiger Schritt – und zuversichtlich in die Zukunft.
So verfügt der Urbanihof nun über rund 4 Hektar an Piwi-Reben (Entschuldigung: Future-Reben). Im Moment liegt der Fokus für Jakob Paschinger darauf, das vorhandene Sortiment gut zu etablieren. Aber es gibt schon jetzt eine breite Auswahl an Sorten, die für die Zukunft interessant sein könnten. Jakob geht jedenfalls davon aus, dass in rund einem Jahrzehnt etwa 10–15 % des Weissweinangebotes Piwis sein werden. Und es könnte sogar schneller gehen, falls wissenschaftlich fundierte Nachweise zur Hitzebeständigkeit und Wassermangel-Toleranz vorliegen. Jakob denkt aber, dass es auf dem Urbanihof eine Inklusion beider Bereiche geben wird: „Wir werden sowohl mit klassischen Europäer-Reben als auch mit Piwi-Sorten grossartige Weine erzeugen“. Das entspricht ja schon fast meiner These: Für die Breite Piwis, für die Spitze die „Europäer“!
Degustationsnotizen:

Rot und weiss mit der gleichen Vorderetikette. Dafür sind die Flaschenformen verschieden.
Future organic Edition WHITE #2, Bio 2022:
(Donauriesling, Bronner, Malverina, Donauveltliner)
Helles Zitronengelb; zurückhaltend, aber vielschichtig fruchtig, Zuckermelone, Aprikose, Lychee, Orange, auch florale Noten, z.B. frische Lindenblüten; schlanker Körper, äusserst frisch und fruchtig, schöne, recht hohe aber sehr gut eingebundene Säure, sehr leichter, schöner Bittertouch, mittlerer Abgang. Schöner, süffiger Wein, bei dem man blind nicht auf Piwi tippen würde – und auch nicht auf ein Alter von drei Jahren. 16 Punkte.
Future organic Edition WHITE #2, Bio 2022:
Laurot, Malverina, Regent, Roesler)
Mittleres Rubin; recht intensiv dunkelfruchtig, Brombeere, dunkle Kirsche, Pflaume, Zwetschge, Cassis, dahinter auch Noten von Vanille sowie etwas grünliche Töne (etwa frisch abgebeerte Traubenstiele); elegant und rund, fruchtbetont und auch im Mund ganz leichte grünliche Noten, relativ wenig und weiche Tannine, mittlere Säure, ganz leichte, gut eingebundene Restsüsse. Auch dies ein schöner Wein, dem es höchstens etwas an Dichte mangelt. Und auch da würde man kaum an Piwi denken; er wirkt eher wie eine Mischung von Gamay und Grenache. 16 Punkte.
Link (auch Onlineshop):
Und der im Text versprochene Link auf einen Artikel, in dem ein Maréchal Foch hervorragend abschneidet (siehe unten in den Degustationsnotizen):
Keller Weinbau im Zürcher Weinland: Erfolgreicher Spagat zwischen Tradition und Fortschritt. – Victor’s Weinblog
Interessennachweis:
Die beiden Weine wurden vom Weingut, wie im Text oben beschrieben, zu Degustationszwecken zur Verfügung gestellt.