Das Gut aus St. Julien im Médoc ist in Bezug auf die Entstehung eines der spannendsten. Und der Wein war auch immer gut. Aber mit den jüngeren Jahrgängen hievt sich das Château plötzlich noch viel höher.
18 Punkte von Jancis Robinson? Das ist schon so etwas wie ein Adelsschlag. Für den Jahrgang 2019 von Château Gloria zückte die kritische Weinkoryphäe diese Note in einer Blinddegustation. Damit wird das Gut von Robinson gleich hoch bewertet wie beispielsweise Léoville-Poyfferé! Das lässt aufhorchen.
Mir selbst wurde der Gloria 2019 vor ein paar Tagen in einer Blinddegustation mit Weinen aus St. Emilion als Pirat „untergejubelt“. Ich war ein klein wenig strenger und habe 17,5 Punkte verteilt. Glorios ist der Wein aber allemal, und zudem in einer Preisklasse (um CHF/Euro 40.00), die für das Médoc noch als anständig bezeichnen werden kann.
Damit kehrt ein Wein, den ich in Jugendzeiten öfter kaufte, dann aber irgendwann etwas „langweilig“ fand, zurück auf meinen Radar. Ich hatte zwar auch diverse Jahrgänge aus der ersten Dekade dieses Jahrhunderts im Glas, alle waren gut, aber keiner wirklich beeindruckend. 2019 ist nun aber wahrlich toll, und die Degustationsnotizen der grossen Weinkritiker für die Folgejahrgänge zeigen, dass es sich nicht um eine Eintagsfliege handelt.
Klassierter Boden ohne Klassierung
Verwunderlich ist das freilich nicht. Die Geschichte des Château begann im Jahr 1939, als Henri Martin, lange Bürgermeister von Bordeaux, die ersten 6000 Stöcke Reben in St. Julien (genauer: Beychevelle) kaufte. Nach und nach erwarb er danach Parzelle um Parzelle, meistens Lagen, die als Cru classé eingestuft sind. Trotzdem gilt Gloria nicht als Cru classé – dafür ist es zu jung (die Klassierung datiert bekanntlich aus 1855), und eine Neuklassierung lässt auf sich warten, wenn sie denn im Médoc je stattfindet.

Aus den 6’000 Stöcken (was wohl etwa einer Hektar entsprach), sind inzwischen 50 Hektar geworden, und Château Gloria produziert heute rund 220’000 Flaschen Wein. Das Gut ist weiter in Familienhand, geführt von Henri Martins Tochter Françoise und Schwiegersohn Jean-Louis Triaud sowie deren Kinder Vanessa und Jean. Zum Besitz der Familie gehört übrigens auch das klassierte Gut St. Pierre, das man wohl auch näher verfolgen sollte!

Château Gloria, 2019
(65 % Cabernet Sauvignon, 25 % Merlot, 5 % Cabernet Franc, 5 % Petit Verdot)
Mittleres Purpur; neues Holz, Zedernduft, dezente, vielschichtige dunkle Frucht, Schokolade, Vanille; auch im Mund holzbetont (aber nicht überzeichnet), vollgepackt mit viel feinem Tannin, angepasste Säure, kraftvoll aber sehr elegant, schöner Wein mit viel Potential. 17,5 Punkte.
Interessennachweis:
Der Wein wurde bei einem Weinfreund im Rahmen einer Blinddegustation verkostet.
Indeed. Die letzten 15 Jahre immer hedonistische Freudenbank. 🙂