Einen grossen Champagner kann man ohne Weiteres als Kunstwerk bezeichnen. Die Assemblage von Weinen aus verschiedenen Lagen und mehreren Jahrgängen erbringt ein Spektrum, welches ein einzelner Wein kaum je erreichen kann. Bei Laurent-Perrier ist dieses Prinzip Philosophie.
Laurent-Perrier ist das Paradebeispiel dafür, dass sich Grösse und Qualität nicht ausschliessen müssen. Das Unternehmen gehört mit jährlich rund sieben Millionen Litern produzierten Champagners zu den grösseren (wenn auch nicht grössten) Firmen, schafft es aber, vom Einstiegswein bis zur Prestigecuvée herausragende Qualität abzuliefern – und das Ganze auch noch zu (für Champagnerverhältnisse) vernünftigen Preisen.

Ein Mann von enormer Schaffenskraft und Charisma
Sucht man nach den Gründen, stösst man schnell auf den Namen Bernard de Nonancourt. Laurent-Perrier wurde zwar schon 1812 gegründet (und firmiert seit 1887 unter diesem Namen) und war durchaus erfolgreich. Nach einer finanziellen Baisse im ersten und den dunklen Wolken des heraufziehenden zweiten Weltkrieges entschied sich die Familie Laurent, den Betrieb an die Familie de Nonancourt zu verkaufen. 1949 übernahm Bernard de Nonancourt im Alter von nur 28 Jahren die Firmenleitung und brachte das Haus zu heutigem Glanz. Zuvor hatte er allerdings eine harte Schule zu durchlaufen, denn seine Mutter bestand darauf, dass er alle Bereiche des Unternehmens kennenlernt, und so war er der wohl einzige Leiter eines grösseren Champagnerhauses, der auch die Arbeit in den Reben, im Keller und in der Verwaltung aus eigener Erfahrung kannte. Aber vermutlich war das gar nicht hart im Vergleich zu den Kriegsjahren; er hatte sich früh der Résistance angeschlossen und dabei seinen Bruder verloren.
Frische und Eleganz über alles
Während rund 50 Jahren leitete Bernard de Nonancourt die Geschicke von Laurent-Perrier. Sein Credo war, dass der Name für Frische, Eleganz und Reinheit steht. Es ist sicher auch kein Zufall, dass auch der begnadete Kellermeister (und Künstler der Assemblage) des Hauses, Michel Fauconnet, während 40 Jahren für Laurent-Perrier arbeitete (er begann einst als Praktikant!). Fauconnet wird übrigens in diesen Tagen altershalber als Kellermeister durch Maximilien Bernardeau abgelöst, welcher schon seit anfangs Jahr in den Betrieb eingeführt wurde. Der 2010 verstorbene Bernard de Nonancourt hatte auch seine eigene Nachfolge rechtzeitig geregelt, heute ist die Familie durch seine beiden Töchter Alexandra Pereyre de Nonancourt und Stéphanie Meneux de Nonancourt, welche schon seit 1987 bzw. 1995 in der Firma tätig sind, im Vorstand vertreten.

Die Kunst der Assemblage – das „Kunst“ steht hier zurecht.
Die klare Philosophie des Hauses lautet aber auch, dass eine durchdachte Assemblage die besten Weine hervorbringt. Kein einzelner Champagner aus einer bestimmten Lage und einem einzigen Jahrgang, so die Prämisse von Laurent-Perrier, kann jemals so gut sein wie eine Zusammensetzung der besten Weine aus den besten bzw. passenden Jahrgängen. Und wenn man, wie Laurent-Perrier, die Grundweine aus den einzelnen Lagen separat vinifiziert, dann ergibt das riesige Möglichkeiten, einen Wein zu komponieren. Tausende von Lagen aus eigenen Reben und solchen von rund 900 Vertragswinzern, zwei bzw. drei verschiedene Rebsorten und dutzende von Jahrgängen – die denkbaren Varianten sind fast unendlich. Und mit viel Erfahrung und ebensovielen Versuchen bei der Zusammensetzung ergibt sich dann ein Spitzenchampagner.
Mag der aktuelle Hype um Winzerchampagner noch so gerechtfertigt sein, es leuchtet ein, dass eine – perfekte – Assemblage letztlich mehr ist, als die Natur allein je hervorbringen kann. Assemblierte Weine werden mit menschlichem Zutun zu einer Art Gesamtkunstwerk oder, wie Laurent-Perrier es formuliert, „dem perfekten Ausdruck menschlicher Schaffenskraft und den Gegebenheiten der Natur“.

Auch wenn ich persönlich in Sachen Wein eher ein Purist bin, dieser Argumentation kann man ohne Weiteres folgen. Und spätestens wenn man die grossartige Assemblage des Grand Ciècle des Hauses im Glas hat, dann ist auch der Beweis zu dieser These angetreten!
Und ganz am Rand: Das Haus Laurent-Perrier ist sich auch der Umweltproblematik bewusst. Seit 2018 besitzt die Domaine deshalb für alle Parzellen das Label Viticulture Durable en Champagne“ (VDC) und die Zertifizierung „Haute Valeur Environnementale“ (HVE).
Degustationsnotizen:
Laurent-Perrier, Blanc de Blancs Brut Nature
Helles Gelb; Duft nach Zitrus und frischer Brotrinde; beim Einschenken stark moussierend, im Mund aber mit sehr feiner Perlage, knochentrocken mit toller, angepasster Säure, sehr elegant, aber auch druckvoll. „Fordernder“, aber toller Wein. 17 Punkte.
Laurent-Perrier, Cuvée Rosé
100 % Pinot noir, die Farbe erhält der Wein durch 48-72 Stunden Maischegärung (und nicht, wie beim Rosé mehrheitlich üblich, durch Zugabe von Rotwein).
Schönes Lachsrot; in der Nase klare, saubere Frucht (Johannisbeere, Himbeere), ganz leichter, schöner Hefton; im Mund rund, schön stützende Säure, elegant, leichte Dosage sehr gut eingebunden. Süffig! 16 Punkte.
Laurent-Perrier, Ultra Brut
Mittleres Gelb; Duft nach weissem Pfirsich, Brotrinde, floraler Touch; prägnante Säure, der Wein entwickelt sich im Mund von zuerst etwas „angriffig“ hin zu füllig und rund. Vielleicht nicht jedermanns Sache, für mich ein ganz toller Wein und idealer Essensbegleiter. 17 Punkte.
Laurent-Perrier, Millésime 2012
Hier wird sich Laurent-Perrier, Meister der Assemblage, quasi selbst untreu und bringt einen Spitzenchampagner aus einem einzigen Jahrgang. Fazit: Es lohnt sich!
Helles Strohgelb; sehr feiner Hefeton, grüner Apfel, Zitrus, salzig, etwas Brot; im Mund wunderbar elegant und fruchtig, Anflug von Gebäck, Dosage (9g RZ) perfekt eingebunden und fast nicht spürbar, rund, mit sehr langem Nachhall. Toller Wein mit – für Champagnerverhältnisse – sehr gutem Preis-/Leistungsverhältnis (ca. CHF 70.00). 18 Punkte.
Laurent-Perrier, Grand Siècle, Itération No. 25
Mittleres Gelb; sehr finessenreiche Nase mit viel Frucht, grünen Tönen und frischer Brotrinde; im Mund wundervoll feine, kaum spürbare Perlage, schöne, angepasste Säure, Dosage (7 g RZ) nur ganz ansatzweise spürbar, enorm elegant und finessenreich, vielschichtig, fast nicht endender Abgang. Kein „lauter“, sondern ein eher zurückhaltender Wein, der aber in seiner Gesamtheit total überzeugend auftritt. Schlicht grossartig! 19 Punkte.
(Das ist die höchste Punktezahl, die ich in meinem Blog bisher vergeben habe – es ist allerdings auch mit Abstand der teuerste Wein, den ich je beschrieben habe, ca. CHF 180.00. Aber im Vergleich mit anderen Nobelchampagnern ist er geradezu noch „bezahlbar“).
Ein kleiner Ausflug in die wirtschaftliche Seite – und etwas Werbung für das Wirtschaftsportal Muula
Das Haus Laurent-Perrier, welches heute eine Unternehmensgruppe darstellt, zu der u.a. auch Namen wie Salon, Delamotte und de Castellane gehören, wird von der Familie de Nonancourt kontrolliert, ist aber an der Börse kotiert. Ganz offensichtlich gehört das Unternehmen auch in Bezug auf die wirtschaftliche Seite und die Offenheit zu den Vorbildern. Mehr dazu mit folgendem Link bei Muula:
Aufstieg in die Königsklasse der Champagner – muula.ch
Bei dieser Gelegenheit ein klein wenig Werbung für Muula, weil ich das Portal einfach toll finde: Es ist ein junges, engagiertes, manchmal rotzfreches, aber immer hervorragend recherchiertes und faires Wirtschaftsnews-Portal, das sich auch Themen annimmt, von welchen man andernorts die Hände lässt. Absolut lesenswert – und kostenfrei.
Links:
Zur Domaine:
Champagne Laurent-Perrier
Zum Label Haute Valeur Environnementale:
La Haute Valeur Environnementale – HVE – Haute Valeur Environnementale (hve-asso.com)
Zu Vinum (allgemeiner Einstieg):
VINUM – Magazin für Weinkultur | vinum.eu
Interessennachweis:
Die Degustation fand auf Einladung von Vinum in Zürich unter der äusserst fachkundigen und didaktisch hervorragenden Leitung von Vinum-Redakteurin Claudia Stern statt.
Zu Muula besteht keine Verbindung, ausser, dass ich den Chef einst an einer Degustation kennen- und schätzengelernt habe.