Berichte über „Nebenwirkungen“ von Pflanzenschutzmitteln gibt es schon lange. Neuere Forschungen zeigen nun aber einen wissenschaftlich erhärteten Hinweis darauf, dass auch Parkinson ausgelöst werden kann. Besonders erschreckend ist dabei, dass Kupfer mit eine Rolle spielt!
Nein, das Wort besinnungslos bezieht sich nicht auf einen übermässigen Alkoholkonsum während der Festtage, sondern ist ein Wortspiel zum Einsatz von Pestiziden, ohne sich zuvor zu besinnen, was damit ausgelöst werden kann. Die Liste der Präparate, die bei der Markteinführung als unbedenklich galten, sich aber später als problematisch bis hochtoxisch erwiesen, ist sehr lang. DDT und Agent Orange sind nur die Spitze des Eisberges. Und der Verdacht, dass nicht nur die Anwender von Pestiziden selbst, sondern auch die Anwohner der behandelten Felder betroffen sind, wird auch seit einiger Zeit geäussert, ist bzw. war aber schwer beweisbar.
53 Wirkstoffe mit Auswirkungen auf die Entstehung von Parkinson
Ein Bericht der NZZ am Sonntag – in der besinnlichen Zeit am 22. Dezember 2024 – weist nun auf neuere Forschungen hin, welche auch die Betroffenheit von Anwohnern statistisch nachweisen. Zudem kann aufgezeigt werden, dass viele Wirkstoffe augenscheinlich einen Einfluss beim Entstehen der Krankheit Parkinson haben! Einen kleinen Hinweis darauf, wie das geschieht, gibt der Link auf eine Publikation der EMPA am Schluss des Beitrags.
Bei vollen 53 Wirkstoffen wurde ein Nachweis für die potentielle Schädigung des Hirns erbracht – bei zehn davon hing sogar die Schwere der Symptome damit zusammen, darunter Trifluralin, Methamidophos, Paraquat und Ethephon, wobei vor allem letzterer in Europa gebräuchlich sein soll. Auch Glyphosat wird im NZZ-Artikel wieder genannt, und selbst ein seit Jahrzehnten eingesetztes Fungizid wie Maneb ist nicht unproblematisch. Speziell alarmierend ist aber auch, dass der Einsatz von Kupfersulfat den ärgsten Einfluss zeigte.
Kupfer – vom Wundermittel zum Krankmacher.
Ausgerechnet Kupfer! Das Schwermetall wird seit dem vorletzten Jahrhundert im Pflanzenschutz eingesetzt und spielt vor allem im biologischen Land- und Rebbau heute noch eine wichtige Rolle. Für den Rebbau war der Wirkstoff als Bestandteil der „Bordeaux-Brühe“ gar längere Zeit die einzige Waffe gegen das Absterben der Reben. Es war im Jahr 1882, und die Rebgärten in Bordeaux zeigten sich aufgrund der neu eingeschleppten Pilzkrankheit Peronospora (falscher Mehltau) in einem jämmerlichen Zustand. Dem Botaniker Pierre Millardet fiel auf, dass an einer Strasse einige Stöcke in einem einwandfreien Zustand waren, abgesehen davon, dass sie blau eingefärbt waren. Der Besitzer erzählte ihm, dass er diese Reben gegen Traubendiebe mit Kupfer behandelt habe. So wurde zufällig die Wirksamkeit von Kupfer gegen den echten Mehltau entdeckt – und die Bordeaux-Brühe, ein Geschmisch aus gebranntem Kalk, Kupfersulfat und Wasser, war sozusagen geboren. (Quelle: Bundesinstitut für Risikobwertung, D).

Und nun, 150 Jahre später, wird entdeckt, dass der Einsatz dieses Mittels hochgefährlich sein kann bzw. ist. Es geht dabei in Zusammenhang mit Parkinson, wie auch bei den anderen Wirkstoffen, nicht um die mögliche Einnahme (die aber natürlich auch gefährlich wäre), sondern um die Diffusion in die Luft und das Einatmen sowie die Ablagerung auf der Haut, womit auch die Auswirkungen auf die Nachbarschaft erklärt sind.
Wir Zauberlehrlinge!
Das muss doch zu denken geben! Wie steht es wohl um all die neuen Wirkstoffe, die laufend auf den Markt kommen – und von Staat auch noch formell zugelassen werden, womit sich zumindest ein Teil des Haftungsrisikos auf diesen verschiebt. Die Vergangenheit – und die Gegenwart, die erwähnten 53 Wirkstoffe lassen grüssen – zeigt augenscheinlich, dass viele Mittel zu schnell, d.h. ohne genügende Forschung in Bezug auf unerwünschte Auswirkungen, auf den Markt kommen. Manchmal um volle 150 Jahre zu früh!
Und nun? Piwi als Ausweg?
Wohl niemand hat im Moment ein Patentrezept, zu sehr ist die Landwirtschaft inkl. Rebbau von Pflanzenschutzmitteln abhängig. Und aufgrund der Kupfer-Problematik sind auch Bio-Produzenten betroffen. Immerhin wird hier ja schon lange zum Ersatz von Kupfer geforscht und es wurden auch erhebliche Fortschritte erzielt, vielleicht gibt es da Hoffnung. Trotzdem wird in dieser Situation im Weinbau die Pflanzung von Piwi-Sorten noch interessanter. Zwar zeigten diverse Sorten in den schwierigen Jahren 2021 und 2024 auch eine gewisse Anfälligkeit, aber selbst wenn Piwi’s auch künftig nicht immer vollumfänglich ohne Schutz gegen Pilzkrankheiten auskommen sollten, ist der Unterschied in Bezug auf die Menge an Pestiziden eklatant.
Mir blutet zwar das Herz beim Gedanken, irgendwann vielleicht auf Pinot noir, Riesling und Co. verzichten zu müssen. Aber ich werde die aktuellen Forschungsergebnisse zumindest zum Anlass nehmen, ab jetzt noch mehr als bisher über tolle Piwi-Weine zu berichten.
Links:
Der erwähnte NZZ-Artikel, leider hinter der Paywall:
Pestizide können Parkinson auslösen – Schweizer Bauern müssen damit leben
Die ebenfalls schon erwähnte Information der EMPA:
Empa – Communication – EQ76 Parkinson und Kupfer
Und hier ein Interview mit der Forschungsleiterin aus Kalifornien:
„Für 53 Pestizide konnten wir ein erhöhtes Parkinson-Risiko feststellen“
Sogar der Schweizer Bauer berichtete schon 2022:
Der Schweizer Bauer: Parkinson: Pestizide im Verdacht
Und nebenbei: Wir hätten vieles schon früher wissen können, ein Beitrag aus dem deutschen Aerzteblatt aus dem Jahr 2011:
Parkinson: Hohes Risiko durch Pflanzenschutzmittel in der…
Lieber Victor,
ich wünsche Dir ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr! Herzlichen Dank für Deinen aktuellen Beitrag – wie immer mit einer sehr guten Recherche. Der Einsatz von Kupfer ist nicht nur für die Winzer und – wenn gegeben – deren Nachbarschaft schädlich, die „Ökotoxikologie von Kupfer“ für unsere Böden ist schon lange bekannt. Der sehr sinnvolle Einsatz von Schafen im Weinbau ist zumindest erheblich risikobehaftet bzw. unmöglich bei entsprechendem Kupfereinsatz.
Neben der aus meiner Sicht zwar vorrangigen Neuanpflanzung von PIWI-Reben, besteht die direkte Möglichkeit Kupfer durch Kaliumphosphonat zu ersetzen. Bis zur Umgruppierung in der EU des Kaliumphosphonats vom Pflanzenstärkungsmitteln zum Pflanzenschutzmittel im Oktober 2013, wurde dieser Wirkstoff im ökologische Weinbau bereits als „Kupferersatz“ verwendet. Ende November 2024 wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bei der Europäischen-Kommission einen Antrag auf Zulassung von Kaliumphosphonat als Pflanzenschutzmittel im ökologischen Weinbau eingereicht.
Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bezüglich der Risiken des Kupfereinsatzes für Mensch und Natur werden m.E. auch bei den Bio-Verbänden zu veränderten Empfehlungen zum Rebschutz führen.
Ulrich Frizlen
vom Weingut Müneck in Ammerbuch-Breitenholz / Württemberg
https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2024/130-kaliumphosphonat.html