Wein ist Geschmacksache – irgendwo zwischen 98 Punkten und Kochwein.

Zum Glück sind die Geschmäcker verschieden. Hier ein Beispiel für einen Wein, welcher einem Weinkritiker 98 Punkte wert ist – der aber bei mir, obwohl ich ihn rational gut beurteile, im Kochtopf landet.

Ich hätte gewarnt sein müssen! Schon das enorme Gewicht der Weinflasche deutete auf einen „Brummer“ hin. Und vor allem war da die Bewertung von Luca Maroni, stolze 98 Punkte (was allerdings nach meiner Erfahrung weniger furchteinflössend ist als deren 99). Weil ich gerade in einer Phase der Wiederentdeckung der Aglianico-Traube bin, kaufte ich den Wein trotzdem.

Schwere Flasche, hohe Maroni-Punkte = Hände weg?

Nun, wie gesagt, ich hätte gewarnt sein sollen. Das Vorurteil, dass in einer schweren Flasche fast immer ein fruchtbombiger Kraftprotz mit süssem Touch steckt, bestätigt sich zumindest sehr oft. Weshalb, wie hier, eine leere Flasche 1 Kilogramm wiegen muss, während die Hälfte oder neuerdings gar nur ein Drittel des Gewichtes auch genügt, ist weder ökologisch noch ökonomisch nachvollziehbar; es sei denn, die Mehrkosten werden über das Marketingbudget abgebucht (wobei man dann den Verstand der Marketingleute anzeifeln könnte). Und Maroni? Nun gut, er ist zumindest ein eigenständiger Weinkritiker, wobei man auch eigenwillig sagen könnte. Und dass er auf Fruchtbomben steht, ist augenscheinlich und wird von ihm selbst mit dem Bewertungsprinzip nach dem „Pleasantness Index“ zumindest sinngemäss auch bestätigt.

1720 Gramm (mit Inhalt). Das kritisiere ich wirklich – so schwere Flaschen sind einfach nicht mehr zeitgemäss und schlicht unnötig!

Trotzdem, der Wein hat mich nicht nur des Flaschengewichtes wegen fast erschlagen! Ein sehr intensiver, aber durchaus schöner Fruchtreigen in der Nase, dann aber im Mund eine alles erschlagende Üppigkeit kombiniert mit einer leichten Süsse und starker Adstringenz. Das ist einfach nicht mein Geschmack! Rational betrachtet ist es aber kein schlechter Wein (vgl. Degustationsnotiz), bei mir landet er trotzdem im Kochtopf. Ich bin mir aber sehr wohl bewusst, dass es Weinliebhaber gibt, die genau solche Weine heiss lieben.

Aglianico wäre doch die elegante Sorte des Südens!

Ich mag den Inhalt der Flasche deshalb auch nicht kritisieren, im vorliegenden Fall frage ich mich einzig, ob es Sinn macht, einen Aglianico auf diese Weise zu keltern. Die Aglianico-Traube wird ja aufgrund ihrer Eleganz und Feinheit auch als „die Nebbiolo des Südens“ genannt, und es gibt grossartige Weine aus dieser Sorte (einer der nächsten Beiträge handelt dann genau davon). Der Stil vieler Aglianico hat sich leider in den letzten Jahren hin zu „voluminöser“ gewandelt was ich schade finde, aber offensichtlich eben Geschmacksache ist.

Beim beschriebenen Wein handelt es sich um den „Bicento“ 2018 des Weingutes Nativ. Das Gut liegt in Paternopoli in Kampanien, dem Hinterland von Neapel. Es wird vom Oenologen Mario Ercolino zusammen mit seiner Frau geführt und umfasst rund 15 Hektar Reben. Der Betrieb wurde erst 2008 gegründet, die Trauben für den Bicento stammen aber von alten Reben, was mit dem Namen („zweihundert“) zum Ausdruck gebracht werden soll. Es gibt übrigens auch noch den „Bicento 53 Red Passion“, für welchen die Trauben der 53 ältesten Rebzeilen verwendet werden. Eine ganze Reihe anderer Weine aus autochthonen Sorten rundet das Sortiment von Nativ ab.

Süditalienische Landschaft mit Aglianico-Reben (Symbolbild, es stammt aus der benachbarten Basilicata)

Der vorliegende Text soll keinesfalls als „Verriss“ beatrachtet werden, schon gar nicht für das ganze Gut, dessen restliches Sortiment ich nicht beurteilen kann. Der Bicento zeigt aber exemplarisch, wie unterschiedlich der Weingeschmack von Weinliebhabern sein kann. Und es ist ein Beispiel mehr dafür, dass man einen Wein trotz hohen Punktzahlen der Kritiker besser zuerst selbst probiert, bevor man ihn in grossen Mengen einlagert.

Der Brasato kriegt hoffentlich 98 Punkte

Die schwere Flasche lagert nun im Kühlschrank und der Inhalt wird am nächsten kühleren Regentag verkocht. Vielleicht kann ich ja dann dem Brasato 98 Punkte verteilen!

Degustationsnotiz:
Bicento 2018, Irpinia Campi Taurasini DOC, Nativ
Dichtes, fast undurchdringliches Purpur; fruchtbetone Nase mit Brombeeren, Cassis, Rosinen und Lakritze; im Mund üppig, fast „schwül“ wirkend; sehr viele, relativ stark adstringierende Tannine, wirkt leicht süsslich (wobei ich die Restsüsse nicht als hoch einschätze), leichter Bittertouch, langer, fruchtig-süsser Abgang. Wirkt trotz 15 % Alkohol absolut nicht brandig. Fruchtbombiger Powerwein, wer das liebt, ist hier sehr gut bedient. 16,5 Punkte.


Interessennachweis:
Der Wein wurde im Weinhandel gekauft.

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