Jahr des Winzers: Jetzt beginnt die arbeitsreichste Zeit.

Dieser Frühling, der eigentlich schon ein Sommer ist, hat dazu geführt, dass sich die Reben in einem kaum je gesehenen Tempo entwickeln. Vor zwei Wochen erst sich öffnende Knospen, und heute schon 20 cm lange Triebe. Besser könnte es gar nicht sein. Aber das heisst jetzt auch, „alle Arbeit auf einmal“!
Und weil die Langfristprognosen von lauen Nachtemperaturen ausgehen, kann man es zudem wagen, auch schon die Frostreserven zu entfernen.

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Das „Erlesen“ – reine Handarbeit! (Der Autor in Aktion).

Die Reben haben eine unglaubliche Wuchskraft. Im Frühling spriessen immer weit mehr Triebe, als für einen qualitätsbewussten Weinbau sinnvoll ist. Es heisst also, jeden Stock einzeln zu bearbeiten und überzählige, schwache oder falsch platzierte Geschosse zu entfernen. So maschinell, wie im Rebberg schon vieles geht – das ist auch bei Profis noch reine Handarbeit! Das Erlesen verlangt sehr viel „Fingerspitzengefühl“, und das auch schon im Hinblick auf das kommende Jahr, denn man muss jetzt schon daran denken, welche Triebe beim Schnitt im nächsten Jahr verwendet werden können.

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Ein Stock vor dem Erlesen und dem Entfernen der „Frostruten“

Wie erwähnt, ist jetzt auch die Zeit, die stehen gelassenen Frostruten
zu entfernen. Siehe dazu: https://victorswein.blog/2018/02/11/virtuelles-weinjahr-folge-1-der-schnitt/
Zwar ist die Frostgefahr noch nicht ganz vorbei (nach dem Volksmund ist dies erst nach den „Eisheiligen“ mit dem Höhepunkt der „kalten Sophie“, 2018 am 15. Mai, der Fall), aber die Reben sind so schnell gewachsen, dass überzählige Ruten jetzt entfernt werden müssen. Zudem tönen die Wetterprognosen vielversprechend.

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Und der gleiche Stock danach, es stehen nur noch 10-12 Geschosse, an denen dereinst die Trauben heranwachsen werden.

Deshalb kann das Erlesen und das Entfernen der „Frostruten“ gleich in einem Arbeitsgang durchgeführt werden. Um es allerdings vorweg zu nehmen: Das Erlesen wird noch in  einem zweiten oder gar dritten Durchgang wiederholt werden müssen. Die Reben sind nämlich mit so viel Wuchskraft versehen, dass in den nächsten Wochen immer wieder neue Triebe direkt aus dem alten Holz austreiben werden. Auch diese müssen noch entfernt werden, weil sie die Rebe sonst Kraft kosten und zudem für ein dichteres Laubwerk und damit für mehr Fäulnisanfälligkeit sorgen würden.

Sie sehen, Rebarbeit ist weiterhin viel Handarbeit. Mir macht es Spass – aber stellen Sie sich vor, wie das für Berufswinzer ist: wochenlang nichts anderes, und erst noch bei jedem Wetter!


Unser Sonderfall mit Hagenschäden – die Frostrute wird zur „Hagelrute“

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Die eigentlich für den Ertrag vorgesehene, auf den Draht gebundene Rute (1) ist vom Hagel komplett zerstört, ebenso die eigentlich als Reserve vorgesehene Rute (2). Ziemlich unversehrt ist aber eine weitere Reserve (3), die man in normalen Jahren nicht stehen gelassen hätte. Diese kommt nur als Ersatz zum Zuge.

Im Sommer 2017 zerstörte eine sogenannte „Superzelle“ mit Sturm und Hagel so ziemlich alle Kulturen in der Region. Wir hatten letztes Jahr zum ersten Mal überhaupt in 30 Jahren keinen Ertrag. Selbst das Rebholz sah so jämmerlich zerfetzt aus, dass man sich die Frage stellte, ob 2018 überhaupt etwas wachsen würde.

Nun, die Rebe ist eine unglaublich vitale Pflanze, und das Bild, das sich jetzt beim Austrieb zeigt, ist sehr beruhigend. Dennoch sind die Schäden unübersehbar. Es gibt kaum eine Rute, an der alle „Augen“ auch tatsächlich ausgeschlagen haben, und viele der Geschosse weisen einen Rückstand im Wachstum aus. Weil wir diese Situation erwartet hatten, haben wir beim Rebschnitt viel mehr stehen gelassen als üblich. Das zahlt sich nun aus. Dank der deshalb möglichen Verwendung weiterer Ruten kommen wir an den meisten Stöcken doch auf die gewünschte Anzahl an kräftigen Geschossen.

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Hier ist nun die Rute 3 vom vorherigen Bild auf den Draht gebunden und wird den gewünschten Ertrag bringen.

Allerdings bedeutet dieses Vorgehen künftig auch mehr Arbeit. Die Geschosse wachsen nun nach dem Biegen der Rute in eine falsche Richtung. Vieles wird die Natur zwar von selbst neu richten, aber Handarbeit beim Anbinden und in die richtige Richtung weisen wird hier unabdingbar sein.

 

 

 

 

 

 

Virtuelles Rebjahr (2): Nicht alles ist idyllisch!

Viele Arbeiten im Rebberg sind unspektakulär und oft auch mühsam.

In meinem Beitrag zum Rebschnitt habe ich geschwärmt, das sei meine liebste Arbeit. Aber ich mache das ja auch nur als Hobby. Ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder Berufswinzer diese Meinung teilt. Wenn man nämlich wochenweise nichts anderes macht, dann verblasst das Idyll und vergeht der Spass vermutlich irgendwann. Und an gewissen Tagen ist es einfach nur saukalt.

Ganz abgesehen davon unterschätzen wohl viele Weinfreunde die enorme Arbeit, die hinter einer Flasche Wein steckt. Es ist etwas anderes, sonntags durch schöne Rebberge zu wandern, als wochtags in diesen Rebzeilen zu arbeiten.

Auch jetzt, da die Reben noch nicht wachsen, stehen Arbeiten an, die unspektakulär und die teils auch kräfteraubend sind. Die nachstehenden Bilder zeigen ein paar Beispiele für die Arbeiten im März:

Hecke
Wir haben unten an unserem Rebberg eine Hecke gepflanzt, um Nützlingen zu helfen, und auch als Schutz gegen die angrenzende Strasse. Eine Hecke wächst und will gepflegt sein. Der hier sichtbare Rückschnitt bedingte rund eine Stunde Arbeit mit der Motorsäge – und wer sich das nicht gewohnt ist, spürt anderntags sein Kreuz.
Pfähle
Jede Rebanlage bedarf der Pflege. Je älter sie ist, desto mehr. Unsere Holzstickel sind 30-jährig und müssen teilweise ersetzt werden, weil sie faulen. Das bedeutet: Alter Stickel weg, mit Locheisen ein neues Loch vorbereiten und dann den neuen Holzpfahl einschlagen. Das ist ganz schön anstrengend, zumal man – jedenfalls als Hobbywinzer – dazu auf einer Leiter steht.
Drähte
Auch die Drähte, die später im Jahr der Rebe Halt geben, werden älter. Hier heisst es: nachspannen.
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Und hier wird nachgespannt – ein sogenannter „Drahtspanner“, an dem man mit einer Flachzange dreht, damit der Draht aufgewickelt wird (siehe Mitte), und somit wieder straff gespannt.