Ein an sich guter bis sehr guter Châteauneuf-du-Pape aus uralten Reben. Aber 16,5 % Alkohol? Kann das wirklich die Zukunft der Weine sein?
Oft kaufe ich einfach aus Neugierde mal Einzelflaschen, um einen neuen Wein kennenzulernen. Diesmal war es der Le Cœur de l’Ange 2019, der Spitzenwein des Gutes La Côte de l’Ange aus Châteauneuf-du-Pape. Den „normalen“ Châteauneuf dieses Gutes kenne ich aus verschiedenen Jahrgängen, aber der Cœur de l’Ange war mir zuvor unbekannt. Es handelt sich um einen reinen Grenache-Wein aus 90-jährigen Reben der Parzelle Coteau de l’Ange im Nordwesten des Dorfes.
Was ich beim Kauf nicht beachtet hatte: Der Wein weist einen Alkoholgehalt von 16,5 % auf, so steht es jedenfalls auf der Rücketikette, während in den Verkostungsnotizen von Joe Czerwinski bei Parker gar 16,9 % erwähnt sind.

Ab welchem Alkoholgehalt verweigern die Hefen ihren Dienst?
Früher herrschte die Meinung vor, ein Wein könne auf natürliche Weise gar nicht über 16 Volumenprozente Alkohol erhalten, da die Hefen auf diesem Niveau absterben würden. Noch heute liest man das beim Recherchieren im Netz mehrheitlich. Und zumindest für eine Vergärung mit Wildhefen dürfte das auch stimmen, während inzwischen ganz offensichtlich Reinzuchthefen bestehen, welche eine Turboleistung von über 16 % hinlegen.
Will eigentlich jemand eine „Alkoholbombe“?
Ist das aber sinnvoll? Aktuell geht jedenfalls der Trend bei den Weinkonsumenten eher wieder weg von den Powerweinen, Eleganz und Finesse kommen erfreulicherweise in Mode. Auch ich finde einen Wein ganz einfach spannender und bekömmlicher, wenn er bei einem moderaten Alkoholgehalt bleibt. Allerdings steht mir der Sinn zuweilen trotzdem nach Kraft und Fülle, und da greife ich oft zu einem Wein aus der südlichen Rhône, wobei dann meistens 14,5 % das Mass sind. Aber ich muss zugeben, dass mir der Cœur de l’Ange zu einem Rindsbraten auch mit 2 % mehr gar nicht so schlecht gemundet hat.
Arbeiten und Forschen gegen zu hohen Zuckergehalt.
Trotzdem, die Winzer sind gefordert, und mit ihnen auch die Forschungsanstalten. Und obwohl ich als Hobbywinzer nur Laie bin, glaube ich, dass es tatsächlich möglich ist, durch den Schnitt, eine geeignete Laubarbeit sowie dem idealen Lesezeitpunkt den Zuckergehalt des Mostes tiefer zu halten. Zudem dürfte der Bio-Rebbau ebenfalls zu tieferen Oechslegraden beitragen. Dazu kommt schon bei der Rebpflanzung die Wahl der richtigen Sorte und eben auch des besten Klons auf der richtigen Unterlage. Wir haben beispielsweise vor 37 Jahren den Blauburgunderklon Mariafeld gepflanzt, eine Varietät, die damals verschriehen war, die sich heute aber als goldrichtig erweist, da sie rund eine Woche später reift.
Fairerweise muss man allerdings anfügen, dass es das Weingut im vorliegenden Fall wohl nicht ganz einfach hat: Die uralten Reben geben sicher nicht mehr viel Ertrag, und die Sonne kann an der südlichen Rhône unbarmherzig brennen. Und wer hätte vor 90 Jahren geahnt, dass ein spät reifender Klon vorteilhaft sein könnte?

Frauenpower und feinfühlige Etikette.
Das Weingut La Côte de l’Ange wurde in den 1960er-Jahren von der Familie Mestre gegründet und wird heute in dritter Generation von Corinne Mestre zusammen mit der vierten Generation, ihren Söhnen Jules und Louis geführt. Es umfasst 14 Hektar Reben in verschiedenen Bereichen von Châteauneuf sowie drei Hektar in den Côtes-du-Rhône. Die Weine von Côte de l’Ange werden auch immer wieder hoch bewertet, Parker geht in vielen Jahrgängen schon für den „normalen“ Châteauneuf 90 oder mehr Punkte. Jancis Robinson ist da zurückhaltender, wobei ihre 16+ für den Jahrgang 2020 angesichts ihres üblichen Punkteniveaus auch bemerkenswert sind.

Degustationsnotiz
Relativ dunkles, dichtes Purpur; kräftige, fast schwüle Düfte nach roten Beeren und Dörrpflaumen, dazu Anflug von Boskoop-Apfel, etwas Cassis, auch würzige Töne; ungemein dichter Wein, fast zum „Abbeissen“, viel Tannin, aber kaum trocknend, schöne Säure, schön eingebundene Fruchtsüsse, kraftvoll, tatsächlich etwas akoholbetont im langen Abgang. Wein mit tollen Anlagen, in dem man den Alkohol mit Ausnahme des Abgangs nicht prominent spürt, aber eine Wucht von einem Wein, was nicht allen gefallen wird. Rational betrachtet 17 Punkte.
Persönlich kaufe ich ihn trotzdem nicht mehr. Aber eben, das ich auch Geschmacksache, Parker (Joe Czerwinski) gibt ihm 93-95 Punkte!
Domaine de la Côte de l’Ange – Châteauneuf du Pape -Cote de l’Ange
Interessennachweis:
Der Wein wurde im Weinhandel gekauft.