Gewürztraminer. Noch so eine unterschätzte Sorte – und ein überraschendes Food-Pairing.

Zum Jahresende ganz bewusst ein Beitrag über eine verkannte Sorte aus der weinmässig immer noch massiv unterschätzten Schweiz. Ein zehnjähriger Gewürztraminer vom Weingut Haug überzeugt!

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Weinfreunde über gewisse Rebsorten lästern, nach meiner Beobachtung sogar oft nur aufgrund weniger schlechter Erfahrungen. Der Gewürztraminer ist eines dieser Mauerblümchen und ich bin mir sicher, dass dieser Beitrag in den sozialen Medien zu einigen abschätzigen Bemerkungen über den Gewürztraminer führen wird – wenn überhaupt. Wenn ich über Bordeaux schreibe (ein Beitrag über ein Juwel folgt im neuen Jahr), dann generiert das Klicks bis in vierstellige Zahl – ein Artikel über eine Nischensorte nur ein paar wenige. Schade, was „Weinfreunde“ alles verpassen!

Aber zugegeben, Gewürztraminer ist in meinem Keller auch nicht gerade übervertreten, was vor allem daran liegt, dass die meisten Weine mit Restsüsse ausgebaut werden, was zwar rational beurteilt sehr gut sein kann, aber einfach nicht meinem Geschmack entspricht.

Zehn Jahre und kein bisschen müde

Ein etwas gewagter Versuch für eine Weinbegleitung brachte mich dazu, einen zehnjährigen Gewürztraminer zu öffnen. Nicht nur das Food-Pairing gelang, auch der Wein überzeugte und zeigte einmal mehr, welch grosses Potential Schweizer Weine haben!

Jahrgang 2013 – und an Weihnachten 2023 noch jugendlich frisch – eine Freude!

Der trocken ausgebaute 2013-er vom Weingut Haug in Weiningen im Zürcher Limmattal (nur wenige Kilometer von der Stadt Zürich entfernt) überzeugte total und wirkte noch jugendlich frisch. Ich hatte 2018 schon einmal kurz über das Weingut und den Wein geschrieben (Link siehe unten) und damals auch ein paar Flaschen erworben.

Sellerie, Rote Beete, Ingwer, Balsamico – und der Gewürztraminer passt!

Wir hatten über die Festtage Besuch, und unser Sohn bekochte uns mit einer – wie sich zeigen sollte – umwerfend guten Vorspeise
https://www.instagram.com/p/C1RQfhZs2ZP/?igsh=ZDE1MWVjZGVmZQ==
die es in Sache Weinbegleitung allerdings in sich hatte. Gerösteter Sellerie, Rote Beete-Pürree mit Ingwer, Champignons und Balsamico-Butter-Sauce. So, nun kombinieren Sie das mal schön mit einem passenden Wein! Ich dachte zuerst in Rot, etwa an einen Châteauneuf-du-Pape, entschied mich dann aber zu einem Experiment mit dem Gewürztraminer. Und das ging erstaunlich gut, ja vorzüglich. Die Frucht passte ganz toll zum Sellerie (der durch das Rösten im Backofen seinen penetranten Eigengeschmack etwas verloren hatte), verband sich genial mit Ingwer und hielt dank seiner Kraft auch der Balsamico-Sauce stand. Manchmal lohnt es sich, ausgetretene Pfade zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren!

„Metzger-Heiris“ Vermächtnis wird weitergeführt

Das Weingut Haug hat als Selbstkelterer für Schweizer Verhältnisse eine sehr lange Tradition. Als Heinrich Haug („Metzger-Heiri“) 1964 in seinem Mischbetrieb den ersten Wein selbst kelterte, war das eine Sensation – Selbstkelterer gab es damals praktisch nicht. Und dass er 1968 ein eigenes Keltereigebäude bauen liess, erst recht. Der Betrieb blieb in der Familie, wurde von Sohn Hans-Heinrich zum besten im Limmattal entwickelt und wird heute massgeblich vom Enkel Robin betreut, der 2020 vollamtlich in das Weingut einstieg (aber schon viele Jahre zuvor auf dem elterlichen Hof tätig war). Robin Haug lernte Winzer und studierte später in Changins Oenologie. Er ist Mitglied der bemerkenswerten Vereinigung „Junge Schweizer Winzer“ und ist in der Weinbranche bestens bekannt, weil er während neun Jahren den Branchenverband „Deutschschweizer Wein“ leitete. Wer den Zürcher Wein wirklich kennen will, sollte also nicht nur ins Zürcher Weinland und an den Zürichsee pilgern, sondern auch ins Limmattal, wo Robin Haug die Tradition seines Vaters und Grossvaters hervorragend weiterführt.

Robin Haug im Keller des Weingutes in Weinigen, Aufnahme aus 2018.

Tramin im Südtirol – und die Traube des Christkindes.

Der Gewürztraminer ist eine sehr alte Sorte, je nach Quelle soll sie bis zu den Römern zurückzuverfolgen sein, welche sie als „Uva Animea“ aus Nordgriechenland eingeführt haben sollen. Einigermassen gesichert ist seine Existenz in Mitteleuropa bereits im 11. Jahrhundert – im namensgebenden Tramin im Südtirol. (Jancis Robinson, „Reben, Trauben, Weine“ und Pierre Galet, „Cépages de France“). Nach neueren Forschungen soll es sich freilich um eine Mutation des Savagnin blanc handeln und der Ursprung soll nördlich der Alpen liegen. Jedenfalls ist die Sorte inzwischen weltweit verbreitet und wird auf rund 12’000 Hektar angebaut, davon etwa 950 Hektar in Deutschland, 700 in Oesterreich und 50 in der Schweiz. Spitzenreiter ist Frankreich und dort fast ausschliesslich das Elsass mit rund 3’000 Hektar (Wikipedia). Sie tritt auch unter sehr vielen Synonymen auf, am bekanntestens sind Roter Traminer und Gelber Traminer. Und am besten gefällt mir, passend zum Weihnachtsmenu, der Name „Christkindltraube“.

Degustationsnotiz, Gewürztraminer 2013, Weingut Haug, Weiningen
Helles Gelb; gelber Pfirsich, Lychees, Papaya, Rosenblüten, kleiner Anflug von Lebkuchen; im Mund noch äusserst frisch, schöne Säure, trocken, auch im Mund enorm fruchtbetont, rund, schöne Struktur, aussergewöhnlich langer Abgang auf leichter, aber schöner Bitternote endend. Wunderbarer Gewürztraminer, dem man sein Alter überhaupt nicht anmerkt. 16,5 Punkte.

Home Weingut Haug – Weingut Haug – Qualitätsweine aus Weiningen (weingut-haug.ch)

https://www.jsnw.ch/aktivitaeten/ (Junge Schweizer Winzerinnen und Winzer)

1. Mai – auf zu den Winzern! – Victor’s Weinblog (victorswein.blog) (Link zum erwähnten früheren Beitrag)


Interessennachweis:
Der beschriebene Wein wurde 2018 im Weingut gekauft.

2 Gedanken zu “Gewürztraminer. Noch so eine unterschätzte Sorte – und ein überraschendes Food-Pairing.

  1. Andreas

    Danke für den Gedankenanstoss Viktor. Wohnhaft in Zürich und immer wiedermal an Weinigen vorbeifahrend (auch schon im Winzerhaus zu Gast, quasi um die Reben von Haug sitzend), habe ich mich noch nie näher mit dem so nahen Weingut Haug auseinandergesetzt. Offenbar ein Fehler 😉
    Übrigens war ich erst etwas erstaunt über den Titel, weil der Gewürztraminer in etwa meine erste Weissweinliebe war (und bis heute immer noch eine Geliebte, wenn auch nicht alleinige, ist). Aber recht bedacht ist es wohl wahr. Mit ca. 50Ha in der Schweiz wirklich eine Spezialität. Ich kann im Übrigen den Gewürztraminer vom Weingut Pircher empfehlen. Zu meiner Überraschung bin ich auch auf ein trocken ausgebautes Exemplar im Wallis gestossen, auf einer kleinen Wandertour von Varen nach Salgesch, auf der Veranda vor dem Winzerbetrieb Vouilloz, mit toller Aussicht und Hobelkäse 🙂

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