Clos des Lambrays – ein Grand Cru aus dem Burgund, der innerhalb von sechs Jahren um 276 % teurer geworden ist. Seit diesen sechs Jahrgängen gehört das Gut zum Luxusgüterkonzern LVMH, zu dem auch Louis Vuitton gehört. Ein Burgunder also fast wie eine Handtasche!
In der neusten Broschüre eines Weinhändlers wurde kürzlich die aktuelle Auswahl an grossen Burgundern vorgestellt und beim Clos des Lambrays lakonisch vermerkt, der Produzent habe die Preise aufgrund steigender Qualität leider massiv erhöht. Ja, was sollte der Händler auch anderes schreiben? Mit 580 Franken ist der 2019er zwar immer noch deutlich „günstiger“ als einige andere Grands Crus, aber der Aufschlag ist extrem. Wenn man zehn Jahrgänge zurück verfolgt, dann fällt die Teuerung noch viel mehr auf als im Lead vermerkt, der Preis des 2019ers ist verglichen mit 2009 um sagenhafte 420 % gestiegen. (Quellen: Weinbroschüren von Ritter Weine und Gerstl Weinselektionen).
Vom verkommenen Clos zum Grand Cru
Ich habe diesen Wein immer sehr gemocht und für verkannt gehalten, es war wohl lange Zeit der preiswerteste der qualitativ überzeugenden grossen Weine aus dem Burgund. Das Gut (Domaine des Lambrays) hat eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich, und die Lage Clos des Lambrays galt lange Zeit als heruntergekommen, was ihr den lokalen Namen „clos délabré“ (verkommen, baufällig) eingetragen haben soll. Zum Grand Cru aufklassiert wurde der knapp 9 Hektar grosse Clos, der sich fast in Alleinbesitz der Domaine des Lambrays befindet, erst 1981.
Quelle (und ohnehin sehr spannend zu lesen, insbesondere auch bezüglich dem vorletzten Besitzer, Günter Freund, dem wir die jahrzehntelang bezahlbaren Preise verdanken, und Thierry Brouin, dem begnadeten Kellermeister, der die Qualität auf höchstes Niveau brachte ):
Domaine des Lambrays (Côte d’Or) | weinrouten.de
Im Jahr 2014 erwarb der Konzern LVMH, weltweit führend in der Luxusgüterindustrie, die Domaine, gemäss obiger Quelle für sagenhafte 105 Millionen Euro. Und was seither passierte: siehe oben (wobei auch die Qualität nochmals gestiegen sein soll).
Welchen Wert hat ein Wein – und wie hoch liegen die Produktionskosten?
580 Franken oder Euro für einen Wein? Klar, die Erträge liegen tief und die Selektion des besten Traubenmaterials ist sehr streng; was nicht genügt, wird deklassiert. Trotzdem: Kürzlich erläuterte mir ein deutscher Winzer, dass er, sofern der Ertrag nicht durch äussere Einflüsse zu klein ist, seinen sehr respektablen Basiswein für acht Euro anbieten kann, ohne dabei draufzulegen. Und von MW und Weinhändler Philipp Schwander stammt die Aussage, dass kein Wein dieser Welt (extreme Spezialitäten ausgenommen) in der Produktion mehr als 40 Franken koste, teuerungsbereinigt meinetwegen inzwischen 50.
Sagenhafte Gewinnmarge – aber sonst nimmt’s nur der Sekundärmarkt
580 abzüglich 50 Franken ergibt 530 Franken Gewinn. Natürlich stimmt die Rechnung so nicht. Insbesondere deshalb, weil der Kaufpreis so hoch war. Davon ausgehend, dass der Kaufbetrag nicht abgeschrieben wird (was wohl angesichts des erzielbaren Ertrages auch nicht notwendig ist), fallen doch kalkulatorische Zinskosten an. Aber selbst wenn man diese mit 5 % oder rund 5 Millionen Franken einsetzt, ergibt dies pro Flasche höchstens rund 200 Franken, wobei dieser Betrag sogar zu hoch liegt, weil zu den angenommenen 25’000 Flaschen Clos des Lambrays (entspricht einem sicher nicht zu hohem Ertag von ca. 29 hl/ha) noch jene des weiteren Besitzes der Domaine kommen. Wie auch immer man rechnet, es verbleibt ein satter Gewinn!
Einer genügenden Zahl an Weinfreunden ist der neue Clos des Lambrays aber ganz offensichtlich diesen Preis wert. Der Wein ist also ganz offensichtlich zum Luxusgut geworden, und passt somit auch perfekt zu LVMH. Die Gruppe besitzt nicht nur bereits diverse qualitativ führende Weingüter und Spirituosenhersteller, sondern auch Luxusmarken wie Givenchy, Kenzo und eben Louis Vuitton.
Eine Handtasche hält wenigstens ein paar Jahre
Und damit sind wir wohl beim Punkt: So, wie man (bzw. frau) sich eine Handtasche leistet, deren Preis in keinem Verhältnis zum Materialwert steht, die aber Prestige vermittelt, leistet man(n?) sich heute auch einen Wein! Immerhin, einen nicht ganz unwesentlichen Unterschied gibt es dann doch: Eine Handtasche hält Jahre, eine Flasche Wein ist an einem Abend weggetrunken. Soll noch jemand sagen, Frauen seien nicht vernünftiger!
Andere sind bekanntlich noch viel teurer
Im Übrigen soll dieser Beitrag kein LVMH-Bashing sein. Die folgen ja nur einer kapitalistischen Logik der Gewinnmaximierung, die so lange gelingt, wie sich Käufer finden. Zudem habe ich auch für viele Spitzenwinzer (und damit auch die Domaine des Lambrays) grundsätzlich Verständnis. Es muss ja sehr frustrierend sein, seinen Wein zu „anständigen“ Preisen auf dem Markt zu bringen, nur um ihn einige Monate später zum doppelten Preis auf Ebay oder so angeboten zu sehen.

Und es gibt ja noch viel extremere Beispiele von „Millionärs-Preisen“. Man muss nicht mal unbedingt Romanée-Conti oder Pétrus heranziehen. Zwei Beispiele aus eigener Erfahrung: Mitte der 1980er Jahre konnte man als Weintourist noch unangemeldet bei Château Rayas vorfahren und problemlos für unter CHF 30.00 zwölf Flaschen Rayas kaufen. Heute liegen die Preise im Sekundärmarkt im 4-stelligen Bereich. Oder der Clos St. Jacques von Armand Rousseau, der heute etwa das Doppelte des Clos des Lambrays kostet, den ich noch Ende der 1980er Jahre für rund 40 Franken kaufen konnte.

Epilog:
Der Zufall will es, dass gerade heute in den sozialen Medien über eine gestern abgelaufene Auktion bei Koppe berichtet wird, in der die erwarteten Preise nicht mehr erzielt wurden bzw. die Lose gar nicht verkauft wurden. So sollen von 107 Losen von Rousseau nur deren 11 verkauft worden sein (und ich habe nachgesehen, es stimmt, die sind jetzt alle im Nachverkauf – dafür gingen zwei Flaschen Clos des Lambrays 2010 für je 290 Euro ….). Und in weiteren Kommentaren wird darauf hingewiesen, dass auch ein G-Max für unter 1000 Euro nicht wegging, ebenso ein Rayas für 750.
Kann es also sein, dass der ganz grosse Hype wenn nicht vorbei, dann doch abgeschwächt ist? Und ist das nur eine Baisse oder ein langfristiger Trend? Meines Erachtens müsste sich die Wein- und Luxusindustrie so oder so Gedanken machen. Irgendwann ist der Hype vielleicht wirklich vorbei, und wenn sich bis dahin ein durchschnittlicher Weinfreund solche Tropfen nicht mehr leisten kann, wird es wohl nicht ganz einfach, ihn dann zurückzugewinnen. Aber vielleicht irre ich ja, wie damals, als ich nur 12 und nicht 120 Flaschen Rayas gekauft habe ….
Vielen Dank für den spannenden Artikel. Was mich als Weintrinker am stärksten einschränkt ist, dass aufgrund der starken Preisentwicklung im Burgund ebenfalls alle Produzenten kräftig an den Preisen gedreht haben. Da wird es nun schwierig zum Beispiel einen guten Vosne-Romanee, zu einem bezahlbaren Preis zu erstehen. Daher entweder verzichte ich ganz oder beisse in den sauren Apfel. Und wenn ich in den sauren Apfel beisse, dann will ich zumindest sicher sein, dass die Qualität stimmt.
In Deutschland zum Beispiel habe ich das Problem nicht. Hier finde ich Top Produzenten mit gleichen / sehr ähnlichen Weinen wie z.b. Keller die recht gut verfügbar sind und zu fairen Preisen. Da hatte ich bisher nie das Gefühl, dass ich etwas verpasse – auch wenn ich nichts dagegen hätte mal eine Flasche GG von Keller zu probieren.
Bordeaux find ich auch interessant in dem Zusammenhang. Dort werden für die premier crus ja auch extrem hohe Flaschenpreise ausgerufen obwohl die eigentlich nicht mal selten sind (im Vergleich zu den Burgundern). Das erinnert mich irgendwie an Rolex, ist nicht selten aber trotzdem gesucht. Da es im Bordeaux allerdings genügend gute Alternativen gibt fühle ich mich auch da auch wenig eingeschränkt.
Da der Weinkonsum allgemein sinkt, denke ich, dass wir trotzdem in der Zukunft genügend guten Wein zu fairen Preisen haben werden. Das Etikett kann man auch händisch überkleben / übertragen, wenn man dummerweise nur 12 statt 120 Flaschen gekauft hat. Dem unerfahrenen Rayas trinker (wie mir) wird das nicht auffallen. So dürften die 12 Flaschen auch etwas länger reichen.
Danke, sehr treffend!
Gruezi, vorerst möchte ich für die stets kompetenten Beiträge gratulieren. Beim Thema überteuerte Weine bin ich ebenso voll bei Ihnen. Ihr Hinweis, dass Schwander zu recht auf die Überteuerung hinweist stimmt auch, aber er fährt zweigleisig. Sein teurer Todo kostet auch 250.–. Ist jetzt Wasser oder Wein in den Schläuchen? Freundliche Grüsse
Danke! Es ist halt auch ein Balanceakt zwischen Geschäft und Ueberzeugung. Auch ich breche da manchmal meine Grundsätze. Im Normalfall schreibe ich nur über Weine bis zu diesen 40 oder 50 Franken. Aber wenn ich so richtig begeistert bin, gehen schon mal die Pferde mit mir durch. Aber viel öfter schreibend als kaufend …