Alto Piemonte: auf Augenhöhe mit Bordeaux und Burgund.

Es gab eine Zeit, in der die Weine aus dem Alto Piemonte zu den angesehensten in ganz Europa zählten und in einem Atemzug mit Bordeaux und Burgund genannt wurden. Nach einem dramatischen Niedergang entstehen heute im nördlichen Piemont wieder Weine, die verstehen lassen, warum das Gebiet einst so berühmt war.

Thomas Jefferson, der dritte Präsident der USA, hatte offensichtlich Geschmack. Er soll ein grosser Liebhaber der Weine aus dem Alto Piemonte gewesen sein. Der Export über den Ozean wurde erleichtert, weil das Gebiet – nebst Bordeaux und Burgund – das einzige war, in dem der Wein in Flaschen abgefüllt wurde. Glas war damals teurer als der Wein selbst, und deshalb gelangte nur in Flaschen, was wirklich gut und wertvoll war.

Der Wein zur Staatsgründung Italiens? Ein Gattinara!

Noch Ende des 19. Jahrhunderts war das Alto Piemonte das bekannteste und grösste zusammenhängende Weingebiet Italiens. Zum Festakt der Staatsgründung Italiens im Jahr 1861 wurde ein Lessona gereicht (Quelle: Vortrag RebWein). 40.000 Hektar waren hier mit Reben bepflanzt, das entspricht der heutigen Gesamtrebfläche der Region Piemont. (Quelle: schluck.magazin.de).

Hagel, Weltkriege und Fabriken

Der Niedergang hatte verschiedene Gründe, akzentuierte sich aber erst im 20. Jahrhundert so richtig. 1907 (je nach Quelle auch 1905) verwüstete ein nie gesehener Hagelsturm grosse Teile der Rebfläche, und zwar so intensiv, dass sich die Pfanzen nicht mehr erholten. Nebst diesem Schockereignis und den beiden Weltkriegen war aber vor allem die Industrialisierung entscheidend. Viele Firmen siedelten sich entlang der Flüsse am Fuss der Alpen an, und die Winzer konnten in den Fabriken viel mehr verdienen als mit der mühseligen Arbeit in den meist sehr steilen Rebbergen. Um das Jahr 2000 waren deshalb nur noch etwa 500 Hektar bestockt (und viele Fabriken schon wieder geschlossen …).

Reben auf vulkanischem Untergrund eines früheren Supervulkans: Bramaterra, Martinazzi-Cru, Weingut Antoniotti.. (Bild: zvg RebWein)

„Cool climat“, elegante Weine – und der Parker-Stil ist out.

Heute beträgt die Rebfläche rund 800 Hektar, Tendenz, entgegen der Entwicklung in vielen anderen Weingebieten (gerade auch Bordeaux …), weiterhin steigend. Und auch das hat heute seine Gründe: Im Gegensatz zum inzwischen viel berühmteren Gebiet um Alba, wo Baroli und Barbaresci mit Alkoholgraden von gegen 15 % eher zur Regel geworden sind, können die Trauben im kühleren, von den Alpen geprägten Nordpiemont völlig ausreifen, ohne dass dadurch „Alkoholbomben“ entstehen. Das kühlere Klima führt auch dazu, dass hier elegante und eher filigrane Weine entstehen – was mit dem Abebben des Parker-Geschmacks nun zum Vorteil gereicht. Dazu kommt eine Garde von Winzerinnen und Winzern, die sich mit Herzblut an die Wiederherstellung von Rebanlagen macht, und die inzwischen auch Preise erzielt, mit denen die massive Mehrarbeit in den Steillagen kompensiert werden kann. (Es sind rund 1800 Stunden pro Jahr und Hektar, die es hier braucht – das sind 3-4 mal mehr als zum Beispiel im Bordelais).

Pergolaerziehung an Steillagen, hier in Carema. Ein Jahr Arbeit pro Hektar! (Bild: zvg REBWein)

Nebbiolo Superstar – oder vielleicht doch Spanna und Prünent?

Die mit Abstand wichtigste Sorte war und ist die Nebbiolo. Allerdings wird sie hier meistens Spanna genannt, in den Valli Ossolane Prünent, wobei es sich um einen speziellen Klon handelt, der bereits 1309 urkundlich erwähnt wird (Quelle: REBWein). Sehr unterschiedlich sind indessen die gesetzlichen Vorschriften, überall muss Nebbiolo die Leitsorte sein, sie kann aber in uneinheitlichen Prozentanteilen auch mit anderen Sorten ergänzt werden (insbesondere Croatina und Vespolina).

So heterogen die Vorschriften, so unterschiedlich sind auch die Böden, was mit erklärt, dass man im Norden des Piemonts viele verschiedene Weinstile antrifft. Während in Gattinara vulkanischer Untergrund vorherrscht, finden sich in Lessona auch Meeressand und Muschelfossilien, und im Val d’Ossola wachsen die Reben auf Granit- und Gneissböden.

Und zurück zu den gesetzlichen Vorschriften: Die beiden bekanntesten Gebiete, Gattinara und Ghemme besitzen die DOCG, während sich die übrigen Appellationen mit der DOC begnügen müssen: Lessona, Bramaterra, Costa della Sesia, Boca, Colline Navarese und Valli Ossolane.

Sehnsuchtsgebiet Ossola – und heldenhafte, demokratische Partisanen.

In der DOC Valli Ossolane wachsen nur gerade 12 Hektar Reben. Ich persönlich habe das Gebiet bis anhin nicht mit Wein in Verbindung gebracht. Vielmehr war es eine Art Sehnsuchtsregion. Als Bauernsohn, der mit 17 Jahren zum ersten Mal im Ausland war, wirkte ein Zug im Berner Bahnhof, der mit Domodossola angeschrieben war, wie eine exotische Verheissung. Später kam dann eine Hochachtung vor den Menschen in dieser Region dazu, wurde doch hier im Jahr 1944 die Partisanenrepublik Ossola ausgerufen, die zwar nur 40 Tage dem Druck der Besatzer standhielt, die aber als kurzes soziales und politisches Selbstverwaltungsexperiment als demokratische Keimzelle der späteren italienischen Republik gilt. Besonders beeindruckt hatte mich die Geschichte einer Krankenschwester, welche mit Notoperationen unter einfachsten Verhältnissen Leben rettete, nach dem Krieg aber trotzdem kein Arztstudium aufnehmen durfte.
(„Die Partisanenrepublik Ossola : vom 10. September bis zum 23. Oktober 1944, Hubertus Bergwitz, 1972“. Weitere Infos zu diesem geschichtlichen Ereignis sind auch mit Internetsuchen gut abrufbar).

Die vier Garrones, die den Rebbau in den Valli Ossolane retteten. (Bild zvg REBWein)

Garrone, die Bewahrer des Rebbaus in den Valli Ossolane. Stille Schaffer mit Spitzenweinen.

An einer Masterclass und danach an den Verkostungstischen durfte ich die Weine der Cantine Garrone aus Domodossola kennenlernen. Und auch dank dieser Weine bleiben die Valli Ossolane ein Sehnsuchtsgebiet. Es ist grandios, was hier in dieser Gebirgslandschaft am Südende des Simplonpasses auf zumeist kleinen Terrassen produziert wird. Schon der Einstiegswein „Ca d’Maté“ gefällt, und mit dem äusserst eleganten „Prünent“, Nebbiolo superiore 2022, bewegen wir uns bereits auf einem 17,5-Punkte-Niveau. Wir hatten zudem die Gelegenheit, von diesem Wein die Jahrgänge 2016 und 2014 zu verkosten, beide noch voll in Form und frisch. Und dann der „Prünent 10 Brente“, Nebbiolo superiore 2020 aus Trauben von Rebstöcken, die 1937 gepflanzt wurden (ganz alles wurde offenbar nicht ausgerissen): verhaltene, aber feine Frucht; kräftig und elegant gleichzeitig, sehr feines Tannin, saftige, „lebendige“ Säure – ein Wurf! Und mindestens 18 Punkte.

Alpiner Terrrassen-Rebbau mit Pergolas: Cantina Garrone, Domodossola. (Bild zvg REBWein)

Grossartiges Gesamtniveau!

Eine ganze Reihe weiterer Produzenten ist mehr als nur bemerkenswert – und überhaupt habe ich während der ganzen Veranstaltung keinen Wein verkostet, der mir nicht gemundet hätte. Es mag deshalb etwas unfair sein, wenn ich nachfolgend nur einige Highlights herauspicke. Grundsätzlich lohnt sich die Entdeckung bei allen Gütern, die REBWein präsentiert hat:

Cantina Delsignore, Gattinara:
Dieses Gut zeigte zwei reinsortige Nebbiolos, den „Il Putto“ 2020 und die Riserva „Borgofranco“ 2018, beides fruchtige, feingliedrige Weine mit viel Eleganz und schönen Tanninen, 17 bzw. 18 Punkte.

Weinlese in Carema: Handarbeit und Heruntertragen als Selbstverständlichkeit. (Bild zvg REBWein)

Cantina Togliana, Carema
Sowohl der Carema „L’Arsin“ mit den Jahrgängen 2021 und 2022 als auch die Riserva 2021, alle reine Nebbiolos, sind „old-style“-Weine, mit sehr heller Farbe, aber kraftvoll, mit saftiger Säure und viel feinem Tannin. So wurden Nebbiolos vor 30 Jahren gemacht, und so habe ich sie immer noch gern. 17 bzw. 17,5 Punkte.

Zusätzlich gefielen auch ganz speziell Weine wie der Boca Guardasole 2021, ein inspirierender, kraftvoller und doch filigraner Wein mit 20% Anteil an Vespolina, der Bramatterra „Rocce di Lucce“ 2020 der Società Agricola Noah (benannt nach dem Sohn des Inhabers) und der finessenreiche Carema 2023 von Monte Maletto, „Battido del Maletto“- Und ganz am Rand: Es wurden auch Weine aus einem anderen Alpental, dem Veltlin, gezeigt. Die Bio-Weine von Marco Ferrari sind Spitzenklasse. Darauf werde ich separat zurückkommen.

Potential für noch mehr – vielleicht gar auf Augenhöhe mit Bordeaux und Burgund?

Fazit: Wer diese tollen Weine aus dem Norden des Piemont probiert hat, kann durchaus verstehen, warum die Gegend vor zwei bis drei Jahrhunderten bei den ganz grossen Namen des europäischen Weinbaus mitgeschischt hat. Und man darf dem heterogenen, aber ich Sachen Klima sehr ähnlichen Gebiet aufgrund der Klimaerwärmung gar eine ganz grosse Zukunft voraussagen. Entdecken lohnt sich indessen schon heute, es gibt da ganz grossartige Weine, die nicht billig, aber verglichen mit vielen Nebbiolos aus der Langhe immer noch bezahlbar sind.

Link:

Weinhandel und Weinshop – REB Wein


Interessennachweis:
Die Weine wurden im Rahmen einer öffentlichen Degustation bzw. zwei Masterclasses der Weinhandlung REB Wein, Zürich, auf deren Einladung hin degustiert.

Korrigenda:
In der ursprünglichen Version stand, dass zur Staatsgründung ein Gattinara gereicht wurde. Korrekt ist: ein Lessona, wie jetzt vermerkt.

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