Immer mehr zeigt sich, dass auch etwas „verschriene“ Rebsorten grossartige Weine hervorbringen können, wenn sie mit Können und Sorgfalt bearbeitet werden. Die Montepulciano ist so eine Sorte – und hier sind zwei Produzenten, die in den Abruzzen grosse Weine daraus kreieren.
Natürlich kann kein Artikel über die Rebsorte Montepulciano beginnen, ohne allfällige Missverständnisse auszuräumen. Sie hat nämlich nichts mit dem berühmteren Vino Nobile di Montepulciano zu tun, der wird aus Sangiovese gekeltert. Mit dem Städtchen Montepulciano aber vermutlich schon. Man geht davon aus, dass es der Namensgeber war – auch wenn die Sorte hier gar nicht mehr angebaut wird.
Eine Sorte mit lauter Nachteilen?
Liest man ein wenig über die Montepulciano nach, fragt man sich zwangsläufig, warum sie eigentlich so häufig angepflanzt wird: Montepulciano gehört zu den Rebsorten, die asynchron reifen, das heisst, dass sich innerhalb des Traubengerüsts oft grüne und rote Beeren gleichzeitig finden. Obwohl sie oft äusserst korpulente und kräftige Weine ergibt, ist sie selbst ziemlich sensibel und krankheitsanfällig. Sie neigt zu Oidium (echter Mehltau) und mag weder zu viel noch zu wenig Niederschlag. Bei zu früher Lese hat sie unangenehm bittere, grüne Aromen, bei zu später Lese tendiert sie wiederum dazu, zu viel Zucker einzulagern und drastisch an Säure einzubüssen. (Quelle: Montepulciano d’Abruzzo – rote Rebsorte in den Abruzzen – vinoeterravinoeterra)
Eine Sorte mit vielen Vorteilen!
Trotzdem sind in Italien (sie gilt als autochthon) rund 32’000 Hektar Rebfläche mit ihr bestockt. 18’000 davon in den Abruzzen, wo sie rund die Hälte der Rebfläche einimmt. Ebenfalls die wichtigste Sorte ist sie in den Marken, daneben kommt sie in Apulien, Molise, Umbrien und im Latium vor – und auch in der Toskana, aber eben nicht in Montepulciano. Und ganz so schlimm wie oben geschildert, ist die Sorte dann auch wieder nicht. Oidium kann man mit etwas Schwefel oder gar nur Natron (= Hauptbestandteil des Backpulvers) sehr gut in den Griff kriegen, und dafür ist die Montepulciano eher weniger anfällig auf Peronospora (falscher Mehltau) und Botrytis.

Und eine Sorte für grosse Weine!
Und dass es nicht falsch ist, diese Rebsorte zu pflegen, zeigte eine Veranstaltung, die „Doctor Wine“ kürzlich in Zürich durchführte. 21 Weinbaubetriebe aus ganz Italien stellten im Hotel Baur au lac ihre Weine vor. Mit einigen Ausnahmen handelte es sich um hierzulande noch weniger bekannte Winzerinnen und Winzer, was den Anlass gerade so spannend machte. Zwei sehr überzeugende Güter stammten aus den Abruzzen:
Masciarelli – der Vorreiter
Unbekannt – für den ersten der Betriebe trifft das gerade nicht zu. Gianni Masciarelli gründete das Weingut 1981 und war – nebst Eduardo Valentini – die treibende Kraft hinter der Entwicklung des Qualitätsweinbaus in den Abruzzen. Das Gut wird heute vom Wine Spectator zu den hundert Besten in Italien gezählt. Gianni Masciarelli verstarb 2008 viel zu früh, aber mit viel Frauenpower wurde der Betrieb von Marina Cvetic, der Ehefrau von Gianni, und der ältesten Tochter Miriam Lee Masciarelli weiterhin erfolgreich und qualitätsorientiert weitergeführt.
Der meistverkaufte Wein des (sehr breiten) Sortiments heisst denn auch „Marina Cvetic“, eine reinsortige Riserva aus Montepulciano d’Abruzzo, ein Wein mit langer Maischestandzeit und Gärung, in Barriques ausgebaut. Noch eine Spur kräftiger und mit einem sehr grossen Lagerpotential ausgestattet ist der Villa Gemma Riserva, ebenfalls ein reinsortiger Montepulciano mit einer sehr langen Standzeit in Barriques. Carlo, der Vertreter des Gutes vor Ort erzählte mir, dass sie kürzlich eine Flasche aus der Mitte der 1990er Jahre geöffnet hätten – der Wein sei noch frisch und in voller Blüte gewesen!
Marina Cvetic, Montepulciano d’Abruzzo DOC Riserva 2019, Masciarelli
Relativ dunkles Rot; dunkle Beeren, Wacholder; dichter Körper, dabei aber sehr elegant und finessenreich, fruchtbetont, Säure und Tannin in schönem Gleichgewicht, langer Abgang. 16,5 Punkte.
Villa Gemma, Montepulciano d’Abruzzo DOC, Riserva 2018, Masciarelli
Dunkles Rot; Heidelbeeren und Brombeeren, dazu mineralischer Touch, dezenter Holzton; sehr kräftiger Körper, viel feines Tannin, schöne Säure, wirkt sehr frisch, viel Power, der aber nicht zu Lasten der Eleganz geht, fast nicht endend wollender Abgang. Ist aktuell noch etwas holzbetont, hat aber enormes Potential und dürfte – obwohl jetzt genussvoll trinkbar – erst in ein paar Jahren seinen Höhepunkt erreichen. Grandios! 17,5 Punkte.
Fratelli Barba – die Entdeckung
Weniger bekannt trifft dann aber sicher auf die Fratelli Barba zu, auch wenn das Gut eine mehrere Jahrhunderte alte Geschichte aufweist – noch nicht so bekannt, bin ich geneigt zu schreiben! Und während die Weine von Masciarelli schon einen stolzen Preis haben (knapp 30 bzw. rund 50 Euro), sind jene von Barba bezahlbar. Barba hat – im Gegensatz zu Deutschland – in der Schweiz auch noch keinen Importeur für seine Weine.
Wenn man beginnt, sich mit dem Gut zu befassen, erschrickt man zuerst fast: Die Tenuta umfasst 654 Hektar Land! Davon sind aber „nur“ 68 mit Reben bestockt und neun mit Olivenbäumen. Der Rest ist etwas Wald und vor allem Land, das der Milchwirtschaft dient. Aber die drei präsentierten Weine haben es in sich: Ein erstaunlich dichter und frischer Trebbiano (di Mare), ein fruchtiger, eleganter, schön strukturierter, in Barriques ausgebauter Montepulciano (I Vasari) und ein zweiter, körper- und tanninbetonter Montepulciano (Yang). Und mit rund 19 bzw. 11 Euro sind diese Weine in einem aussergewöhnlichen Preis-/Leistungsverhältnis. Das ist definitiv ein Gut, das man verfolgen sollte!
Di Mare, Trebbiano d’Abruzzo DOC, 2021, Fratelli Barba (aus den ältesten Trebbiano’s des Gutes)
Mittleres Strohgelb; vielschichtige, feine Nase mit Noten von weissem Pfirsich, Hyazinthenduft, auch leicht grünliche Töne; im Mund aussergewöhnlich dicht, frisch mit schöner Säure, sehr trocken, aber rund und harmonisch, sehr langer Abgang. Toller Trebbiano. 16 Punkte
I Vasari, Montepulciano d’Abruzzo DOC, 2020, Fratelli Barba
Dichtes Rubin; üppige Frucht (Preiselbeeren, Brombeeren, Cassis), etwas Zedernholz, würzig, erinnert etwas an einen Gigondas; im Mund äusserst elegant, rund fliessend, feine Tannine, passende Säure, schön eingebundenes Holz und präsente Frucht. Langer Abgang. Schöner Wein. 16,5 Punkte.
Yang, Montepulciano d’Abruzzo Colline Teramane DOCG, 2021, Fratelli Barba
Kräftiges Purpur; fruchtbetont (Brombeeren, Jostabeeren), Lorbeer und Thymian; im Mund ebenfalls furchtbetont, viel Tannin, dicht, dezente, aber gut passende Säure, leichter, aber schöner Bittertouch. Sehr süffiger, aber auch kräftiger Wein, gefällt mit sehr gut, wäre ev. mit etwas weniger Extraktion noch spannender, dürfte aber dafür gut reifen. 16,5 Punkte.

Masciarelli Tenute Agricole Il profumo della mia terra, il sapore del mio vino
Home En – Barba Wines (fratellibarba.it)
Interessennachweis:
Die Weine wurden auf Einladung von „Doctor Wine by Daniele Cernilli“ an einer „walk-around-Degustation“ in Zürich degustiert.